Stoffwechselpolitik
Zur Produktionspolitik im sozial-ökologischen Stoffwechsel
Stoffwechselpolitik: Das Politische im sozial-ökologischen Stoffwechsel
Die Idee, dass Produktion kein rein ökonomisches und technisches Unterfangen ist, sondern auch ein politisches Feld, ist in den Sozialwissenschaften etabliert. Michael Burawoy (1990) beschreibt mit seinem Begriff der Produktionspolitik die formellen und informellen Aushandlungen im Machtgefüge zwischen Arbeitgeber*in und Arbeitnehmer*in. Doch welche Rolle spielt hier Ökologie? Diese Leerstelle versucht Simon Schaupp mit seinem Werk Stoffwechselpolitik (2024) zu füllen. Wie der Titel des Buches bereits verrät, ersetzte Schaupp den Begriff der Produktion mit dem des Stoffwechsels und erweiterte somit das politische Feld der Produktion um die Interaktion zwischen Mensch und Natur. Den Begriff des Stoffwechsels verortet Schaupp in der marxistischen Tradition, welche Arbeit als die Verwirklichung des eigenen Selbst in der äußerlichen materiellen Welt versteht (vgl. Marcuse 1973). Eben diese Verwirklichung menschlicher Gedanken in der äußerlichen materiellen Welt soll nach dieser Perspektive unsere natürliche Umgebung formen. Daraus folgend ist alles, was wir alltäglich als Natur bezeichnen, von Arbeit geprägt. Arbeit und Natur sollen daher als zwei separate Einheiten in einer Wechselwirkung stehen, die nicht aufzulösen ist und Schaupp als Stoffwechsel versteht. Stoffwechselpolitik beinhaltet demnach das Machtringen zwischen allen beteiligten Personen im Stoffwechsel um die Bedingungen des Stoffwechsels.
Der Stoffwechsel wird nach Schaupp vor allem durch den Prozess der Nutzbarmachung geprägt. Nutzbarmachung beschreibt, wie Objekte durch Arbeit nutzbar gemacht werden, also Güter produziert werden. Nehmen wir einen Fluss als Beispiel: Zuerst ist dieser Fluss nur ein kilometerweiter Strom an Wasser. Erst durch z.B. eine Begradigungwird er für industrielle Schifffahrt nutzbar gemacht. In diesem zwischen Natur und Mensch komplementären Prozess der Nutzbarmachung haben die jeweiligen Autonomien der beiden Einheiten nach Schaupp eine zentrale Rolle für die politische Dimension des Stoffwechsels. Diese Autonomien beinhalten unvorhersehbare Prozesse und Konsequenzen durch Stoffwechselprozesse aufgrund fehlender Kontrolle. Die Autonomie der Arbeit entsteht durch eine nicht vollständige Kongruenz der Menschen als Arbeiter*innen mit den Regeln und Kontrollinstanzen der kapitalistischen Verwertungslogik. Das wird in der Produktionshalle ersichtlich, wenn Arbeiter*innen die Produktionsprozesse anpassen oder durch einen Streik die Produktion lahmlegen. Die Autonomie der Natur beinhaltet hauptsächlich die Anpassung natürlicher Prozesse als Reaktion auf Interventionen der Menschen. Wird ein Fluss begradigt, erhöht dies z.B. das Hochwasserrisiko flussabwärts. Arbeiter*innen erfahren aber auch dieAutonomie der Natur, indem sie praktisches Wissen in ihrer Arbeit erlangen. Diese Interaktionen zwischen der Autonomie der Natur und der Arbeit fasst Schaupp als ökologischen Eigensinn zusammen.
