Bericht zur Konferenz „Reallabore – ExperimentierRäume für den Weg in eine nachhaltige Gesellschaft“: Ein Knotenpunkt der deutschsprachigen Reallaborforschung

Tagungsberichte

Bericht zur Konferenz „Reallabore – ExperimentierRäume für den Weg in eine nachhaltige Gesellschaft“: Ein Knotenpunkt der deutschsprachigen Reallaborforschung

 

In Kooperation mit dem Netzwerk „Reallabore der Nachhaltigkeit“ richtete das Leibnitz-Institut für ökologische Raumentwicklung vom 11. bis 12. April 2024 eine Konferenz im Deutschen Hygiene-Museum Dresden aus, die sich als Knotenpunkt der deutschsprachigen Reallaborforschung äußerte. Unter dem Titel „Reallabore – ExperimentierRäume für den Weg in eine nachhaltige Gesellschaft“ versammelten sich hier geschätzte 300 (Nachwuchs-)Wissenschaftler*innen und Praxisakteure verschiedenster Disziplinen, um sich über konkrete Reallaborprojekte sowie auch konzeptuelle und methodische Ansätze in der Reallaborforschung auszutauschen. Zuvor konnten sowohl Artikel und Poster als auch Abstracts für SpeedTalks und Dialoge/Workshops eingereicht werden, die auf der Konferenz in entsprechenden Sessions vorgestellt und diskutiert wurden. Das Programm der Konferenz bot eine Bandbreite an Formaten und Themensträngen, die über das diverse Konferenzpanel in folgende Kategorien aufgeteilt wurden: (1) Urbane Realexperimente für nachhaltige Konsumkulturen; Reallabore in (2) ländlichen und (3) marinen Räumen; (4) Reallabore und Experimente als Konflikträume; (5) Lernen, Reflexion und innere Kultur der Nachhaltigkeit; (6) Reallabore als transdisziplinäres Forschungsformat; (7) Wirkungsmessung von und in Reallaboren; (8) Reallabore als politisch-regulative Testräume; (9) Offener Themenstrang. Über das Panel hinweg lud das koordinierende Netzwerk zudem zum Case Reporting ein, um in einer Zeitschrift Berichte aus der Reallaborpraxis zu versammeln und somit ein niedrigschwelliges Format zum Erfahrungsaustausch zu schaffen. Sowohl das diverse Programm als auch die Begleitung durch das künstlerisch intervenierende „Büro für die Nutzung von Fehlern und Zufällen“ machten die Konferenz zu einer äußerst lebendigen und informativen Veranstaltung, die tiefe Einblicke in den deutschsprachigen Diskurs der Reallaborforschung sowie deren Praxis und Forschungsgemeinschaft gewährte.

Bereits am 10. April konnten Interessierte zudem an einer vom „Karlsruher Transformationszentrum für Nachhaltigkeit und Kulturwandel“ (KAT) ausgerichteten, interaktiven Schulung unter dem Titel „Reallaborarbeit für Einsteiger*innen“ teilnehmen und sich dort über die Grundlagen, Hintergründe und Praxis der deutschsprachigen Reallaborforschung informieren. Im Vordergrund standen hierbei der Ansatz des KAT, der Reallaboren idealtypisch neun Charakteristika zuschreibt. Demnach seien die (1) wissenschaftliche und (2) transformative Forschungsorientierung, die (3) am Leitbild ‚nachhaltiger Entwicklung‘ orientierte Normativität, die (4) Transdisziplinarität und der (5) Einbezug der Zivilgesellschaft, der (6) skalierbare Modellcharakter, der (7) experimentelle Laborcharakter, die (8) Langfristigkeit und schließlich die (9) Bildungsorientierung als grundlegende Merkmale zu verstehen, die bei der Konzeption und Umsetzung eines Reallabors zu erfüllen seien (vgl. Parodi/Steglich 2021: 256f.). Mit Blick auf kontemporäre Dynamiken in der Reallaborforschung merkte Oliver Parodi als Co-Moderator der Schulung und Mitbegründer des Netzwerkes „Reallabore der Nachhaltigkeit“ jedoch kritisch an, dass sich die umfassende Erfüllung jener Kriterien eher als wünschenswerter Zielzustand, denn als aktueller Status quo erfassen ließe. Besonders in Abgrenzung zu alternativen partizipativen Formaten sei es jedoch wichtig, dass sich Reallabore durch ihre transformativ-normative und langfristige – im Idealfall jahrzehntelange (vgl. Schneidewind et al. 2018; WBGU 2016) – Ausrichtung kennzeichnen sollten. Aus soziologischer Perspektive ließe sich hier kritisch hinterfragen, was von den einzelnen Reallaborakteuren genau unter dem normativen Konzept der Nachhaltigkeit verstanden wird und wie sich die mögliche Diversität jener in der partizipativen Wissensproduktion wiederfindet (vgl. Defila/Di Giulio 2018). Wie sich auch über die diversen Konferenzbeiträge und vorgestellten Projekte zeigte, gilt es in der partizipativen Forschung daher grundsätzlich, sich über Konzepte sowie entsprechende Erwartungen und Zielsetzungen zu verständigen. Im Folgenden soll zunächst jedoch das Netzwerk „Reallabore der Nachhaltigkeit“ kurz vorgestellt und anschließend – anhand einiger exemplarischer Beiträge – auf den Verlauf der Konferenz und dort verhandelte Themen der kontemporären Reallaborforschung eingegangen werden.

Das Netzwerk „Reallabore der Nachhaltigkeit“

Das 2019 gegründete Netzwerk „Reallabore der Nachhaltigkeit“ setzt sich aus Reallabor-Projekten, Organisationen sowie einzelnen Personen zusammen und versteht sich ganz allgemein als „Anlaufstelle für Reallabor- und Transformationsinteressierte“ (RdN 2024a). Als solche versammelt das Netzwerk Mitglieder aus verschiedensten Reallabor-Projekten, Initiativen, Kommunen, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, NGOs, Unternehmen sowie Privatpersonen und begrüßt stetigen Zuwachs. Ziel des Netzwerkes ist es, die einzelnen Akteure im deutschsprachigen Raum besser miteinander zu vernetzen und über dessen Kommunikationsplattform und Veranstaltungen Synergien zu erzeugen, die zur Verbesserung der Reallaborforschung und -praxis beitragen können. Erst 2023 veröffentlichte das Netzwerk eine Stellungnahme zur Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), ein „Reallaborgesetz“ zu schaffen, in der es dessen Proaktivität begrüßt, das Gesetzeskonzept jedoch als ergänzungsbedürftig thematisiert (vgl. Parodi et al. 2023; BMWK 2023). Zur Reallaborforschung veröffentlichte das Netzwerk zudem weitere Beiträge in einem Sonderband der GAIA (siehe GAIA 2024). Als nützliche Ressource für die Reallaborpraxis entwarf es zudem einen „Ethikkodex für Reallabore der Nachhaltigkeit“, den es auf der Netzwerk-Website zu lesen gibt. Hierzu sammelt das Netzwerk noch bis Sommer 2024 Rückmeldungen, um dessen vorläufigen Entwurf zur Diskussion zu stellen, zu überarbeiten und schließlich der Forschungsgemeinschaft in vollendeter Form zur Verfügung zu stellen (vgl. RdN 2024b).

Erster Konferenztag – 11.04.2024

Eröffnet wurde der erste Konferenztag mit einer Begrüßung des Leiters vom Forschungsbereich „Transformative Kapazitäten“ des IÖR, Dr. Markus Egermann. Sogleich wies jener auf die Hervorhebung „ExperimentierRäume“ im Titel der Konferenz hin. Denn nicht nur aus physisch-geographischer Perspektive, sondern ebenso im sozialen wie auch rechtlichen Sinne brauche die Reallaborforschung vermehrt Räume und strukturelle Unterstützung, an denen es momentan noch fehle. So forderte Egermann beispielsweise, dass – während aktuelle Reallaborprojekte noch größtenteils aus dem Wissenschaftssystem finanziert seien – es mehr strukturelle Förderungen von staatlicher Ebene benötige, um dem partizipativen und transformativen Anspruch von Reallaboren gerecht werden zu können. An jene Perspektive schloss auch der anschließende Keynote-Vortrag des Wuppertaler Oberbürgermeisters und ehemaligen wissenschaftlichen Geschäftsführers des Wuppertal Instituts, Prof. Dr. Uwe Schneidewind, an. Mit Bezug auf ein neues Werbevideo Donald Trumps betonend, dass die Wissenschaftskommunikation in Zeiten des Wissensmissbrauchs wichtiger denn je sei und der Wissenschaftsbetrieb seine gesellschaftliche Rolle überdenken und wahrnehmen müsse, sprach er sich dafür aus, dass besonders die „Architektur der Wissensproduktion“ im Sinne einer Demokratisierung neugestaltet werden müsse. In Einklang mit Egermann fügte Schneidewind hinzu, dass das immer relevanter werdende Konzept des Reallabors hierfür zwar ein geeigneter Ansatz sei, es jedoch politischen Rückhalt und ebensolche Räume(im weitesten Sinne) benötige, um dessen Potentiale entfalten zu können. Es brauche demnach „entbürokratisierte Inseln“, auf denen die Machbarkeit und Wirksamkeit sozial-ökologischer Transformationsprozesse experimentell erforscht werden könnten. In Anbetracht dessen forderte Schneidewind, die Möglichkeiten für regulative Experimentierräume wie Reallabore verwaltungstechnisch deutlich zu erweitern, wie es auch über die erwähnte Gesetzesinitiative des BMWK angedacht ist. Es gehe jedoch auch um eine institutionelle Weiterentwicklung von Förderprogrammen sowie die Etablierung von Wissenschaftseinrichtungen der Reallaborforschung. Auf Ebene der forschenden und praktizierenden Reallaborakteure müssten wiederum zunächst (Selbstwirksamkeits-)Erfahrungen gemacht werden, da die Bedeutung und Wirksamkeit von Wissensbeständen im Allgemeinen durch deren erfahrungsbedingte Aneignung entstehen würde. Teil jener Erfahrungen sei es auch, sich Fehlschläge und Missverständnisse einzugestehen und einen konstruktiven Umgang mit diesen zu finden. Wie sich im Verlauf der Konferenz herausstellte, traf Schneidewind mit diesen Einschätzungen einen Nerv der Reallaborforschung und -praxis, da sich ähnliche Eindrücke auch in verschiedenen Konferenzbeiträgen abzeichneten und hier unter verschiedenen Aspekten, wie bspw. des Konfliktmanagements, thematisiert und diskutiert wurden.

So wurden in einer an die einleitenden Vorträge anschließenden Session des Themenstrangs „Reallabore als Konflikträume“ Reallabore in Anlehnung an Steffen Mau et al. (2023) als „Triggerorte“ verhandelt. Wie sich über die Vorträge und Diskussionen zeigte, gehe es in den dort stattfindenden konstanten Aushandlungen von Konsens und Dissens unter den Beteiligten häufig nicht direkt darum, schnelle Lösungen zu finden, sondern ebenfalls darum, Konflikte auszuhalten und transparent zu machen. Gemäß der Einsicht, das „idealtypische Reallabor“ im Sinne all seiner Charakteristika (s.o.) als Zielzustand zu verstehen, gehe es somit nicht immer darum, Best- oder Worst-Practices herauszustellen, sondern allem voran der Frage nachzugehen, was sich aus den Erfahrungen und von den verschiedenen Ansätzen der Beteiligten für Alle lernen ließe. In Anklang an Singer-Brodowski et al. (2022) wurde zudem hervorgehoben, dass es „genügend sichere Räume“ für eine wirkungsvolle Beteiligung zivilgesellschaftlicher Akteure und die Ermöglichung eines „transformativen Lernens“ benötige. Es sei demnach auch über Machtstrukturen (vgl. Wittmayer et al. 2021) oder etwa die Rolle von Emotionen im Kontext transformativer Bildungs- und Lernprozesse (vgl. Förster et al. 2019) nachzudenken.

In der Nachmittagssession des Themenstrangs „Impactmessung von Reallaboren“ wurden dann sowohl die „state-of-the-art“-Herausforderungen der Konzeptualisierung als auch die methodischen Implikationen der Wirkungsmessung von Reallaboren thematisiert. Als konkretes Tool enthielt die hier präsentierte – sich noch im Entwicklungsstatus befindende – „Indicator Matrix for measuring citizen dialogues“ des ITAS erste Antworten darauf, was zu fragen und erheben sei, um die Wirkung von Reallaborexperimenten evaluieren zu können. Kritisch wurde jedoch angemerkt, dass Reallaborexperimente über ihren teilweise wahrzunehmenden Charakter der „Festivalisierung“ hinausgehen müssten, um deren Wirkungsweise messen zu können (zur Wirkungsmessung siehe auch Augenstein et al. 2022). Es sei demnach nicht genug, Einzelevents zu organisieren und bspw. die Partizipation von Bürger*innen als Wirkung zu verbuchen, sondern es müssten ebenfalls größere Zusammenhänge entstehen, die eine Wirkungsmessung und -beurteilung auch außerhalb jener Events ermöglichen. Im Angesicht der vielen methodischen Unklarheiten des transdisziplinären und transformativen Forschens müsse letztlich immer kritisch hinterfragt werden, wie für die Wirkung von (Real-)Experimenten argumentiert werde. Denn wie auch Grunwald in Reaktion auf Strohschneiders Kritik am Konzept transformativer Wissenschaft anmerkte, ist das Phänomen des solutionism und bias im Kontext der Normativität und gewünschten Transformativität von Reallaborprojekten ernst zu nehmen (vgl. Grunwald 2015).

In einer weiteren Session des Themenstrangs „Reallabore in ländlichen Räumen“ wurde am Beispiel des Juraparks Aargau thematisiert, wie ein „Joint Problem Framing“ aussehen könnte. Zu den Aufgaben der Session zählte, sich einen gemeinsamen Überblick über die zu behandelnden Problematiken, möglichen Lösungsstrategien und auch gemeinsam verwendeten Konzepte zu schaffen und anhand dessen partizipativ Ansatzpunkte zu definieren, entwickeln und schließlich zu bewerten. Leitend war hierbei die Frage: „Wie kann es von der gemeinsamen Idee zur partizipativen Umsetzung kommen?“. Doch nicht alle Beiträge der Konferenz entsprangen der Reallaborforschung oder bereits realisierten Reallaborprojekten. So thematisierten die Aktivistinnen Nora Mittelstädt und Kea Weber über eine performative sowie auch informative Inszenierung unter dem Titel „Pödelwitz: Eine Halbinsel des Guten Lebens im Tagebau?“ die zivilgesellschaftlichen und politischen Aushandlungsprozesse im Dorf Pödelwitz. Jenes sollte vor dem aktivistischen Widerstand dem Braunkohleabbau weichen und wird nun von einigen wenigen, doch äußerst engagierten Menschen bewohnt (siehe Pödelwitz 2014). Wie sich in der Diskussion mit den beiden Aktivistinnen herausstellte, verfolgt aktuell zwar noch niemand einen Reallabor-Ansatz in Pödelwitz, jedoch seien wissenschaftliche Untersuchungen dort durchaus erwünscht, um die dort gelebten Transformationsgedanken anzureichern und – wohlmöglich – sogar argumentativ zu untermalen.

Wie anhand der einzelnen Beispiele angedeutet wird, bot der erste Konferenztag ein umfangreiches Programm, das verschiedenste Einblicke in die Reallaborforschung und -praxis sowie auch alternative Ansätze des Engagements für eine nachhaltige Entwicklung gewährte. Jene entfalteten sich schließlich nicht nur als informativ, sondern ebenso warfen sie Kontroversen auf, die es weiterhin zu bearbeiten gilt. Als zentrale Aushandlungspunkte stellten sich hierbei die Förderung und Erweiterung von ExperimentierRäumen, das Lernen aus Konflikten und Herausforderungen, die Wirkung und Reflektion von Realexperimenten sowie die Konzeption möglicher Anhaltspunkte für partizipative Forschungsprojekte heraus.

Zweiter Konferenztag – 12.04.2024

Der zweite Konferenztag startete mit einer von Dr. Regina Rhodius (Öko-Institut e.V.) moderierten Podiumsdiskussion zum Thema „Perspektiven der Reallaborforschung“. Zu Gast waren der Leiter der Geschäftsstelle Reallabore des BMWK, Dr. Kai Hielscher, der Geschäftsführer der futureprojects GmbH, Norbert Rost, die Koordinatorin des Bereichs Bürgerlabor und Community im Projekt Smart Participation der Landeshauptstadt Dresden, Christiane Wagner, und Dr. Oliver Parodi, als Leiter des KAT und Begründer des Reallabors Quartier Zukunft – Labor Stadt, über welches er bereits seit 2012 den deutschsprachigen Reallabordiskurs sowie die -praxis mitgestaltet. Als durch ihr Projekt bürgernah engagierte Person betonte Wagner bereits zu Beginn der Diskussion, dass es in der Reallaborpraxis häufig noch am Eingeständnis fehle, dass mit Fehlschlägen zu rechnen sei, diese die gemeinsame Unternehmung jedoch implizit weiterbringen könnten.

In Bezug auf die oben thematisierte Diskussion um die Thematik der Wirkungsmessung von Reallaboren schloss Wagner hiermit auch an die bereits erwähnte Skepsis gegenüber der Transformativität und den Ergebnissen der Reallaborforschung an, die teilweise auch an der positiven – doch nicht immer nachvollziehbaren – Darstellung entsprechender Forschungen läge. Da es in der Reallaborforschung und -praxis bisher meist an Best-Practices fehlt, sollten Ergebnisse mit Vorsicht behandelt werden. Gleichzeitig könne aus den Fehlschlägen und Herausforderungen in der Praxis gelernt werden, indem man diese als Teil des Prozesses aufgefasst und angeht (siehe auch Beecroft et al. 2018). Vor dem Hintergrund eines solchen Umgangs scheint es schließlich auch möglich, die bisher noch vielfach diskutierten theoretischen und praktischen Grundlagen zu schaffen, um den Ansprüchen einer transformativen und partizipativen Wissenschaft – wie bspw. über die präsentierten neun Charakteristika von Reallaboren formuliert – Genüge zu tun.

Sich tiefgehend mit den rechtlichen Grundlagen und Möglichkeiten für Reallabore beschäftigend hob Hielscher wiederum hervor, dass die Stellungnahme des Netzwerkes „Reallabore der Nachhaltigkeit“ äußerst hilfreich für die Ausarbeitung des vom BMWK geplanten Reallaborgesetzes sei und weitere Anregungen aus der transdisziplinären Forschungsgemeinschaft durchaus erwünscht wären. Besonders von den Kommunen erhoffe er sich eine Beratung und Informationen dazu, wie sie aus gesetzlicher und verwaltungstechnischer Sicht unterstützt werden könnten. Denn besonders die Kommunen könnten individuell Möglichkeiten für die angefragten ExperimentierRäume schaffen, wenn ihnen strukturell nicht häufig die Hände gebunden wären. Letztlich seien auch starke Lobbyarbeit und Nachweise für die Effektivität von Reallaborforschungen wichtig, um die Konditionen jener von der politischen Ebene aus zu verbessern. Dahingehend merkte Hielscher zuletzt seine Hoffnung an, dass die Akteure der Reallaborforschung Allianzen mit den Kommunen schmieden würden, um den Entscheidungsträger*innen gemeinsam klarzumachen, dass es langfristig angelegter, diversifizierter Förderstrukturen bedarf. Die aktuellen Rahmenbedingungen der Reallaborforschung thematisierend schloss auch Parodi – ähnlich wie bereits Schneidewind – an jene Forderung an und betonte, dass es – um das transformative Potential von Reallaboren entfalten zu können – zunächst darum gehe, entsprechende Infrastrukturen aufzubauen. Wie auch in der Diskussion hervorgehoben wurde, mangele es momentan noch grundlegend an allgemeinen Ressourcen, wie bspw. an die Reallaborarbeit angepassten Arbeitsverträgen. Erneut hob Parodi hervor, dass es im Sinne der Transdisziplinarität ebenfalls zu dieser Ressourcenausstattung gehöre, die aktuell primär aus dem Wissenschaftssystem stammenden Fördergelder zu diversifizieren und dementsprechend auch aus anderen Sektoren, wie der Politik und Zivilgesellschaft, zu beziehen. Nichtsdestotrotz merkte Parodi enthusiastisch die im vergangenen Jahrzehnt stark zu vermerkenden Professionalisierungstendenzen in der Reallaborforschung und -praxis an, die sich als eine rasante Veränderung im sonst eher trägen Wissenschaftssystem darstellen. Problematisch sah er allerdings, dass der Begriff des Reallabors über die Jahre „aufgeweicht“ sei und einer erneuten bzw. weiteren Schärfung bedürfe. Ähnlich wie in der Debatte um Konzepte und Implikationen der Nachhaltigkeit mag dies nicht zuletzt auf die Diversität von Reallaborprojekten und -ansätzen zurückzuführen sein. Anschließend an die Reallabordefinition des KAT sei es nach Parodi daher wichtig, dass es in Reallaboren um eine Nachhaltigkeitstransformation gehe, die sich am UN-Leitbild nachhaltiger Entwicklung orientiere. Das Dilemma der Debatte somit weitertragend, gelte es hier jedoch weiterhin das Transformations- und Nachhaltigkeitsverständnis von Reallaboren und ihren Akteuren in ihren einzelnen Kontexten zu schärfen und herauszustellen.

In der anschließenden Session des Panels „Urbane Realexperimente für nachhaltige Konsumkulturen“ wurden vier verschiedene Realexperimente in den Innenstädten Duisburgs, Würzburgs und Schwentinetals vorgestellt. Diese widmen sich den Fragen, „wie nachhaltige Konsumangebote als Treiber einer positiven Innenstadtentwicklung dienen könnten“, „wie Orte als praktische und informative Anlaufstelle für nachhaltigen Konsum dienen und dabei ein entsprechendes Bewusstsein fördern könnten“ oder auch „wie sich nachhaltig und sozial orientierte Projekte – wie ein kostengünstiger Fahrrad- und Artikelverleih – ressourcentechnisch umsetzbar machen ließen“. Als Herausforderung stellt sich dabei häufig heraus, dass die Projekte größtenteils auf ehrenamtlichem Engagement beruhen und allgemein Ressourcen zur effektiven Umsetzung und langfristigen Sicherung der Projekte fehlen. Dennoch würden die Projekte zivilgesellschaftlich bereits gut angenommen werden und grundsätzlich laufen – wenn auch mit Veränderungen oder Abstrichen. Aus den positiven sowie negativen Erfahrungen sei nun zu lernen, indem die Projektansätze angepasst und Fehlkalkulationen diskutiert werden. Einen ausgearbeiteten Reallaboransatz zur Erforschung der transformativen Projekte stellten die Referent*innen jedoch nicht vor – hier ging es vor allem um die Praxis. In der zweiten Session des Konferenztages stellten im Themenstrang „Reallabore in ländlichen Räumen“ verschiedene Reallabore ihre Ansätze und Konzeptionen vor. Hierbei zeigte sich die große Varianz an möglichen Reallaborprojekten im ländlichen Raum, der in Anbetracht der Vielfalt an städtischen Projekten in der Reallaborforschung häufig unterrepräsentiert scheint. In der Session erstreckten sich die Projekte von einer Begleitforschung zur Transformation einer ländlichen Kunstinstitution über die Implementierung eines Waldreallabors bis hin zur partizipativen Raumplanung eines großen Landstrichs. Heraus stachen hier auch die verschiedenen Ansätze der Projekte, den Raum ihrer Reallabore zu erfassen, einzugrenzen und entsprechend zu erforschen.

