Nachruf Prof. i.R. Dr. Karl-Werner Brand
Inmitten seiner unermüdlichen Reflexionen über Nachhaltigkeit, Transformation und gesellschaftlichen Wandel, verstarb Karl-Werner Brand überraschend am 7. Februar 2026.
Was so auffällig war in den gemeinsamen Begegnungen: Er war immer bereit, eine Sache weiter zu denken, überraschte mit inspirierenden Ergänzungen zu einem Thema und hinterfragte die Dinge kritisch und präzise. Insofern waren die Begegnungen mit ihm von „dichten“ Gesprächen ausgefüllt, theoretisch unterfüttert und erkenntnisreich und dies auf wertschätzende Art und Weise bei kontrovers geführten Diskursen!
Sein fundiertes Theorienverständnis, das er als Werkzeug zur Interpretation sozialer Bewegungen heranzog und immer wieder neu überdachte und strukturierte, blieb nicht im rein Theoretischen verhaftet. Vielmehr wurde es, angetrieben durch die Diskurse mit den Umweltökolog*innen und Agrarier*innen, lebensweltlich immer wieder neu reformuliert.
Diesen so notwendigen Schulterschluss zwischen der Soziologie und den von Ökolog*innen benannten ökologischen Problemlagen der Lebenswelt, hat er frühzeitig erkannt; er manifestierte sich zunächst in der gemeinsam mit Dieter Rucht betriebenen Forschung zu neuen sozialen Bewegungen. Dieses Thema war dann auch zentral in seiner Habilitationsschrift, die den historischen Vergleich sozialer Bewegungen mit früheren Mobilisierungsphasen der Umwelt-, Frauen-, Friedens- und Alternativbewegung in westlichen Industrieländern thematisierte.
Der „formale“ Brückenschlag zwischen den Disziplinen gelang dann im Jahr 1996 mit der Gründung der Sektion „Soziologie und Ökologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München, wo er einer der Mitinitiatoren und Gründungsmitglieder war, welche später zunächst den Namen „Sektion Umweltsoziologie“ trug und heute „Sektion Umwelt- und Nachhaltigkeitssoziologie“.
Neben diversen Gastprofessuren in Darmstadt, München, Erlangen, Leipzig und Wien baute er an der Münchner Projektgruppe für Sozialforschung (MPS) den Forschungsschwerpunkt „Gesellschaft, Umwelt und nachhaltige Entwicklung“ auf, den er bis Ende 2005 leitete. Seit 2008 war er, neben weiterlaufenden Lehrveranstaltungen, freiberuflich im Rahmen der Umwelt-, Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung tätig.
Werner war über viele Jahre an verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen hier in Wien ein häufiger und geschätzter Gast, Mitwirkender in Forschungsprojekten, Vortragender und Mitbetreuer von Doktoraten. Er inspirierte uns mit seiner präzisen Denkweise und theoretischen Fundierung, genauer hinzusehen, unsere Überlegungen zu prüfen und zu schärfen. Was Werner an soziologischen Begrifflichkeiten, ihren Beziehungen untereinander sowie ihrer Anwendung auf Themen des gesellschaftlichen Wandels aufbereitete, stellt ein „Kunstwerk“ für sich dar. Das zeigte sich nicht zuletzt an dem gemeinsamen Ringen um eine „Soziologie der Nachhaltigkeit“. Seine Vorträge waren bereichernd, seinen Ausführungen zu folgen, erforderte höchste Konzentration.
Mit seinen Überlegungen zur Agrarwende war er ein kritischer Vordenker für die so notwendige Transformation der Landnutzung und Ernährungsweisen, und damit auch für die Akteur*innen des explizit ökologischen Landbaus und entsprechender Ernährungsweisen. Er war derjenige, der diesen gesellschaftlichen Wandel mit seinen Überlegungen umfassend begleitete, interpretierte und vorausschauend beschrieb. Inwieweit seine Ausführungen, Beobachtungen und Vorhersagen Bestand haben werden, sei dahingestellt. Was in jedem Fall bleibt, ist seine wertschätzende und inspirierende Art zu denken und komplexe Diskurse zu führen.
Werner hat Nachhaltigkeit in jeder Dimension verkörpert und bleibt uns mit seiner Haltung wie seinem Menschen-zugewandten Auftreten in allerbester Erinnerung!
Nachruf von: Univ. Prof. i.R. Bernhard Freyer und Univ. Prof. Dr. Stefan Böschen