Wenn also um die Bedingungen des Stoffwechsels gerungen wird, geht es vor allem um die Frage nach der Art und Weise der Nutzbarmachung. Innerhalb der Nutzbarmachung sieht Schaupp vier zentrale Elemente: Exklusion,Rationalisierung, Kontrolle und Expansion. Exklusion bezweckt die Aneignung von (bisher nicht nutzbar gemachten)Objekten als Privateigentum, um sie nutzbar zu machen. Dies macht die Ressource zu einem exklusiven und kompetitiven Gut. Sie ist also begrenzt und für nicht-Besitzer*innen nicht zugänglich (V. Ostrom/E. Ostrom 2019). Rationalisierung bestimmt die Organisation der Nutzbarmachung, also z.B. die (fehlende) Automatisierung von Arbeitsprozessen. Um diese Rationalisierung bedienen zu können, ist Kontrolle unabdingbar. Es wurde bereits erläutert, dass natürliche Objekte nicht für die Nutzbarmachung initial bereitstehen. Das eingeführte Beispiel des Flusses zeigt auf, wie natürliche Objekte oder spezifische natürliche Prozesse kontrolliert werden, um sie für die Nutzbarmachung anzupassen. Kontrolle betrifft auch die Kontrolle von Arbeit. Offensichtliche Beispiele für Kontrollmaßnahmen sind vertragliche Einigungen zwischen Arbeitgeber*in und Arbeitnehmer*in auf Inhalt und Umfang der Arbeit und damit einhergehenden Sanktionen der Nicht-Einhaltung des Vertrags. Expansion bezweckt eine Neuausrichtung der Nutzbarmachungsprozesse als Reaktion auf eine externe Disruption der derzeitigen Weise derNutzbarmachung. Infolgedessen wird das derzeitige Nutzbarmachungssystem durch die Einführung neuer technischeroder organisatorischer Prozesse erhalten oder optimiert. Der expansive Charakter entsteht durch die Erweiterung des Nutzbarmachungsprozesses um organisationale, technische und/oder ressourcenbezogene Elemente.
Schaupp stellt mit dieser Verstrickung der Produktionspolitik mit ökologisch-marxistischen Ansätzen des Stoffwechsels eine theoretische Erweiterung auf, die er mit einem historisch-soziologischen Ansatz mit Fallbeispielen untermauern will. Dabei rekonstruiert er detailliert Fälle der Nutzbarmachung und deren einzelnen Elemente. Zum Beispiel beschreibt er in seinem Kapitel „Fleischfabriken und reaktive Expansion“ denNutzbarmachungskomplex der Viehwirtschaft und der Ausweitung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert in den USA. Die Vernetzung urbaner Räume in den USA ermöglichte die Entwicklung des damals größten Fleischmarktes der USA. Dieses Fleisch konnte aber verderben, was Schaupp als Autonomie der Natur versteht. Daraufhin wurde der eisgekühlte Transportwagen als technische reaktive Expansion entwickelt. Im Zuge der Prekarisierung der Arbeitnutzten die Arbeiter*innen ihr Wissen um die Arbeitsprozesse und die Verderblichkeit, also den ökologischenEigensinn, als Druckmittel in Verhandlungen mit Arbeitgeber*innen, indem sie z.B. Kühlketten zu kritischen Zeitpunkten manipulierten. Die Arbeitgeber*innen reagierten darauf mit einer organisationalen Expansion mittels einer Dezentralisierung, um die Wirksamkeit eines Streiks an einem Schlachthaus zu verringern. In seinem Kapitel „Autoarbeit und fossiler Klassenkompromiss“ zeigt Schaupp auf, wie Praktiken der Exklusion, der Aneignung von fossilen Ressourcen besonders im Nahen Osten, die Umstellung auf Öl als zentralen Energieträger in der Nachkriegszeit ermöglichten. In diesem Komplex der Nutzbarmachung wurde das Organisationsprinzip des Taylorismus zentral, um die durch die neuen Energieträger ermöglichte Massenproduktion zu gewährleisten. Unter anderem war der dadurch ermöglichte Massenkonsum, den Schaupp als fordistischen Konsummodus bezeichnet, eine Form der Kontrolle, um die Zumutungen durch harte Arbeitsbedingungen und repetitive Arbeitsprozesse zu kompensieren.
Anhand der Beispiele kann Schaupp besonders gut die historischen Pfadabhängigkeiten der Nutzbarmachungsprozesse über Zeit darstellen und erlaubt eine Reflexion auf die heutigen Nutzbarmachungsprozesse unserer (fragil) globalisierten Welt. Allerdings ist es anhand der Fallbeispiele als Leser*in häufig schwierig zu begreifen, wie genau sich die Theorie auf die Empirie anwenden lässt. Schaupp benennt zwar immer wieder die Autonomie der Natur und der Arbeit sowie, in manchen Kapiteln mehr als in anderen, die verschiedenen Elemente der Nutzbarmachung. Allerdings bleiben trotzdem Fragen offen: Wie genau wirken sich die verschiedenen Elemente auf Mensch und Natur aus? Wie lassen sich diese verschiedenen Elemente voneinander abgrenzen? Schaupp lässt interpretativen Freiraum zu, der wiederum mehr zu Missverständnissen als Diskussionen um die fruchtbare Theorie führen kann. Um diesen entgegenzuwirken, gibt es in meinen Augen zwei Stellschrauben, die bedient werden können, um eine Übersetzung der Theorie in die Empirie zu erleichtern: Die Definition der Elemente der Nutzbarmachung als Methoden und die Schematisierung der Nutzbarmachung in die Dimensionen der Intensität und Verteilung.