Gegen Ende der Veranstaltung konnten alle Interessierten noch an einer gemeinsamen Reflexionssession sowie am offenen Treffen des Netzwerks „Reallabore der Nachhaltigkeit“ teilnehmen und dort mehr über die Interessen und Aktivitäten des Netzwerkes erfahren. Zudem konnte Dresden mit dem Fahrrad bei der „Tour der Utopien“ auf neue Weise entdeckt werden, indem Dresdener Projekte, Initiativen und Macher*innen besucht wurden, um in einen Dialog über bspw. mögliche Zukunftsvisionen und Möglichkeiten transdisziplinärer Forschungsprojekte zu treten. In Anbetracht der erwähnten Beiträge und Angebote präsentierte sich die Konferenz somit auch am zweiten Tag als vielfältig, kontrovers und informativ. Über die erneute Diskussion um die Rahmenbedingungen und (strukturellen) Herausforderungen sowie die konzeptionellen Grundlagen und Ausrichtungen der Reallaborforschung und -praxis zeichneten sich hier jedoch auch trotz der angemerkten Vielfalt bereits rote Fäden in der Diskurslandschaft rund um die Reallaborforschung und -praxis ab, denen es über die Konferenz hinaus weiter zu folgen gilt.

Abschließende Bemerkungen

Im Angesicht der hohen Teilnehmer*innenanzahl sowie der thematischen Diversität der Konferenz, lässt sich die Veranstaltung retrospektiv als ein Knotenpunkt der kontemporären deutschsprachigen Reallaborforschung ansehen. Als solch ein Knotenpunkt versammelte die Konferenz renommierte (Nachwuchs-)Wissenschaftler*innen und Praxisakteure verschiedenster Disziplinen und Ansichten aus dem DACH-Raum und bot somit viel Gelegenheit zum Austauschen, Vernetzen und Mit- als auch Voneinander-Lernen. Zugleich präsentierte sich Reallaborforschung in ihrem Aufschwung jedoch keineswegs als einheitlich, sondern geradezu als kontrovers. Auch wenn sich die grundlegende Idee der Reallaborforschung als transformativ, nachhaltigkeitsorientiert und transdisziplinär durchaus als gemeinsame Orientierung verstehen lässt, stellen sich eben genau hier immer wieder grundsätzliche Fragen aufs Neue: „Was genau bedeutet Transformativität?“, „Wie lässt sich die Wirkung von Reallaboren, im Sinne einer Transformativität, messen?“, „Was impliziert das Konzept der Nachhaltigkeit?“, „Was macht eine transdisziplinäre Forschung in der Praxis aus?“. Auch wenn sich hier kein Konsens finden lässt und jene Fragen im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung und vor dem Hintergrund projektbezogener Kontextunterschiede stets diskutabel bleiben, bieten Ansätze wie die Reallabordefinition und der Ethikkodex des KAT hilfreiche Orientierungen, um sich hier einem gemeinsamen Verständnis anzunähern.

Im Hinblick auf die Rahmenbedingungen der aktuellen Reallaborforschung im DACH-Raum ließ sich zudem ein gewisser Konsens in den Forderungen zum Aufbau gewisser Reallabor-Infrastrukturen vernehmen. Dieser bezog sich insbesondere auf die Notwendigkeit von gesetzlich angepassten Rahmenbedingungen, auf die Erweiterung und Diversifizierung von Förderstrukturen sowie auf die Anpassung von Arbeitsverträgen und Zeithorizonten. Als weitere Gemeinsamkeit lässt sich zudem die Einsicht herausstellen, dass die Wirkungsmessung von Reallaboren ernst zu nehmen sei und verbessert werden müsse, während etwaige Fehlschläge im Sinne eines experimentellen, prozesshaften Vorgehens als Teil des gemeinsamen Lernprozesses verstanden werden sollten.

Wie sich zeigen ließ, bleiben für die Reallaborforschung und -praxis also einerseits weiterhin viele Fragen offen, während sich andererseits erste Ansatzpunkte zur Konzeption und Umsetzung von Reallaboren abzeichnen oder auch bereits verfestigt haben. Das vorgestellte Netzwerk „Reallabore der Nachhaltigkeit“ stellt hier eine Anlaufstelle im deutschsprachigen Raum dar, um über entsprechende Fragen und Ansätze zu diskutieren. Zur weiteren Beschäftigung mit den kontemporären Debatten rund um die Reallaborforschung und -praxis lohnt sich jedoch auch ein Blick in die angefügten Referenzen und Lesetipps.

 

Augenstein, K./Bögel, P. M./Levin-Keitel, M./Trenks, H. (2022): Wie entfalten Reallabore Wirkung für die Transformation? Eine embedded-agency perspective zur Analyse von Wirkmechanismen in Reallaboren. In: GAIA, 31. Jg., Heft 4, S. 207-214.

Beecroft, R./Trenks, H./Rhodius, R./Benighaus, C./Parodi, O. (2018): Reallabore als Rahmen transformativer und transdisziplinärer Forschung: Ziele und Designprinzipien. In: Defila, R./Di Giulio, A. (Hrsg.): Transdisziplinär und transformativ Forschen. Eine Methodensammlung. Wiesbaden: Springer, S. 75-100.

BMWK (2023): Neue Räume, um Innovationen zu erproben. Konzept für ein Reallabor-Gesetz. Berlin: BMWK.

Defila, R./Di Giulio, A. (2018): Partizipative Wissenserzeugung und Wissenschaftlichkeit – ein methodologischer Beitrag. In: Defila, R./Di Giulio, A. (Hrsg.): Transdisziplinär und transformativ Forschen. Eine Methodensammlung. Wiesbaden: Springer, S. 39-68.

Förster, R./Zimmermann, A. B./Mader, C. (2019): Transformative teaching in Higher Education for Sustainable Development: facing the challenges. In: GAIA, 28. Jg., Heft 3, S. 324-326.

GAIA (2024): Special Issue: Impacts of Real-world Labs in Sustainability Transformations.

Grunwald, A. (2015): Transformative Wissenschaft – eine neue Ordnung im Wissenschaftsbetrieb?. In: GAIA, 24. Jg., Heft 1, S. 17-20.

Mau, S./Lux, T./Westheuser, L. (2023): Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Parodi, O./Schwichtenberg, R./Stelzer, F./Rhodius, R./Schreider, C./von Wirth, T./Lang, D./Marg, O./Wagner, F./Egermann, M./Bauknecht, D./Wanner, M. (2023): Stellungnahme des Netzwerks „Reallabore der Nachhaltigkeit“ zur Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) für ein Reallabor-Gesetz.

Parodi, O./Steglich, A. (2021): Reallabor. In: Schmohl, T./Philipp, T. (Hrsg.): Handbuch transdisziplinäre Didaktik, Bd.1. Bielefeld: Transcript.

Pödelwitz (2024): Pödelwitz hat Zukunft. Online: https://www.poedelwitz.de/de/ [Zugriff: 08.05.2024]

RdN (2024a): Reallabore der Nachhaltigkeit. Das sind wir. Online: https://www.reallabor-netzwerk.de/ueber-uns.php[Zugriff: 25.04.2024]

RdN (2024b): Ethikkodex für Reallabore der Nachhaltigkeit. Online: https://www.reallabor-netzwerk.de/ethikkodex.php [Zugriff: 25.04.2024]

Schneidewind, U./Stelzer, F./Augenstein, K./Wanner, M. (2018): Structure Matters: Real-World Laboratories as a New Type of Large-Scale Research Infrastructure. A Framework Inspired by Giddens’ Structuration Theory. In: GAIA, 21. Jg., Heft 1, S. 12 -17.

Singer-Brodowski, M./Förster, R./Eschenbacher, S./Biberhofer, P./Getzin, S. (2022): Facing Crises of Unsustainability: Creating and Holding Safe Enough Spaces for Transformative Learning in Higher Education for Sustainable Development. In: Frontiers in Education, 7:787490.

Wagner, F./Grunwald, A. (2015): Reallabore als Forschungs- und Transformationsinstrument. Die Quadratur des hermeneutischen Zirkels. In: GAIA, 24. Jg., Heft 1, S. 26-31.

WBGU (2016): Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte. Zusammenfassung. Berlin: WBGU.

Wittmayer, J. M./Avelino, F./Pel, B./Campos, I. (2021): Contributing to sustainable and just energy systems? The mainstreaming of renewable energy prosumerism within and across institutional logics. In: Energy Policy, 149.


Jakob Kreß arbeitet in der Redaktion der zeitschrift „Soziologie und Nachhaltigkeit“ mit und koordiniert das OJSRed-Netzwerk für Open Access basierte Zeitschriften im DACH-Raum

jkress1@uni-muenster.de

 


Religion (Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit)

Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit

Religion und Nachhaltigkeit

Teaser

Der vorliegende Beitrag bietet einen Überblick über die Debatte zum Thema Religion und ökologischer Nachhaltigkeit. Beiträge in dieser Debatte betonen verschiedene Potentiale, anhand deren Religion ökologische Transformationen vorantreiben kann. Weiterhin wird häufig angenommen, dass Religionen weltweit umweltfreundlicher werden („ergrünen“) und sich zunehmend aktiv in ökologischen Transformationsprozessen engagieren. Die soziologische Forschung findet hierfür bisher jedoch keine breiten empirischen Belege. Der besondere Beitrag der Soziologie besteht in der empirischen Erforschung dieser Annahmen. Weiterhin kann Soziologie auf Basis ihres reichen Fundus an Sozial- und Gesellschaftstheorien die empirische Rolle von Religion in nachhaltigen Transitionen erklären.

Einleitung

Bei einer Auseinandersetzung mit der Rolle von Religion in den gegenwärtigen Prozessen nachhaltigen Wandels mag man sich folgende Fragen stellen: Sind Religionen nicht prädestiniert dafür einen Beitrag zu einer Nachhaltigkeitstransformation zu leisten, da ihnen die Norm innewohnt, „die Schöpfung zu bewahren“? Oder sind sie andersherum Teil des Problems, da sie dazu auffordern, dass sich der Mensch die Welt zum Untertanen machen soll?

Generelle Antworten hierauf lassen sich nicht geben, da ganz unterschiedliche Auslegungen der jeweiligen religiösen Traditionen vorliegen. Diese haben verschiedene Auffassungen davon, wie sich der Mensch gegenüber der Natur verhalten sollte. Dabei konkurrieren diese unterschiedlichen Auffassungen in den jeweiligen Traditionen miteinander. Jedoch gibt es Stimmen in der akademischen Debatte um Religion und Nachhaltigkeit, die davon ausgehen, dass umweltfreundliche Auslegungen langsam die Überhand gewinnen. Sie gehen von einem „Ergrünen“ der Religionen aus. Dieses zeigt sich auch an den zunehmenden öffentlichen Verlautbarungen religiöser Führungsfiguren. Ein prominentes Beispiel hierfür ist „Laudato Sí“ von Papst Franziskus. Der Papst veröffentliche die Enzyklika kurz vor der UN-Klimakonferenz 2015 in Paris. Hierin warnt er vor den Folgen des Klimawandels und fordert die Weltgemeinschaft zum Handeln gegen die globale Erwärmung auf. Während die Enzyklika von der medialen Weltöffentlichkeit im überwiegenden Masse äusserst positiv aufgenommen wurde, war das Echo innerhalb der katholischen Kirche gespaltener. Daran zeigt sich, dass innerhalb der einzelnen Religionen um das Thema Nachhaltigkeit gerungen wird. Es erzeugt Spannungen und führt zu Aushandlungsprozessen in Religionsgemeinschaften.

Zugleich betonen Wissenschaftler*innen zunehmend, dass Religion bei der Bewältigung ökologischer Herausforderungen eine zentrale Rolle spielen könnten. So benennt die akademische Debatte über Religion und Nachhaltigkeit verschiedene Potentiale, anhand deren Religion ökologische Nachhaltigkeit vorantreiben kann. Hierzu gehören die weltweit große Anzahl religiöser Anhänger*innen sowie der Einfluss von Religionsgemeinschaften auf die Weltbilder, Werte und Lebensweisen ihrer Anhänger*innen. Ebenso verfügen Religionsgemeinschaften und deren Führungsfiguren häufig über öffentlichen und politischen Einfluss sowie über finanzielle und organisatorische Ressourcen, um nachhaltige Transitionen voranzutreiben (oder zu blockieren).

Ob und inwiefern sich tatsächlich ein grüner Wandel innerhalb verschiedener Religionen vollzieht und wie diese sich dann für den nachhaltigen Wandel einsetzen, ist Gegenstand soziologischer Forschung. Einige Schlaglichter aus dieser Forschung werden im Folgenden dargestellt.

Dieser Beitrag fokussiert auf Religion und ökologische Nachhaltigkeit. Auch andere Dimensionen von Nachhaltigkeit wie wirtschaftliche und soziale Nachhaltigkeit spielen für Religionen eine Rolle. So haben viele Religionen eine lange Tradition sozialen Engagements, die weit über jener des Nachhaltigkeitsbegriffs hinausgeht (z.B.: Wohltätigkeit im Islam). Auch müssen Religionsgemeinschaften sich seit jeher der Frage des ökonomischen Überlebens stellen. Im Gegensatz zum Aspekt der Ökologie werden diese Debatten meist nicht im Zusammenhang mit dem Nachhaltigkeitsbegriff geführt. Mit Blick auf die Frage des Verhältnisses von Religion und ökologischer Nachhaltigkeit lassen sich zwei Debatten unterscheiden: (1) eine Debatte um Religion und Ökologie, die zunächst besonders von Theolog*innen und Religionswissenschaftler*innen vorangetrieben wurde und (2) einer langsam wachsenden Debatte über Religion in der sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeits- und Klimaforschung. Einige der Thesen aus der ersten Debatte – wie besonders jener des Ergrünens von Religion – wurden von Soziolog*innen aufgegriffen und empirisch untersucht. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden mitunter in soziologischen Zeitschriften aber auch zu einem kleineren Teil in jenen der sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeits- und Klimaforschung veröffentlicht.

Religion und Nachhaltigkeit

Eine wissenschaftlich allgemein akzeptierte Definition von Religion liegt nicht vor. Stattdessen gibt es verschiedene Definitionsansätze. Mit Blick auf das Thema ökologische Nachhaltigkeit sind hierbei zwei Zugriffe auf Religion besonders relevant (Koehrsen 2023): (1) institutionalisierte Formen von Religion und (2) kaum oder nicht institutionalisierte Formen von Religion.

Ein Großteil der wissenschaftlichen Debatte konzentriert sich auf institutionalisierte Formen von Religion. Damit sind Phänomene gemeint, die dem Begriff „Religion“ traditionell zugerechnet werden. Häufig nehmen sie eine gemeinschaftliche und organisierte Form an, so etwa das Christentum, der Islam, das Judentum, der Buddhismus etc. Der zweite Zugriff auf Religion bezieht sich auf weniger institutionalisierte und diffusere Formen von Religion, für die häufig der Begriff Spiritualität verwendet wird. Hier ist die Zurechnung zu Religion wissenschaftlich umstrittener, da es sich oft um diffusere und empirisch weniger greifbare Phänomene handelt. Es kann sich etwa um das Legen von Tarot-Karten oder Lesen von Horoskopen handeln oder eben auch um Formen der Verehrung von Natur. Grundsätzlich können beide Phänomenbereiche – jener der traditionellen Religion und jener der Spiritualität – dem Überbegriff der Religion zugerechnet werden.

Der Strang der wissenschaftlichen Debatte, der sich mit dem diffuseren Phänomenbereich des Religiösen auseinandersetzt, wendet sich der Untersuchung von Ökospiritualität zu. Dabei untersucht er diese etwa bei Naturliebhaber*innen, Umweltaktivist*innen und ökologisch bewegten Unternehmer*innen (Becci et al. 2021). Besonders bekannt ist Bron Taylor’s (2010) These der Ausbreitung einer neuen „dunkelgrünen“ Religion. Taylor geht davon aus, dass Natur zunehmend als etwas Heiliges und unbedingt Schützenswertes verehrt werde. Ein großer Teil des heutigen Umweltengagements sei potenziell durch «dunkelgrüne» Religion motiviert. Dieser Strang ist jedoch weniger stark in den Debatten um Religion und Nachhaltigkeit vertreten.

Soziologische Perspektiven auf Religion und Nachhaltigkeit

1. Annahmen über den Zusammenhang von Religion und Nachhaltigkeit

Der 1967 erschienene Aufsatz „The Historical Roots of our Ecological Crisis“ von Lynn White (1967) bildet einen wichtigen Startpunkt für die Debatte über Religion und Ökologie. In diesem Artikel vertritt White die These, dass das westliche Christentum mit seinem Anthropozentrismus eine zentrale Verantwortung für die ökologische Krise trage. Am Ende des Artikels vollzieht White eine überraschende Wendung, indem er behauptet, dass Religion nicht nur die Ursache, sondern eben auch die Lösung für die ökologische Krise sei. Es sei nötig, eine neue umweltfreundliche Religion zu entwickeln oder die bestehende Religion so zu verändern, dass sie umweltfreundlich werden.

Anschließend an die Thesen von White hat sich eine rege akademische Debatte über das Verhältnis von Religion und Ökologie entwickelt. An dieser beteiligen sich besonders Theolog*innen, Schriftgelehrte aus unterschiedlichen religiösen Traditionen und Religionswissenschaftler*innen. Viele Vertreter*innen dieser Debatte gehen davon aus, dass Religion besondere Potentiale aufweist, um ökologische Nachhaltigkeit zu befördern (Gardner 2003). Hierzu gehört der grosse Anteil religiöser Anhänger*innen an der Weltbevölkerung. So schätzt Pew Research, dass 84% der Weltbevölkerung Anhänger*innen einer religiösen Tradition sind (Pew Research Center 2017). Religionen prägen die Weltbilder und Werte ihrer Anhänger*innen und können umweltfreundliche Werte vermitteln, um die Anhänger*innen zu nachhaltigeren Lebensweisen zu bewegen. Auch haben religiöse Führungsfiguren häufig eine hohe öffentliche Sichtbarkeit und Glaubwürdigkeit (Schaefer 2016). Beides könnten sie nutzen, um die Öffentlichkeit für ökologische Probleme zu sensibilisieren und Druck auf politische Entscheidungsträger*innen auszuüben. Schließlich verfügen religiöse Organisationen (z.B. die Katholische Kirche) zum Teil über massive Ressourcen in Form von finanziellen Mitteln, Mitarbeiter*innen, Gebäuden, Ländereien sowie verbundenen Organisationen (z.B. Schulen, Krankenhäusern, sozialen Hilfswerken). Diese Ressourcen könnten sie einsetzen, um den nachhaltigen Wandel voranzutreiben (z.B. Umstellung auf erneuerbare Energie, Recycling, lokale Beschaffung, Investitionen in nachhaltige Fonds).

Neben der Betonung der Potentiale von Religion wird im Anschluss an Lynn White auch die These vertreten, dass Religionen „ergrünen“ („Greening of Religions“) (Chaplin 2016). Damit ist gemeint, dass Religionen zunehmend umweltfreundlicher werden. Dieser „grüne“ Wandel vollziehe sich einerseits in der Verbreitung neuer, umweltfreundlicher Lesarten der jeweiligen Traditionen (z.B. „Bewahrung der Schöpfung im Christentum“). Andererseits manifestiere er sich in umweltfreundlichen Aktivitäten von religiösen Gemeinschaften; beispielsweise in öffentlichen Verlautbarungen zur Klimakrise, in Energiesparmaßnahmen in religiösen Gebäuden oder in der Vermittlung umweltfreundlicher Werte in Predigten und Gebeten.

Weitgehend losgelöst von der Religion und Ökologie-Debatte finden sich auch zunehmend in der interdisziplinären Klima- und Nachhaltigkeitsforschung Stimmen, die auf die Relevanz von Religion verweisen und ähnliche Potentiale von Religion hervorheben  (Ives et al. 2020). Häufig wird besonders auf das Potential von Religion verwiesen, umweltfreundliche Werte und Weltbilder zu vermitteln.

2. Empirische Befunde und gesellschaftstheoretische Reflexionen zur Bedeutung von Religion in der Nachhaltigkeitstransformation

Die Religion und Ökologie-Debatte ist durch stark religionsaffirmative Annahmen über die Rolle und Entwicklung von Religion geprägt. Jedoch mangelt es bisher an empirischer Forschung, um die Annahmen ausreichend zu belegen, sowie an einer gesellschaftstheoretischen Reflexion vorliegender Befunde. Diesbezüglich kann soziologische Forschung wichtige Beiträge leisten.

So kann sie zur empirischen Erforschung der Rolle von Religion für den nachhaltigen Wandel beitragen. Hierfür sind sowohl quantitative Studien nötig, die durch hohe Fallzahlen in die Breite gehen, als auch qualitative Fallstudien, die die Dynamiken in der Tiefe untersuchen. Es liegen zahlreiche quantitative Studien vor, die ökologische Werteinstellungen religiöser Individuen untersuchen und hierfür vorliegende Datensätze (z.B. World Value Survey) verwenden. Eine Überblickstudie von Taylor et al. (2016), die die unterschiedlichen Untersuchungen mit Blick auf ihre zentralen Ergebnisse analysiert, kommt zu dem Schluss, dass es bisher keinen empirischen Rückhalt für die Annahme eines „Ergrünens“ von Religion gibt. Weiterhin liegen qualitative Fallstudien zu einzelnen religiösen Gemeinschaften vor. Diese identifizieren mitunter Spannungen in den Gemeinschaften mit Blick auf die Umsetzung eines «grünen» Wandels (Blanc 2023, Jamil 2023). So unterstützen Teile der Gemeinschaften das ökologische Engagement, während andere diesem Engagement kritisch gegenüberstehen oder es nicht als zentrale Aufgabe ihrer Gemeinschaft betrachten.  In der Forschung zeigen sich bisher keine einheitlichen Tendenzen mit Blick auf die Beweggründe dafür eine bestimmte Position zu beziehen. In religiösen Organisationen kann dies etwa mit den besonderen Diskursdynamiken einzelner Milieus und Machtkämpfen der Akteure innerhalb der jeweiligen Organisation zusammenhängen. Auch können hierbei die politischen und theologischen Ausrichtungen der einzelnen Akteure eine Rolle spielen.

