Zukunft (Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit)

Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit

Die Zukunft der Nachhaltigkeit

Dass die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft durch den Nachhaltigkeitsbegriff problematisiert wird, führt soziologisch zu den Fragen, wie die (Vorstellung von) Zukunft auf die Gegenwart einwirkt und Zukunft überhaupt soziologisch beobachtet werden kann. ‚Nachhaltige Zukunft‘ lässt sich soziologisch als umkämpftes Konfliktfeld beobachten, in dem Akteur*innen gegenwärtig Praktiken der Kapital-, Macht- und Wissensakkumulation nutzen, um ihre Sichtweisen, Interessen und präferierten Lebensmodelle durchzusetzen.

Wie wollen und können wir in Zukunft leben?

Im Lichte der Vielfältigkeit gegenwärtiger Krisenerscheinungen scheint es so, als steuere die spätmoderne Gesellschaft auf ein neues Zeitalter von ungeahnten Katastrophen zu. Einige Zeitgenoss*innen gehen gar so weit, die Zukunft der Menschheit im Stile dystopischer Science-Fiction-Filme nicht mehr auf der Erde, sondern im Weltall bzw. auf dem Mars zu sehen und mobilisieren enormes Kapital, um dies möglich zu machen. Klassische Zukunftsfragen und Erwartungen der Moderne (Wie wollen wir in Zukunft leben? oder Unsere Kinder werden es einmal besser haben als wir), werden offensichtlich immer stärker von der Frage überformt: Können kommende Generationen in Zukunft überhaupt noch (gut) auf der Erde leben? Die ökologischen Grenzen und Kosten der Wohlstandsproduktion des Industriezeitalters sind kurzum nicht nur mit einer Vielzahl ökonomischer und sozialer Implikationen verbunden, sondern strukturieren als sorgenvoller und warnender Blick auch die Zukunftsvorstellungen unserer Zeit. Man könnte sagen, die planetaren Grenzen manifestieren sich nicht länger nur materiell, sondern auch in der Zeitdimension als soziale Antizipationen von Zukunft. Diese Grenzen sind dabei jedoch keinesfalls homogen strukturiert; etwa entlang des Dualismus Mars oder klimainduzierter Untergang? Sie differenzieren sich vielmehr entlang der Pluralität sozialer Systeme, Lagen und Erfahrungswelten aus und sind dabei je nach Machtpotenzial der sie produzierenden (kollektiven) Akteure auch in sehr unterschiedlichem Maße durchsetzungsfähig. Eine umfassende soziologische Perspektive auf Nachhaltigkeit muss deshalb sensibel für diese differenzierten und machtgeladenen Zukunftsvorstellungen sein.

Zukunft und Nachhaltigkeit

Spätestens seit Ende der 1980er Jahre steht eine nachhaltige Zukunftsgesellschaft, die ihre Bedürfnisse an der Vereinbarkeit mit jenen Bedürfnissen künftiger Generationen messen muss auf der politischen Agenda der Weltgemeinschaft [1]. Nachhaltigkeit ist seither zu einem weithin anerkannten normativen Leitbild avanciert, „in dem unsere Sorge um die Zukunft zum Ausdruck kommt“ (Klauer et al. 2013: 19). Implizit und explizit ist der Nachhaltigkeitsdiskurs mit vielfältigen und einander konfligierenden Zukunftsvorstellungen angefüllt (für eine Übersicht siehe auch Delanty 2020): von naturwissenschaftlichen Szenarien über mögliche klimatische Entwicklungen und sozialwissenschaftlichen Reflexionen damit einhergehender Lebensbedingungen; über utopische Ideale einer in ökologischer Harmonie lebenden Postwachstumsgesellschaft; der dystopischen Selbstbeschreibung von Protestbewegungen als ‚Letzte Generation‘; bis hin zu politischen Zielvorstellungen, die in den Sustainable Development Goals (SDGs) Nachhaltigkeit mit Entwicklungsoptimismus paaren. Der Klimawandel und andere sozial-ökologische Krisen entfalten ihre gegenwärtige Relevanz gerade mit Bezug auf die Antizipation von Zukunft. Im Nachhaltigkeitsdiskurs wird dabei auf verschiedene Imaginationen von Zukunft zurückgegriffen, die handlungsinstruktiv eingesetzt und verstanden werden. Der soziologische Diskurs zur Nachhaltigkeit untersucht diese vielfältigen Vorstellungen von zukünftiger Nachhaltigkeit und fragt, wie sich Zukunft dabei überhaupt erforschen lässt.

Soziologische Perspektiven auf Zukunft und Nachhaltigkeit

  1. Soziologische Grundperspektiven auf ‚Zukunft‘

Die Soziologie kann keine Antwort auf die Frage geben, was die Zukunft ist oder wie sie sein wird. Im Selbstverständnis einer Erfahrungswissenschaft greift die Soziologie nicht auf den Zeitpunkt ‚Zukunft‘ zu, sondern auf die schon gegenwärtig verfügbaren Bilder, Semantiken, Visualisierungsmöglichkeiten und Vorstellungen von Zukunft.

a) Die sozialen Bedingungen der Entstehung von Zukunftsimaginationen: Eine grundlegende Erkenntnis aus Sicht der Soziologie ist, dass der Blick auf die Zukunft von gesellschaftlichen Bedingungen abhängt. Wir wissen heute, dass unser Verständnis von Zukunft als ungewiss (obgleich nicht zwingend ‚unsicher‘) historisch erst ‚entdeckt‘ wurde (Hölscher 1999). Die systemtheoretische Wissenssoziologie zeigt dabei nicht nur, dass die vorherrschenden gesellschaftlichen Zeitkonzeptionen [2] abhängig von der Gesellschaftsstruktur variieren, sondern auch, dass sie als Lösungen bestimmter Probleme dieser Gesellschaftsformen gesehen werden können (Rammstedt 1975). Innerhalb gesellschaftlich dominanter Zeitwahrnehmung gibt es dabei stets auch konträr hierzu stehende Varianten; etwa die Vorstellung eines sich zyklisch regenerierenden Waldes trotz linear fortschreitender Kalenderzeit.

Von dieser Prämisse ausgehend interessiert die (Wissens-)Soziologie gerade nicht die Wahrscheinlichkeit für das Eintreffen einer Zukunftsvorstellung; stattdessen erforscht sie die sozialen Bedingungen ihrer Äußerung und den damit variierenden sozialen Umgang mit unsicheren oder ‚riskanten‘ Zukünften (Beck 2017). Historisch entstanden sehr unterschiedliche Ordnungen des Zukunftswissens, die verschiedene zukunftsbezogene Denkfiguren beinhalten; wie etwa religiöse Heilserwartungen und Prophezeiungen, rationale Prognosen, Planung und Utopien, sowie künstlerische und kulturindustrielle Artefakte nach dem Muster dystopischer Hollywoodfilme, aber auch architektonische Entwürfe wie „grüne Großstädte“ (Willer/Bühlen 2016). Setzt man das Nichtwissen über die Zukunft als Problem, lässt sich fragen, welche unterschiedlichen Qualitäten diese Denkfiguren aufweisen.

Konsequenterweise birgt die Rede von ‚der Zukunft‘ im Singular soziologisch stets die Frage, wessen Zukunft (welcher historischen und sozialen Rollen, Gruppen, Milieus und Bedingungen) damit eigentlich gemeint ist; erst im Plural gedacht lässt sich die gegenwärtige Zukunft, als milieu-, kultur- oder systemspezifischer Zugriff auf stets noch offene Zukunft soziologisch reflektieren (inklusive all der daraus entstehenden Konflikte). Denn wie sich schon gegenwärtig die Zukunft (oder auch Vergangenheit) für Akteur*innen äußert, hängt ab von deren „Lebensalter, Mentalität und sozialer Lage“ (Neckel 1988: 467) sowie den gesellschaftlichen Positionen und Rollen, die sie einnehmen. Klimawissenschaftler*innen sehen die Zukunft allein aufgrund ihrer sozialen Position und Rolle anders als ein CEO eines großen Tech-Konzerns.

b) Soziale Konsequenzen von Zukunftsvorstellungen: Gleichwohl wissen wir, dass auch andersherum Zukunftsimaginationen trotz der Ungewissheit ihres Eintretens Einfluss auf soziales und politisches Handeln haben. In den Fokus geraten dann nicht länger die Bedingungen, sondern eben soziale Konsequenzen von Zukunftsvorstellungen. Es ist, gemäß des Thomas Theorems [3] nicht der Wahrheitsgehalt eines (Zukunfts-)Wissens, der Handlungsweisen strukturiert und insofern für die Soziologie relevant ist, sondern schlichtweg, dass Akteure eine bestimmte Situations- und damit auch Zukunftsdeutung als real definieren. Die Art und Weise, wie über Zukunft nachgedacht wird (woran auch die Soziologie selbst teilnimmt) beeinflusst also gegenwärtige Praktiken (Schiller-Merkens 2022) und damit auch die Zukunft, z.B. in der Form einer selbsterfüllenden oder selbstzerstörerischen Prophezeiung [4]. Ebenso beeinflusst werden Praktiken und Identifikationen von Gruppen und Kollektiven. Ob am an einer drohenden Apokalypse orientierten Prepping (Nagel 2021) oder dem Optimismus des Wirtschaftsliberalismus (Beckert 2018: 439ff.): Wissenssoziologisch lässt sich zeigen, dass Zukunftsvorstellungen auf vielfältige Weise in das Alltagswissen eingeschrieben und mit spezifischen Formen des Handelns verbunden sind.