Nutzbarmachung als Methode
Die bisherige ungenaue Bezeichnung der Elemente der Nutzbarmachung in diesem Text als Elemente ist der unklaren Bezeichnung dieser in Schaupps Buch geschuldet. Über die Definition dieser als weitere Schritte (Schaupp 2024: 37)hinaus, definiert Schaupp Kontrolle als Moment in der Nutzbarmachung. Rationalisierung wird als Element derNutzbarmachung definiert. Expansion und Exklusion werden wie folgt definiert: „Die spezifisch kapitalistische Form der Nutzbarmachung ist […] expansiv […] und exklusiv“ (ebd.). Stattdessen schlage ich vor, diese vier Elemente als Methoden der Nutzbarmachung zu verstehen. Zum einen lässt sich dies mit Schaupps Verständnis der Elemente alsweitere nötige Schritte zur Ermöglichung der Nutzbarmachung begründen. Zum anderen entsprechen diese beschriebenen Schritte den Kernelementen einer breiten Definition des Methodenbegriffs. Sie kann als ein „(…) nach Mittel und Zweck planmäßiges [systematisches] Verfahren, das zu technischer Fertigkeit bei der Lösung theoretischer und praktischer Aufgaben führt […]“ (Mittelstraß 1984: 876) definiert werden. All diese von Schaupp beschriebenen Elemente verfolgen einen Zweck, beinhalten eine geplante bzw. absichtliche Vorgehensweise und verfolgen die Lösung der praktischen Aufgabe der Nutzbarmachung. Die Definition als Methode erlaubt die Identifikation eines Problems der Nutzbarmachung, und die jeweilige Methode als Lösungsansatz. Der Erfolg der gewählten Methode kann anhand des definierten Ziels im Sinne des Zwecks evaluiert werden. Die vier Methoden der Exklusion, Rationalisierung, Kontrolle und Expansion hängen in ihrer konkreten Ausgestaltung von dem Kontext des Stoffwechsels ab. Im Sinne der Stoffwechselpolitik kann diese dann als ein Ringen um Ausgestaltung der jeweiligen Methoden verstanden werden.
Intensität und Verteilung im Prozess der Nutzbarmachung
Dieses Ringen um die Ausgestaltung der Methoden dreht sich inhaltlich vor allem um zwei Dimensionen, nämlich die Intensität der Nutzbarmachung (IN) und die Verteilung der Konsequenzen der Nutzbarmachung (VN). IN begründetsich in Schaupps Verständnis des Stoffwechsels. Die Nutzbarmachung eines Objekts wirft direkt die Frage nach der Intensität dieser Nutzbarmachung auf. VN ist in den Autonomien der Natur und Arbeit und im daraus resultierenden Eigensinn begründet. Nutzbarmachung hat Änderungen von Arbeit und Natur zur Folge, deren Verteilung eine politische Frage der Aushandlung ist. In diesen Aushandlungen geht es sowohl um die Frage nach der Verteilung der negativen Konsequenzen der Nutzbarmachung (z.B. Umweltverschmutzung) als auch die positiven Konsequenzen (z.B. ökonomischen Wohlstand).
Diese Einteilung in IN und VN erlaubt auch eine schematische Darstellung der Wirkungen der vier Methoden auf menschliche Arbeit (rot) und Natur (grün), wie in Abbildung 1 dargestellt. Eine Änderung einer der Methoden hat eine schwache oder starke Auswirkung in der jeweiligen Dimension (Intensität und/oder Verteilung). Währendkeine der Methoden sich ausschließlich in einer Dimension verorten lässt, können grundlegende Wirkungsfelder festgestellt werden.