Die Frage nach den Beweggründen stellt sich nicht nur im Hinblick auf einzelne Akteure, sondern auch gesamthaft mit Blick auf religiöse Organisationen: Unter welchen Beweggründen engagieren sich religiöse Organisationen für den nachhaltigen Wandel? Dieser Frage haben sich Koehrsen und Huber (2021) im Rahmen einer Studie in Deutschland und der Schweiz zugewandt. Dabei wurden Dachverbände und lokale Gemeinschaften unterschiedlicher religiöser Traditionen untersucht. Es zeigen sich besonders zwei Tendenzen: (1) religiöse Dachverbände engagieren sich durchschnittlich stärker als deren lokale Gemeinschaften (2) gesellschaftlich stärker etablierte Religionsgemeinschaften weisen ein höheres Engagement auf als gesellschaftlich weniger anerkannte Gemeinschaften. Die Studie verweist darauf, dass gesellschaftliche Anerkennung ein zentraler Faktor für das „grüne“ Engagement ist. Einerseits ermöglicht gesellschaftliche Anerkennung das Engagement, weil sie den anerkannten Gemeinschaften den Zugriff auf Ressourcen (z.B. Kirchensteuern) ermöglicht, mit denen sie dann «grüne» Projekte realisieren können. Andererseits motiviert das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung das Engagement. So besetzen Dachverbände das Thema öffentlich, um die soziale Relevanz der eigenen religiösen Gemeinschaft in der breiteren Gesellschaft zu untermauen (oder je nach religiöser Tradition auszubauen). Eine andere Studie zu Religionsgemeinschaften in den USA verweist zudem darauf, dass der regionale Kontext eine grosse Rolle spielt (Djupe/Olson 2010). Lokale Religionsgemeinschaften orientieren sich an den dominanten Klimadiskursen des jeweiligen Staats in welchem, sie beherbergt sind.

Auch auf der internationalen Ebene zeigen sich interessante Dynamiken. In den internationalen Debatten über den Klimawandel positionieren sich religiösen Akteure in besonderer Weise über Fragen der Klimagerechtigkeit, wie etwa eine Studie von Glaab (2017) belegt. Dabei heben religiöse Akteure sowohl die Verantwortung gegenüber jüngeren Generationen hervor als auch gegenüber jenen Menschen, die innerhalb der unterschiedlichen Länder am stärksten vom Klimawandel betroffen (bzw. gefährdet) sind.

Zum Weiterdenken

Religiöse Akteure positionieren sich auf ganz unterschiedliche Weisen zu Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit. Diese Vielfalt spiegelt sich auch innerhalb religiöser Gemeinschaften wider, in denen sich häufig Spannungen rund um das Thema zeigen. Soziologische Forschung kann dazu beitragen diese Vielfalt und die damit verbundenen Aushandlungsprozesse wissenschaftlich verständlich zu machen und mit Blick auf deren Konsequenzen für nachhaltige Transformationsprozesse zu analysieren. So kann sie mittels quantitativer Methoden Faktoren ermitteln, die das ökologische Engagement von Religionsgemeinschaften befördern (oder erschweren). Auch kann sie anhand qualitativer Fallstudien die Dynamiken der Aushandlung von Nachhaltigkeit in religiösen Gemeinschaften aufzeigen. Zugleich ergeben sich unterschiedliche Forschungslücken, von denen einige nun thematisiert werden sollen.

Der Fokus quantitativer soziologischer Studien hat bisher besonders auf Individuen gelegen. Deshalb mangelt es an Studien, die lokale Gemeinschaften (z.B. Kirchengemeinden, muslimische Gemeinschaften) in einer bestimmten Region in der Breite untersuchen. Hierzu wären Fragebogenerhebungen mit Vertreter*innen der jeweiligen Gemeinschaften denkbar, die ermitteln, ob und in welcher Weise die lokalen Gemeinschaften zum nachhaltigen Wandel beitragen (oder diesen blockieren) sowie welche Faktoren (z.B. Ressourcenausstattung, politische und theologische Ausrichtung) dieses Engagement befördern (oder blockieren). Denkbar wären die quantitativen Erhebungen mit qualitativen Methoden („Mixed Methods“) zu kombinieren, so dass die ermittelten Zusammenhänge im Anschluss in Fallstudien vertieft untersucht werden können. Ebenso wären Vergleichsstudien wichtig, die in verschiedenen Kontexten ermitteln, welche Faktoren sich förderlich oder schwächend auf das religiöse Nachhaltigkeitsengagement auswirken (z.B. Höhe der Religiosität der Bevölkerung, staatliche Nachhaltigkeitsagenda). Besonders mit Blick auf den sog. „Globalen Süden“ (siehe Beitrag zu „Global South“) wären weitere Studien nötig. In vielen Ländern des „Globalen Südens“ spielt Religion eine wichtige Rolle in der Öffentlichkeit, Politik und privaten Lebensführung der Bevölkerung. Damit könnten die oben genannten Potentiale von Religion mehr zum Tragen kommen als etwa in den stärker säkularisierten Ländern Westeuropas. Jedoch wären auch religiöse Gegentendenzen gegen ein „Ergrünen“ zu beachten. Während die Debatte bisher besonders auf das «Greening» fokussiert, wurden Entwicklungen in Religionen, die negative ökologische Effekte erzeugen („Ungreening“), bisher kaum in den Blick genommen.

Neben der empirischen Erforschung kann die Soziologie durch ihre reiche Theorielandschaft zur Erklärung der Befunde (z.B. Spannungen bezüglich „grünen“ Engagements) beitragen. So wäre denkbar die Befunde in breitere Gesellschaftstheorien (z.B. von Luhmann, Bourdieu) einzubetten oder Versatzstücke aus diesen Theorien zu verwenden (z.B. gesellschaftliche Ausdifferenzierung, Feldtheorie, soziale Räume), um einzelne Befunde zu erklären (Koehrsen/Huber 2021). Dies ist bisher nur in Ansätzen erfolgt. Da soziologische Theorie enorme Erklärungspotentiale für (nicht-)nachhaltige Transitionen besitzt, kann sie auch mit Blick auf die Rolle von Religion in diesen Transitionen wertvolle Erklärungsbeiträge leisten.

Weitere Literatur

Koehrsen, J./Blanc, J./Huber, F. (2023): Religious Environmental Activism: Emerging Conflicts and Tensions in Earth Stewardship. London: Routledge.

Taylor, B. (2010): Dark green religion: nature spirituality and the planetary future. Los Angeles: University of California Press.

 

Becci, I./Monnot, C./Wernli, B. (2021): Sensing ‘Subtle Spirituality’ among Environmentalists. In: Journal for the Study of Religion, Nature & Culture, 15. Jg., Heft 3, S. 344-367.

Blanc, J. (2023): From “Why Should?” to “Why Do?”. Tensions in the Christian Context while Acting for the Environment. In: Koehrsen, J./Blanc, J./Huber, F. (Hrsg.): Religious Environmental Activism: Emerging Conflicts and Tensions in Earth Stewardship. London: Routledge.

Chaplin, J. (2016): The global greening of religion. In: Palgrave Communications, 2. Jg., S. 1-5.

Djupe, P. A./Olson, L. R. (2010): Diffusion of Environmental Concerns in Congregations across U.S. States. In: State Politics & Policy Quarterly, 10- Jg., Heft 3, S. 270-301.

Gardner, G. T. (2003): Engaging Religion in the Quest for a Sustainable World. In: Worldwatch Institute (Hrsg.): State of the world. A Worldwatch Institute report on progress toward a sustainable society. New York: W. W. Norton & Company, S. 152-175.

Glaab, K. (2017): A Climate for Justice? Faith-based Advocacy on Climate Change at the United Nations. In:Globalizations, 14. Jg., Heft 7, S. 1110-1124.

Ives, C. D./ Freeth, R./ Fischer, J. (2020): Inside-out sustainability: The neglect of inner worlds. In: Ambio, 49. Jg., Heft 1, S. 208.217.

Jamil, S. (2023): Halal Wastewater Recycling. Environmental solution or religious complication? In: Koehrsen, J./Blanc, J./Huber, F. (Hrsg.): Religious Environmental Activism: Emerging Conflicts and Tensions in Earth Stewardship. London: Routledge.

Koehrsen, J. (2023): Religion und Ökologie. In: Sonnenberger, M./Bleicher, A./Gross, M. (Hrsg.): Handbuch Umweltsoziologie. Wiesbaden: Springer VS.

Koehrsen, J./Huber, F. (2021): A field perspective on sustainability transitions: The case of religious organizations. In:Environmental Innovation and Societal Transitions, 40. Jg., S. 408-420.

Pew Research Center (2017): The Changing Global Religious Landscape. Online verfügbar unter https://www.pewforum.org/2017/04/05/the-changing-global-religious-landscape/, zuletzt geprüft am 07.03.2019.

Schaefer, J. (2016): Motivated for Action and Collaboration: The Abrahamic Religions and Climate Change. In:Geosciences, 6. Jg., Heft 3, S. 31.

Taylor, B. (2010): Dark green religion: nature spirituality and the planetary future. Los Angeles: University of California Press.

Taylor, B./van Wieren, G./Zaleha, B. D. (2016): Lynn White Jr. and the greening-of-religion hypothesis. In: Conservation Biology, 30. Jg., Heft 5, S. 1000-1009.

White, L. (1967): The historical roots of our ecologic crisis. In: Science, 155. Jg., Heft 3767, S. 1203-1207.


Jens Köhrsen ist Professor für Soziologie an der University of Oslo und der Universität Basel

jensolek@uio.no

 


Wirtschaft (Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit)

Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit

Wirtschaft und Nachhaltigkeit

Die planetaren Ressourcen, mit denen Menschen sich ihre Umwelt zunutze machen und einrichten, sind endlich und ihr Einsatz bzw. Verbrauch muss eingeteilt und geplant werden. Während das ursprünglich als Wirtschaften verstanden wurde, ist die heutige Definition von Wirtschaft auf Wachstum und Steigerung ausgelegt. Die Wirtschaft hat sich in die Nachhaltigkeitsdebatten eingefügt und ihr Wohlergehen selbst ist ein ausgewiesenes Nachhaltigkeitsziel – nicht ohne Probleme oder Zielkonflikte.

Problemaufriss

Bereits Karl Marx’ Analyse des frühen Industriekapitalismus zeigt, dass die damalige wie heutige Weltwirtschaft maßgeblich soziale und ökologische Nebenfolgen erzeugt. Kapital wird eingesetzt, um Waren zu produzieren, die dann für mehr Kapital veräußert werden. Diese sogenannte Akkumulation von Kapital kennt ihrem Wesen nach keine Grenzen. Die sozialen Nebenfolgen, beispielsweise für die Arbeiter:innen, sind vielfältig diskutiert worden und bilden die Grundlage für zentrale politische Ideen und Strömungen der letzten 200 Jahre. Natur nimmt bei Marx und vielen anschließenden Autor:innen die Rolle als Rohstoffquelle ein. Im Zuge der Globalisierung der Wirtschaftstätigkeiten, also der Vernetzung von Menschen, Orten und Märkten, und der damit verbundenen Arbeits- und Aufgabenteilung (u.a. Lohnarbeit oder Care-Verpflichtungen), werden die natürlichen Ressourcen zunehmend problematisiert. Hunger, gewaltsame Konflikte und Naturzerstörung sind nur einige damit verbundene Auswirkungen. Nachhaltigkeit spielt daher aus diesen und anderen externen Gründen (z.B. Gesetzesregelungen) eine besondere Rolle für die Wirtschaft und kann aus internen Beweggründen, die beispielsweise mit einer Umstrukturierung der Unternehmensziele einhergehen, an Relevanz gewinnen.

Einen weiteren Aspekt zum Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft erörtert Karl Polanyi. Seinen Analysen nach kann man das Verhältnis als einen fortwährenden Prozess der Ein- und Entbettung des Ökonomischen in das Soziale ansehen. Eine eingebettete Wirtschaft [1] wäre fester Bestandteil sozialer Praktiken und Strukturen, die Erzeugung und Verteilung von Gütern regeln. Eine entbettete Wirtschaft verselbstständigt sich demgegenüber und löst sich aus allen Sozialbeziehungen und setzt allein auf den Markttausch. Hierzu ist es unumgänglich, dass alles marktförmig getauscht – und daher als Ware [2] betrachtet wird. Letztendlich würden die Gesellschaft und alle sozialen Beziehungen zu einem Anhängsel des Marktes werden. Hiergegen wirken jedoch laut Polanyi Doppelbewegungen: Der „freie Markt“ provoziert so beispielsweise sozialdemokratische Gegenwehr, die seine (negativen) Folgen auffangen und ihn wieder regulieren sollen.

Die einsetzende Industrialisierung hat ein modernes Wirtschaftsverständnis geprägt, das Marx, aber auch Polanyi und viele anschließende Autor:innen direkt mit sozialen Folgen verbinden, ohne hierbei von Nachhaltigkeit zu sprechen. Ökologische Fragen wurden nicht explizit thematisiert. Das dreiseitige Nachhaltigkeitsverständnis, das neben einer ökologischen auch eine soziale und vor allem die ökonomische Dimension beinhaltet, bildet sich ab den 1970er Jahren heraus.

Soziologische Perspektiven auf Wirtschaft und Nachhaltigkeit

Wie die Wirtschaft in die Nachhaltigkeitsdebatte kam

Die Bedeutung des Konzepts „Nachhaltigkeit“ besitzt eine bewegte Geschichte. Pfister, Schweighofer und Reichel (2016) zeigen, dass im 20. Jahrhundert Nachhaltigkeit zuerst als Gegenpol zur Wirtschaft verstanden wurde: Der Club of Rome Bericht aus dem Jahre 1972 problematisierte das exponentielle Wachstum der Weltbevölkerung, des Nahrungs- und Rohstoffbedarfs, das damit verbundene Wirtschaftswachstum und betonte die Grenzen, die der Planet setze. Die Ölkrisen ab 1973 und die mit ihnen einsetzende Rezession verdeutlichten zudem, dass Rohstoffgrenzen insbesondere die Wirtschaft herausfordern und weitreichende Folgen für die Gesellschaften haben. In der zweiten Phase wurde laut Pfister et al. (2016) das Konzept “nachhaltige Entwicklung” zur Überwindung sozio-ökonomischer Ungleichheiten zwischen dem globalen Norden und den Schwellenländern des globalen Südens Schlüsselelement internationaler Entwicklungspolitik. Nachhaltigkeit erlangt somit einen Kontext von wirtschaftlicher Modernisierung. Der Brundtland-Report – eines der bedeutendsten Policypaper – verknüpfte die Entwicklungsmöglichkeit des globalen Südens zusammen mit den Interessen zukünftiger Generationen (siehe Glossarbeitrag Nachhaltigkeit). Nachhaltigkeit wird hier explizit in eine soziale, eine ökologische und eine ökonomische Dimension aufgefächert, die häufig Zielkonflikte hervorrufen und seltener gleichermaßen erreichbar sind [3].

Während der Club of Rome noch vor der akuten Endlichkeit planetarer Ressourcen warnte, an denen auch die wachstumsorientierte Wirtschaft nicht vorbeikomme, hat sich mit dem Brundtland-Report eine auf den Ausgleich widersprüchlicher Ziele orientierte Nachhaltigkeitsdefinition durchgesetzt. Nachhaltiges Wirtschaftswachstum wurde somit zu einer Säule der Nachhaltigkeit, die durch entsprechende politische Programme erreicht werden sollte. Ausdruck hierfür sind komplexe Transformationsstrategien, die die Konflikte zwischen sozialen, ökonomischen und ökologischen Zielen in Einklang bringen sollen (bspw. Green Growth oder Bioökonomie). Seit den 2000er Jahren hat sich die Wirtschaftspolitik zunehmend einem Grünen Wachstumspfad bzw. einem Green Deal verschrieben, während ab den 2010er Jahren zunehmend auch Wirtschaftsunternehmen Nachhaltigkeit als Ziel ihrer Corporate Social Responsibility reklamieren, die bis hin zu ganz explizit erwarteten und angestrebten Transformationsprozessen reichen können.

Gesellschaftliche versus individuelle Verantwortung

Die Veränderung der Nachhaltigkeitskonzepte hat in Bezug auf Wirtschaft auch die Verantwortung verschoben. Die Grenzen des Wachstums sind ein Problem für die wachstumsorientierte Wirtschaftsweise und das Handeln von Wirtschaftsunternehmen. Dennoch ist die Verantwortung den Menschen zugeschrieben worden. Nachhaltiges Handeln und vor allem nachhaltiger Konsum werden überspritzt zur Bürger:innenpflicht, die bei Mülltrennung beginnt und bei komplexen Verzichtsdebatten endet. In Form des CO2-Fußabdruck kann ein individueller Anteil an der Zerstörung der Natur und dem Klimawandel angelastet werden. Der CO2-Fußabdruck ist darüber hinaus aber auch ein Ausdruck einer symptomatischen Veränderung des Verhältnisses von Nachhaltigkeit und Wirtschaft hin zu einer parasitären Einverleibung. Die Maßzahl wurde Mitte der 2000er Jahre aktiv von British Petrol (BP) durch eine PR-Kampagne lanciert – und suggerierte, dass jeder Mensch seinen Abdruck kennen müsse, um ihn reduzieren zu können. CO2-Emissionen werden dadurch von einem gesellschaftlichen zu einem individuellen Problem, das nicht auf Ebene der Wirtschaftsweise (fossil-basiert, linear, extraktivistisch, massenproduzierend und -konsumierend), sondern auf individuellen Entscheidungen beruht (vgl. Doyle 2011).

Wenn nicht mehr die Gesellschaft, ihre Institutionen und insbesondere die kapitalistische Wirtschaftsweise maßgeblich für ein nachhaltiges Wirtschaften in die Pflicht genommen werden, sondern Verantwortung auf Individuen ausgelagert wird (Responsibilisierung ), dann wird ersichtlich, dass Wirtschaftslogiken die Nachhaltigkeitsdebatte prägen oder gar gekapert haben. Was genau dies für den Diskurs und die praktische Umsetzung von Nachhaltigkeitskonzepten bedeutet, ist eine der zentralen Fragen der Soziologie der Nachhaltigkeit.

Nachhaltigkeit, Informalität und Globale Verbindungen

Im Zuge der voranschreitenden Globalisierung beziehen Akteure aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft immer öfter die Perspektiven ganz unterschiedlicher Produzent:innen, Händler:innen und Konsument:innen weltweit in ihre Betrachtungen mit ein, wenn sie Nachhaltigkeit adressieren. Studien verweisen auf strukturelle Unterschiede, wie beispielsweise die Rolle der informellen Ökonomie in Ländern des Globalen Südens. So unterliegen beispielsweise, die weitestgehend in kleinen bis mittelgroße Unternehmen produzierten Güter und Dienstleistungen (fast) keinen rechtlichen Vorgaben (Charmes 2020), umfassen zugleich Subsistenz- und Care Arbeit und machen in urbanen Kontexten zwischen 20-60% der Arbeitsleistung aus (Komollo 2010). Dieser Umstand macht es einerseits zu einer besonderen Herausforderung, Nachhaltigkeitskonzepte und -strategien von politischer Seite zu erdenken, zu implementieren und zu kontrollieren. Andererseits wird eine Vielzahl von kleinen Innovationen als Grassroots-Initiativen umgesetzt, die nachhaltiges Handeln in wirtschaftlichen Prozessen mitdenken.

Ein Beispiel aus dem Agro-Food-Sektor verdeutlicht, welche Auswirkungen die Globalisierung der Wirtschaft hat. Insbesondere in Ländern des Globalen Südens häufen sich die negativen Auswirkungen auf Produktion, Logistik und Vermarktung, wenn Anbaugebiete von Abholzung, Überdüngung oder Dürren betroffen sind, prekäre Arbeitsbedingungen für (Saison-)Arbeiter:innen entstehen, Landverbrauch und zunehmender börsennotierter Handel von Agrarprodukten, die Lebensmittelpreise in Krisenzeiten zusätzlich erhöhen. Gerade die wissenschaftliche Auseinandersetzung zeigt, dass alle Dimensionen von Nachhaltigkeit (sozial, ökologisch und ökonomisch) adressiert werden müssen und mit anderen gesellschaftlichen Institutionen wie Arbeitsmärkte, Finanzsysteme oder Konsumweisen verflochten sind. Wie oben bereits erläutert, ist eine Trennung von Gesellschaft bzw. wirtschaftlichen Aktivitäten und der Natur gerade bei der Betrachtung von Nachhaltigkeit wenig zielführend, vielmehr bedarf es einer integrierten Auseinandersetzung.

Möglichkeiten nachhaltiger Entwicklungen

Bereits gegenwärtig lassen sich in den Verständnissen von Nachhaltigkeit unterschiedliche und idealtypische „Entwicklungspfade“ zukünftiger Nachhaltigkeit erkennen (Adloff und Neckel 2019). Das hat für wirtschaftliches Handeln ganz verschiedene Auswirkungen.

Der erste besteht in einer grünen Modernisierung des Kapitalismus, wie sie etwa Konzepte des sogenannten „Green-“ oder „Ecocapitalism“ andeuten (Mol et al. 2016). Zwar lassen sich für solche Konzepte einige konkrete Beispiele finden, etwa ethische Geldinstitute, die dem Banken- und Finanzsystem kritisch gegenüberstehen und sozial-ökologische Aspekte explizit zur Grundlage ihrer Geschäftsmodelle machen. Allerdings stoßen sie oftmals an inhärente Grenzen, beispielsweise wenn diese Geldinstitute mit einer steigenden Anzahl an Kund:innen konfrontiert sind, die weniger die ethischen und ökologischen Aspekte ihrer Geldanlagen im Blick haben, sondern primär Renditen einfordern (Lenz 2018; Lenz/Neckel 2019). Anhand solcher Beispiele lässt sich sehr gut nachvollziehen, dass die Konzepte ökologischer Modernisierung die Prinzipien der kapitalistischen Marktwirtschaft weitgehend unangetastet lassen und im Kern darauf abzielen, Umwelt- und Ressourcenprobleme mit wirtschaftlichem Gewinninteresse zu vermitteln. Dadurch sind Transformationspotenziale begrenzt.

Der zweite denkbare Entwicklungspfad von Nachhaltigkeit, den Adloff und Neckel benennen, zielt auf eine grundlegende Transformation der kulturellen und ökonomischen Strukturen des Kapitalismus. In dieser Vorstellung von Nachhaltigkeit reicht es nicht aus, „schlechtes“ Wachstum (zum Beispiel Diesel-Autos) zu begrenzen und „gutes“ Wachstum (zum Beispiel E-Autos) zu fördern. Vielmehr bedürfe es einer institutionellen Transformation nicht nur des Wirtschaftssystems, sondern des gesamten sozialen, kulturellen und politischen Handelns (Kallis et al. 2018; Barnebeck et al. 2016). Hinzu kommt ein möglicher dritter Entwicklungspfad von Nachhaltigkeit, der nicht auf die Modernisierung oder Transformation bestehender Strukturen zielt, sondern auf die Ausrufung eines ökologischen Notstands. Aus dieser Perspektive bestünden einzig sinnvolle Antworten auf wirtschaftliche Entwicklungsproblematiken darin, Nachhaltigkeitsziele einzuhalten, auch um den Preis der Aushöhlung demokratischer Prinzipien. Digitalen Technologien wird bereits heute eine Schlüsselrolle in diesen Entwicklungen zugeschrieben. Deren Nachhaltigkeitsnutzen wird allerdings zumeist in ihrer vermeintlich effizienzsteigernden Wirkung gesehen, was aber durchaus gegenteilige Effekte wie erhöhten Konsum, Produktion und Energieverbrauch zur Folge haben kann (Shove 2018, Lenz 2019).