Es wird also nicht nur 1.) die konkrete Vorstellung der Zukunft gemäß gegenwärtiger gesellschaftlicher Strukturen beeinflusst; sondern auch 2.) in die andere Richtung beeinflusst die Vorstellung oder das Wissen (und Nicht-Wissen) von der Zukunft das jeweilige Handeln von Akteur*innen. Vor diesem Hintergrund lassen sich auch kulturelle Erzählungen über die Zukunft als Fundus gesellschaftlicher Zukunftsvorstellungen, -hoffnungen und -ängste begreifen. Das CliFi-Genre [5] etwa kann so etwa als Hinweis auf vorhandene gesellschaftliche Zukunftsvorstellungen gelesen werden und erweist sich in diesem Sinne auch als sozialwissenschaftlich anschlussfähig, insofern derlei dystopische Katastrophenerzählungen „mit dem Anspruch auf[treten], etwas freizulegen, etwas aufzudecken, das unterhalb der Oberfläche der Gegenwart noch verborgen ist“ (Horn 2014: 25) – obwohl es sich hierbei natürlich ‚nur‘ um Fiktion handelt.

  1. Die soziologische Untersuchung nachhaltiger Zukünfte

Die enge Verwobenheit von Gesellschaftsstruktur und Zukunftsimaginationen, bzw. generell Zeitvorstellungen zeigt sich gerade dort, wo gesellschaftlich induzierte Umweltschäden im Sinne des planetaren Wohlbefindens überwunden werden sollen. Der Historiker Dipesh Chakrabarty (2009) etwa sieht deshalb auch einen Dreh- und Angelpunkt im kontemporären Nachhaltigkeitsdiskurs in der Ausweitung der Zeiträume, in denen menschliches Denken stattfindet. So erlaubt der Blick auf das Anthropozän [6] für Chakrabarty nicht nur die Überwindung des Mensch-Natur-Dualismus, sondern pocht auch auf ein Denken in besonders großen Zeiträumen, die im bisherigen Denken der Menschen ausgeblendet wurden. Wenn der Einfluss des Menschen auf den Planeten Erde eben auch in tausenden Jahren noch nachweisbar sein wird, wird es Zeit, das Handeln an breiteren Zeitskalen (der sog. deep time) auszurichten.

Darüber hinaus kann der soziologischen Beobachtung des Nachhaltigkeitsdiskurses etwa auffallen, dass der Zugriff auf zukünftige Gesellschafts- und Umweltverhältnisse im Nachhaltigkeitsdiskurs eine ähnliche Rationalität aufweist wie das moderne Risikobewusstsein, da beide das moderne Problem offener Zukunft adressieren. Das macht das Spannungsverhältnis von Nachhaltigkeit und Risikobewusstsein zu einem möglichen Untersuchungsobjekt, das den Konflikt von zyklischen und linearen Zeitwahrnehmungen in der Gesellschaft zum Thema hat (siehe hierzu Suttner 2023). Zugleich bemerkt die Soziologie, dass der antizipatorische Blick in die Zukunft auch die politische Gestaltung derselben und das soziale Handeln präformiert. Der Klimawandel lässt sich als eine „emanzipatorische Katastrophe“ (Beck 2017) deuten – also als eine Form der selbstzerstörenden Prophezeiung: Indem durch die Antizipation einer dystopischen Zukunft vielfältige soziale Dynamiken in Gang gesetzt werden (vom Wandel von Normen, über wissenschaftliche Konferenzen bis hin zu politischen Initiativen und veränderten Lebensstilentwürfen) soll ihr Eintreten verhindert werden. Da der Handlungsaufruf dieses Zukunftsszenarios stark ausgeprägt ist, stößt es auf Opposition, wo dieser Aufruf kritisch hinterfragt wird. Der politische Wertekonflikt verschiebt sich damit zu einem Konflikt von Zukunftsszenarien (s.u. zum Thema „Zukünfte der Nachhaltigkeit“).

Dies lässt sich am gegenwärtigen, bewegungsförmig organisierten Klima-Aktivismus und seinen Gegner*innen zeigen. Hier sieht man, dass die Rationalität der Protestpraxis gerade aus der Antizipation von dystopischen Zukünften entspringt, die in Gewissheit übersetzt werden müssen und Räume für alternative Strategien und neue Utopien eröffnet. Klimawissenschaftler*innen und Klimabewegungen (re)produzieren durch ihre Forschungspraxis bzw. ihren Aktivismus das Wissen einer nicht nur zukünftig, sondern bereits gegenwärtig und in der Vergangenheit verorteten Klimakatastrophe und Erwartungen über ein kommendes Massensterben und einem damit verbundenen „Zukunftsklau“ für kommende Generationen, wenn politisch nicht radikal umgesteuert werde (Wendt 2022) Klimawandelleugner*innen wiederum erkennen dieses Zukunftswissen nicht an, politisieren, u.a. die mit ihm verbundene Unsicherheit und naturalisieren die Zukunft des Klimasystems (‚das Klima hat sich immer gewandelt‘). Die enge Verflechtung von (konfliktbeladenen) Zukunftswissen und daraus abgeleiteter Unmittelbarkeit von Lösungsstrategien, macht Klimaproteste zu einer politisch höchst aufgeladenen Angelegenheit.

Wo Zukunftsvorstellungen und die Zukunft vermischt, bzw. als ein als ‚realer‘ und vorhersehbarer Moment (miss‑)verstanden werden und damit der Konstruktions-, Macht- und Konfliktgehalt aller Zukunftsvorstellungen verkannt wird, verweist die Soziologie auf die Vernachlässigung dieser Wechselverhältnisse und die Machtdimensionen, die mit der Anrufung verschiedener Zukünfte verbunden sind. In Bezug auf die Produktion sozial-ökologischer Utopien (also positive, erstrebenswerte Zukunftsvorstellungen), lässt sich etwa zeigen, dass wirtschaftliche und politische Machtzentren ihr ökonomisches und kulturelles Kapital dafür einsetzen, hegemoniale Vorstellungen einer nachhaltigen bzw. grünen Moderne zu produzieren, die (vor allem technische) Lösungsstrategien für die sozial-ökologische Krise anbieten und bewerben (Wendt 2018, Jochum 2020).

Im Nachhaltigkeitsdiskurs lassen sich idealtypisch jedoch mindestens drei verschiedene „Zukünfte der Nachhaltigkeit“ (Adloff et al. 2020) voneinander unterscheiden, die ihrerseits mit spezifischen Imaginationen, (Macht‑)Strukturen und (konfligierenden) Praktiken verbunden sind: 1.) Am weitesten verbreitet sind dabei Vorstellungen von einer Zukunft als Ökologisierung der kapitalistischen Marktwirtschaft. Klima- und Umweltkrisen sollen vor allem durch technische Mittel und marktbasierte Instrumente gelöst werden. Diese Wissensbestände stabilisieren als Rechtfertigungsordnungen das bestehende gesellschaftliche Ordnungsgefüge durch ökologische Innovationsversprechen. 2.) Auf der Grundlage einer immanenten Kritik dieser Versprechen im Lichte der Nicht-Erreichung von ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitszielen produzieren Teile der sozial-ökologischen Bewegungen radikalere Transformationsutopien: „System Change, Not Climate Change‘. Dieses Zukunftswissen zielt häufig auf die Überwindung bestehender (etwa kapitalistischer, postkolonialer, patriarchaler) Macht- und Herrschaftsordnungen und alternative Formen von Gesellschaft, wie etwa eine Postwachstumsgesellschaft oder einen Grünen Sozialismus. 3.) Im Angesicht der Erwartung, dass es bereits zu spät sei, den planetaren Kollaps zu verhindern, zielen manche Forderungen von Klimawissenschaftler*innen auch auf (technokratische) Kontrollmöglichkeiten; von weitreichenden technischen Eingriffen wie Geo-Engineering bis hin zum Aufbau umfassender Katastrophenschutz-, Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen.