Exklusion kann als eine Lösung für das Problem der Verteilung der Ressourcen der Nutzbarmachung verstanden werden. Der Besitz einer natürlichen Ressource befähigt z.B. zu einer Entscheidung über die Intensität der Nutzbarmachung im Rahmen des gegebenen Gesetzes. Aus der freien Verfügung über die Nutzbarmachung der natürlichen Ressource resultiert ebenso die freie Verfügung über die Herbeiführung stoffwechselbezogenerKonsequenzen. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich die ungleiche Verteilung der Verursachung der Folgen der Klimakrise vor Augen führt. Somit hat die Methode der Exklusion einen starken Einfluss auf die Intensität und die Verteilung der Ergebnisse der Nutzbarmachung. Rationalisierung hat den Zweck der Bestimmung des Zwecks der Nutzbarmachung und erlaubt daher das gegenebene Objekt (Mensch oder Natur) auf ihre Funktion im Nutzbarmachungsprozess (Arbeit bzw. Ressource) zu reduzieren. Dies beeinflusst daher vor allem IN. Der bereits erwähnte Fluss kann z.B. für touristische Zwecke oder für logistische Zwecke genutzt werden, was wiederum die Anforderungen an den Flussund die Umgebung und Intensität der Nutzung (z.B. Frequenz des Schiffverkehrs) ändert. Die Methode der Kontrolle zielt auf die Beherrschung des jeweiligen Objekts, die die Nutzung im Sinne der Nutzbarmachung ermöglicht. Die verschiedenen Formen der Kontrolle rufen unterschiedlich starke stoffwechselbezogene Konsequenzen hervor, die verschiedene Personengruppen unterschiedlich stark affektieren. Kontrolle ist daher in diesem Sinne eine Frage der Verteilung der stoffwechselbezogenen Konsequenzen, indem die damit verbundenen stoffwechselbezogenenKonsequenzen über Personengruppen verschieden verteilt sind. Die Methode der Expansion hat den primären Zweck der Stabilisierung des Nutzbarmachungskomplexes in Momenten der Destabilisierung und ermöglicht so das Fortbestehen oder die Weiterentwicklung der Nutzbarmachung. Technische und organisationale Expansion und damit potenziell einhergehende ressourcenbezogene Expansion affektieren sowohl die Frage der Verteilung als auch die der Intensität, abhängig von der jeweiligen (De-)Stabilisierung.
Die Bedienung von Intensität und Verteilung als zwei Stellschrauben obliegt natürlich wieder einer Interpretation des Buches, die teilweise abstrakter ist, um die jeweiligen identifizierten blinden Flecken zu füllen. Allerdings besteht die Hoffnung, dass diese theoretische Erweiterung die Beantwortung weiterer relevanter Fragen im Sinne der Stoffwechselpolitik ermöglicht: In welchen Dimensionen und um welche Methoden der Nutzbarmachung ring(t)en Gewerkschaften? Welche Narrativen um die Notwendigkeit der Praktiken der jeweiligen Methoden bestehen? Welche Dimensionen und Methoden der Nutzbarmachung sind im Rahmen der sozial-ökologischen Transformation besonders betroffen? Die Beantwortung dieser Fragen könnte sich in den kommenden Kapiteln der Theorie der Stoffwechselpolitik wiederfinden.
Burawoy, M. (1990): The politics of production: factory regimes under capitalism and socialism. London: Verso.
Marcuse, H. (1973): On the Philosophical Foundation of the Concept of Labor in Economics. In: Telos, 1973, 6. Jg., Heft 2, S. 9-37.
Mittelstraß, J. (1984): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Mannheim: Bibliographisches Institut.
Ostrom, V./Ostrom, E. (2019): Public Goods and Public Choices. In: Savas, E. S. [Hrsg.]: Alternatives for Delivering Public Services. New York: Routledge, S. 7-49.
Schaupp, S. (2024): Stoffwechselpolitik: Arbeit, Natur und die Zukunft des Planeten. Berlin: Suhrkamp.
Milan Maushart ist Student der Sozialökonomie an der Universität Hamburg. Er studierte jeweils Nachhaltigkeitswissenschaften und Volkswirtschaftslehre mit Nebenfach Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg und am Trinity College Dublin. Derzeit ist er wissenschaftliche Hilfskraft in einer Nachwuchsforschungsgruppe des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die sich mit der ökologischen Transformation des Arbeitsmarkts beschäftigt. Sein Fokus liegt auf dem Verständnis von Konsequenzen der sozial-ökologischen Transformation und damit einhergehenden gesellschaftlichen Dynamiken.
E-Mail: milan.maushart@posteo.de