Zum Weiterdenken

Die Soziologie der Nachhaltigkeit zielt zum einen auf die Etablierung eigener theoretischer und methodischer Zugänge, die unterschiedliche soziologische (deskriptiv-analytische, kritisch-normative, praktisch-politische) und interdisziplinäre Perspektiven integriert. Zum anderen wird Nachhaltigkeit als „soziologische Beobachtungskategorie“ (Adloff/Neckel 2019: 168) verstanden, die Konflikte, implizite Widersprüche, neue Macht- und Ungleichheitskonstellationen  sichtbar machen soll. Diese entstehen, wenn verschiedene Gruppen, Institutionen und Organisationen auf Nachhaltigkeit als Handlungsgrundlage zurückgreifen. Insbesondere aus der Perspektive der Wirtschaft gilt Nachhaltigkeit als ein Leitbegriff gesellschaftlichen Wandels besonderer Art. Denn auf der einen Seite sind wirtschaftliche Akteure damit konfrontiert, Nachhaltigkeit in ihre Praktiken einzubinden, um langfristig ökonomisch erfolgreich zu sein. Auf der anderen Seite ist dieser ökonomische Erfolg auch davon abhängig, wie die Zivilgesellschaft diese Praktiken bewertet, auf Schwachstellen hinweist und absichtliche Manipulationen aufdeckt.

Die Soziologie der Nachhaltigkeit richtet vielfältige Fragen an das Themengebiet Wirtschaft: Welche Verständnisse von Nachhaltigkeit werden im wirtschaftlichen Handeln relevant gemacht? Wie gehen unterschiedliche Akteure mit Zielkonflikten zwischen ökologischer, sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit um? Wie und in welchen wirtschaftlichen Kontexten wird Nachhaltigkeit verhandelt? Welche Akteure und Institutionen sind in welchen Macht- und Ungleichheitskonstellationen beteiligt? Inwiefern wirken sich Globalisierung, Digitalisierung, Klimawandel, Kriege oder geopolitische Konflikte auf Nachhaltigkeitsbestrebungen in der Wirtschaft aus? Wie kann Nachhaltigkeit in wirtschaftlichen Kontexten adäquat untersucht werden? Welche methodischen Ansätze eignen sich, um Nachhaltigkeit in Bezug auf Wirtschaft diskursiv und praktisch zu untersuchen?

[1] Der Markttausch kann hierbei mitunter eine untergeordnete Rolle spielen, wenn die Einbettung wirtschaftlichen Handelns in andere Sozialbeziehungen wie Sitten, Riten, Gesetze, Religion, Magie, Aberglaube, Objekte, Zeit, Gelegenheit erfolgt.

[2] Auch Arbeit, Geld und Boden, die keine Waren im eigentlichen Sinne sein können, denn sie werden nicht ‚produziert‘. Polanyi bezeichnet sie daher als „fiktive Waren“.

[3] Das Dreisäulenmodell der Nachhaltigkeit wird auch als Trilemma verstanden, denn die drei Säulen der Nachhaltigkeit schließen sich mitunter aus. Beispielsweise sind chemische Industrien einerseits potenziell umweltschädlich, erwirtschaften aber für bestimmte Regionen ein unverzichtbares Steueraufkommen. Zugleich bieten sie Arbeitsplätze. Ökologische Nachhaltigkeit (Verzicht auf Chemieindustrie) hieße, Steueraufkommen zu verlieren (ökonomische Nachhaltigkeit) und Beschäftigungsmöglichkeiten zu verlieren (soziale Nachhaltigkeit).

Weitere Literatur

Grunwald, A./Kopfmüller, J. (2022): Nachhaltigkeit. 3. Auflage. Frankfurt a. M.: Campus.

Neckel, S./Degens, P./Lenz, S. (2022): Kapitalismus und Nachhaltigkeit. Frankfurt a. M.: Campus.

Zilles, J./Drewing, E./Janik, J. (2022): Umkämpfte Zukunft. Zum Verhältnis von Nachhaltigkeit, Demokratie und Konflikt. Bielefeld: transcript.

 

Adloff, F./Neckel, S. (2019): Modernisierung, Transformation oder Kontrolle? In: Dörre, K./Rosa, H./Becker, K./Bose, S./Seyd, B. (Hrsg.): Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften. Wiesbaden: Springer VS. S. 167-180.

Barnebeck, S./Kalff, Y./Sauer, T. (2016): Institutional Diversity. In: Sauer, T./Elsen, Susanne/Garzillo, C. (Hrsg.): Cities in Transition. Social Innovation for Europe’s Urban Sustainability. London: Routledge. S. 192-203.

Charmes, J. (2020): Why and how should the informal economy be revisited after 50 years? In: Ders.: Research Handbook on Development and the Informal Economy. Cheltenham: Edward Elgar. S. 1-17.

Doyle, J. (2011): Where has all the Oil gone? BP branding and the discursive Elimination of Climate Change. In: Heffernan, N./Wragg, D. A. (Hrsg.): Culture, Environment and Ecopolitics. Newcastle: Cambridge Scholars Publisher. S. 200-225.

Hickel, J. (2020): Less is more: How Degrowth will save the world. London: William Heinemann.

Kallis, G./Kostakis, V./Lange, S./Muraca, B./Paulson, S./Schmelzer, M. (2018): Research On Degrowth. In: Annual Review of Environment and Resources, 43. Jg., Heft 1, S. 291-316.

Lenz, S./Neckel, S. (2019): Ethical Banks between Moral Self-commitment and Economic Expansion. In: Research in the Sociology of Organizations, 63. Jg., S. 127-148.

Lenz, S. (2021): Is digitalization a problem solver or a fire accelerator? Situating digital technologies in sustainability discourses. In: Social Science Information, 60. Jg., Heft 2, S. 188-208.

Meadows, D. H./Meadows, D./Randers, J./Behrens, W. W., III (1972): The Limits to growth. A report for the Club of Rome’s project on the predicament of mankind. New York: Universe Books.

Komollo, F. O. (2010): Regularizing the informal sector “jua kali” activities in Nairobi for sustainable development. Paper from the 46th ISOCARP Congress.

Polanyi, K. (1978): The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Pfister, T./Schweighofer, M./Reichel, A. (2016): Sustainability. London: Routledge.

Shove, E. (2018): What is wrong with energy efficiency? In: Building Research & Information, 46. Jg., Heft 7, S. 779-789.


Linda Hering ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am SFB 1265 “Re-Figuration von Räumen” an der TU Berlin

E-Mail: linda.hering@hu-berlin.de

Dr. Yannick Kalff ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich 1: Kultur- und Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück

E-Mail: yannick.kalff@uni-osnabrueck.de

Dr. Sarah Lenz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Zukünfte der Nachhaltigkeit“

E-Mail: sarah.lenz@uni-hamburg.de


Rezension zum Buch "Rechtspopulismus vs. Klimaschutz? Positionen, Einstellungen, Erklärungsansätze"

Rezension zum Buch "Rechtspopulismus vs. Klimaschutz?"

Sommer, B., Schad, M., Kadelke, P, Humpert, F., Möstl, C. (2022): Rechtspopulismus vs. Klimaschutz? Positionen, Einstellungen, Erklärungsansätze. München: oekom, 168 S., 25 EUR. ISBN: 978-96238-30-2

Ein „doppeltes Desiderat“ in der gegenwärtigen Forschung

Ausgangspunkt der Studie ist die Feststellung eines „doppelten Desiderats“ (Sommer et al. 2021: 62) in der gegenwärtigen Forschung: Einerseits erfahren die Phänomene des erstarkenden Rechtspopulismus sowie die wachsenden Herausforderungen der Klimakrise jeweils große Aufmerksamkeit, andererseits widmen sich nur wenige Studien dem möglichen Zusammenhang zwischen beiden Bereichen (vgl. Sommer et al. 2022: 13). Die leitende Forschungsfrage des Buches lautet daher: „Gibt es einen Zusammenhang zwischen den sich verschärfenden ökologischen Krisen wie der Klimakrise sowie den politischen Bestrebungen, diese einzudämmen, und dem Erstarken des Rechtspopulismus?“ (ebd.: 14). Mit ihrer Arbeit zielen die Autor*innen darauf ab, die genannte Forschungslücke zu schließen, da die Phänomene der Klimakrise sowie des (Rechts-)Populismus zwar häufig gesondert, jedoch selten einer gemeinsamen Beobachtung unterzogen werden. Damit lässt sich die Studie einer Reihe von Forschungen zuordnen, die sich aktuell mit den politischen Debatten und gesellschaftlichen Konsequenzen der sozial-ökologischen Transformation beschäftigten (vgl. u.a.: Blühdorn 2020; Gürtler et al. 2021; Ekberg et al. 2022; Eversberg 2023; Mau et al. 2023; Quent et al. 2022).

Um ihrer Fragestellung nachzugehen, verfolgen Sommer et al. ein dreifaches Forschungsinteresse. Erstens bieten sie einen umfassenden Überblick über die aktuelle Forschungsliteratur zu rechtspopulistischen Positionen und deren Verhältnis zu den Themen Umwelt- und Klimaschutz. Zweitens erweitern sie bestehende Studien um eine Sekundärdatenanalyse, die Korrelationen zwischen (rechts-)populistischen Einstellungen sowie Einstellungen zu Klima- und Umweltschutz in den Blick nimmt. Drittens formulieren sie basierend auf diesen Erkenntnissen sechs prägnante Thesen zum Umgang mit den Herausforderungen, die sich durch das Erstarken rechtspopulistischer Politiken für die sozial-ökologische Transformation ergeben. Diesem Forschungsinteresse gehen Sommer et al. in vier Kapiteln nach, die im Folgenden kurz zusammengefasst und kritisch gewürdigt werden.

Populismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus

Die Autor*innen führen zu Beginn strukturiert in gängige Definitionen der zentralen Begriffe Populismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus ein und erörtern bestehende Erklärungsansätze für das Erstarken des (Rechts-)Populismus. Als Definition des Begriffes Populismus wird insbesondere diejenige von Cas Mudde und Rovira Kaltwasser herangezogen. Sommer et al. schließen sich dieser vielfach verwendeten Definition an und verstehen (Rechts-)Populismus folglich primär als Ideologie (vgl. Sommer et al. 2022: 30). Damit grenzen sie sich gegenüber Ansätzen ab, die Populismus dementgegen als politisch-strategisch charakterisieren (vgl. Weyland 2001). Mudde et al. definieren Populismus als „dünne Ideologie“, die primär auf einer moralisch aufgeladenen Gegenüberstellung von „Volk vs. Elite“ beruht (vgl. Mudde 2004: 543). Für Sommer et al. bietet sich diese Definition von Populismus an, da sie sich – trotz aller Kritik – als „anschluss- und diskursfähig“ (Sommer et al. 2022: 25) erwiesen hat, in seiner theoretischen Offenheit nicht auf spezifische parteiförmige Populismen reduziert und insbesondere den Exklusivitätsanspruch populistischer Akteure beleuchtet. Nach einem historischen Rückblick zum Aufstieg des Rechtspopulismus nehmen Sommer et al. eine Systematisierung aktueller Forschungsthesen vor, die den Versuch unternehmen, das Erstarken des Rechtspopulismus zu erklären. Sommer et al. unterscheiden fünf Erklärungsansätze: die Ökonomiethese, die Kulturthese, die Kontinuitätsthese und Einstellungsebene, Wandel im politischen Feld sowie synthetisierende Ansätze (vgl. ebd.: 33).

Der breit aufgestellte Überblick zu Konzepten, Geschichte und Erklärungsansätzen von Rechtspopulismus bietet nachvollziehbare und gut strukturierte Zusammenfassungen des mittlerweile großen Forschungsfeldes zu diesem Thema. Durch die systematische Unterteilung in fünf verschiedene Erklärungsthesen wird die Vielzahl an qualitativen, quantitativen und ideengeschichtlichen Studien überzeugend geordnet. Darüber hinaus wäre es spannend gewesen, neben der Rekonstruktion der Ansätze auch eine Einschätzung der Autor*innen zu lesen, welche Fragen offenbleiben.

Widersprüchliche Positionen im Rechtspopulismus zu Klima und Umwelt

Nachfolgend präsentieren Sommer et al. zentrale Positionen und Begründungsmuster im (Rechts-)Populismus zu Klima und Umwelt und fassen Erklärungsansätze aus der Forschung zusammen (vgl. ebd.: 33ff.). Hierbei greifen die Autor*innen auf Ergebnisse bereits bestehender Studien zu klima- und umweltpolitischen Aussagen institutionalisierter, rechtspopulistischer Parteien zurück. Auch in dieser Darstellung systematisieren die Autor*innen eine Fülle an Studien und unterscheiden zwischen verschiedenen Argumentationen innerhalb rechtspopulistischer Positionen. Diese erweisen sich insgesamt als vielschichtig und teils widersprüchlich: So zeigen die Autor*innen auf, dass einige rechtspopulistische Akteure den anthropogenen Klimawandel und den wissenschaftlichen Konsens dazu im Kern infrage stellen, während andere vorrangig Zweifel an den entsprechenden Umsetzungsstrategien zur Bekämpfung der Klimakrise haben. Klima-, Energie- und Umweltpolitik werde aus verschiedenen Gründen abgelehnt: diese sei sozial ungerecht, stelle ein „Elitenprojekt“ dar, schränke die individuelle und – sofern durch die EU vorangetrieben – auch die nationale Freiheit ein (vgl. ebd.: 62ff.). Als eher rechtsextreme Position, die teils aber auch von rechtspopulistischen Akteuren übernommen wird, nennen Sommer et al. das Narrativ, „Naturschutz als Heimatschutz“ zu begreifen. In dieser Argumentation ist die Ablehnung klimapolitischer Maßnahmen damit begründet, dass diese – wie beispielsweise die Errichtung von Windrädern – einer nationalistisch aufgeladenen Vorstellung von „Natur“ widerspreche und schade (vgl. ebd.: 72f.).

Als Erklärung dafür, warum rechtspopulistische Akteure Klima- und Umweltpolitik überwiegend ablehnend gegenüberstehen, präsentieren Sommer et al. unterschiedliche Aspekte (vgl. ebd.: 77ff.):

So gehen Teile der ausgewerteten Studien davon aus, dass es sich bei den beschriebenen Positionen zum einen um eine ideologisch begründete Ablehnung der Klima- und Umweltpolitik handelt, die mit der Parteizugehörigkeit und -sympathie einhergehe. Zum anderen wird die Ablehnung aber auch als strategisches Vorgehen charakterisiert: Rechtspopulist*innen machen ein ideologisches Angebot für die Betroffenen der Transformation und sichern sich mit ihrer Position ein Alleinstellungsmerkmal in der gegenwärtigen Parteienlandschaft in Deutschland. Zudem zeige sich im Einsatz für den Naturschutz ebenfalls eine strategische Motivation rechter Akteure, die „für die Natur“ gegen klimapolitische Maßnahmen mobilisieren können. Als weiteren Erklärungsansatz machen Sommer et al. in der bestehenden Forschung die These aus, dass sich in Klima- und Umweltschutzkonflikten milieubezogene Debatten um die Lebensführung kristallisieren. Daran anknüpfend werde in der Ablehnung von Klima- und Umweltpolitik außerdem ein Konflikt um die Verteidigung von Privilegien deutlich. Psychologisch ausgerichtete Studien führen rechtspopulistische Positionen zu Klima und Umwelt auf ein Hierarchiedenken und autoritäre Einstellungen zurück. Ansätze aus der Emotionsforschung interpretieren diese Positionen als eine Verarbeitung erfahrener oder befürchteter Verluste im Zuge der sozial-ökologischen Transformation (vgl. ebd.: 2022: 88).

Zusammenfassend konstatieren die Autor*innen, dass rechte Parteien von einer Klimawandelskepsis geprägt seien und dementsprechend Klima- und Umweltschutzpolitik i.d.R. ablehnen. Wenn man der Definition von (Rechts-)Populismus nach Cas Mudde folgt, ist das Fazit dieses Kapitel plausibel: Sommer et al. fassen zusammen, dass sich die Argumentationen der AfD gegen Klima- und Umweltschutzmaßnahmen primär als populistisch charakterisieren lassen, da sie sich im Kern auf die Gegenüberstellung von „Volk vs. Elite“ beziehen (vgl. ebd.: 76). Bereichernd wäre jedoch eine ausführlichere Begründung gewesen, warum die Narrative der AfD, die auf eine Pro-Volkssouveränität abspielen und einer Anti-Establishment Rhetorik folgen, lediglich als populistisch kategorisiert werden. Dies lässt die Frage offen, warum die deutlich nationalistisch geprägten Vorstellungen des „Volkes“ der in Teilen rechtsextremen AfD nicht ins Gewicht fallen, um diese Argumentationen als Teile einer rechten Ideologie zu klassifizieren.

Rechtspopulismus, Klima und Umwelt: Bevölkerungseinstellungen

Im vierten Kapitel kehren Sommer et al. auf die zentrale Forschungsfrage zurück und widmen sich einer detaillierten Sekundär-Datenanalyse von Klimaeinstellungen und (rechts-)populistischen Haltungen. Auf Grundlage der Daten des GESIS-Panels möchten die Autor*innen einen „ersten deskriptiven Überblick […] verschaffen, ob sich auf Bevölkerungsebene auffällige Verteilungen und Einstellungsmuster detektieren lassen und in welcher Größenordnung überhaupt Interaktionen [zwischen rechtspopulistischen Einstellungen und Einstellungen zu Umweltschutz und Klimawandel] zu beobachten sind“ (ebd.: 95).

Die Analyse der Umwelt- und Klimaeinstellungen ergab, dass ein Bewusstsein um die ökologische Krise bei der Mehrheit der Befragten vorliegt und dies auch mit einer Sorge um die Umwelt einhergeht. Klimawandelskeptizismus ist dagegen nur gering ausgeprägt (vgl. ebd.: 110). Wenn es um konkrete Maßnahmen zur Eindämmung von Umweltkrise und Klimawandel geht, sind die Aussagen weniger eindeutig:

„Auf die Frage etwa, ob höhere Steuern für den Umweltschutz akzeptabel sind, dreiteilt sich die Bevölkerung: ein Drittel affirmiert Steuererhöhungen, ein Drittel ist unschlüssig und ein Drittel lehnt sie ab. Dieses Muster dupliziert sich auch im Bereich der Energiewende: Zwar sind über 80 Prozent der Auffassung, dass die Zukunft in den erneuerbaren Energien liegt, gleichwohl befürchtet jede*r Zweite, dass die Energiewende den Industriestandort Deutschland gefährdet und nur jede*r Dritte sieht große Kraftwerke für eine sichere Stromversorgung als erlässlich an.“ (ebd.: 111)

An diese Zwischenergebnisse knüpft sich die Frage an, inwiefern populistische und rechtsideologische Komponenten Teil dieser Meinungsdifferenzen sind. Die Autor*innen unterscheiden zwischen Faktoren des Populismus (Anti-Establishment, Anti-Pluralismus, Pro-Volkssouveränität) und des Rechtspopulismus (Nativismus, Autoritarismus, Geschlechteraspekte, EU-Skeptizismus und Nationalstolz). Zwischen den Einstellungen zu Klima-/Umweltthemen und populistischen Einstellungen finden sich schwache Zusammenhänge:

„Je eher Personen populistische Haltungen teilen, desto geringer ist ihr ökologisches Krisenbewusstsein ausgeprägt; desto eher relativieren sie Sorgen um die Umwelt; desto niedriger ist die Bereitschaft für den Umweltschutz Verzicht zu üben; desto weniger dringlich wird die Problematik des Klimawandels eingeschätzt und desto skeptischer wird die Energiewende betrachtet.“ (ebd.: 113)

Ein ähnliches Muster findet sich bei den rechtsideologischen Einstellungen: Wer rechtsideologischen Aussagen tendenziell zustimmt, macht sich weniger Sorgen um Klima und Umwelt, hat ein schwächeres ökologisches Krisenbewusstsein und ist kritischer gegenüber Einschränkungen und Maßnahmen wie die Energiewende (vgl. ebd.: 117). Die gemessenen Zusammenhänge sind beim Rechtspopulismus zwar stärker als beim Populismus, jedoch weiterhin nur mittel bis schwach ausgeprägt. Ins Gewicht fallen vor allem die Faktoren EU-Skeptizismus und Nativismus. Die Autor*innen halten fest:

„Es lässt sich feststellen, dass sich Menschen mit populistischen Positionen und rechtsideologischen Haltungen in Bezug auf ihre Umwelt- und Klimawandeleinstellungen dahingehend unterscheiden, dass Menschen die populistische Ansichten teilen, kaum Zweifel an der Existenz einer bevorstehenden Umweltkrise oder des Klimawandels haben, sondern eher die politischen Maßnahmen kritisieren und tendenziell ablehnen. Menschen dagegen, die rechte Vorstellungen teilen, lehnen nicht nur praktische Nachhaltigkeitspolitiken in der Tendenz ab, sondern relativieren auch die Umweltkrise und den Klimawandel bzw. wünschen sich eine weniger prioritäre Behandlung dieses Themas.“ (ebd.: 122)

Damit zeigt die deskriptive Sekundärdatenanalyse ausführlich, dass und zu welchen Aspekten rechtspopulistische Einstellungen und Einstellungen zu Umwelt und Klima korrelieren.

Rechtspopulismus als Herausforderung für die sozial-ökologische Transformation

Grundsätzlich beobachten Sommer et al., dass der Großteil der rechtspopulistischen Akteure in Deutschland, aber auch international, klimawandelskeptisch sind und entsprechenden politischen Maßnahmen im Sinne einer sozial-ökologischen Transformation folglich ablehnend gegenüberstehen. Durch die ausführlichen Analysen der Sekundärdaten kommen die Autor*innen zu dem Schluss, dass allerdings durchaus Disparitäten zwischen organisierten Rechtspopulist*innen und Einstellungen der Bevölkerung zu verzeichnen sind. So zeigt sich, dass die Anhänger*innen rechtspopulistischer Politik nicht zwangsläufig geschlossen hinter den angebotenen Narrativen zum Klimawandel stehen. Vielmehr richten sie ihren Protest und ihr Abwehrhaltung gegen konkrete politische Projekte konkreter Klimaschutzmaßnahmen. So leugnet die AfD offen den Klimawandel, während der Großteil der deutschen Bevölkerung dies nicht tut. Diese Disparität erklären die Autor*innen damit, dass organisierte Akteure des Rechtspopulismus populistische Argumentationen vor allem strategisch verwenden. Die Aneignung der Klima- und Umweltthematik durch rechtspopulistische Akteure sei dabei nicht zu unterschätzen und stelle eine Herausforderung für das Gelingen einer sozial-ökologischen Transformation dar: „Die Leugnung des anthropogenen Klimawandels sowie Ablehnung von Klima- und Umweltschutz ist zunehmend ein zentraler Bestandteil des zeitgenössischen Rechtspopulismus.“ (ebd.: 132f.) Wie dieser Herausforderung zu begegnen sei, stellen die Autor*innen zum Abschluss ihrer Studie vor.