Über diese, von Adloff et al. vorgenommene Typisierung hinaus zirkulieren im Nachhaltigkeitsdiskurs aber auch gerade in rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen, Zukunftsvorstellungen, die gegen alle drei Zukünfte der Nachhaltigkeit, vor allem aber Kontroll- und weitreichende Transformationsutopien gerichtet sind, und die diese als Dystopie einer kommenden (kommunistischen) Klima- bzw. Ökodiktatur imaginieren (Wendt 2022). Die Klimaszenarien der Nachhaltigkeitsforschung und -bewegung werden hier als Ideologien und Manipulationsversuche von Eliten wahrgenommen, die zum Ziel haben, die Gesellschaft zu de-industrialisieren und zu beherrschen. Diese Zukunftsimaginationen intendieren den weitreichendsten Konservatismus, indem Zukunft als eine Verlängerung und Verteidigung des fossilen Zeitalters und der mit ihm verbundenen sozialen Praktiken gedacht wird.

[1] Siehe hierzu: Glossareintrag zum Begriff „Nachhaltigkeit“

[2] Rammstedt spricht von ‚okkasionellem‘, ‚zyklischem‘ sowie ‚linearem‘ Zeitbewusstsein mit entweder geschlossener oder offener Zukunft. Die moderne Gesellschaft kennzeichnet vor allem ein lineares Zeitverständnis mit offener Zukunft. Das heißt, Zeit wird als seriell voranschreitend gesehen, ohne angebbaren Letztzeitpunkt (wie dies etwa noch im apokalyptischen Szenario der theologischen Eschatologie der Fall war)

[3] Das Thomas Theorem besagt: „if men define situations as real, they are real in their consequences”. In: Thomas, W. I. (1928): The Child in America: Behavior Problems and Programs. New York: Alfred A. Knopf. S. 572.

[4] Während eine selbsterfüllende Prophezeiung sich dadurch auszeichnet, dass eine falsche Definition der Situation, vorliegt, die aber „ein neues Verhalten hervorruft, das die ursprünglich falsche Sichtweise richtig werden läßt“, kennzeichnet eine selbstzerstörende Prophezeitung, dass sie „das Eintreten eben jenes Umstands verhindern, der sonst eintreten würde“ Merton, R. K. (1995): Soziologische Theorie und soziale Struktur. Berlin: de Gruyter, S. 124 und 399ff.

[5] CliFi (kurz für: Climate Fiction, in Anlehnung an die Abkürzung zu Science Fiction) ist ein Literatur Genre, in welchem (häufig) postapokalyptische Szenarien vor dem Hintergrund ökologischer Katastrophen gezeichnet werden.

[6] Das Anthropozän stellt eine geologische Epoche dar, in welcher der menschliche Einfluss (ähnlich anderer ökologischer Einschnitte) auf das Ökosystem des Planeten stets datierbar sein wird.

Zum Weiterdenken

‚Nachhaltige Zukunft‘ ist ein sozial-differenziertes, konfliktreiches und politisch umkämpftes Territorium (siehe hierzu die Literaturvorschläge Zilles 2022). Hinter den abstrakten Typen von Zukunftsvorstellungen befinden sich Akteur*innen, die konkrete Praktiken der Kapital-, Macht- und Wissensakkumulation in Stellung bringen, um ihre Sichtweise, Interesse und präferierten Lebensmodelle durchzusetzen. Die soziologische Beobachtung verweist darauf, dass sich Nachhaltigkeit im Sinne einer positiv besetzten Zukunftsvorstellung gegen das moderne Wissen einer stets offenen Zukunft durchsetzen muss. Am erfolgreichsten gelingt dies entweder, indem sie diese Offenheit schlichtweg negiert (‚die Daten sind eindeutig!‘) oder aber sich gegenüber dem Status Quo als nützlich inszeniert, selbst wenn die Warnung vor einem ökologischen Kollaps sich nicht bewahrheiten sollte.

Zum Weiterlesen

Adloff, Frank; Fladvad, Benno; Hasenfratz, Neckel, Sighard 2020 (Hrsg.): Imagination von Nachhaltigkeit. Katastrophe, Krise, Normalisierung. Frankfurt am Main: Campus.

Wendt, Björn 2018: Nachhaltigkeit als Utopie. Zur Zukunft der sozial-ökologischen Bewegung. Frankfurt am Main: Campus.

Zilles, Julia; Drewing, Emily; Janik, Julia 2022 (Hrsg.): Umkämpfte Zukunft. Zum Verhältnis von Nachhaltigkeit, Demokratie und Konflikt. Bielefeld: transcript.

Beck, Ulrich 2017: Die Metamorphose der Welt. Berlin: Suhrkamp.

Beckert, Jens 2018: Imaginierte Zukunft: Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus. Berlin: Suhrkamp.

Chakrabarty, Dipesh 2009: “The Climate of History: Four Theses”, in: Critical Inquiry 35:2, S. 197-222.

Delanty, Gerard 2020: Wann beginnt die Zukunft? Überlegungen zu Temporalität, Nachhaltigkeit und Zukunftsszenarien, in: Adloff, Frank; Fladvad, Benno; Hasenfratz, Neckel, Sighard (Hrsg.): Imagination von Nachhaltigkeit. Katastrophe, Krise, Normalisierung. Frankfurt am Main: Campus, S. 49-70.

Hölscher, Lucien 1999: Die Entdeckung der Zukunft. Frankfurt a.M.: Fischer.

Horn, Eva 2014: Zukunft als Katastrophe. Frankfurt a.M.: Fischer.

Jochum, Georg 2020. Nachhaltigkeit zwischen Sozial- und Technikutopie. Transformationspotentiale der utopischen Diskurse der Moderne, in: Soziologie und Nachhaltigkeit. 6(1), 21–48. https://doi.org/10.17879/sun-2020-2820

Klauer, Bernd, et al. 2013: Die Kunst langfristig zu denken: Wege zur Nachhaltigkeit. Baden-Baden: Nomos.

Nagel, Alexander-Kenneth 2021: Vorbereitung auf den Untergang: Prepper als apokalyptische Szene? In: Betz, Gregor, Bosančić, Sasa (Hrsg.): Apokalyptische Zeiten. Endzeit- und Katastrophenwissen gesellschaftlicher Zukünfte Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 27-43.

Neckel, Sighard 1988: Entzauberung der Zukunft: Zur Geschichte und Theorie sozialer Zeitperspektiven. In: Zoll, Rainer (Hrsg.): Zerstörung und Wiederaneignung von Zeit. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. S. 464–486.

Rammstedt, Ottheim 1975: „Alltagsbewußtsein von Zeit“, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 27:1, S. 47–63.

Schiller-Merkens, Simone 2022: Prefiguring an alternative economy: Understanding prefigurative organizing and its struggles, in: Organization, 0:0. S. 1-19.

Suttner, Sebastian 2023: Das zeitliche Dilemma der Nachhaltigkeit: Wie Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellt. In: Henkel, Anna et al. (Hrsg.): Dilemmata der Nachhaltigkeit. Baden-Baden: Nomos. S. 109-124.

Wendt, Björn 2022: Zwischen Kollaps und Ökodiktatur. Wissenssoziologische Beobachtungen zu den Dystopien des aktuellen Klimadiskurses. In: Betz, Gregor, Bosančić, Sasa (Hrsg.): Apokalyptische Zeiten. Endzeit- und Katastrophenwissen gesellschaftlicher Zukünfte Weinheim/Basel: Beltz Juventa, S. 133-157.

Willer, Stefan; Bühler, Benjamin 2016 (Hrsg.): Futurologien. Ordnungen des Zukunftswissens. Schöningen: Brill.


Björn Wendt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Münster

E-Mail: björn.wendt@uni-muenster.de

Sebastian Suttner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Würzburg

E-Mail: sebastian.suttner@uni-wuerzburg.de


Tagungsbericht Soziologische Waldforschung im Aufbruch 2023

Tagungsberichte

Soziologische Waldforschung im Aufbruch

Tagungsbericht zum ersten Soziologischen Waldsymposium am 01. Dezember 2023 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena

 

Beim Soziologischen Waldsymposium kamen Anfang Dezember 2023 erstmals Forschende zusammen, die aus soziologischer Perspektive zu Waldthemen arbeiten. Ein breites Spektrum von Beiträgen zeigte eindrucksvoll die Vielfalt der waldsoziologischen Forschungslandschaft, der es allerdings bisher an Vernetzung gefehlt hat, sowie ihre Beiträge zur kritisch-reflexiven Analyse gesellschaftlicher Konfliktlinien rund um Wald, Forst und soziale, ökologische und ökonomische Transformationen. Die Veranstaltung war vor diesem Hintergrund spürbar von einer Aufbruchstimmung geprägt. Organisiert wurde das Symposium von Jana Holz (FSU Jena), Ronja Mikoleit (FVA Freiburg), Dr. Anna Saave (HU Berlin) und Ronja Schröder (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) mit praktischer und organisatorischer Unterstützung von Sebastian Drue (FSU Jena) .

