Zukunft und Zukünfte der soziologischen Waldforschung
Tagungsbericht zum dritten Soziologischen Waldsymposium am 9. und 10. Oktober an der Hochschule Fulda
Nach dem Auftaktsymposium in Jena im Dezember 2023 und dem zweiten Treffen in Freiburg im Oktober 2024 fand nun im Oktober 2025 das dritte Treffen der deutschsprachigen Waldsoziologie in Fulda statt. Eingeladen haben Dr. Sebastian Garbe von der Hochschule Fulda, Dr. Andreas Gutmann von der Universität Kassel, Tom Scheunemann von der Hochschule Fulda und Jenny García Ruales von der Universität Erfurt.
An zwei Tagen diskutierten 45 Teilnehmende zum Schwerpunkt des dritten Waldsymposiums „Zukunft und Zukünfte“. Ziel war es, sich durch die Diskussion von empirischen Untersuchungen und konzeptionellen Überlegungen zu Zukunft und Vergangenheit der Spezifität des Waldes als Forschungsgegenstand zu nähern. Dazu wurde unter anderem gefragt: Welche Rolle spielt Zeitlichkeit in Situationen der Krise, des Umbruchs und in politischen Auseinandersetzungen bezüglich des Waldes? Welche Vergangenheiten und welche alternativen Zukünfte (der Reparatur, der Fürsorge, der Hoffnung oder Verweigerung) sind erkennbar? Welche forschungspraktischen Herausforderungen entstehen durch die komplexen Zeitskalen des Waldes und welche methodologischen Ansätze werden ihnen gerecht? Diese Fragen wurden in einer Auftaktdiskussion, zwei Pitch-Sessions mit Kurzvorträgen, drei Workshops und zahlreichen interaktiven Formaten zum Austausch aufgegriffen.

Abb. 1: Teilnehmer*innen des dritten Waldsymposiums
Das dritte Soziologische Waldsymposium wurde eröffnet durch Prof. Dr. Matthias Klemm, Dekan des Fachbereichs Sozial- und Kulturwissenschaften und Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Arbeit, Organisation, Interkulturalität, und Prof. Dr. Eva Gerharz, Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Globalisierung, Leiterin des Fulda Graduate Centre of Social Sciences und Sprecherin des DFG-Förderprojekts Shaping Future Society (SaFe). PD Dr. Stephanie Bethmann und Manuel John (beide FVA Freiburg i. Br.), die Organisator*innen des 2. Waldsymposiums in Freiburg i. Br. im vergangenen Jahr, blickten gemeinsam mit den Teilnehmenden auf das vergangene Treffen, sowie auf die seitdem vergangenen Aktivitäten des Netzwerks, wie etwa regelmäßig stattfindende online Coffee-Talks.
Den inhaltlichen Einstieg des Symposiums bildete die Panel-Diskussion zu den Themen Zukunft und Wald. Geleitet wurde die Diskussion von Dr. Kathrin Böhling, Themenleiterin für Nachhaltige Waldnutzung bei Agora Agrar in Berlin, es diskutierten Anna Brietzke vom Institut für sozial-ökologische Forschung und Dr. Johannes Weidig vom HessenForst. Thematisch befasste sich die Diskussion mit vier Themenfeldern: Der Blick in die Zukunft, Wald und Gesellschaft, Wandel und forstliche Institutionen und zuletzt Wald, Forstwissenschaften und die Soziologie – Brauchen wir eine Soziologie für den Wald? Anna Briezke machte deutlich, dass Wälder vermehrt für rechtsnationalistische Interessen im Sinne eines vermeintlichen „Heimatschutzes“ instrumentalisiert werden. Außerdem argumentierte sie, dass der Vorteil des Inkludierens sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektiven im Sichtbarmachen marginalisierter Stimmen liegt. Johannes Weidig thematisierte, dass Lösungen für einen klimaangepassten Wald immer adaptiert werden müssen, da es keine Lösung für den Wald gäbe, die heute funktioniert und genauso in hundert Jahren auch noch funktionieren würde. Die Bedeutung einer Soziologie des Waldes sieht er in den Methoden und Ansätzen, die nicht Teil des Kerngeschäfts von Förster*innen seien, die es aber brauche, um die verschiedenen Interessen am Wald einordnen und verstehen zu können.