Dazu reichern Sommer et al. bestehende Vorschläge zum Umgang mit Rechtspopulismus mit den Ergebnissen ihrer Studie an und formulieren sechs Thesen zum spezifischen Umgang mit Rechtspopulismus im Kontext der sozial-ökologischen Transformation und damit verbundenen Aspekten zu Klima und Umwelt.

Erstens plädieren die Autor*innen dafür, die sozialen und ökonomischen Auswirkungen von Klima- und Umweltpolitik ernst zu nehmen. Klima- und umweltpolitische Maßnahmen müssten unter Berücksichtigung der sozialen, räumlichen und wirtschaftlichen Ungleichheit vor Ort geplant werden, um (rechts-)populistischen Narrativen („Klimapolitik ist ein – urbanes – Eliten-Projekt und auf Kosten des Volkes“) entgegenzuwirken (vgl. ebd.: 136f.). Zweitens weisen Sommer et al. darauf hin, dass Debatten um konkrete Maßnahmen transparent geführt werden müssten, was einen positiven und re-politisierenden Effekt mit sich bringen könnte. Drittens plädieren sie dafür, partizipative Formate in der Transformationspolitik zu stärken, um Konflikten entgegenzuwirken. Dies könne im Rahmen von Bürgerbeteiligungsprozessen oder finanzieller Teilhabe an Transformationsprojekten geschehen (vgl. ebd.: 140). Viertenskönnten Parteien jenseits der AfD mit einer ausdifferenzierten Klima- und Umweltpolitik ihr politisches Profil in der sozial-ökologischen Transformation schärfen. Die Autor*innen betonen fünftens, dass es wichtig sei, am Wert von politischer Bildungsarbeit festzuhalten und diese auszuweiten. Dennoch müsste aber auch die begrenzte Wirkung solcher Programme einberechnet werden. Schlussendlich – sechstens – schlagen Sommer et al. vor, dass für das Gelingen einer sozial-ökologischen Transformation auch positive Zukunftsperspektiven nötig seien, die ein Gegengewicht zu rechtspopulistischen Angstszenarien darstellen können. Damit, und so enden die Autor*innen, sei sogar die Hoffnung verbunden, durch eine erfolgreiche soziale und ökologische Transformation dem Rechtspopulismus den „gesellschaftliche[n] ‚Nährboden‘“ (ebd.: 144) zu entziehen.

Welche Fragen bleiben offen?

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass sozioökonomische Merkmale in der Studie nur eine untergeordnete Rolle bei der Betrachtung von Bevölkerungseinstellungen in Bezug auf Rechtspopulismus, Klima und Umwelt spielen. Zwar betonen die Autor*innen, dass diese laut Berechnungen keinen erwähnenswerten Einfluss hätten, dennoch sei angemerkt, dass weitere Analysen in diesem Bereich mit Sicherheit von Bedeutung sein könnten – insbesondere da die Autor*innen in den abschließenden sechs Thesen dieses Thema aufgreifen und Sensibilität für die unterschiedlichen sozio-ökonomischen Belastungen in der sozial-ökologischen Transformation fordern.

Für nachfolgende Untersuchungen könnte zudem der Frage nachgegangen werden, inwiefern lokale Unterschiede innerhalb der Bundesrepublik in Bezug auf Klimaschutzpolitik bestehen. Insgesamt liefert die Monographie einen wichtigen und zentralen Überblick über die Auswirkungen rechtspopulistischer Tendenzen auf die sozial-ökologische Transformation in Deutschland. Durch die auf die gesamte Bundesrepublik fokussierte Betrachtungsweise zur Beantwortung der Forschungsfragen lassen sich jedoch wenige Aussagen über eventuelle Unterschiede auf lokaler Ebene sowie zwischen Ost- und Westdeutschland formulieren. Für künftige Forschungsarbeiten wäre es daher sinnvoll, an die Ergebnisse dieser Studie anzuknüpfen und diese zu erweitern.

Schluss

Das Buch richtet sich sowohl an eine akademische Leser*innenschaft als auch an zivilgesellschaftliche und politische Akteure, die den Wandel der sozial-ökologischen Transformation mitgestalten möchten. Während die Studie diesem Anspruch in weiten Teilen gerecht wird und grundlegende Begriffe wie Populismus ausführlich definiert, werden andere Fachbegriffe (z. B. Nativismus, Xenophobie) nicht erklärt. Die teilweise ausführlichen Rekonstruktionen verschiedener Erklärungsansätze könnten das Lesen erschweren. Bisweilen hätte eine klarere Einordnung und Positionierung durch die Autor*innen der Leserin mehr Orientierung in der Fülle an Studien und Erklärungsansätzen geboten. Dennoch liefern die systematischen Darstellungen einen fundierten Überblick und können als Nachschlagewerk dienen, insbesondere für zivilgesellschaftliche und politische Akteure. Der Zugänglichkeit für eine breitere Leser*innenschaft besonders zuträglich sind zudem die tabellarischen und graphischen Zusammenfassungen (vgl. z.B. S. 90).

Aufgrund der Tatsache, dass es bisher wenig Forschungsergebnisse in Bezug auf die Auswirkungen von Rechtspopulismus und Klimakrise gibt, stellt die Pilotstudie eine bedeutsame und dringend notwendige Weiterentwicklung des aktuellen Forschungsstandes dar. Die abschließenden Thesen bieten besonders vielfältige Handlungsperspektiven und unternehmen den Versuch, einen konstruktiven Umgang mit rechtspopulistischer Vereinnahmung von Klima- und Umweltthemen zu finden. Damit stellt die Studie einen hilfreichen Beitrag für das Verständnis von Klima- und Umwelteinstellungen im Zusammenhang mit Rechtspopulismus dar.

Blühdorn, I./Butzlaff, F./Deflorian, M./Hausknost, D./Mock, M. (2020): Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit. Warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet. Bielefeld: transcript.

Gürtler, K./Staemmler, J./Luh, V. (2021): „Klimapolitik, Unsicherheit und Aufbruch. Strukturwandel als Gelegenheit für die Lausitz.“ In: Nanz, P./Lawrence, M./Renn, O./Meyer, J. (Hrsg.): Klimaschutz: Wissen und Handeln. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 171-184.

Ekberg, K./Forchtner, B./Hultman, M./Jylhä, K. (2022): Climate Obstruction. How Denial, Delay and Inaction are Heating the Planet. London: Routledge.

Eversberg, D. (2023): „Anpassung, Verteilung, Externalisierung. Drei Dimensionen des sozial-ökologischen Transformationskonflikts.“ In: PROKLA – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, 210. Jg., Heft 53/1, S. 137-159.

Mau, S./Lux, T./Westheuser, L. (2023): Triggerpunkte: Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp.

Mudde, C. (2004): “The Populist Zeitgeist.” In: Government and Opposition, 39. Jg., Heft 4, S.541-563.

Quent, M./Richter, C./ Salheiser, A. (2022): Klimarassismus. Der Kampf der Rechten gegen die ökologische Wende. München: Piper.

Sommer, B./Schad, M./Möstl, C./Humpert, F./Kadelke, P. (2021): „Rechtspopulismus als Desiderat der sozial-ökologischen Transformationsforschung.“ In: GAIA – Ecological Perspectives on Science and Society, 30. Jg. , S. 62–64.

Weyland, K. (2001): “Clarifying a Contested Concept: Populism in the Study of Latin American Politics.” In: Comparative Politics, 34. Jg, Heft 1, S. 1-22.


Ann-Katrin Kastberg (M.A.) und Dora Stanić (M.Sc.) arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für demokratische Kultur der Hochschule Magdeburg-Stendal in dem Forschungsprojekt „Rechtsextremismus in ökologischen Transformationsräumen: Diskursangebote, Resonanzwege und demokratische Alternativen (RIOET)“. RIOET untersucht, wie sich die Klimakrise in lokalen Transformationskontexten auf die politische Sozialisation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Ost- und Westdeutschland auswirkt. Das Projekt wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert und ist eine Kooperation mit der Hochschule Düsseldorf.

ann-katrin.kastberg@h2.de 

dora.stanic@h2.de


Zukunft (Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit)

Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit

Die Zukunft der Nachhaltigkeit

Dass die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft durch den Nachhaltigkeitsbegriff problematisiert wird, führt soziologisch zu den Fragen, wie die (Vorstellung von) Zukunft auf die Gegenwart einwirkt und Zukunft überhaupt soziologisch beobachtet werden kann. ‚Nachhaltige Zukunft‘ lässt sich soziologisch als umkämpftes Konfliktfeld beobachten, in dem Akteur*innen gegenwärtig Praktiken der Kapital-, Macht- und Wissensakkumulation nutzen, um ihre Sichtweisen, Interessen und präferierten Lebensmodelle durchzusetzen.

Wie wollen und können wir in Zukunft leben?

Im Lichte der Vielfältigkeit gegenwärtiger Krisenerscheinungen scheint es so, als steuere die spätmoderne Gesellschaft auf ein neues Zeitalter von ungeahnten Katastrophen zu. Einige Zeitgenoss*innen gehen gar so weit, die Zukunft der Menschheit im Stile dystopischer Science-Fiction-Filme nicht mehr auf der Erde, sondern im Weltall bzw. auf dem Mars zu sehen und mobilisieren enormes Kapital, um dies möglich zu machen. Klassische Zukunftsfragen und Erwartungen der Moderne (Wie wollen wir in Zukunft leben? oder Unsere Kinder werden es einmal besser haben als wir), werden offensichtlich immer stärker von der Frage überformt: Können kommende Generationen in Zukunft überhaupt noch (gut) auf der Erde leben? Die ökologischen Grenzen und Kosten der Wohlstandsproduktion des Industriezeitalters sind kurzum nicht nur mit einer Vielzahl ökonomischer und sozialer Implikationen verbunden, sondern strukturieren als sorgenvoller und warnender Blick auch die Zukunftsvorstellungen unserer Zeit. Man könnte sagen, die planetaren Grenzen manifestieren sich nicht länger nur materiell, sondern auch in der Zeitdimension als soziale Antizipationen von Zukunft. Diese Grenzen sind dabei jedoch keinesfalls homogen strukturiert; etwa entlang des Dualismus Mars oder klimainduzierter Untergang? Sie differenzieren sich vielmehr entlang der Pluralität sozialer Systeme, Lagen und Erfahrungswelten aus und sind dabei je nach Machtpotenzial der sie produzierenden (kollektiven) Akteure auch in sehr unterschiedlichem Maße durchsetzungsfähig. Eine umfassende soziologische Perspektive auf Nachhaltigkeit muss deshalb sensibel für diese differenzierten und machtgeladenen Zukunftsvorstellungen sein.

Zukunft und Nachhaltigkeit

Spätestens seit Ende der 1980er Jahre steht eine nachhaltige Zukunftsgesellschaft, die ihre Bedürfnisse an der Vereinbarkeit mit jenen Bedürfnissen künftiger Generationen messen muss auf der politischen Agenda der Weltgemeinschaft [1]. Nachhaltigkeit ist seither zu einem weithin anerkannten normativen Leitbild avanciert, „in dem unsere Sorge um die Zukunft zum Ausdruck kommt“ (Klauer et al. 2013: 19). Implizit und explizit ist der Nachhaltigkeitsdiskurs mit vielfältigen und einander konfligierenden Zukunftsvorstellungen angefüllt (für eine Übersicht siehe auch Delanty 2020): von naturwissenschaftlichen Szenarien über mögliche klimatische Entwicklungen und sozialwissenschaftlichen Reflexionen damit einhergehender Lebensbedingungen; über utopische Ideale einer in ökologischer Harmonie lebenden Postwachstumsgesellschaft; der dystopischen Selbstbeschreibung von Protestbewegungen als ‚Letzte Generation‘; bis hin zu politischen Zielvorstellungen, die in den Sustainable Development Goals (SDGs) Nachhaltigkeit mit Entwicklungsoptimismus paaren. Der Klimawandel und andere sozial-ökologische Krisen entfalten ihre gegenwärtige Relevanz gerade mit Bezug auf die Antizipation von Zukunft. Im Nachhaltigkeitsdiskurs wird dabei auf verschiedene Imaginationen von Zukunft zurückgegriffen, die handlungsinstruktiv eingesetzt und verstanden werden. Der soziologische Diskurs zur Nachhaltigkeit untersucht diese vielfältigen Vorstellungen von zukünftiger Nachhaltigkeit und fragt, wie sich Zukunft dabei überhaupt erforschen lässt.

Soziologische Perspektiven auf Zukunft und Nachhaltigkeit

  1. Soziologische Grundperspektiven auf ‚Zukunft‘

Die Soziologie kann keine Antwort auf die Frage geben, was die Zukunft ist oder wie sie sein wird. Im Selbstverständnis einer Erfahrungswissenschaft greift die Soziologie nicht auf den Zeitpunkt ‚Zukunft‘ zu, sondern auf die schon gegenwärtig verfügbaren Bilder, Semantiken, Visualisierungsmöglichkeiten und Vorstellungen von Zukunft.

a) Die sozialen Bedingungen der Entstehung von Zukunftsimaginationen: Eine grundlegende Erkenntnis aus Sicht der Soziologie ist, dass der Blick auf die Zukunft von gesellschaftlichen Bedingungen abhängt. Wir wissen heute, dass unser Verständnis von Zukunft als ungewiss (obgleich nicht zwingend ‚unsicher‘) historisch erst ‚entdeckt‘ wurde (Hölscher 1999). Die systemtheoretische Wissenssoziologie zeigt dabei nicht nur, dass die vorherrschenden gesellschaftlichen Zeitkonzeptionen [2] abhängig von der Gesellschaftsstruktur variieren, sondern auch, dass sie als Lösungen bestimmter Probleme dieser Gesellschaftsformen gesehen werden können (Rammstedt 1975). Innerhalb gesellschaftlich dominanter Zeitwahrnehmung gibt es dabei stets auch konträr hierzu stehende Varianten; etwa die Vorstellung eines sich zyklisch regenerierenden Waldes trotz linear fortschreitender Kalenderzeit.

Von dieser Prämisse ausgehend interessiert die (Wissens-)Soziologie gerade nicht die Wahrscheinlichkeit für das Eintreffen einer Zukunftsvorstellung; stattdessen erforscht sie die sozialen Bedingungen ihrer Äußerung und den damit variierenden sozialen Umgang mit unsicheren oder ‚riskanten‘ Zukünften (Beck 2017). Historisch entstanden sehr unterschiedliche Ordnungen des Zukunftswissens, die verschiedene zukunftsbezogene Denkfiguren beinhalten; wie etwa religiöse Heilserwartungen und Prophezeiungen, rationale Prognosen, Planung und Utopien, sowie künstlerische und kulturindustrielle Artefakte nach dem Muster dystopischer Hollywoodfilme, aber auch architektonische Entwürfe wie „grüne Großstädte“ (Willer/Bühlen 2016). Setzt man das Nichtwissen über die Zukunft als Problem, lässt sich fragen, welche unterschiedlichen Qualitäten diese Denkfiguren aufweisen.

Konsequenterweise birgt die Rede von ‚der Zukunft‘ im Singular soziologisch stets die Frage, wessen Zukunft (welcher historischen und sozialen Rollen, Gruppen, Milieus und Bedingungen) damit eigentlich gemeint ist; erst im Plural gedacht lässt sich die gegenwärtige Zukunft, als milieu-, kultur- oder systemspezifischer Zugriff auf stets noch offene Zukunft soziologisch reflektieren (inklusive all der daraus entstehenden Konflikte). Denn wie sich schon gegenwärtig die Zukunft (oder auch Vergangenheit) für Akteur*innen äußert, hängt ab von deren „Lebensalter, Mentalität und sozialer Lage“ (Neckel 1988: 467) sowie den gesellschaftlichen Positionen und Rollen, die sie einnehmen. Klimawissenschaftler*innen sehen die Zukunft allein aufgrund ihrer sozialen Position und Rolle anders als ein CEO eines großen Tech-Konzerns.

b) Soziale Konsequenzen von Zukunftsvorstellungen: Gleichwohl wissen wir, dass auch andersherum Zukunftsimaginationen trotz der Ungewissheit ihres Eintretens Einfluss auf soziales und politisches Handeln haben. In den Fokus geraten dann nicht länger die Bedingungen, sondern eben soziale Konsequenzen von Zukunftsvorstellungen. Es ist, gemäß des Thomas Theorems [3] nicht der Wahrheitsgehalt eines (Zukunfts-)Wissens, der Handlungsweisen strukturiert und insofern für die Soziologie relevant ist, sondern schlichtweg, dass Akteure eine bestimmte Situations- und damit auch Zukunftsdeutung als real definieren. Die Art und Weise, wie über Zukunft nachgedacht wird (woran auch die Soziologie selbst teilnimmt) beeinflusst also gegenwärtige Praktiken (Schiller-Merkens 2022) und damit auch die Zukunft, z.B. in der Form einer selbsterfüllenden oder selbstzerstörerischen Prophezeiung [4]. Ebenso beeinflusst werden Praktiken und Identifikationen von Gruppen und Kollektiven. Ob am an einer drohenden Apokalypse orientierten Prepping (Nagel 2021) oder dem Optimismus des Wirtschaftsliberalismus (Beckert 2018: 439ff.): Wissenssoziologisch lässt sich zeigen, dass Zukunftsvorstellungen auf vielfältige Weise in das Alltagswissen eingeschrieben und mit spezifischen Formen des Handelns verbunden sind.

Es wird also nicht nur 1.) die konkrete Vorstellung der Zukunft gemäß gegenwärtiger gesellschaftlicher Strukturen beeinflusst; sondern auch 2.) in die andere Richtung beeinflusst die Vorstellung oder das Wissen (und Nicht-Wissen) von der Zukunft das jeweilige Handeln von Akteur*innen. Vor diesem Hintergrund lassen sich auch kulturelle Erzählungen über die Zukunft als Fundus gesellschaftlicher Zukunftsvorstellungen, -hoffnungen und -ängste begreifen. Das CliFi-Genre [5] etwa kann so etwa als Hinweis auf vorhandene gesellschaftliche Zukunftsvorstellungen gelesen werden und erweist sich in diesem Sinne auch als sozialwissenschaftlich anschlussfähig, insofern derlei dystopische Katastrophenerzählungen „mit dem Anspruch auf[treten], etwas freizulegen, etwas aufzudecken, das unterhalb der Oberfläche der Gegenwart noch verborgen ist“ (Horn 2014: 25) – obwohl es sich hierbei natürlich ‚nur‘ um Fiktion handelt.

  1. Die soziologische Untersuchung nachhaltiger Zukünfte

Die enge Verwobenheit von Gesellschaftsstruktur und Zukunftsimaginationen, bzw. generell Zeitvorstellungen zeigt sich gerade dort, wo gesellschaftlich induzierte Umweltschäden im Sinne des planetaren Wohlbefindens überwunden werden sollen. Der Historiker Dipesh Chakrabarty (2009) etwa sieht deshalb auch einen Dreh- und Angelpunkt im kontemporären Nachhaltigkeitsdiskurs in der Ausweitung der Zeiträume, in denen menschliches Denken stattfindet. So erlaubt der Blick auf das Anthropozän [6] für Chakrabarty nicht nur die Überwindung des Mensch-Natur-Dualismus, sondern pocht auch auf ein Denken in besonders großen Zeiträumen, die im bisherigen Denken der Menschen ausgeblendet wurden. Wenn der Einfluss des Menschen auf den Planeten Erde eben auch in tausenden Jahren noch nachweisbar sein wird, wird es Zeit, das Handeln an breiteren Zeitskalen (der sog. deep time) auszurichten.

Darüber hinaus kann der soziologischen Beobachtung des Nachhaltigkeitsdiskurses etwa auffallen, dass der Zugriff auf zukünftige Gesellschafts- und Umweltverhältnisse im Nachhaltigkeitsdiskurs eine ähnliche Rationalität aufweist wie das moderne Risikobewusstsein, da beide das moderne Problem offener Zukunft adressieren. Das macht das Spannungsverhältnis von Nachhaltigkeit und Risikobewusstsein zu einem möglichen Untersuchungsobjekt, das den Konflikt von zyklischen und linearen Zeitwahrnehmungen in der Gesellschaft zum Thema hat (siehe hierzu Suttner 2023). Zugleich bemerkt die Soziologie, dass der antizipatorische Blick in die Zukunft auch die politische Gestaltung derselben und das soziale Handeln präformiert. Der Klimawandel lässt sich als eine „emanzipatorische Katastrophe“ (Beck 2017) deuten – also als eine Form der selbstzerstörenden Prophezeiung: Indem durch die Antizipation einer dystopischen Zukunft vielfältige soziale Dynamiken in Gang gesetzt werden (vom Wandel von Normen, über wissenschaftliche Konferenzen bis hin zu politischen Initiativen und veränderten Lebensstilentwürfen) soll ihr Eintreten verhindert werden. Da der Handlungsaufruf dieses Zukunftsszenarios stark ausgeprägt ist, stößt es auf Opposition, wo dieser Aufruf kritisch hinterfragt wird. Der politische Wertekonflikt verschiebt sich damit zu einem Konflikt von Zukunftsszenarien (s.u. zum Thema „Zukünfte der Nachhaltigkeit“).

Dies lässt sich am gegenwärtigen, bewegungsförmig organisierten Klima-Aktivismus und seinen Gegner*innen zeigen. Hier sieht man, dass die Rationalität der Protestpraxis gerade aus der Antizipation von dystopischen Zukünften entspringt, die in Gewissheit übersetzt werden müssen und Räume für alternative Strategien und neue Utopien eröffnet. Klimawissenschaftler*innen und Klimabewegungen (re)produzieren durch ihre Forschungspraxis bzw. ihren Aktivismus das Wissen einer nicht nur zukünftig, sondern bereits gegenwärtig und in der Vergangenheit verorteten Klimakatastrophe und Erwartungen über ein kommendes Massensterben und einem damit verbundenen „Zukunftsklau“ für kommende Generationen, wenn politisch nicht radikal umgesteuert werde (Wendt 2022) Klimawandelleugner*innen wiederum erkennen dieses Zukunftswissen nicht an, politisieren, u.a. die mit ihm verbundene Unsicherheit und naturalisieren die Zukunft des Klimasystems (‚das Klima hat sich immer gewandelt‘). Die enge Verflechtung von (konfliktbeladenen) Zukunftswissen und daraus abgeleiteter Unmittelbarkeit von Lösungsstrategien, macht Klimaproteste zu einer politisch höchst aufgeladenen Angelegenheit.