41 Soziolog*innen, Sozialwissenschaftler*innen und sozialwissenschaftlich interessierte Waldforschende kamen am Morgen des 01. Dezember 2023 in der Friedrich-Schiller-Universität Jena auf Einladung der BMBF-Nachwuchsgruppe „Mentalitäten im Fluss“ (flumen) zusammen. Da die soziologische Waldforschung bisher noch kaum institutionell in Forschungseinrichtungen oder Professuren verankert ist, waren vor allem engagierte Nachwuchswissenschaftler*innen in Form von Doktorand*innen und Post-Docs anwesend. Um der Community das Kennenlernen und Netzwerken weiter zu erleichtern, kamen neben Vorträgen und moderierten Diskussionen auch interaktive und partizipative Methoden zum Einsatz: Von Murmelgruppen über das gemeinsame Erarbeiten und Clustern von Forschungsthemen und eine Steckbriefausstellung bis zum gemeinsamen geografischen Mapping der Teilnehmenden im Raum (Wo leben und arbeiten wir?). Die aus den anwesenden Personen im Gang interaktiv entstehende Landkarte umfasste dabei den geografischen Raum zwischen München im Südosten und London im Nordwesten, Freiburg im Südwesten und Eberswalde im Nordosten. Sichtbar wurden wenige größere Personen-Cluster und viele “Satelliten”, also Forschende ohne waldsoziologische Kolleg*innen in der (geografischen) Nähe – umso größer die Freude über die Vernetzung! Es bestätigte sich folglich der große Bedarf an Austausch und Community-Building im Feld der soziologischen Waldforschung.

Die Teilnehmenden des ersten Soziologischen Waldsymposiums in Jena (Foto: Sebastian Drue/flumen)

In ihrer thematischen Anmoderation schilderten die Organisatorinnen ihre Begeisterung über das große Interesse an der Veranstaltung und die vielen spannenden waldbezogenen Forschungsthemen der Teilnehmenden: “Unsere Hoffnung, dass ‘da draußen’ noch mehr spannende soziologische Waldforschung stattfindet, hat sich voll und ganz erfüllt!” Sie äußerten ihren Wunsch nach Austausch innerhalb einer gleichzeitig soziologischen und thematisch geprägten Peer-Community sowie das bisherige Fehlen eines ‘epistemischen Zuhauses’: Es fehlt an Strukturen für die soziologische Waldforschung. Denn das Forschungsthema ‘Wald und Gesellschaft’ bringt es fast notwendigerweise mit sich, dass sich Forschende in verschiedenen interdisziplinären Feldern bewegen, etwa in Kontexten der interdisziplinären Umweltsozialwissenschaften, der Umweltsoziologie, der Forstwissenschaften und Forstpolitikwissenschaften, der Wissenschaftsforschung, der feministischen Forschung, der Biodiversitätsforschung, der Nachhaltigkeitsforschung, der Bioökonomieforschung, etc. Um angesichts dieser dynamischen inter- und transdisziplinären Kontexte eine eigene soziologische und kritisch-sozialwissenschaftliche Perspektive zu bestärken und die Navigation dieser Felder zu erleichtern, wollten die Organisatorinnen mit dieser Veranstaltung ein disziplinär orientiertes, aber offenes Forum für Austausch unter Forschenden mit ähnlichen Interessen und Erfahrungen, für gemeinsame Projekte und gegenseitige Unterstützung etablieren.

Was sind die Gründe für diese bisherige Leerstelle? Die Organisatorinnen verwiesen in ihrer Einleitung auf die Tatsache, dass sich die Soziologie als Disziplin bekanntermaßen lange relativ wenig mit Umweltthemen beschäftigt hat. Die inzwischen etablierte Umweltsoziologie wurde lange als randständig betrachtet und nach wie vor bringt die Berührung mit anderen Disziplinen sowohl Potenziale wie Herausforderungen mit sich. Neben der Umweltsoziologie macht die inter- und transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung in den letzten Jahren auf sich aufmerksam, Wald steht jedoch hier nur selten im Fokus. Auch die Land- und Agrarsoziologie bietet potenziell Anknüpfungspunkte für soziologische Waldforschung, legt allerdings einen klaren Fokus auf die Themen Landwirtschaft und Ernährung.

Auch die sich aus den Forstwissenschaften heraus entwickelte forstpolitikwissenschaftliche Forschung mit ihrem Fokus auf Governance-Fragen und eher klassische politische Arenen und Institutionen lässt sich gewinnbringend um eine kritische soziologische Perspektive erweitern. Nicht zuletzt verstehen sich Forstwissenschaftler*innen bis heute häufig als für alle Waldthemen zuständige Vertreter*innen einer Universaldisziplin, die verschiedenste waldbezogene Sub-Disziplinen vereint.

Im Vergleich zu diesen bisherigen Forschungsprogrammen zeigt das Tagungsprogramm eindrücklich die Vielfalt, Tiefe und Breite der bereits existierenden soziologisch inspirierten Forschung zu waldbezogenen Themen, auch wenn sie bisher wenig sichtbar war und im Gegensatz zu den Forstpolitikwissenschaften oder der Umwelt- oder Agrarsoziologie eine institutionelle Verankerung noch weitgehend aussteht.

Inhaltlich gliederte sich das Symposium in vier Teile: Zunächst stellten die ersten sechs Referent*innen in einer Runde von Kurzbeiträgen unter der Überschrift “Wald und Forst(wirtschaft) in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik” ihre aktuelle Forschung oder Forschungsvorhaben vor. Anschließend fanden in zwei parallelen Sessions je drei Vorträge statt, die tiefergehende Einblicke ermöglichten und Zeit für Diskussion boten. Am Nachmittag schlossen sich weitere Kurzvorträge zum Thema “Wald im Wandel: Akteure, Krisen, Konflikte” und der Keynote-Vortrag von PD Dr. Stephanie Bethmann (FVA Freiburg) als inhaltlicher Kristallisationspunkt der Veranstaltung an.

In der ersten Runde der Pitches schürten Dr. Susanne Koch (TU München), Dr. Kathrin Böhling (LWF), Diana Cichecki (FVA), Philipp Ott, Leonie Wagner (jeweils TU München) und Anna Brietzke (ISOE) in jeweils maximal dreiminütigen ‘Pitches’ weitere Neugier auf ihre spannenden Projekte, die in unterschiedlicher Weise Praktiken, Akteure, Rollenverständnisse, Konzepte und rechtliche Rahmenbedingungen der Forstwissenschaft und Forstpraxis aus praxeologischer, systemtheoretischer, rechtswissenschaftlicher, kapitalismuskritischer und weiteren Perspektiven untersuchen.

In der anschließenden ersten Vortragssession erhielten die Teilnehmenden von Ronja Mikoleit und Dr. Carolin Maier (FVA Freiburg) einen Eindruck davon, wie unterschiedliche Menschen, sowohl Bürger*innen als auch Förster*innen, in „Wald-Krisengebieten“ in Südwestdeutschland klimabedingte Waldveränderungen erleben. Ergebnisse aus quantitativen Umfragen und qualitativen go-along-Interviews spannten einen Bogen von Gefühlen von Demut über Ohnmacht bis hin zur Deutung forstlichen Handelns als Kampf. Daran anschließend bot Ann-Kristin Kühnen von der TU Dresden Einblicke in technosoziale Perspektiven auf den Wald. In ihrem Vortrag stellte sie Fragen nach der „Verdatung“ von Wäldern und deren selektiver Übersetzung: Wie informieren, konstituieren und beeinflussen sich Technologie und Wald gegenseitig? Zu welchem Zweck wird was verdatet und in Wert gesetzt? Die Vortragssession schloss mit einem Vortrag von Manuel John, Philipp Mack und Ronja Mikoleit von der Uni Freiburg zur Emotionalität öffentlicher Kontroversen zum Thema Waldbewirtschaftung in Deutschland und dahinterliegenden „deep stories“.

Die Diskussion im Anschluss an die drei Vorträge drehte sich unter anderem um erkenntnistheoretische Fragen in Bezug auf Daten im und über den Wald sowie geschlechtertheoretische Wald-Perspektiven. Ebenso wurde intensiv über Darstellungsweisen und epistemische sowie politische Positionierungen in Bezug auf die Dichotomisierung von Forst und Naturschutz debattiert.

In der zweiten Vortragssession erhielten die Teilnehmenden zunächst von Dr. Kerstin Botsch (Nationalpark Schwarzwald, gemeinsam mit Dr. Susanne Berzborn) methodische und inhaltliche Einblicke in zwei Sets qualitativer Interviews, welche Beziehungen von im Schwarzwald lebenden      Personen zum Wald dokumentieren und die Rekonstruktion und ein Verständnis verzweigter Veränderungen von Waldbeziehungen von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart ermöglichen. Dr. Christopher Klapperich (LMU München) bot Einblicke in seine laufende Forschung zu Akteur*innen und Praktiken der Aufforstung in den Philippinen. Er analysierte konfligierende Verständnisse von ursprünglichem Wald in dieser Region und erwog Möglichkeiten der Stärkung der Gestaltung von Zukunftswäldern durch Wissenschaft und Zivilgesellschaft und Formen lokal engagierter Forschung. Im Anschluss daran schilderte Markus Rudolfi seinen material-semiotischen Zugang zu Naturschutzpraktiken im Nationalpark Bayerischer Wald-Šumava. Sein Vortrag bot nicht nur Einblicke in die spezifische Methodik seiner Forschung, sondern zeigte auch die Ambiguität von Deutungshoheit und sprachlicher Vermittlung in der Waldnaturschutzarbeit auf.