Am Nachmittag des ersten Tages fanden zwei Pitch-Sessions statt, bei denen Teilnehmende die Möglichkeit hatten, innerhalb von 3 Minuten aktuelle oder vergangene Forschungsprojekte vorzustellen. Die Pitches der ersten Session befassten sich mit dem Thema „Wald, Zukunft, Krise: Perspektiven auf Zeitlichkeitsregime im Umbruch“. Den Einstieg bot Daniel Bräunling (Nationalpark Schwarzwald) mit der Frage: Welche Zukunft hat Zukunft? Er argumentierte, dass es im Diskurs über Biodiversität eine Aushandlung der Zukunft brauche, um hemmende, negative Zukunftskonstruktionen zu vermeiden. Dabei verstand er Zukunft als Raum für positive Zukünfte, für erstrebenswerte Lebensweisen, mit dem Ziel, biodiversitätsbezogene, nachhaltige Praktiken aus diesem Diskurs heraus zu generieren. Der zweite Pitch, präsentiert von Jan Zumoberhaus (Universität Freiburg im Üechtland), beschäftigte sich mit dem zukünftigen Wald als „möglichem Wald“. Der Pitch stellte die lineare Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft, an derer sich die Gegenwart nach vorne bewegt, infrage. Stattdessen ermögliche ein Blick auf Wald und Klimawandel eine andere Konzeption von Zeit und Zeitlichkeit, bei der die Zukunft verschiedene Pfade einnehmen kann, aus denen sich ein Feld des Möglichen, hier am konkreten Beispiel der Schweizer Alpen vorgestellt, ergibt. Dr. Juliane Schumacher (Humboldt-Universität zu Berlin) pitchte zu veränderten Produktionen von Zukunft und zeigte anhand ihrer Forschung im Maâmora-Wald, einem großen Korkeichenwald in Marokko, auf, wie lineare Ansätze, Zukunft zu denken, zunehmend durch „fluidere“ Zugänge ersetzt werden. So bricht sich – trotz oder gerade wegen des technologischen Fortschritts der ein detailliertes Monitoring des Waldes ermöglicht – die Erkenntnis Bahn, dass die Zukunft des Waldes nicht exakt vorhergesagt werden kann. Ann-Kristin Kühnen von der Technischen Universität Dresden berichtete in ihrem Pitch zum Thema Wälder als Technonaturen: Waldschäden als Irritation moderner Natur-Technik-Verhältnisse. Sie versteht den technisierten Wald als Waldformationen, die in der Moderne entstanden sind, und sich dadurch auszeichnen, dass sie aktiv durch technische Prozesse geformt und materialisiert sind. Damit sind diese modernen Waldformationen stark geprägt von Praktiken der Hybridisierung von Natur und Technik. Sie schlägt daher vor, den Wald als Techno-Natur zu begreifen, was bedeutet, die Zukünfte des Waldes nicht trotz oder entgegen der Technisierung des Waldes, sondern durch seine Technisierung hindurch zu denken.
Die Pitches der zweiten Session hatten „Konflikte um Nachhaltigkeit: Zur Ambivalenz und Transformation gesellschaftlicher Waldverhältnisse“ zum Thema. Zunächst stellten Ronja Mikoleit und PD Dr. Stephanie Bethmann von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg ihr neues Forschungsprojekt (Wald) Natur Planen – Planungskulturen im Klimawandel vor. Dabei beschäftigen sie sich mit dem Planungsparadox, wonach die Natur nicht berechenbar ist, Verwaltungsanforderungen aber Planbarkeit erfordern. Dies werde wiederum durch sozial-ökologische Transformationen im Klimawandel verkompliziert. Daraufhin stellte Dr. Alejandro Esguerra (Universität Bielefeld) sein Buch The Politics of Beginning- The Origin of Private Authority in the Process of Translation vor. Das Buch analysiert die Gründung des Forest Stewardship Council (FSC) und stellt die Frage, wie es möglich ist, neue Institutionen für den Planeten zu schaffen. Um diese Frage zu beantworten, beleuchtet das Buch, wie Governance-Wissen übersetzt wird. Mia Unverzagt und Jolanda Jerg von der Universität Freiburg i. Br. stellten ihr Forschungsprojekt WWW 4.0 – Wissen über den Wald im Wandel vor. Sie beschäftigen sich mit unterschiedlichen (impliziten und expliziten) Wissensformen im Wald und gingen dabei der Frage nach, wie der Einsatz von KI-Anwendungen Wissensformen und Arbeitsweisen im Wald beeinflusst. Im letzten Pitch widmete sich Daniel Haudenschild (Universität Kassel) Nachhaltigkeitsnarrativen zur Legitimierung der “Grünen” Autobahn A49 durch den Dannenröder Wald. Mithilfe von Nachhaltigkeitsnarrativen wie Ausgleichsmaßnahmen oder Umweltverträglichkeit sowie dem Argument, eine kürzere Alternative als andere Autobahnen darzustellen, werde der Nachhaltigkeitsbegriff instrumentalisiert, um der Autobahn einen Mehrwert zu geben. So werde im Mantel der Nachhaltigkeit der Ausbau für verkehrsintensive und fossile Infrastruktur gefördert.
Der zweite Veranstaltungstag begann mit einer Pop-Up Bibliothek zur soziologischen Waldforschung. Die Teilnehmenden waren dabei dazu eingeladen, für sie spannende waldsoziologische Publikationen mitzubringen und so die Bibliothek zu befüllen, um so ins Gespräch zu kommen. Die Bibliothek bot auch die Gelegenheit, dass eigene Veröffentlichungen der Teilnehmenden aus- und vorgestellt werden – auch um „hinter die Kulissen“ zu blicken, wie über das Thema Wald aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive publiziert werden kann.