Wo Zukunftsvorstellungen und die Zukunft vermischt, bzw. als ein als ‚realer‘ und vorhersehbarer Moment (miss‑)verstanden werden und damit der Konstruktions-, Macht- und Konfliktgehalt aller Zukunftsvorstellungen verkannt wird, verweist die Soziologie auf die Vernachlässigung dieser Wechselverhältnisse und die Machtdimensionen, die mit der Anrufung verschiedener Zukünfte verbunden sind. In Bezug auf die Produktion sozial-ökologischer Utopien (also positive, erstrebenswerte Zukunftsvorstellungen), lässt sich etwa zeigen, dass wirtschaftliche und politische Machtzentren ihr ökonomisches und kulturelles Kapital dafür einsetzen, hegemoniale Vorstellungen einer nachhaltigen bzw. grünen Moderne zu produzieren, die (vor allem technische) Lösungsstrategien für die sozial-ökologische Krise anbieten und bewerben (Wendt 2018, Jochum 2020).

Im Nachhaltigkeitsdiskurs lassen sich idealtypisch jedoch mindestens drei verschiedene „Zukünfte der Nachhaltigkeit“ (Adloff et al. 2020) voneinander unterscheiden, die ihrerseits mit spezifischen Imaginationen, (Macht‑)Strukturen und (konfligierenden) Praktiken verbunden sind: 1.) Am weitesten verbreitet sind dabei Vorstellungen von einer Zukunft als Ökologisierung der kapitalistischen Marktwirtschaft. Klima- und Umweltkrisen sollen vor allem durch technische Mittel und marktbasierte Instrumente gelöst werden. Diese Wissensbestände stabilisieren als Rechtfertigungsordnungen das bestehende gesellschaftliche Ordnungsgefüge durch ökologische Innovationsversprechen. 2.) Auf der Grundlage einer immanenten Kritik dieser Versprechen im Lichte der Nicht-Erreichung von ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitszielen produzieren Teile der sozial-ökologischen Bewegungen radikalere Transformationsutopien: „System Change, Not Climate Change‘. Dieses Zukunftswissen zielt häufig auf die Überwindung bestehender (etwa kapitalistischer, postkolonialer, patriarchaler) Macht- und Herrschaftsordnungen und alternative Formen von Gesellschaft, wie etwa eine Postwachstumsgesellschaft oder einen Grünen Sozialismus. 3.) Im Angesicht der Erwartung, dass es bereits zu spät sei, den planetaren Kollaps zu verhindern, zielen manche Forderungen von Klimawissenschaftler*innen auch auf (technokratische) Kontrollmöglichkeiten; von weitreichenden technischen Eingriffen wie Geo-Engineering bis hin zum Aufbau umfassender Katastrophenschutz-, Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen.

Über diese, von Adloff et al. vorgenommene Typisierung hinaus zirkulieren im Nachhaltigkeitsdiskurs aber auch gerade in rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen, Zukunftsvorstellungen, die gegen alle drei Zukünfte der Nachhaltigkeit, vor allem aber Kontroll- und weitreichende Transformationsutopien gerichtet sind, und die diese als Dystopie einer kommenden (kommunistischen) Klima- bzw. Ökodiktatur imaginieren (Wendt 2022). Die Klimaszenarien der Nachhaltigkeitsforschung und -bewegung werden hier als Ideologien und Manipulationsversuche von Eliten wahrgenommen, die zum Ziel haben, die Gesellschaft zu de-industrialisieren und zu beherrschen. Diese Zukunftsimaginationen intendieren den weitreichendsten Konservatismus, indem Zukunft als eine Verlängerung und Verteidigung des fossilen Zeitalters und der mit ihm verbundenen sozialen Praktiken gedacht wird.

[1] Siehe hierzu: Glossareintrag zum Begriff „Nachhaltigkeit“

[2] Rammstedt spricht von ‚okkasionellem‘, ‚zyklischem‘ sowie ‚linearem‘ Zeitbewusstsein mit entweder geschlossener oder offener Zukunft. Die moderne Gesellschaft kennzeichnet vor allem ein lineares Zeitverständnis mit offener Zukunft. Das heißt, Zeit wird als seriell voranschreitend gesehen, ohne angebbaren Letztzeitpunkt (wie dies etwa noch im apokalyptischen Szenario der theologischen Eschatologie der Fall war)

[3] Das Thomas Theorem besagt: „if men define situations as real, they are real in their consequences”. In: Thomas, W. I. (1928): The Child in America: Behavior Problems and Programs. New York: Alfred A. Knopf. S. 572.

[4] Während eine selbsterfüllende Prophezeiung sich dadurch auszeichnet, dass eine falsche Definition der Situation, vorliegt, die aber „ein neues Verhalten hervorruft, das die ursprünglich falsche Sichtweise richtig werden läßt“, kennzeichnet eine selbstzerstörende Prophezeitung, dass sie „das Eintreten eben jenes Umstands verhindern, der sonst eintreten würde“ Merton, R. K. (1995): Soziologische Theorie und soziale Struktur. Berlin: de Gruyter, S. 124 und 399ff.

[5] CliFi (kurz für: Climate Fiction, in Anlehnung an die Abkürzung zu Science Fiction) ist ein Literatur Genre, in welchem (häufig) postapokalyptische Szenarien vor dem Hintergrund ökologischer Katastrophen gezeichnet werden.

[6] Das Anthropozän stellt eine geologische Epoche dar, in welcher der menschliche Einfluss (ähnlich anderer ökologischer Einschnitte) auf das Ökosystem des Planeten stets datierbar sein wird.

Zum Weiterdenken

‚Nachhaltige Zukunft‘ ist ein sozial-differenziertes, konfliktreiches und politisch umkämpftes Territorium (siehe hierzu die Literaturvorschläge Zilles 2022). Hinter den abstrakten Typen von Zukunftsvorstellungen befinden sich Akteur*innen, die konkrete Praktiken der Kapital-, Macht- und Wissensakkumulation in Stellung bringen, um ihre Sichtweise, Interesse und präferierten Lebensmodelle durchzusetzen. Die soziologische Beobachtung verweist darauf, dass sich Nachhaltigkeit im Sinne einer positiv besetzten Zukunftsvorstellung gegen das moderne Wissen einer stets offenen Zukunft durchsetzen muss. Am erfolgreichsten gelingt dies entweder, indem sie diese Offenheit schlichtweg negiert (‚die Daten sind eindeutig!‘) oder aber sich gegenüber dem Status Quo als nützlich inszeniert, selbst wenn die Warnung vor einem ökologischen Kollaps sich nicht bewahrheiten sollte.

Zum Weiterlesen

Adloff, Frank; Fladvad, Benno; Hasenfratz, Neckel, Sighard 2020 (Hrsg.): Imagination von Nachhaltigkeit. Katastrophe, Krise, Normalisierung. Frankfurt am Main: Campus.

Wendt, Björn 2018: Nachhaltigkeit als Utopie. Zur Zukunft der sozial-ökologischen Bewegung. Frankfurt am Main: Campus.

Zilles, Julia; Drewing, Emily; Janik, Julia 2022 (Hrsg.): Umkämpfte Zukunft. Zum Verhältnis von Nachhaltigkeit, Demokratie und Konflikt. Bielefeld: transcript.

Beck, Ulrich 2017: Die Metamorphose der Welt. Berlin: Suhrkamp.

Beckert, Jens 2018: Imaginierte Zukunft: Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp.

Chakrabarty, Dipesh 2009: “The Climate of History: Four Theses”, in: Critical Inquiry 35:2, S. 197-222.

Delanty, Gerard 2020: Wann beginnt die Zukunft? Überlegungen zu Temporalität, Nachhaltigkeit und Zukunftsszenarien, in: Adloff, Frank; Fladvad, Benno; Hasenfratz, Neckel, Sighard (Hrsg.): Imagination von Nachhaltigkeit. Katastrophe, Krise, Normalisierung. Frankfurt am Main: Campus, S. 49-70.

Hölscher, Lucien 1999: Die Entdeckung der Zukunft. Frankfurt a.M.: Fischer.

Horn, Eva 2014: Zukunft als Katastrophe. Frankfurt a.M.: Fischer.

Jochum, Georg 2020. Nachhaltigkeit zwischen Sozial- und Technikutopie. Transformationspotentiale der utopischen Diskurse der Moderne, in: Soziologie und Nachhaltigkeit. 6(1), 21–48. https://doi.org/10.17879/sun-2020-2820

Klauer, Bernd, et al. 2013: Die Kunst langfristig zu denken: Wege zur Nachhaltigkeit. Baden-Baden: Nomos.

Nagel, Alexander-Kenneth 2021: Vorbereitung auf den Untergang: Prepper als apokalyptische Szene? In: Betz, Gregor, Bosančić, Sasa (Hrsg.): Apokalyptische Zeiten. Endzeit- und Katastrophenwissen gesellschaftlicher Zukünfte Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 27-43.

Neckel, Sighard 1988: Entzauberung der Zukunft: Zur Geschichte und Theorie sozialer Zeitperspektiven. In: Zoll, Rainer (Hrsg.): Zerstörung und Wiederaneignung von Zeit. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. S. 464–486.

Rammstedt, Ottheim 1975: „Alltagsbewußtsein von Zeit“, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 27:1, S. 47–63.

Schiller-Merkens, Simone 2022: Prefiguring an alternative economy: Understanding prefigurative organizing and its struggles, in: Organization, 0:0. S. 1-19.

Suttner, Sebastian 2023: Das zeitliche Dilemma der Nachhaltigkeit: Wie Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellt. In: Henkel, Anna et al. (Hrsg.): Dilemmata der Nachhaltigkeit. Baden-Baden: Nomos. S. 109-124.

Wendt, Björn 2022: Zwischen Kollaps und Ökodiktatur. Wissenssoziologische Beobachtungen zu den Dystopien des aktuellen Klimadiskurses. In: Betz, Gregor, Bosančić, Sasa (Hrsg.): Apokalyptische Zeiten. Endzeit- und Katastrophenwissen gesellschaftlicher Zukünfte Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 133-157.

Willer, Stefan; Bühler, Benjamin 2016 (Hrsg.): Futurologien. Ordnungen des Zukunftswissens. Schöningen: Brill.


Björn Wendt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Münster

E-Mail: björn.wendt@uni-muenster.de

Sebastian Suttner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Würzburg

E-Mail: sebastian.suttner@uni-wuerzburg.de

Beitrag als PDF/DOI: 10.17879/sun-2024-5641


Tagungsbericht Soziologische Waldforschung im Aufbruch 2023

Tagungsberichte

Soziologische Waldforschung im Aufbruch

Tagungsbericht zum ersten Soziologischen Waldsymposium am 01. Dezember 2023 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

 

Beim Soziologischen Waldsymposium kamen Anfang Dezember 2023 erstmals Forschende zusammen, die aus soziologischer Perspektive zu Waldthemen arbeiten. Ein breites Spektrum von Beiträgen zeigte eindrucksvoll die Vielfalt der waldsoziologischen Forschungslandschaft, der es allerdings bisher an Vernetzung gefehlt hat, sowie ihre Beiträge zur kritisch-reflexiven Analyse gesellschaftlicher Konfliktlinien rund um Wald, Forst und soziale, ökologische und ökonomische Transformationen. Die Veranstaltung war vor diesem Hintergrund spürbar von einer Aufbruchstimmung geprägt. Organisiert wurde das Symposium von Jana Holz (FSU Jena), Ronja Mikoleit (FVA Freiburg), Dr. Anna Saave (HU Berlin) und Ronja Schröder (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) mit praktischer und organisatorischer Unterstützung von Sebastian Drue (FSU Jena) .

41 Soziolog*innen, Sozialwissenschaftler*innen und sozialwissenschaftlich interessierte Waldforschende kamen am Morgen des 01. Dezember 2023 in der Friedrich-Schiller-Universität Jena auf Einladung der BMBF-Nachwuchsgruppe „Mentalitäten im Fluss“ (flumen) zusammen. Da die soziologische Waldforschung bisher noch kaum institutionell in Forschungseinrichtungen oder Professuren verankert ist, waren vor allem engagierte Nachwuchswissenschaftler*innen in Form von Doktorand*innen und Post-Docs anwesend. Um der Community das Kennenlernen und Netzwerken weiter zu erleichtern, kamen neben Vorträgen und moderierten Diskussionen auch interaktive und partizipative Methoden zum Einsatz: Von Murmelgruppen über das gemeinsame Erarbeiten und Clustern von Forschungsthemen und eine Steckbriefausstellung bis zum gemeinsamen geografischen Mapping der Teilnehmenden im Raum (Wo leben und arbeiten wir?). Die aus den anwesenden Personen im Gang interaktiv entstehende Landkarte umfasste dabei den geografischen Raum zwischen München im Südosten und London im Nordwesten, Freiburg im Südwesten und Eberswalde im Nordosten. Sichtbar wurden wenige größere Personen-Cluster und viele “Satelliten”, also Forschende ohne waldsoziologische Kolleg*innen in der (geografischen) Nähe – umso größer die Freude über die Vernetzung! Es bestätigte sich folglich der große Bedarf an Austausch und Community-Building im Feld der soziologischen Waldforschung.

Die Teilnehmenden des ersten Soziologischen Waldsymposiums in Jena (Foto: Sebastian Drue/flumen)

In ihrer thematischen Anmoderation schilderten die Organisatorinnen ihre Begeisterung über das große Interesse an der Veranstaltung und die vielen spannenden waldbezogenen Forschungsthemen der Teilnehmenden: “Unsere Hoffnung, dass ‘da draußen’ noch mehr spannende soziologische Waldforschung stattfindet, hat sich voll und ganz erfüllt!” Sie äußerten ihren Wunsch nach Austausch innerhalb einer gleichzeitig soziologischen und thematisch geprägten Peer-Community sowie das bisherige Fehlen eines ‘epistemischen Zuhauses’: Es fehlt an Strukturen für die soziologische Waldforschung. Denn das Forschungsthema ‘Wald und Gesellschaft’ bringt es fast notwendigerweise mit sich, dass sich Forschende in verschiedenen interdisziplinären Feldern bewegen, etwa in Kontexten der interdisziplinären Umweltsozialwissenschaften, der Umweltsoziologie, der Forstwissenschaften und Forstpolitikwissenschaften, der Wissenschaftsforschung, der feministischen Forschung, der Biodiversitätsforschung, der Nachhaltigkeitsforschung, der Bioökonomieforschung, etc. Um angesichts dieser dynamischen inter- und transdisziplinären Kontexte eine eigene soziologische und kritisch-sozialwissenschaftliche Perspektive zu bestärken und die Navigation dieser Felder zu erleichtern, wollten die Organisatorinnen mit dieser Veranstaltung ein disziplinär orientiertes, aber offenes Forum für Austausch unter Forschenden mit ähnlichen Interessen und Erfahrungen, für gemeinsame Projekte und gegenseitige Unterstützung etablieren.

Was sind die Gründe für diese bisherige Leerstelle? Die Organisatorinnen verwiesen in ihrer Einleitung auf die Tatsache, dass sich die Soziologie als Disziplin bekanntermaßen lange relativ wenig mit Umweltthemen beschäftigt hat. Die inzwischen etablierte Umweltsoziologie wurde lange als randständig betrachtet und nach wie vor bringt die Berührung mit anderen Disziplinen sowohl Potenziale wie Herausforderungen mit sich. Neben der Umweltsoziologie macht die inter- und transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung in den letzten Jahren auf sich aufmerksam, Wald steht jedoch hier nur selten im Fokus. Auch die Land- und Agrarsoziologie bietet potenziell Anknüpfungspunkte für soziologische Waldforschung, legt allerdings einen klaren Fokus auf die Themen Landwirtschaft und Ernährung.

Auch die sich aus den Forstwissenschaften heraus entwickelte forstpolitikwissenschaftliche Forschung mit ihrem Fokus auf Governance-Fragen und eher klassische politische Arenen und Institutionen lässt sich gewinnbringend um eine kritische soziologische Perspektive erweitern. Nicht zuletzt verstehen sich Forstwissenschaftler*innen bis heute häufig als für alle Waldthemen zuständige Vertreter*innen einer Universaldisziplin, die verschiedenste waldbezogene Sub-Disziplinen vereint.

Im Vergleich zu diesen bisherigen Forschungsprogrammen zeigt das Tagungsprogramm eindrücklich die Vielfalt, Tiefe und Breite der bereits existierenden soziologisch inspirierten Forschung zu waldbezogenen Themen, auch wenn sie bisher wenig sichtbar war und im Gegensatz zu den Forstpolitikwissenschaften oder der Umwelt- oder Agrarsoziologie eine institutionelle Verankerung noch weitgehend aussteht.

Inhaltlich gliederte sich das Symposium in vier Teile: Zunächst stellten die ersten sechs Referent*innen in einer Runde von Kurzbeiträgen unter der Überschrift “Wald und Forst(wirtschaft) in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik” ihre aktuelle Forschung oder Forschungsvorhaben vor. Anschließend fanden in zwei parallelen Sessions je drei Vorträge statt, die tiefergehende Einblicke ermöglichten und Zeit für Diskussion boten. Am Nachmittag schlossen sich weitere Kurzvorträge zum Thema “Wald im Wandel: Akteure, Krisen, Konflikte” und der Keynote-Vortrag von PD Dr. Stephanie Bethmann (FVA Freiburg) als inhaltlicher Kristallisationspunkt der Veranstaltung an.

In der ersten Runde der Pitches schürten Dr. Susanne Koch (TU München), Dr. Kathrin Böhling (LWF), Diana Cichecki (FVA), Philipp Ott, Leonie Wagner (jeweils TU München) und Anna Brietzke (ISOE) in jeweils maximal dreiminütigen ‘Pitches’ weitere Neugier auf ihre spannenden Projekte, die in unterschiedlicher Weise Praktiken, Akteure, Rollenverständnisse, Konzepte und rechtliche Rahmenbedingungen der Forstwissenschaft und Forstpraxis aus praxeologischer, systemtheoretischer, rechtswissenschaftlicher, kapitalismuskritischer und weiteren Perspektiven untersuchen.

In der anschließenden ersten Vortragssession erhielten die Teilnehmenden von Ronja Mikoleit und Dr. Carolin Maier (FVA Freiburg) einen Eindruck davon, wie unterschiedliche Menschen, sowohl Bürger*innen als auch Förster*innen, in „Wald-Krisengebieten“ in Südwestdeutschland klimabedingte Waldveränderungen erleben. Ergebnisse aus quantitativen Umfragen und qualitativen go-along-Interviews spannten einen Bogen von Gefühlen von Demut über Ohnmacht bis hin zur Deutung forstlichen Handelns als Kampf. Daran anschließend bot Ann-Kristin Kühnen von der TU Dresden Einblicke in technosoziale Perspektiven auf den Wald. In ihrem Vortrag stellte sie Fragen nach der „Verdatung“ von Wäldern und deren selektiver Übersetzung: Wie informieren, konstituieren und beeinflussen sich Technologie und Wald gegenseitig? Zu welchem Zweck wird was verdatet und in Wert gesetzt? Die Vortragssession schloss mit einem Vortrag von Manuel John, Philipp Mack und Ronja Mikoleit von der Uni Freiburg zur Emotionalität öffentlicher Kontroversen zum Thema Waldbewirtschaftung in Deutschland und dahinterliegenden „deep stories“.

Die Diskussion im Anschluss an die drei Vorträge drehte sich unter anderem um erkenntnistheoretische Fragen in Bezug auf Daten im und über den Wald sowie geschlechtertheoretische Wald-Perspektiven. Ebenso wurde intensiv über Darstellungsweisen und epistemische sowie politische Positionierungen in Bezug auf die Dichotomisierung von Forst und Naturschutz debattiert.

In der zweiten Vortragssession erhielten die Teilnehmenden zunächst von Dr. Kerstin Botsch (Nationalpark Schwarzwald, gemeinsam mit Dr. Susanne Berzborn) methodische und inhaltliche Einblicke in zwei Sets qualitativer Interviews, welche Beziehungen von im Schwarzwald lebenden      Personen zum Wald dokumentieren und die Rekonstruktion und ein Verständnis verzweigter Veränderungen von Waldbeziehungen von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart ermöglichen. Dr. Christopher Klapperich (LMU München) bot Einblicke in seine laufende Forschung zu Akteur*innen und Praktiken der Aufforstung in den Philippinen. Er analysierte konfligierende Verständnisse von ursprünglichem Wald in dieser Region und erwog Möglichkeiten der Stärkung der Gestaltung von Zukunftswäldern durch Wissenschaft und Zivilgesellschaft und Formen lokal engagierter Forschung. Im Anschluss daran schilderte Markus Rudolfi seinen material-semiotischen Zugang zu Naturschutzpraktiken im Nationalpark Bayerischer Wald-Šumava. Sein Vortrag bot nicht nur Einblicke in die spezifische Methodik seiner Forschung, sondern zeigte auch die Ambiguität von Deutungshoheit und sprachlicher Vermittlung in der Waldnaturschutzarbeit auf.

Neben den drei Kurzvorträgen von Dr. Sebastian Garbe (HS Fulda), Dr. Christoph Burmeister (HU Berlin) und Jan Gilles (LSE) gab es in der darauffolgenden zweiten Runde von Kurzvorträgen aufgrund einiger einer krankheitsbedingter Absagen Raum für drei spontane Inputs von Sandra Liebal (TU Dresden), Katharina Linne (HNE Eberswalde) und Prof. Dr. Pierre Ibisch (HNE Eberswalde). Die sechs Kurzbeiträge machten neugierig auf die Forschungsprojekte und Projektideen zu Solidarisierungsprozessen im und für den Wald, Waldbränden als Prisma nachhaltiger Transformation im Anthro- oder Kapitalozän, Wald als sozio-technischem System, Selbstverständnissen der Forstwirtschaft/-wissenschaft und sozial-ökologischem Waldmanagement und -gerechtigkeit.

Im Anschluss an diese zweite Pitches-Runde identifizierten und clusterten die Teilnehmenden in einer gemeinsamen Mapping-Session kollektiv die waldsoziologische Forschungslandschaft, indem sie Forschungsthemen und -perspektiven sowie Austauschbedarfe zusammentrugen. Auch hier sowie in der lebhaften anschließenden Diskussion wurden nochmals eindrücklich sowohl die zahlreichen gemeinsamen Interessen und Schwerpunkte, aber auch die Vielfalt von Forschungsansätzen und -themen rund um Gesellschaft und Wald deutlich sichtbar.

Ergebnis des gemeinsamen Forschungsthemen/-perspektiven-Mappings (Bild: Sebastian Drue/flumen)

Den krönenden Abschluss des ersten Soziologischen Waldsymposiums bildete der Keynote-Vortrag von PD Dr. Stephanie Bethmann, Leiterin der Stabsstelle Gesellschaftlicher Wandel der FVA Freiburg, unter dem Titel “Soziologie des Waldes: ein praxistheoretischer Entwurf”. Die Einstiegsfrage „Ist der Wald von einem systematischen Interesse für die Soziologie?“ konnte sie überzeugend positiv beantworten, indem sie Wald analytisch als zentralen sozialen Raum, als Kulturlandschaft und Inbegriff von Natur verortete und als Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen sichtbar werden ließ, etwa in Bezug auf die Transformation gesellschaftlicher Naturbeziehungen, Demokratie und Protestformen, Wirtschaftsbeziehungen und Professions- und Verwaltungskulturen.