Neben den drei Kurzvorträgen von Dr. Sebastian Garbe (HS Fulda), Dr. Christoph Burmeister (HU Berlin) und Jan Gilles (LSE) gab es in der darauffolgenden zweiten Runde von Kurzvorträgen aufgrund einiger einer krankheitsbedingter Absagen Raum für drei spontane Inputs von Sandra Liebal (TU Dresden), Katharina Linne (HNE Eberswalde) und Prof. Dr. Pierre Ibisch (HNE Eberswalde). Die sechs Kurzbeiträge machten neugierig auf die Forschungsprojekte und Projektideen zu Solidarisierungsprozessen im und für den Wald, Waldbränden als Prisma nachhaltiger Transformation im Anthro- oder Kapitalozän, Wald als sozio-technischem System, Selbstverständnissen der Forstwirtschaft/-wissenschaft und sozial-ökologischem Waldmanagement und -gerechtigkeit.

Im Anschluss an diese zweite Pitches-Runde identifizierten und clusterten die Teilnehmenden in einer gemeinsamen Mapping-Session kollektiv die waldsoziologische Forschungslandschaft, indem sie Forschungsthemen und -perspektiven sowie Austauschbedarfe zusammentrugen. Auch hier sowie in der lebhaften anschließenden Diskussion wurden nochmals eindrücklich sowohl die zahlreichen gemeinsamen Interessen und Schwerpunkte, aber auch die Vielfalt von Forschungsansätzen und -themen rund um Gesellschaft und Wald deutlich sichtbar.

Ergebnis des gemeinsamen Forschungsthemen/-perspektiven-Mappings (Bild: Sebastian Drue/flumen)

Den krönenden Abschluss des ersten Soziologischen Waldsymposiums bildete der Keynote-Vortrag von PD Dr. Stephanie Bethmann, Leiterin der Stabsstelle Gesellschaftlicher Wandel der FVA Freiburg, unter dem Titel “Soziologie des Waldes: ein praxistheoretischer Entwurf”. Die Einstiegsfrage „Ist der Wald von einem systematischen Interesse für die Soziologie?“ konnte sie überzeugend positiv beantworten, indem sie Wald analytisch als zentralen sozialen Raum, als Kulturlandschaft und Inbegriff von Natur verortete und als Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen sichtbar werden ließ, etwa in Bezug auf die Transformation gesellschaftlicher Naturbeziehungen, Demokratie und Protestformen, Wirtschaftsbeziehungen und Professions- und Verwaltungskulturen.

Anschließend näherte sie sich dem Wald mittels der klassischen Trias der Nachhaltigkeit – Ökologie, Ökonomie und Soziales – und betrachte ihn aufbauend auf verschiedenen Forschungsprojekten ihres Teams als “Naturraum”, “Arbeitsraum” und “Freizeitraum”, sowie damit einhergehende unterschiedliche Bedingungen, Zielkonflikte und Akteurskonstellationen. Somit eröffneten sich Blicke auf forstliche Praktiken, die Ausbildung von Forststudierenden, die Aneignung von Wald durch seine Besucher*innen sowie kulturelle Deutungen des Waldes als Inbegriff von “Natur”. Mithilfe des Anschlusses an verschiedene theoretische Konzepte von Pierre Bourdieu fundierte Stephanie Bethmann überzeugend ihre analytische Perspektive auf die Herstellung und Aneignung von Waldräumen (auch im Kontext von Konflikten in und zwischen Räumen), die Gleichzeitigkeit von Krise und Normalisierung (Transformation, Beharrlichkeit), die Explizierung von Implizitem (epistemischer Bruch, sich neu auf die Suche nach dem Doxischen machen) und auch den Blick auf verteiltes Handeln zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen.

Im Anschluss an das erste Soziologische Waldsymposium haben sich bereits zwei weitere Vernetzungsinitiativen entwickelt, zu denen wir weitere Interessierte sehr herzlich einladen. Die Organisatorinnen riefen den Emailverteiler soz-wald@listserv.dfn.de ins Leben. Darüber können Informationen zu aktuellen Forschungsvorhaben, Veranstaltungen oder Calls for Papers/Participation, zur Literatursuche, aktuellen Publikationen, Stellenausschreibungen oder thematischen Initiativen etc. verbreitet werden. Interessierte Personen können folgenden Link verwenden, um Mitglied der Emailliste zu werden: https://www.listserv.dfn.de/sympa/subscribe/soz-wald?previous_action=info

Zudem schließt sich an das Symposium eine Online-Veranstaltungsreihe des beim ersten Soziologischen Waldsymposiums gegründeten Netzwerk Soziologische Waldforschung an. Im etwa zweimonatigen Rhythmus werden abendliche Online-Vorträge aus dem Netzwerk heraus organisiert. Wir laden alle herzlich ein zur ersten Online-Veranstaltung in diesem Rahmen am 22. Februar 2024 von 17-19 Uhr. Dr. Susanne Koch (TU München) wird das Netzwerk mit einem ersten Vortrag bereichern. In Jena hat sie uns mit ihrem Pitch bereits neugierig gemacht auf ihre spannende Forschung zu Ungleichheiten in der Waldforschung aus wissenschaftssoziologischer Perspektive. Weitere Informationen zur Veranstaltung und den dazugehörigen Zoom-Link verschicken wir Ende Januar über den Soz-Wald-Emailverteiler.

Die nächste Offline-Veranstaltung des neuen Netzwerks wird in der zweiten Jahreshälfte 2024 in Freiburg stattfinden. Das Team der Stabsstelle Gesellschaftlicher Wandel der FVA Freiburg hat sich bereit erklärt, die nächste Tagung des Netzwerks auszurichten. Weitere Infos dazu folgen in Kürze über den soz-wald-Emailverteiler.

Zusammenfassend hat das erste Soziologische Waldsymposium viele bisher vereinzelte “Satelliten” der soziologischen Waldforschung zusammengebracht und die Vielfalt der bereits existierenden soziologischen Waldforschung sowie ihrer inhaltlichen Schwerpunkte und Perspektiven sichtbar gemacht. Es bildet damit einen fruchtbaren Ausgangspunkt für die zukünftige Weiterentwicklung der soziologischen Waldforschung     .

 


Ronja Mikoleit, Soziologin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Stabsstelle Gesellschaftlicher Wandel der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (https://www.fva-bw.de/top-meta-navigation/fachabteilungen/stabsstelle-gesellschaftl-wandel) und Doktorandin am Lehrstuhl für Sustainability Governance der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Sie forscht zu gesellschaftlichen Waldbeziehungen, professionellen forstlichen Wissenskulturen und Waldplanung.

Jana Holz ist seit 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin in der BMBF-Nachwuchsgruppe “Mentalitäten im Fluss” (https://www.flumen.uni-jena.de/) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Sie forscht und lehrt zu sozialen Naturbeziehungen in der industriellen Forstwirtschaft in Finnland.

Dr. Anna Saave ist politische Ökonomin und Postdoktorandin in der Nachwuchsgruppe BioMaterialities an der Humboldt-Universität zu Berlin. Anna Saaves Forschungsschwerpunkte liegen auf der Verflechtung von Care- und Reproduktionsarbeit, ökologischen Prozessen und Ökonomie, auf Akkumulationstheorien, Waldnutzung, Bioökonomie, gesellschaftlichen Naturverhältnissen sowie in der Postwachstums- und Transformationsforschung.

Ronja Schröder, Soziologin, ist seit 2021 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg in der Arbeitsgruppe Sozialtheorie. Zurzeit beschäftigt sie sich mit Mensch-Wald-Beziehungen und der Sorge um den Wald.

 


Global South (Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit)

Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit

Global South

Global South is a geopolitical concept that is used to describe places located outside the centres of economic, cultural and political power. These are places that were/are negatively affected by colonialism, imperialism and global capitalism. At the same time, these are places where alternative pathways to sustainability are emerging, based on communal and relational models of life.

Introduction

Global South is a contested and relational concept. It only exists in opposition to a “Global North”, although the boundaries between the two are fuzzy, unstable, and socially constructed in many different ways. In this entry, we first make a brief description of the history of the term. Then, we describe how colonialism, neo-colonialism and global capitalism have shaped the economy and cultural processes of the Global South. After that, we present some alternative discourses emerging from the Global South that question the predominant Northern/Western model of development and propose new pathways for sustainability. We conclude with a reflection on the need to use this term in a critical way in order to avoid homogenising the different histories, cultures, and experiences of the places situated in the “Global South”.