Abb. 2 und 3: Pop-Up Bibliothek
In drei angebotenen Workshops hatten die Teilnehmenden zudem die Möglichkeit, sich tiefgehender mit verschiedenen Themen auseinanderzusetzen. Der von Dr. Alissa Starodub (Hochschule Fulda) angebotene Workshop zum Thema Science Fiction im Wald – eine zukunftsorientierte Partizipative Aktionsforschung beschäftigte sich damit, wie menschliche und nicht-menschliche Lebewesen in Zukunft in und mit dem Wald leben können, welche neuen Lebensformen und -weisen aus der Besetzung eines Waldes zum Schutz vor Abholzung entstehen und wie zukünftige Sorgearbeit um den Wald und nachhaltige Forstwirtschaft aussehen könnte. Im von Dr. Susanne Koch (Technische Universität München), Ronja Mikoleit (Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg), Anna Brietzke (Institut für sozial-ökologische Forschung), Julia Böcker (Leuphana Universität Lüneburg) und Stefanie Steinebach (Hochschule Rottenburg) gehaltenen Workshop Forschungs-/Methodenreflexion in der soziologischen Waldforschung wurde an drei Tischen zu den Themen disziplinäre Positionierungen, epistemische Kulturen und Institutionen, Fremdpositionierungen im Feld sowie Professionalität und Verantwortung diskutiert. Sie thematisierten Herausforderungen, die Analyse von Daten, Publikationsprozesse und mögliche Chancen. Ein dritter Workshop mit dem Thema Masculinities in Forestry: Men, Forests and Change, entwickelt von Dr. Anna Saave (Universität Freiburg) und durchgeführt von Lina Bax und Francesca Sangiovanni (beide Hochschule Fulda), lud die Teilnehmenden ein, den Wandel von Männlichkeiten in der Forstwirtschaft und ihre Bedeutung für den Umgang mit klimabedingten Herausforderungen zu erkunden. In einer interaktiven „Data Party“ wurden empirisches Material, persönliche Erfahrungen und anekdotische Evidenz gemeinsam ausgewertet. Die Teilnehmenden diskutierten das Aufbrechen von professionellen Rollenbildern, den Backlash gegen das Vordringen von Frauen in männlich dominierte Bereiche sowie den Widerspruch, der daraus entsteht, dass der Forst schwer zu kontrollieren ist und gleichzeitig damit bestimmte Männlichkeitsformen anzieht, die eine Vorstellung männlicher Dominanz und daraus abgeleiteten Männlichkeitsbildern voraussetzen.
Den Abschluss des Symposiums bildete die Strategieschmiede, bei der die Teilnehmenden zu vier verschiedenen Clustern arbeiteten. So ging es um kommende Veranstaltungen und gemeinsame Aktivitäten, Output & Outreach, die Zukunft des Netzwerks und die Organisation des nächsten Waldsymposiums. Diskutiert wurden außerdem gemeinsame Publikationsprojekte, die Sichtbarkeit des Netzwerks und die Gewinnung von neuen Mitgliedern.
Der nach dem ersten Waldsymposium eingerichtete E-Mail-Verteiler, soz-wald@listserv.dfn.de, wird weiterhin zum Teilen von Informationen, Veranstaltungshinweisen, Publikationen etc. genutzt. Alle Interessierten können sich unter diesem Link anmelden: https://www.listserv.dfn.de/sympa/subscribe/soz-wald?previous_action=info.
2026 wird das vierte Soziologische Waldsymposium am 8. und 9. Oktober in Frankfurt am Main stattfinden. Die Vielfalt der Themen der Pitches, Workshops und der besprochenen Themen auf dem dritten Soziologischen Waldsymposium hat erneut den Bedarf nach einer Vernetzung und weiterem Austausch zwischen den für eine sozialwissenschaftliche Waldforschung erforderlichen Disziplinen aufgezeigt.
Das dritte Soziologische Waldsymposium wurde gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG – FIP 27 – 528585458), dem Fulda Graduate Centre of Social Sciences der Hochschule Fulda und dem Fachgebiet Just Transitions der Universität Kassel. [1]
Fußnoten:
[1] Das dritte Soziologische Waldsymposium wurde gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG – FIP 27 – 528585458), dem Fulda Graduate Centre of Social Sciences der Hochschule Fulda und dem Fachgebiet Just Transitions der Universität Kassel.






Lina Bax studiert an der Hochschule Fulda den Masterstudiengang Human Rights Studies.
E-Mail: lina.bax@sk.hs-fulda.de
Dr. Sebastian Garbe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Fulda, wo er das Teilprojekt PROTEST des DFG-Forschungsimpulses „Shaping Future Society“ leitet. Er forscht unter anderem zu sozialen Bewegungen und Praktiken der Solidarität.
E-Mail: sebastian.garbe@sk.hs-fulda.de
Dr. Andreas Gutmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Just Transitions des Kassel Institutes for Sustainability, Universität Kassel. Er forscht unter anderem zum Rohstoffverwaltungsrecht.
E-Mail: andreas.gutmann@uni-kassel.de
Tom Scheunemann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Fulda und promoviert dort als Mitglied des ProGEPP Promotionskollegs zur Transformation der Forstverwaltung und kritischen Theorien des Anthropozäns.
E-Mail: tom.scheunemann@sk.hs-fulda.de