Anschließend näherte sie sich dem Wald mittels der klassischen Trias der Nachhaltigkeit – Ökologie, Ökonomie und Soziales – und betrachte ihn aufbauend auf verschiedenen Forschungsprojekten ihres Teams als “Naturraum”, “Arbeitsraum” und “Freizeitraum”, sowie damit einhergehende unterschiedliche Bedingungen, Zielkonflikte und Akteurskonstellationen. Somit eröffneten sich Blicke auf forstliche Praktiken, die Ausbildung von Forststudierenden, die Aneignung von Wald durch seine Besucher*innen sowie kulturelle Deutungen des Waldes als Inbegriff von “Natur”. Mithilfe des Anschlusses an verschiedene theoretische Konzepte von Pierre Bourdieu fundierte Stephanie Bethmann überzeugend ihre analytische Perspektive auf die Herstellung und Aneignung von Waldräumen (auch im Kontext von Konflikten in und zwischen Räumen), die Gleichzeitigkeit von Krise und Normalisierung (Transformation, Beharrlichkeit), die Explizierung von Implizitem (epistemischer Bruch, sich neu auf die Suche nach dem Doxischen machen) und auch den Blick auf verteiltes Handeln zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen.

Im Anschluss an das erste Soziologische Waldsymposium haben sich bereits zwei weitere Vernetzungsinitiativen entwickelt, zu denen wir weitere Interessierte sehr herzlich einladen. Die Organisatorinnen riefen den Emailverteiler soz-wald@listserv.dfn.de ins Leben. Darüber können Informationen zu aktuellen Forschungsvorhaben, Veranstaltungen oder Calls for Papers/Participation, zur Literatursuche, aktuellen Publikationen, Stellenausschreibungen oder thematischen Initiativen etc. verbreitet werden. Interessierte Personen können folgenden Link verwenden, um Mitglied der Emailliste zu werden: https://www.listserv.dfn.de/sympa/subscribe/soz-wald?previous_action=info

Zudem schließt sich an das Symposium eine Online-Veranstaltungsreihe des beim ersten Soziologischen Waldsymposiums gegründeten Netzwerk Soziologische Waldforschung an. Im etwa zweimonatigen Rhythmus werden abendliche Online-Vorträge aus dem Netzwerk heraus organisiert. Wir laden alle herzlich ein zur ersten Online-Veranstaltung in diesem Rahmen am 22. Februar 2024 von 17-19 Uhr. Dr. Susanne Koch (TU München) wird das Netzwerk mit einem ersten Vortrag bereichern. In Jena hat sie uns mit ihrem Pitch bereits neugierig gemacht auf ihre spannende Forschung zu Ungleichheiten in der Waldforschung aus wissenschaftssoziologischer Perspektive. Weitere Informationen zur Veranstaltung und den dazugehörigen Zoom-Link verschicken wir Ende Januar über den Soz-Wald-Emailverteiler.

Die nächste Offline-Veranstaltung des neuen Netzwerks wird in der zweiten Jahreshälfte 2024 in Freiburg stattfinden. Das Team der Stabsstelle Gesellschaftlicher Wandel der FVA Freiburg hat sich bereit erklärt, die nächste Tagung des Netzwerks auszurichten. Weitere Infos dazu folgen in Kürze über den soz-wald-Emailverteiler.

Zusammenfassend hat das erste Soziologische Waldsymposium viele bisher vereinzelte “Satelliten” der soziologischen Waldforschung zusammengebracht und die Vielfalt der bereits existierenden soziologischen Waldforschung sowie ihrer inhaltlichen Schwerpunkte und Perspektiven sichtbar gemacht. Es bildet damit einen fruchtbaren Ausgangspunkt für die zukünftige Weiterentwicklung der soziologischen Waldforschung     .

 


Ronja Mikoleit, Soziologin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stabsstelle Gesellschaftlicher Wandel der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (https://www.fva-bw.de/top-meta-navigation/fachabteilungen/stabsstelle-gesellschaftl-wandel) und Doktorandin am Lehrstuhl für Sustainability Governance der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Sie forscht zu gesellschaftlichen Waldbeziehungen, professionellen forstlichen Wissenskulturen und Waldplanung.

Jana Holz ist seit 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin in der BMBF-Nachwuchsgruppe “Mentalitäten im Fluss” (https://www.flumen.uni-jena.de/) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Sie forscht und lehrt zu sozialen Naturbeziehungen in der industriellen Forstwirtschaft in Finnland.

Dr. Anna Saave ist politische Ökonomin und Postdoktorandin in der Nachwuchsgruppe BioMaterialities an der Humboldt-Universität zu Berlin. Anna Saaves Forschungsschwerpunkte liegen auf der Verflechtung von Care- und Reproduktionsarbeit, ökologischen Prozessen und Ökonomie, auf Akkumulationstheorien, Waldnutzung, Bioökonomie, gesellschaftlichen Naturverhältnissen sowie in der Postwachstums- und Transformationsforschung.

Ronja Schröder, Soziologin, ist seit 2021 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg in der Arbeitsgruppe Sozialtheorie. Zurzeit beschäftigt sie sich mit Mensch-Wald-Beziehungen und der Sorge um den Wald.

 


Global South (Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit)

Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit

Global South

Global South is a geopolitical concept that is used to describe places located outside the centres of economic, cultural and political power. These are places that were/are negatively affected by colonialism, imperialism and global capitalism. At the same time, these are places where alternative pathways to sustainability are emerging, based on communal and relational models of life.

Introduction

Global South is a contested and relational concept. It only exists in opposition to a “Global North”, although the boundaries between the two are fuzzy, unstable, and socially constructed in many different ways. In this entry, we first make a brief description of the history of the term. Then, we describe how colonialism, neo-colonialism and global capitalism have shaped the economy and cultural processes of the Global South. After that, we present some alternative discourses emerging from the Global South that question the predominant Northern/Western model of development and propose new pathways for sustainability. We conclude with a reflection on the need to use this term in a critical way in order to avoid homogenising the different histories, cultures, and experiences of the places situated in the “Global South”.

A brief history of the term

The “South” as a geopolitical concept emerged in the 1970s to describe “Third World” or “underdeveloped” societies at the periphery of the world economy. The term was popularized by the Brandt report from the World Bank entitled “North-South: A Program for Survival(1980). The report described economic disparities, based on GDP per capita, between countries geographically located on different sides of a line that encircles the world at a latitude of 30 degrees, passing between the United States and Mexico, between Europe and Africa, Russia and China, and then diverging South to include Japan, Australia and New Zealand as belonging to the North. The report also advocated financial fluxes from the North to the South to stimulate the development and modernization of the South (Armillas-Tiseyra & Mahler 2021; Dirlik 2007). In the 1990s, the term “Global” was affixed to it and it replaced “Third World” after the collapse of the Soviet Union (Levander & Mignolo 2011). The term “Third World” had been coined by Alfred Sauvy in 1952 to refer to the formerly colonized or neo-colonized territories, and to differentiate them from the modernising parts of the world under the influence of capitalism (First World) and socialism (Second World) (Dirlik 2007).

Since the fall of the “Second World”, the term Global South has gained currency in global politics, international development and the social sciences. While the term Global South initially referred to the geographical location of the regions South of the Brandt line, the geographical references of the term have changed over time (Dirlik 2007). Nowadays it mostly describes the regions outside Europe and North America – the “rest” outside the “West” (Mahbubani 1992). However, the term Global South has also been used to refer to peoples who are negatively impacted by capitalist globalization even within the borders of wealthier countries (Armillas-Tiseyra & Mahler 2021).

The concept of a “South in the North” often refers to migration from Africa, Asia, Latin America and the Caribbean to the United States and the European Union. It is also used to refer to poverty pockets, racial conflicts and subaltern groups within developed countries. In this sense, “Global South” is a relational term that is employed to address the negative impacts of capitalist globalization in both the South and the North. Vice versa, the “North in the South” often refers to elites located in countries of the South that seek to reproduce the dominant structures of global capitalism and internal colonial practices towards racialized populations and natural resources. Some regions, such as Central Europe, Russia and Central Asia, sometimes remain in a grey area, neither in the North nor in the South (Levander & Mignolo 2011).

Global South and Sustainability

The legacies of colonialism

The colonial enterprise has shaped the way in which countries from the Global South were incorporated into global capitalism. The exploitation of their territories as resource providers to enrich the (neo)colonial powers has led these countries to often become producers of primary goods and raw materials to supply the industries of the Global North. A recent study (Dorninger et al. 2021) has shown that higher-income (Global North) countries’ demand for raw materials far exceeds their domestic extraction. At the same time, all other world regions are net providers of raw materials, i.e. their production exceeds their consumption of resources. Global North countries also appropriate a disproportionately large share of energy, labour and land. However, the monetary compensation for resources exported by countries in the South – especially labour – is lower, and countries of the Global North tend to receive more than double the Trade in Value Added (TiVA) per embodied energy exported than poorer countries (Dorninger et al. 2021).

This unequal exchange not only indicates disproportionate access to resources by countries of the Global North, but it also suggests that economic growth and technological progress in the North depends on the exploitation of land and people in other regions of the world (Dorninger et al. 2021; Jorgenson & Clark 2009). In 2023, Global South countries, defined by GDP per capita, contained roughly 75% of the world population but earned 20% of the global wealth (World Population Review 2023).

Besides its economic implications, processes of colonisation and imperialism have also had cultural consequences. Colonial powers imposed knowledge, meanings and interpretations developed in the North to the rest of the world. They classified the world population as either inferior/irrational/primitive peoples (the colonised) or superior/rational/civilized (the Europeans) (Quijano 2007). The South was then ideologically constructed as a space of exception “outside the bounds of humanity and human rights” (Sparke 2007: 118). These ideological constructions legitimised the use of violence and the dispossession of local groups in the name of “civilization”.

Many scholars, political actors and social movements are re-signifying the term Global South in order to challenge the control of the Global North on knowledge production, economy, history and politics. The Global South as a critical concept reflects on the failure of the hegemonic discourse of globalization by examining the consequences of colonialism, imperialism and global capitalism on those peoples who are marginalised from the benefits of globalization, but suffer the uneven impact of its costs (Armillas-Tiseyra & Mahler 2021; Lopez 2007). It has also been used to unveil pathways and alternatives to development that diverge from the pathway followed by the industrialised, developed countries of the Global North. In the next subsection, we will present some of these alternatives that are emerging from the Global South.

Sustainability discourses emerging from the Global South

Many discourses around the world have been calling for a radical transition away from current models of social life, which are seen as the underlying cause of the current civilizational crisis. The main proposals for these transitions emerging from the Global South include the concepts of post-development and alternatives to development, Buen Vivir, communal logics and transitions to post-extractivism. The concepts of post-development and alternatives to development question the basic assumptions of Western discourses on development, including the ideas of growth, progress and instrumental rationality. They see development as a set of representations and practices that produces “underdevelopment”. They strive to open up the imaginary to other ways of understanding the conditions of societies in Africa, Asia and Latin America, and look for alternatives emerging from the practices of grassroots movements (Escobar 2015).

Within post-development discourses, the concept of Buen Vivir has gained impetus. Based on indigenous ontologies, Buen Vivir (as a social movement and not its appropriation by some Latin-American States) can be described as the search for a good life based on the collective well-being of communities, putting the preservation of nature and social justice as having priority over economic objectives. The concept of Buen Vivir connects struggles of indigenous communities with the transformative agendas of peasants, Afro-descendants, environmentalists, students, women, and youth movements. Its “key criteria is that growth and the economy should be subordinated to BV [Buen Vivir] and the rights of nature, not the other way around” (Escobar 2015: 456).

Researchers from the Global South have increasingly recognised the sustainability of indigenous and traditional ways of life and their role in protecting biodiversity. Indigenous and traditional knowledge, while still marginalised, could offer alternatives to development – alternative visions of “the good life” based on non-capitalist ways of living. They offer worldviews which value nature, interconnectedness and community (Escobar 2015) and, as such, may provide alternative civilizational models to the technology-driven sustainability transitions predominantly promoted by the Global North. Indigenous and traditional ontologies also inspire communal frameworks. These are frameworks centred on place-based practices of grassroots groups that organize life around communal, non-state and non-capitalist practices. This does not mean that these communities are not traversed by power relations, or that they do not engage with markets. The idea here is to displace the individual and put the communal at the centre of societal models (Escobar 2015). The communal, in relational ontologies, also includes territories and non-humans.

Another sustainability discourse emerging from the Global South is transitions to post-extractivism. It focuses on the critique of “extractivist models based on large-scale mining, hydrocarbon exploitation, or extensive agricultural operations”, which are often legitimized as the most efficient growth strategies (Escobar 2015: 455).

These trends emerging from the South offer alternative pathways towards sustainability. Pathways that move away from capitalism and Western modernity and are, instead, based on communal and relational models of life. The Global South can be seen, therefore, as the places “where decolonial emancipations are taking place and where new horizons of life are emerging” (Levander & Mignolo 2011: 4f.).

For further thinking

Global South is a contested concept and there is no universally agreed definition of the term (Dwivedi & McGillis 2022). It is a concept that can be homogenising, but it can also be used to criticise globalist accounts by emphasizing the existing asymmetries and inequalities between places (Dwivedi & McGillis 2022; Sparke 2007). In this sense, “Global South” can be used to redress historical injustices (Dwivedi & McGillis 2022).

The term Global South must be used with the understanding that it is a contradictory term that integrates a plurality of histories, cultures, and experiences into one geopolitical space. Used critically, the term Global South addresses the challenges and solutions of marginalized groups that experience globalization “from the bottom” (Lopez 2007). It can, thus, be used to resist North-oriented globalization (Dwivedi & McGillis 2022) which tends to maintain Southern countries in a peripheral position and to keep the circulation of resources within “selective groups of valued lives” (Dwivedi & McGillis 2022: 7).

Further reading

Escobar, A. (2018): Designs for the Pluriverse: Radical Interdependence, Autonomy, and the Making of Worlds. Durham: Duke University Press.

Kothari, A., Salleh, A., Escobar, A., Demaria, F., Acosta, A. (2019): Pluriverse: A Post-Development Dictionary. Delhi: Tulika Books.

Martínez-Alier, J. (2003): The Environmentalism of the Poor: A Study of Ecological Conflicts and Valuation. Cheltenham: Edward Elgar Pub.

Santos, B. de S. (2014): Epistemologies of the South: Justice against epistemicide. London: Routledge.

 

Armillas-Tiseyra, M./ Mahler, A. G. (2021): Introduction: New Critical Directions in Global South Studies. In: Comparative Literature Studies, 58(3), pp. 465-484. https://doi.org/10.5325/complitstudies.58.3.0465

Dirlik, A. (2007): Global South. In: The Global South, 1(1), pp. 12-23. https://doi.org/10.4324/9781315534619

Dorninger, C./Hornborg, A./Abson, D. J./von Wehrden, H./Schaffartzik, A./Giljum, S./Engler, J. O./ Feller, R. L./Hubacek, K./Wieland, H. (2021): Global patterns of ecologically unequal exchange: Implications for sustainability in the 21st century. In: Ecological Economics, 179, 106824. https://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2020.106824

Dwivedi, O. P./McGillis, R. (2022): Introduction: Hope and Utopia in Global South Literature. In: Metacritic Journal for Comparative Studies and Theory, 8(2), pp. 5-12. https://doi.org/https://doi.org/10.24193/mjcst.2022.14.01

Escobar, A. (2015): Degrowth, postdevelopment, and transitions: a preliminary conversation. In: Sustainability Science, 10(3), pp. 451-462. https://doi.org/10.1007/s11625-015-0297-5

Jorgenson, A. K./Clark, B. (2009): Ecologically unequal exchange in comparative perspective: A brief introduction. In: International Journal of Comparative Sociology, 50(3-4), pp. 211-214. https://doi.org/10.1177/0020715209105139

Levander, C./Mignolo, W. D. (2011): The Global South and world dis/order. In: The Global South, 5(1), pp. 1-11. https://doi.org/10.3998/jar.0521004.0067.202

Lopez, A. J. (2007): Introduction: The (Post)global South. In: The Global South, 1(1), pp. 1-11.

Mahbubani, K. (1992). The West and the Rest. In: The National Interest, 28, pp. 3-12.

Quijano, A. (2007): Colonialidad del poder y classificación social. In Castro-Gómez, S./Grosfoguel, R. (Eds.): El giro decolonial Reflexiones para una diversidad epistémica más allá del capitalismo global (pp. 93-126). Siglo del Hombre Editores; Universidad Central, Instituto de Estudios Sociales Contemporáneos y Pontifi cia Universidad Javeriana, Instituto Pensar.

Sparke, M. (2007): Everywhere but Always Somewhere: Critical Geographies of the Global South. In: The Global South, 1(1), pp. 117-126. https://doi.org/10.2979/gso.2007.1.1.117

World Population Review (2023): Global North Countries 2023. https://worldpopulationreview.com/country-rankings/global-north-countries (Retrieved on November 6, 2023).


Rebeca Roysen, Centre for Religion, Economics and Politics (ZRWP) – University of Basel

Email: rebeca.roysen@uni-bas.ch 

Jens Köhrsen, Centre for Religion, Economics and Politics (ZRWP) – University of Basel and University of Oslo

Email: jens.koehrsen@uni-bas.ch

Nadine Brühwiler, Centre for Religion, Economics and Politics (ZRWP) – University of Basel

Email: nadine.bruehwiler@unibas.ch

Lasse Kos, Centre for Religion, Economics and Politics (ZRWP) – University of Basel

Email: lasse.kos@unibas.ch


Rezension zum Buch "Kultur in der Klimakrise"

Rezension zum Buch "Kultur in der Klimakrise"

Rivera, M. (2023): Kultur in der Klimakrise. Acht Vorträge zum Verhältnis von Sprache, Kunst und Nachhaltiger Entwicklung. München: oekom, 156 S., 20 EUR. ISBN: 978-3-98726-018-6

Der Titel des Vortragbandes von Manuel Rivera strotzt vor Begriffen, die bereits vor Beginn der Lektüre erahnen lassen, dass der Autor sich mit durchaus großen Themen und Fragen auseinandersetzt, ohne diese auf eine Schlagzeile zu reduzieren: Kultur, Klimakrise, Sprache, Kunst und Nachhaltige Entwicklung gilt es in ihren Verhältnissen zueinander zu beleuchten und zu diskutieren. In dieser Weise reiht sich der Band einerseits in eine in den letzten Jahren auch im deutschsprachigen Raum verstärkt zu beobachtende sozialwissenschaftliche Publikationstätigkeit zum Thema Nachhaltigkeit und Nachhaltige Entwicklung ein (s. hierzu u.a. Brand 1997, 2002; Grunwald 2016; Neckel et al. 2018; SONA 2021, Henkel et al. 2023). Andererseits fokussiert er einen Bereich, der von der soziologischen und sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung bislang weniger ins Zentrum gerückt wurde: den Bereich der Kunst und weitergefasst der Kultur, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem Theater bzw. den darstellenden Künsten liegt. Dieser Schwerpunkt plausibilisiert in reflexiver und gewissermaßen auch performativer Hinsicht eine weitere Besonderheit des Bandes, die ich vor der inhaltlichen Besprechung der einzelnen Aufsätze hervorheben möchte. Der Band ist als Vortragsband verfasst, der acht Beitrage im Stil von Manuskripten versammelt, um unter anderem die im Buchtitel angeführten Begriffe in essayistischer Weise zu verhandeln. Diese, den Texten eingeschriebene bzw. in keiner Weise ausgetriebene Mündlichkeit verleiht den Beiträgen gleichsam den Charakter einer Aufführung. Nicht selten gewinnt die Leserin im Vollzug des Lesens den Eindruck, sie säße im Publikum und wohne der Szenerie in actu bei. Dieser Eindruck wird spätestens dann irritiert, wenn der Autor in seinen Beiträgen auf Folien oder Bilder zu sprechen kommt, die nicht abgedruckt sind, sodass die eben noch dem Vortrag lauschende Zuhörerin wieder auf die Rolle einer Leserin textueller Beiträge zurückgeworfen wird, von deren vollständiger visueller Begleitung sie ausgeschlossen bleibt. 

Der Band beginnt mit einem wertschätzenden Vorwort von Ortwin Renn, der die Klammer aller Beitrage in ihrem Bezug auf „Zukunft“ hervorhebt und in treffender Weise über die vielfältigen und verstrickten Verhältnisse von Wissenschaft und Kunst mit Blick auf ihre Rollen in einer sich mit Nachhaltigkeit befassenden Gesellschaft referiert. Dabei wird auch der Autor, Manuel Rivera, in seiner Qualifikation als Schauspieler und Soziologe und damit als „Grenzgänger“ (S. 8) zwischen beiden Sphären vorgestellt und auf dessen Tätigkeit am Research Institute for Sustaninability (RIFS), zuvor das Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) verwiesen. Eingeleitet wird der Band mit einer Problematisierung des Kulturbegriffs und damit des ersten Begriffs des Buchtitels: Kultur wird einerseits in ihrer sozialanthropologischen bzw. sozialtheoretischen Dimension und andererseits in ihrer Sektoralität und Funktionalität in modernen ausdifferenzierten Gesellschaften (Stichwort „Kultursektor“) konturiert. Das Selbstverständnis der Beiträge wird in der Weise formuliert, dass sie „versuchen zu dieser Bewegung [bzw. gesellschaftlichen Verstehensbewegung, d. V.] insofern etwas Eigenes beizutragen, als sie praktische Überlegungen mit Grundbegriffen (und -werten) der Nachhaltigkeit vermitteln“ (S. 13). Die Beiträge basieren nicht zuletzt auf „diskurs- oder narrativanalytische[n]“ (S. 14) Forschungen, die am IASS mit einem Fokus auf Nachhaltigkeit bzw. Nachhaltige Entwicklung durchgeführt wurden. Gleich zu Beginn wird am Beispiel aktivistischer Bewegungen und deren Strategien, auf gegenwärtige und zukünftige Auswirkungen des Klimawandels aufmerksam zu machen, ein ambivalentes und spannungsreiches Verhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft, künstlerischen „Variationen von Normen und Normalität“ bei gleichzeitig verhaltener Reaktion „aus dem Bereich der Kunst“ (S. 14) sowie Soziologie in ihren diskursiven, einhegenden und normalisierenden Positionen identifiziert. 