A brief history of the term

The “South” as a geopolitical concept emerged in the 1970s to describe “Third World” or “underdeveloped” societies at the periphery of the world economy. The term was popularized by the Brandt report from the World Bank entitled “North-South: A Program for Survival(1980). The report described economic disparities, based on GDP per capita, between countries geographically located on different sides of a line that encircles the world at a latitude of 30 degrees, passing between the United States and Mexico, between Europe and Africa, Russia and China, and then diverging South to include Japan, Australia and New Zealand as belonging to the North. The report also advocated financial fluxes from the North to the South to stimulate the development and modernization of the South (Armillas-Tiseyra & Mahler 2021; Dirlik 2007). In the 1990s, the term “Global” was affixed to it and it replaced “Third World” after the collapse of the Soviet Union (Levander & Mignolo 2011). The term “Third World” had been coined by Alfred Sauvy in 1952 to refer to the formerly colonized or neo-colonized territories, and to differentiate them from the modernising parts of the world under the influence of capitalism (First World) and socialism (Second World) (Dirlik 2007).

Since the fall of the “Second World”, the term Global South has gained currency in global politics, international development and the social sciences. While the term Global South initially referred to the geographical location of the regions South of the Brandt line, the geographical references of the term have changed over time (Dirlik 2007). Nowadays it mostly describes the regions outside Europe and North America – the “rest” outside the “West” (Mahbubani 1992). However, the term Global South has also been used to refer to peoples who are negatively impacted by capitalist globalization even within the borders of wealthier countries (Armillas-Tiseyra & Mahler 2021).

The concept of a “South in the North” often refers to migration from Africa, Asia, Latin America and the Caribbean to the United States and the European Union. It is also used to refer to poverty pockets, racial conflicts and subaltern groups within developed countries. In this sense, “Global South” is a relational term that is employed to address the negative impacts of capitalist globalization in both the South and the North. Vice versa, the “North in the South” often refers to elites located in countries of the South that seek to reproduce the dominant structures of global capitalism and internal colonial practices towards racialized populations and natural resources. Some regions, such as Central Europe, Russia and Central Asia, sometimes remain in a grey area, neither in the North nor in the South (Levander & Mignolo 2011).

Global South and Sustainability

The legacies of colonialism

The colonial enterprise has shaped the way in which countries from the Global South were incorporated into global capitalism. The exploitation of their territories as resource providers to enrich the (neo)colonial powers has led these countries to often become producers of primary goods and raw materials to supply the industries of the Global North. A recent study (Dorninger et al. 2021) has shown that higher-income (Global North) countries’ demand for raw materials far exceeds their domestic extraction. At the same time, all other world regions are net providers of raw materials, i.e. their production exceeds their consumption of resources. Global North countries also appropriate a disproportionately large share of energy, labour and land. However, the monetary compensation for resources exported by countries in the South – especially labour – is lower, and countries of the Global North tend to receive more than double the Trade in Value Added (TiVA) per embodied energy exported than poorer countries (Dorninger et al. 2021).

This unequal exchange not only indicates disproportionate access to resources by countries of the Global North, but it also suggests that economic growth and technological progress in the North depends on the exploitation of land and people in other regions of the world (Dorninger et al. 2021; Jorgenson & Clark 2009). In 2023, Global South countries, defined by GDP per capita, contained roughly 75% of the world population but earned 20% of the global wealth (World Population Review 2023).

Besides its economic implications, processes of colonisation and imperialism have also had cultural consequences. Colonial powers imposed knowledge, meanings and interpretations developed in the North to the rest of the world. They classified the world population as either inferior/irrational/primitive peoples (the colonised) or superior/rational/civilized (the Europeans) (Quijano 2007). The South was then ideologically constructed as a space of exception “outside the bounds of humanity and human rights” (Sparke 2007: 118). These ideological constructions legitimised the use of violence and the dispossession of local groups in the name of “civilization”.

Many scholars, political actors and social movements are re-signifying the term Global South in order to challenge the control of the Global North on knowledge production, economy, history and politics. The Global South as a critical concept reflects on the failure of the hegemonic discourse of globalization by examining the consequences of colonialism, imperialism and global capitalism on those peoples who are marginalised from the benefits of globalization, but suffer the uneven impact of its costs (Armillas-Tiseyra & Mahler 2021; Lopez 2007). It has also been used to unveil pathways and alternatives to development that diverge from the pathway followed by the industrialised, developed countries of the Global North. In the next subsection, we will present some of these alternatives that are emerging from the Global South.

Sustainability discourses emerging from the Global South

Many discourses around the world have been calling for a radical transition away from current models of social life, which are seen as the underlying cause of the current civilizational crisis. The main proposals for these transitions emerging from the Global South include the concepts of post-development and alternatives to development, Buen Vivir, communal logics and transitions to post-extractivism. The concepts of post-development and alternatives to development question the basic assumptions of Western discourses on development, including the ideas of growth, progress and instrumental rationality. They see development as a set of representations and practices that produces “underdevelopment”. They strive to open up the imaginary to other ways of understanding the conditions of societies in Africa, Asia and Latin America, and look for alternatives emerging from the practices of grassroots movements (Escobar 2015).

Within post-development discourses, the concept of Buen Vivir has gained impetus. Based on indigenous ontologies, Buen Vivir (as a social movement and not its appropriation by some Latin-American States) can be described as the search for a good life based on the collective well-being of communities, putting the preservation of nature and social justice as having priority over economic objectives. The concept of Buen Vivir connects struggles of indigenous communities with the transformative agendas of peasants, Afro-descendants, environmentalists, students, women, and youth movements. Its “key criteria is that growth and the economy should be subordinated to BV [Buen Vivir] and the rights of nature, not the other way around” (Escobar 2015: 456).

Researchers from the Global South have increasingly recognised the sustainability of indigenous and traditional ways of life and their role in protecting biodiversity. Indigenous and traditional knowledge, while still marginalised, could offer alternatives to development – alternative visions of “the good life” based on non-capitalist ways of living. They offer worldviews which value nature, interconnectedness and community (Escobar 2015) and, as such, may provide alternative civilizational models to the technology-driven sustainability transitions predominantly promoted by the Global North. Indigenous and traditional ontologies also inspire communal frameworks. These are frameworks centred on place-based practices of grassroots groups that organize life around communal, non-state and non-capitalist practices. This does not mean that these communities are not traversed by power relations, or that they do not engage with markets. The idea here is to displace the individual and put the communal at the centre of societal models (Escobar 2015). The communal, in relational ontologies, also includes territories and non-humans.

Another sustainability discourse emerging from the Global South is transitions to post-extractivism. It focuses on the critique of “extractivist models based on large-scale mining, hydrocarbon exploitation, or extensive agricultural operations”, which are often legitimized as the most efficient growth strategies (Escobar 2015: 455).

These trends emerging from the South offer alternative pathways towards sustainability. Pathways that move away from capitalism and Western modernity and are, instead, based on communal and relational models of life. The Global South can be seen, therefore, as the places “where decolonial emancipations are taking place and where new horizons of life are emerging” (Levander & Mignolo 2011: 4f.).

For further thinking

Global South is a contested concept and there is no universally agreed definition of the term (Dwivedi & McGillis 2022). It is a concept that can be homogenising, but it can also be used to criticise globalist accounts by emphasizing the existing asymmetries and inequalities between places (Dwivedi & McGillis 2022; Sparke 2007). In this sense, “Global South” can be used to redress historical injustices (Dwivedi & McGillis 2022).

The term Global South must be used with the understanding that it is a contradictory term that integrates a plurality of histories, cultures, and experiences into one geopolitical space. Used critically, the term Global South addresses the challenges and solutions of marginalized groups that experience globalization “from the bottom” (Lopez 2007). It can, thus, be used to resist North-oriented globalization (Dwivedi & McGillis 2022) which tends to maintain Southern countries in a peripheral position and to keep the circulation of resources within “selective groups of valued lives” (Dwivedi & McGillis 2022: 7).

Further reading

Escobar, A. (2018): Designs for the Pluriverse: Radical Interdependence, Autonomy, and the Making of Worlds. Durham: Duke University Press.

Kothari, A., Salleh, A., Escobar, A., Demaria, F., Acosta, A. (2019): Pluriverse: A Post-Development Dictionary. Delhi: Tulika Books.

Martínez-Alier, J. (2003): The Environmentalism of the Poor: A Study of Ecological Conflicts and Valuation. Cheltenham: Edward Elgar Pub.

Santos, B. de S. (2014): Epistemologies of the South: Justice against epistemicide. London: Routledge.