Der erste Beitrag, der auf einem Vortrag anlässlich einer Tagung mit dem Titel „Zeitgeschichte der Nachhaltigkeit“ am Institut für Zeitgeschichte basiert, widmet sich „Erzähl- und Wertstrukturen des Diskurses um Nachhaltige Entwicklung“ und wählt einen historischen und sozialpsychologischen Zugang. In den Fokus gerückt werden zunächst semantische Beobachtungen der Verwendung des Begriffs der Nachhaltigen Entwicklung (S. 25), wobei auch visuelle Daten in die Analyse einbezogen werden. Mit der Methode der kurz in ihren Annahmen vorgestellten Narrationsanalyse wird herausgearbeitet, dass der Begriff Anfang der siebziger Jahre im Bericht des Club of Rome primär mit „Stabilität bzw. Sicherheit“ (S. 34) in Verbindung gebracht wurde und mit der Zeit zunehmend mit „Resilienz“ und „Innovation“ (S. 34) in Beziehung gesetzt worden ist. Mit der Identifikation von Metanarrativen, etwa dem des Fortschritts (S. 37) wird dann auch auf die Wertstrukturen des identifizierten Diskurses eingegangen, indem Manuel Rivera „drei Grundwerte Nachhaltiger Entwicklung“ vorstellt: „Stabilität, Innovation und Gerechtigkeit“ (S. 38), wobei diese im Folgenden weitergehend konzeptionell eingeordnet und kritisch diskutiert werden. 

Der zweite Essay, der auf einen Vortrag im Kontext eines Arbeitstreffens eines Tanznetzwerks (Kedja) (S. 17) zurückgeht, schließt in gewisser Weise an den ersten Text an, indem er unter dem Titel „Nachhaltigkeit und Resilienz: Metaphern zur Anleitung künstlerischer Praxis?“ mit durchaus kritischem Impetus die potenziell „sowohl kulturkonservative[n] als auch marktkonforme[n]“ (S. 17) Verwendung eines Nachhaltigkeitsbegriffs problematisiert, den sich der Kulturbetrieb in Teilen angeeignet hat. Als empirisches Material der Analyse dient ein Bericht, der von Tanzkompanien verfasst wurde. Rivera arbeitet anhand des Dokuments heraus, wie durch Bezugnahmen u.a. auf Innovation der Begriff der Nachhaltigen Entwicklung auf „ein rhetorisches Ornament“ (S. 47) verkürzt wird. Dem entgegen stellt er den Begriff der Resilienz in Verbindung mit Gerechtigkeit als zu berücksichtigende Werte. In seinen durchaus anwendungsorientierten Bestrebungen begibt sich der Beitrag nicht zuletzt selbst auf metaphorisches und zugleich idealistisches Terrain, wenn es heißt: „Die Aufgabe der Kunst heute, auf einem brennenden Planeten, den sie auch nicht verlassen kann, ist es, beim Löschen zu helfen. Oder auch: das Haus mit zu sanieren, mit dafür zu sorgen, dass es ein Haus bleibt statt nur eine Notunterkunft“ (S. 50). 

Mit dem Titel „,Nachhaltiges Wachstum‘: Politikkonzept oder Sprachblockade“ öffnet sich die Auseinandersetzung mit Nachhaltiger Entwicklung sodann auch dem Feld der Politik und dessen Verwendung des Begriffs sowie deren Berufung auf Nachhaltigkeit. Am Fall von Aussagen, wie sie von Politiker:innen getätigt werden, wird hier besonders das Beharren auf Wachstums- und Expansionskonzepten problematisiert und das „Reden von ‚nachhaltigem Wachstum‘“ als „leerformelhaft“ (S. 82) entlarvt. Der Kritik folgt im anschließenden Beitrag zu „Urbanität, Kreativität und Selbstbegrenzung“ in gewisser Weise ein Gegenkonzept, indem nicht länger Wachstum, sondern Einhegung bzw. Begrenzung Vorrang zugewiesen wird. Gefragt wird in diesem Zusammenhang besonders danach, welche Beiträge Künstler:innen sowie Institutionen im Kunstbereich für eine, ihrem Selbstverständnis nach nachhaltige Stadtentwicklung leisten können. Urbanität bzw. das städtische Leben als solches werden unter Einbezug soziologischer Klassiker wie u.a. die Schriften Georg Simmels weitergehend kontextualisiert und im Hinblick auf einen städtischen Habitus, – etwas allgemeiner formuliert – ungleiche Verteilungen von Maßnahmen und deren Folgen sowie weitergefasst Teilhabe an transformativen Prozessen beleuchtet. 

Im fünften Beitrag mit dem Titel „Die Klimakrise als Komplexitätsproblem und Kooperationsauftrag. Warum Wissenschaften und Künste einander brauchen“ wird explizit das Verhältnis zwischen Wissenschaften und Künsten reflektiert. Während Wissenschaft in der Bereitstellung von informativen Abstraktionen und Generalisierungen Relevanz zugewiesen bekommt, wird in künstlerischen Vorgehens- und Darstellungsweisen das Potenzial „der Mobilisierung von Erfahrungen“ (S. 110) durch Konkretionen, Ästhetisierungen und ethischen Positionierungen profiliert. Dabei wird auch auf das Spannungsfeld zwischen globalen Entwicklungen und lokalen Erfahrungsräumen hingewiesen und wie Wissenschaften und Künste in unterschiedlicher Weise mit diesem umgehen. Ihre konkrete Weiterführung findet unter anderem diese Diskussion im sechsten Essay zum Thema „Nachhaltig programmieren durch, mit und in Musik. Einige Anregungen zur Systematik“. Hier widmet sich Manuel Rivera u.a. der Frage, wie „Künste in Bezug auf Nachhaltigkeit wirken können“ (S. 119). Hierbei geht es auch um das Zusammenspiel von Diskursen und künstlerischen Formfindungen einschließlich produktiver und konstruktiver Irritationspotentiale. 

Auch der siebte Beitrag „Nachhaltigkeit vergegenwärtigen: Klimakrise als (Bühnen-)Vorgang“ schließt an Fragen nach Kooperationen an, indem er aktivistische und institutionelle Möglichkeiten zwischen Politik und darstellender Kunst auslotet. Der achte und letzte Beitrag weist gleichsam Appellcharakter auf: Der Essay „Endlich nachhaltig: Kultur(betriebs)‑ wandel 50 Jahre nach den ,Grenzen des Wachstums‘ fordert noch einmal zur Kooperation zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen mit Blick auf Nachhaltige Entwicklung sowie zur Entschleunigung und zum Innehalten einer auf Wachstum getrimmten Kultur und Gesellschaft auf, wobei Kultur – wie eingangs beschrieben – hier sowohl als sozialtheoretischer Grundbegriff als auch in ihrer Betriebslogik relevant gemacht wird. 

Der Essayband von Manuel Rivera liefert vielfältige Einblicke in einen als lebhaft dargestellten Diskurs, der viele Ebenen, Akteure, Relationen und Dimensionen umfasst, die in assoziativer und exemplarischer, aber auch analytischer und systematisierender Weise diskutiert, kritisiert und präsentiert werden. Die Beiträge changieren in ihrer Tonalität zwischen wissenschaftlicher Analyse und Einblicken in das Feld der Kunst und den Kulturbetrieb, wobei sie sowohl von akademischer Strenge befreit als auch vor ästhetischer Überfrachtung bewahrt werden. In ihrer zum Teil kritischen Diskussion wird die mitgeführte Normativität des Leitbilds der Nachhaltigen Entwicklung nicht auf einen Gegenstand des Diskurses reduziert, sondern in nahezu performativer Weise transportiert, sodass der Spagat zwischen Distanznahme zum und zugleich Engagement im Diskurs gelingt. Die in den Beiträgen stehengelassene Bezugnahme auf vorausgegangene Vorträge im Rahmen der jeweiligen Vortragsveranstaltungen, die den Leser:innen unzugänglich bleiben sowie das Verweisen auf Folien, die im Buch jedoch nicht gezeigt werden und somit in ihren visuellen und strukturierenden Potenzialen opak bis unsichtbar bleiben, wirkt etwas unentschlossen. Hier wäre eine weitere Ausarbeitung der Vortragsskripte zu verdichteten Essays wünschenswert gewesen, oder aber das konsequente Zeigen der Folien und bildlichen Daten, um deren Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten. Was mit Blick auf die quasi-mündliche Form der Texte eindeutig überzeugt, ist, dass der Autor in seinen Beiträgen in eloquenter Weise einlöst, was er selbst fordert: Eine kooperative Bezugnahme auf und zwischen Wissenschaft und Kunst mit Blick auf ein global wirksames und lokal unterschiedlich wahrnehmbares Phänomen, das als Krise gedeutet und um dessen Versprachlichung gerungen wird. 

Brand, K.-W. (Hg.) (1997): Nachhaltige Entwicklung. Eine Herausforderung an die Soziologie. Opladen: Leske + Budrich. 

Brand, K.-W. (2002): Politik der Nachhaltigkeit: Voraussetzungen, Probleme, Chancen – Eine kritische Diskussion. Berlin: Edition Sigma. 

Grunwald, A. (2016): Nachhaltigkeit verstehen. Arbeiten an der Bedeutung nachhaltiger Entwicklung. München: oekom 

Henkel, A./Berg, S./Bergmann, M./Gruber, H./Karafyllis, N. C./Dimitri, M./Müller, A.-K./Siebenhüner, B./Speck, K./Zorn, D.-P. (2023): Dilemmata der Nachhaltigkeit. Baden Baden: Nomos. 

Neckel, S./Basedovsky, N./Boddenberg, M./ Hasenfratz, M./Pritz, S. M./, Wiegand, T. (Hg.) (2018): Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Umrisse eines Forschungsprogramms. Bielefeld: transcript. 

SONA – Netzwerk Soziologie der Nachhaltigkeit (Hg.) (2021): Soziologie der Nachhaltigkeit. Bielefeld: transcript.


Christiane Schürkmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem Umweltsoziologie und Kunstsoziologie. Aktuell leitet sie das DFG-Projekt Untergründe der Entsorgung. 

schuerkm@uni-mainz.de 

Beitrag als PDF/DOI: 10.17879/sun-2023-5184


Transformation (Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit)

Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit

Transformation

Als (sozial-ökologische) Transformation wird in den Sozialwissenschaften die grundlegende, über einen längeren Zeitraum sich erstreckende Veränderung zentraler Elemente und Strukturen gesellschaftlicher Naturverhältnisse verstanden. Da der Transformationsbegriff an der Schnittstelle von wissenschaftlichem und öfffentlich-politischem Diskurs Verwendung findet, wird er von unterschiedlichen Akteur*innen auch mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen. Die Soziologie kann sowohl bestehende Konzepte und ihre Ziele der Transformation hinterfragen, aber ebenso im Sinne einer transformativen Soziologie die Gestaltung von Transformationsprozessen begleiten und erforschen.

Einleitung

Seit den 2010er-Jahren werden die gesellschaftlichen und politischen Debatten zum Thema Nachhaltigkeit verstärkt in Kombination mit den Schlagworten „Transformation“, „sozial-ökologische Transformation“ oder auch „Große Transformation“ geführt. Ein prominentes Beispiel hierfür sind die Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen (VN). Die Agenda 2030, in der die SDGs fesgehalten sind, trägt so den Titel Transforming our World. Jedoch ist nicht genau bestimmt, welche Ziele in dieser anspruchsvollen Transformation priorisiert werden sollen, wie diese Ziele zu erreichen sind und welche Konsequenzen sich für die Gesellschaft im Zuge einer Transformation ergeben. Unterschiedliche Verständnisse von Nachhaltigkeit (Verweis Glossar Nachhaltigkeit) begründen auch unterschiedliche Transformationspfade, die sich zum Teil deutlich unterscheiden oder sogar widersprechen (Adloff & Neckel 2019). Für die soziologische Positionierung ist es von Bedeutung, sozial-ökologische Transformationsprozesse in ihren Gesamtzusammenhängen zu verstehen, um somit nicht-intendierte Nebenfolgen, Ermergenzphänomene und diskursive Leerstellen identifizieren und problematisieren zu können. Hierin besteht die Kernkomptenz der soziologischen Auseinandersetzung mit sich aktuell vollziehenden, (politisch) intendierten Transformationsprozessen wie der Mobilitäts-, Energie-, Agrar- oder Bauwende.

Transformation und Nachhaltigkeit

Im Nachhaltigkeitsdiskurs ist seit eingen Jahren ein Wandel beobachtbar: In früheren Phasen kreiste die gesellschaftliche Debatte darum, was genau unter „Nachhaltigkeit“ zu verstehen ist bzw. wie das Konzept operationalisiert werden kann. Hierfür können die Entwicklung des sogenannten Drei-Säulen-Konzeptes oder die Unterscheidung zwischen „schwacher“ und „starker Nachhaltigkeit“ als exemplarisch gelten (Verweis Glossar Nachhaltigkeit). In den jüngeren Debatten unter dem Schlagwort der „Transformation“ geht es stärker darum, wie ein gesellschaftlicher Wandel in Richtung Nachhaltigkeit tatsächlich gelingen kann. Nach Brand (2018: 483) ist „Transformation“ nicht einfach ein anderes Wort für „sozialer Wandel“, sondern bedeutet „immer mehr als eine eigendynamische Entwicklung; sie meint deren aktive, zielgerichtete Beeinflussung oder Gestaltung.“

Beispiele für die Auseinandersetzung mit Transformationsprozessen aus dem Feld der interdisziplinären Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung sind die Forschungsarbeiten, die im Kontext der Sustainability Transitions Research erfolgen (Geels 2018), das Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen aus dem Jahr 2011 Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation (WBGU 2011) sowie die Ansätze der transformativen Wissenschaft, die ausdrücklich darauf gerichtet ist, einen gesellschaftlichen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit zu leisten (Schneidewind & Singer-Brodowski 2014). Letztere implizieren in der Regel ein transdiszplinäres Vorgehen, also die Einbeziehung nicht-wissenschaftlicher bzw. außerakademischer Akteur*innen in den Forschungsprozess (Kropp & Sonnberger 2021: 209-233). Gleichzeitig entwerfen auch nicht-wissenschaftliche Akteure wie beispielsweise Parteien, Verbände, Organisationen und Unternehmen eigene Visionen der Transformation und wie diese umgesetzt werden kann. Diese variieren teils stark je nach gesellschaftlichem Akteur: Die Gewerkschaft DGB und Justitia et Pax nennen beispielsweise elf konkrete Interventionen innerhalb Deutschlands, um eine nachhaltige Transformation der Gesellschaft zu ermöglichen. Die Unternehmensberatung PwC hingegen versteht als „sustainable Transformation“ Maßnahmen um den freiwilligen, an den SDGs orientierten Wandel von Unternehmen zu unterstützen, damit diese wirtschaftlich zukunftsfähig sind.

Was die Konzepte der Nachhaltigkeit und Transformation somit eint, ist dass sie als „essentially contested concept“ (Gallie 1955) verstanden werden können. Damit ist gemeint, dass sie als Konzepte weit verbreitet und anschlussfähig sind, abhängig von der Perspektive und der normativen Orientierungen der jeweiligen Akteur*innen, aber etwas sehr unterschiedliches damit verbunden wird. Diese inhaltliche Offenheit des Transformationskonzeptes trägt gerade zu seiner Verbreitung und Popularität in verschiedenen Kontexten bei. Transformation kann somit sowohl als wissenschaftliches als auch als politisches Konzept verstanden werden.

Soziologische Perspektiven auf Transformation und Nachhaltigkeit

Im Feld der Sozialwissenschaften existieren verschiedene Forschungsstränge, die den Begriff der sozial-ökologischen Transformation auf unterschiedliche Weise definieren. Während in der öffentlichen Debatte vor allem normative Begriffsaufladungen überwiegen, unterscheiden sich sozialwissenschaftliche Zugänge insbesondere dahingehend, wie normativ oder analytisch ihr Begriffsverständnis ist (Brand 2021). Eindeutige Zuordenbarkeiten bestehen hier jedoch nicht, sondern eher graduelle Unterscheidungen dahingehend, wie analytisch oder normativ bestimmte Begriffsverständnisse und Zugänge geprägt sind.

Die Soziale Ökologie versteht unter Transformation Übergänge zwischen unterschiedlichen sozialmetabolischen Regimen (Fischer-Kowalski 2011). Dementsprechend wird die Veränderung des Stoffwechselverhältnisses zwischen Natur und Gesellschaft auf unterschiedlichen Ebenen als Transformation beschrieben. Solche Veränderungen lassen sich auf empirische Weise feststellen und analysieren. In der politischen Ökologie und im Kontext herrschaftskritischer Zugänge dominiert dagegen ein normativ geprägtes Begriffsverständnis. Hier beschreibt der Begriff der Transformation die als notwendig erachtete Veränderung kapitalistisch geprägter Gesellschaften, die mit Ausbeutung in sozialer aber auch ökologischer Hinsicht einhergehen (Brand & Wissen 2018: 122). Sozial-ökologische Transformation beschreibt in diesem Verständnis eine Veränderung hin zu einer sozial und ökologisch gerechteren Gesellschaft. Die sozialwissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung, als ein inter- und transdisziplinär ausgerichteter Forschungsstrang, kombiniert ein analytisches Begriffsverständnis mit normativ-gestalterischer Ausrichtung. Transformation wird dabei vornehmlich als Rekonfiguration der Funktionslogiken der Gesellschaft und ihrer Subsysteme in technischer, sozialer und ökologischer Hinsicht verstanden (Wittmayer & Hölscher 2017: 45). Dabei kann die Transformation in den jeweiligen Subsystemen als eher analytischer Untersuchungsgegenstand betrachtet werden oder als normatives Ziel, das es mit Hilfe transdisziplinärer oder auch transformativer Forschung zu erreichen gilt.

Letzteres tangiert auch das Selbstverständnis der Soziologie: Klassische Vertreter*innen des Fachs, wie Auguste Comte oder die frühe Chicago School, verfolgten den Anspruch, durch wissenschaftliches Wissen zum „sozialen Fortschritt“ bzw. zur Lösung sozialer Probleme beizutragen. Solche sozialreformerischen Ambitionen wurden in der Geschichte des Fachs zunehmend problematisiert und marginalisiert. Vor dem Hintergrund der sozial-ökologischen Gegenwartskrisen wird die Rolle der Soziolgie in Transformationsprozessen zuletzt wieder offen diskutiert. In multiperspektivischer Weise nähert sich die Soziologie dem Untersuchungsgegenstand der (sozial-ökologischen) Transformation. Dabei kommen sowohl desktiptiv-analystische, kritisch-normative als auch praktisch-politische Zugänge zum Einsatz (Henkel et. al. 2021: 227).

Zum Weiterdenken

In der öffentlichen Debatte um Transformation lässt sich ein großer Steuerungsoptimismus beobachten. Beispielsweise sieht der WBGU (2011, S. 215) im „gestaltenden Staat“ den zentralen Akteur der „Großen Transformation“. D.h., Transformationen werden zumeist als bewusst initiierbar und/oder steuerbar gerahmt. Dieser Steuerungsoptimismus lässt sich aus soziologischer Perspektive mit Verweis auf systemische Eigenlogiken, unintendierte Nebenfolgen sowie Emergenzphänomene hinterfragen, wie es beispielsweise in der Green Gentrification-Debatte der Fall ist.

Damit ist weniger eine vollständige Absage an die Wirkmacht gesellschaftlicher Akteur*innen im Kontext von Transformationsprozessen verbunden als vielmehr der Hinweis darauf, die Komplexität von Transformationsprozessen sowie die nur bedingte Vorhersehbarkeit und Beeinflussbarkeit ihrer Trajektorien anzuerkennen. Für die Governance von Transformationen bedeutet dies, dass diese eher inkrementell, reflexiv und unter Einbezug vielfältiger Akteur*innen erfolgen sollte als im Stile der technokratischen Umsetzung eines Masterplans. Das Sichtbarmachen von Komplexität geht auch damit einher, auf Abwesenheiten und „Silences“ in öffentlichen und politischen Debatten rund um Transformationen hinzuweisen. Solche Verweise auf blinde Flecke sowie exkludierte Themen und Akteur*innen können dabei helfen, Transformationen letztendlich demokratischer und gerechter zu gestalten.

Zum Weiterlesen

Sommer, B. (2023): Transformationstheorien und Ökologie. In: Sonnberger, M./Bleicher, A./Groß, M. (Hrsg.): Handbuch Umweltsoziologie. Wiesbaden: Springer VS. DOI: 10.1007/978-3-658-37222-4_46-1

Adloff, F./Neckel, S. (2019): Modernisierung, Transformation oder Kontrolle? In: Dörre, K./Rosa, H./Becker, K./Bose, S./Seyd, B. (Hrsg.): Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften. Sonderband des Berliner Journals für Soziologie, S. 167-180.

Brand, K.-W. (2018): Disruptive Transformationen. Gesellschaftliche Umbrüche und sozial-ökologische Transformationsdynamiken kapitalistischer Industriegesellschaften – ein zyklisch-struktureller Erklärungsansatz. In: Berliner Journal für Soziologie, 28. Jg., Heft 1, S. 479–509. DOI: 10.1007/s11609-019-00383-5.

Brand, K.-W. (2021): »Große Transformation« oder »Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit«? Wider die Beliebigkeit sozialwissenschaftlicher Nachhaltigkeits- und Transformationstheorien. In: Leviathan, 49. Jg., Heft 2, S. 189–214. DOI: 10.5771/0340-0425-2021-2-189.

Brand, U./Wissen, M. (2018): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. München: oekom.

Fischer-Kowalski, M. (2011): Analyzing sustainability transitions as a shift between socio-metabolic regimes. In: Environmental Innovation and Societal Transitions, 1. Jg. Heft 1, S. 152-159. DOI: 10.1016/j.eist.2011.04.004.

Gallie, W. B. (1955): “Essentially Contested Concepts”. In: Proceedings of the Aristotelian Society, 56. Jg., S. 167-198.

Geels, F. (2018): Perspectives on transitions to sustainability. EEA Report No. 25/2017. Copenhagen: European Environment Agency.

Henkel, A./Barth, T./Köhrsen, J./Wendt, B./Besio, C./Block, K./Böschen, S./Dickel, S./Görgen, B./Groß, M./Rödder, S./Pfister, T. (2021): Intransparente Beliebigkeit oder produktive Vielfalt? Konturen einer Soziologie der Nachhaltigkeit. Kommentar zum Aufsatz von Karl-Werner Brand, Leviathan, 49. Jg., 2. Heft, S. 224-230. DOI: 10.5771/0340-0425-2021-2-224.

Kropp, C./Sonnberger, M. (2021): Umweltsoziologie. Baden-Baden: Nomos.

Schneidewind, U./Singer-Brodowski, M. (2014): Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem. Marburg: Metropolis.

WBGU – Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen (2011): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Berlin: WBGU.

Wittmayer, J. M./Hölscher, K. (2017): Transformationsforschung. Definitionen, Ansätze, Methoden. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt.


Jessica Hoffmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Universität Münster

E-Mail: jessica.hoffmann@uni-muenster.de

Marlon Philipp ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sozialforschungsstelle Dortmund

E-Mail: marlon.philipp@tu-dortmund.de

Marco Sonnberger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Stuttgart und der Friedrich-Schiller-Universität Jena

E-Mail: marco.sonnberger@sowi.uni-stuttgart.de und marco.sonnberger@uni-jena.de

Bernd Sommer ist Professor für Umweltsoziologie mit dem Schwerpunkt Transformationsforschung an der Technischen Universität Dortmund

Homepage: https://us.sowi.tu-dortmund.de/

E-Mail: bernd.sommer@tu-dortmund.de

Beitrag als PDF/DOI: 10.17879/sun-2023-5637