 

Armillas-Tiseyra, M./ Mahler, A. G. (2021): Introduction: New Critical Directions in Global South Studies. In: Comparative Literature Studies, 58(3), pp. 465-484. https://doi.org/10.5325/complitstudies.58.3.0465

Dirlik, A. (2007): Global South. In: The Global South, 1(1), pp. 12-23. https://doi.org/10.4324/9781315534619

Dorninger, C./Hornborg, A./Abson, D. J./von Wehrden, H./Schaffartzik, A./Giljum, S./Engler, J. O./ Feller, R. L./Hubacek, K./Wieland, H. (2021): Global patterns of ecologically unequal exchange: Implications for sustainability in the 21st century. In: Ecological Economics, 179, 106824. https://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2020.106824

Dwivedi, O. P./McGillis, R. (2022): Introduction: Hope and Utopia in Global South Literature. In: Metacritic Journal for Comparative Studies and Theory, 8(2), pp. 5-12. https://doi.org/https://doi.org/10.24193/mjcst.2022.14.01

Escobar, A. (2015): Degrowth, postdevelopment, and transitions: a preliminary conversation. In: Sustainability Science, 10(3), pp. 451-462. https://doi.org/10.1007/s11625-015-0297-5

Jorgenson, A. K./Clark, B. (2009): Ecologically unequal exchange in comparative perspective: A brief introduction. In: International Journal of Comparative Sociology, 50(3-4), pp. 211-214. https://doi.org/10.1177/0020715209105139

Levander, C./Mignolo, W. D. (2011): The Global South and world dis/order. In: The Global South, 5(1), pp. 1-11. https://doi.org/10.3998/jar.0521004.0067.202

Lopez, A. J. (2007): Introduction: The (Post)global South. In: The Global South, 1(1), pp. 1-11.

Mahbubani, K. (1992). The West and the Rest. In: The National Interest, 28, pp. 3-12.

Quijano, A. (2007): Colonialidad del poder y classificación social. In Castro-Gómez, S./Grosfoguel, R. (Eds.): El giro decolonial Reflexiones para una diversidad epistémica más allá del capitalismo global (pp. 93-126). Siglo del Hombre Editores; Universidad Central, Instituto de Estudios Sociales Contemporáneos y Pontifi cia Universidad Javeriana, Instituto Pensar.

Sparke, M. (2007): Everywhere but Always Somewhere: Critical Geographies of the Global South. In: The Global South, 1(1), pp. 117-126. https://doi.org/10.2979/gso.2007.1.1.117

World Population Review (2023): Global North Countries 2023. https://worldpopulationreview.com/country-rankings/global-north-countries (Retrieved on November 6, 2023).


Rebeca Roysen, Centre for Religion, Economics and Politics (ZRWP) – University of Basel

Email: rebeca.roysen@uni-bas.ch 

Jens Köhrsen, Centre for Religion, Economics and Politics (ZRWP) – University of Basel and University of Oslo

Email: jens.koehrsen@uni-bas.ch

Nadine Brühwiler, Centre for Religion, Economics and Politics (ZRWP) – University of Basel

Email: nadine.bruehwiler@unibas.ch

Lasse Kos, Centre for Religion, Economics and Politics (ZRWP) – University of Basel

Email: lasse.kos@unibas.ch


Rezension zum Buch "Kultur in der Klimakrise"

Rezension zum Buch "Kultur in der Klimakrise"

Rivera, M. (2023): Kultur in der Klimakrise. Acht Vorträge zum Verhältnis von Sprache, Kunst und Nachhaltiger Entwicklung. München: oekom, 156 S., 20 EUR. ISBN: 978-3-98726-018-6

Der Titel des Vortragbandes von Manuel Rivera strotzt vor Begriffen, die bereits vor Beginn der Lektüre erahnen lassen, dass der Autor sich mit durchaus großen Themen und Fragen auseinandersetzt, ohne diese auf eine Schlagzeile zu reduzieren: Kultur, Klimakrise, Sprache, Kunst und Nachhaltige Entwicklung gilt es in ihren Verhältnissen zueinander zu beleuchten und zu diskutieren. In dieser Weise reiht sich der Band einerseits in eine in den letzten Jahren auch im deutschsprachigen Raum verstärkt zu beobachtende sozialwissenschaftliche Publikationstätigkeit zum Thema Nachhaltigkeit und Nachhaltige Entwicklung ein (s. hierzu u.a. Brand 1997, 2002; Grunwald 2016; Neckel et al. 2018; SONA 2021, Henkel et al. 2023). Andererseits fokussiert er einen Bereich, der von der soziologischen und sozialwissenschaftlichen Nachhaltigkeitsforschung bislang weniger ins Zentrum gerückt wurde: den Bereich der Kunst und weitergefasst der Kultur, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem Theater bzw. den darstellenden Künsten liegt. Dieser Schwerpunkt plausibilisiert in reflexiver und gewissermaßen auch performativer Hinsicht eine weitere Besonderheit des Bandes, die ich vor der inhaltlichen Besprechung der einzelnen Aufsätze hervorheben möchte. Der Band ist als Vortragsband verfasst, der acht Beitrage im Stil von Manuskripten versammelt, um unter anderem die im Buchtitel angeführten Begriffe in essayistischer Weise zu verhandeln. Diese, den Texten eingeschriebene bzw. in keiner Weise ausgetriebene Mündlichkeit verleiht den Beiträgen gleichsam den Charakter einer Aufführung. Nicht selten gewinnt die Leserin im Vollzug des Lesens den Eindruck, sie säße im Publikum und wohne der Szenerie in actu bei. Dieser Eindruck wird spätestens dann irritiert, wenn der Autor in seinen Beiträgen auf Folien oder Bilder zu sprechen kommt, die nicht abgedruckt sind, sodass die eben noch dem Vortrag lauschende Zuhörerin wieder auf die Rolle einer Leserin textueller Beiträge zurückgeworfen wird, von deren vollständiger visueller Begleitung sie ausgeschlossen bleibt. 

Der Band beginnt mit einem wertschätzenden Vorwort von Ortwin Renn, der die Klammer aller Beitrage in ihrem Bezug auf „Zukunft“ hervorhebt und in treffender Weise über die vielfältigen und verstrickten Verhältnisse von Wissenschaft und Kunst mit Blick auf ihre Rollen in einer sich mit Nachhaltigkeit befassenden Gesellschaft referiert. Dabei wird auch der Autor, Manuel Rivera, in seiner Qualifikation als Schauspieler und Soziologe und damit als „Grenzgänger“ (S. 8) zwischen beiden Sphären vorgestellt und auf dessen Tätigkeit am Research Institute for Sustaninability (RIFS), zuvor das Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) verwiesen. Eingeleitet wird der Band mit einer Problematisierung des Kulturbegriffs und damit des ersten Begriffs des Buchtitels: Kultur wird einerseits in ihrer sozialanthropologischen bzw. sozialtheoretischen Dimension und andererseits in ihrer Sektoralität und Funktionalität in modernen ausdifferenzierten Gesellschaften (Stichwort „Kultursektor“) konturiert. Das Selbstverständnis der Beiträge wird in der Weise formuliert, dass sie „versuchen zu dieser Bewegung [bzw. gesellschaftlichen Verstehensbewegung, d. V.] insofern etwas Eigenes beizutragen, als sie praktische Überlegungen mit Grundbegriffen (und -werten) der Nachhaltigkeit vermitteln“ (S. 13). Die Beiträge basieren nicht zuletzt auf „diskurs- oder narrativanalytische[n]“ (S. 14) Forschungen, die am IASS mit einem Fokus auf Nachhaltigkeit bzw. Nachhaltige Entwicklung durchgeführt wurden. Gleich zu Beginn wird am Beispiel aktivistischer Bewegungen und deren Strategien, auf gegenwärtige und zukünftige Auswirkungen des Klimawandels aufmerksam zu machen, ein ambivalentes und spannungsreiches Verhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft, künstlerischen „Variationen von Normen und Normalität“ bei gleichzeitig verhaltener Reaktion „aus dem Bereich der Kunst“ (S. 14) sowie Soziologie in ihren diskursiven, einhegenden und normalisierenden Positionen identifiziert. 

Der erste Beitrag, der auf einem Vortrag anlässlich einer Tagung mit dem Titel „Zeitgeschichte der Nachhaltigkeit“ am Institut für Zeitgeschichte basiert, widmet sich „Erzähl- und Wertstrukturen des Diskurses um Nachhaltige Entwicklung“ und wählt einen historischen und sozialpsychologischen Zugang. In den Fokus gerückt werden zunächst semantische Beobachtungen der Verwendung des Begriffs der Nachhaltigen Entwicklung (S. 25), wobei auch visuelle Daten in die Analyse einbezogen werden. Mit der Methode der kurz in ihren Annahmen vorgestellten Narrationsanalyse wird herausgearbeitet, dass der Begriff Anfang der siebziger Jahre im Bericht des Club of Rome primär mit „Stabilität bzw. Sicherheit“ (S. 34) in Verbindung gebracht wurde und mit der Zeit zunehmend mit „Resilienz“ und „Innovation“ (S. 34) in Beziehung gesetzt worden ist. Mit der Identifikation von Metanarrativen, etwa dem des Fortschritts (S. 37) wird dann auch auf die Wertstrukturen des identifizierten Diskurses eingegangen, indem Manuel Rivera „drei Grundwerte Nachhaltiger Entwicklung“ vorstellt: „Stabilität, Innovation und Gerechtigkeit“ (S. 38), wobei diese im Folgenden weitergehend konzeptionell eingeordnet und kritisch diskutiert werden. 

Der zweite Essay, der auf einen Vortrag im Kontext eines Arbeitstreffens eines Tanznetzwerks (Kedja) (S. 17) zurückgeht, schließt in gewisser Weise an den ersten Text an, indem er unter dem Titel „Nachhaltigkeit und Resilienz: Metaphern zur Anleitung künstlerischer Praxis?“ mit durchaus kritischem Impetus die potenziell „sowohl kulturkonservative[n] als auch marktkonforme[n]“ (S. 17) Verwendung eines Nachhaltigkeitsbegriffs problematisiert, den sich der Kulturbetrieb in Teilen angeeignet hat. Als empirisches Material der Analyse dient ein Bericht, der von Tanzkompanien verfasst wurde. Rivera arbeitet anhand des Dokuments heraus, wie durch Bezugnahmen u.a. auf Innovation der Begriff der Nachhaltigen Entwicklung auf „ein rhetorisches Ornament“ (S. 47) verkürzt wird. Dem entgegen stellt er den Begriff der Resilienz in Verbindung mit Gerechtigkeit als zu berücksichtigende Werte. In seinen durchaus anwendungsorientierten Bestrebungen begibt sich der Beitrag nicht zuletzt selbst auf metaphorisches und zugleich idealistisches Terrain, wenn es heißt: „Die Aufgabe der Kunst heute, auf einem brennenden Planeten, den sie auch nicht verlassen kann, ist es, beim Löschen zu helfen. Oder auch: das Haus mit zu sanieren, mit dafür zu sorgen, dass es ein Haus bleibt statt nur eine Notunterkunft“ (S. 50). 

Mit dem Titel „,Nachhaltiges Wachstum‘: Politikkonzept oder Sprachblockade“ öffnet sich die Auseinandersetzung mit Nachhaltiger Entwicklung sodann auch dem Feld der Politik und dessen Verwendung des Begriffs sowie deren Berufung auf Nachhaltigkeit. Am Fall von Aussagen, wie sie von Politiker:innen getätigt werden, wird hier besonders das Beharren auf Wachstums- und Expansionskonzepten problematisiert und das „Reden von ‚nachhaltigem Wachstum‘“ als „leerformelhaft“ (S. 82) entlarvt. Der Kritik folgt im anschließenden Beitrag zu „Urbanität, Kreativität und Selbstbegrenzung“ in gewisser Weise ein Gegenkonzept, indem nicht länger Wachstum, sondern Einhegung bzw. Begrenzung Vorrang zugewiesen wird. Gefragt wird in diesem Zusammenhang besonders danach, welche Beiträge Künstler:innen sowie Institutionen im Kunstbereich für eine, ihrem Selbstverständnis nach nachhaltige Stadtentwicklung leisten können. Urbanität bzw. das städtische Leben als solches werden unter Einbezug soziologischer Klassiker wie u.a. die Schriften Georg Simmels weitergehend kontextualisiert und im Hinblick auf einen städtischen Habitus, – etwas allgemeiner formuliert – ungleiche Verteilungen von Maßnahmen und deren Folgen sowie weitergefasst Teilhabe an transformativen Prozessen beleuchtet. 

Im fünften Beitrag mit dem Titel „Die Klimakrise als Komplexitätsproblem und Kooperationsauftrag. Warum Wissenschaften und Künste einander brauchen“ wird explizit das Verhältnis zwischen Wissenschaften und Künsten reflektiert. Während Wissenschaft in der Bereitstellung von informativen Abstraktionen und Generalisierungen Relevanz zugewiesen bekommt, wird in künstlerischen Vorgehens- und Darstellungsweisen das Potenzial „der Mobilisierung von Erfahrungen“ (S. 110) durch Konkretionen, Ästhetisierungen und ethischen Positionierungen profiliert. Dabei wird auch auf das Spannungsfeld zwischen globalen Entwicklungen und lokalen Erfahrungsräumen hingewiesen und wie Wissenschaften und Künste in unterschiedlicher Weise mit diesem umgehen. Ihre konkrete Weiterführung findet unter anderem diese Diskussion im sechsten Essay zum Thema „Nachhaltig programmieren durch, mit und in Musik. Einige Anregungen zur Systematik“. Hier widmet sich Manuel Rivera u.a. der Frage, wie „Künste in Bezug auf Nachhaltigkeit wirken können“ (S. 119). Hierbei geht es auch um das Zusammenspiel von Diskursen und künstlerischen Formfindungen einschließlich produktiver und konstruktiver Irritationspotentiale. 

Auch der siebte Beitrag „Nachhaltigkeit vergegenwärtigen: Klimakrise als (Bühnen-)Vorgang“ schließt an Fragen nach Kooperationen an, indem er aktivistische und institutionelle Möglichkeiten zwischen Politik und darstellender Kunst auslotet. Der achte und letzte Beitrag weist gleichsam Appellcharakter auf: Der Essay „Endlich nachhaltig: Kultur(betriebs)‑ wandel 50 Jahre nach den ,Grenzen des Wachstums‘ fordert noch einmal zur Kooperation zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen mit Blick auf Nachhaltige Entwicklung sowie zur Entschleunigung und zum Innehalten einer auf Wachstum getrimmten Kultur und Gesellschaft auf, wobei Kultur – wie eingangs beschrieben – hier sowohl als sozialtheoretischer Grundbegriff als auch in ihrer Betriebslogik relevant gemacht wird. 

Der Essayband von Manuel Rivera liefert vielfältige Einblicke in einen als lebhaft dargestellten Diskurs, der viele Ebenen, Akteure, Relationen und Dimensionen umfasst, die in assoziativer und exemplarischer, aber auch analytischer und systematisierender Weise diskutiert, kritisiert und präsentiert werden. Die Beiträge changieren in ihrer Tonalität zwischen wissenschaftlicher Analyse und Einblicken in das Feld der Kunst und den Kulturbetrieb, wobei sie sowohl von akademischer Strenge befreit als auch vor ästhetischer Überfrachtung bewahrt werden. In ihrer zum Teil kritischen Diskussion wird die mitgeführte Normativität des Leitbilds der Nachhaltigen Entwicklung nicht auf einen Gegenstand des Diskurses reduziert, sondern in nahezu performativer Weise transportiert, sodass der Spagat zwischen Distanznahme zum und zugleich Engagement im Diskurs gelingt. Die in den Beiträgen stehengelassene Bezugnahme auf vorausgegangene Vorträge im Rahmen der jeweiligen Vortragsveranstaltungen, die den Leser:innen unzugänglich bleiben sowie das Verweisen auf Folien, die im Buch jedoch nicht gezeigt werden und somit in ihren visuellen und strukturierenden Potenzialen opak bis unsichtbar bleiben, wirkt etwas unentschlossen. Hier wäre eine weitere Ausarbeitung der Vortragsskripte zu verdichteten Essays wünschenswert gewesen, oder aber das konsequente Zeigen der Folien und bildlichen Daten, um deren Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten. Was mit Blick auf die quasi-mündliche Form der Texte eindeutig überzeugt, ist, dass der Autor in seinen Beiträgen in eloquenter Weise einlöst, was er selbst fordert: Eine kooperative Bezugnahme auf und zwischen Wissenschaft und Kunst mit Blick auf ein global wirksames und lokal unterschiedlich wahrnehmbares Phänomen, das als Krise gedeutet und um dessen Versprachlichung gerungen wird. 

Brand, K.-W. (Hg.) (1997): Nachhaltige Entwicklung. Eine Herausforderung an die Soziologie. Opladen: Leske + Budrich. 

Brand, K.-W. (2002): Politik der Nachhaltigkeit: Voraussetzungen, Probleme, Chancen – Eine kritische Diskussion. Berlin: Edition Sigma. 

Grunwald, A. (2016): Nachhaltigkeit verstehen. Arbeiten an der Bedeutung nachhaltiger Entwicklung. München: oekom 

Henkel, A./Berg, S./Bergmann, M./Gruber, H./Karafyllis, N. C./Dimitri, M./Müller, A.-K./Siebenhüner, B./Speck, K./Zorn, D.-P. (2023): Dilemmata der Nachhaltigkeit. Baden Baden: Nomos. 

Neckel, S./Basedovsky, N./Boddenberg, M./ Hasenfratz, M./Pritz, S. M./, Wiegand, T. (Hg.) (2018): Die Gesellschaft der Nachhaltigkeit. Umrisse eines Forschungsprogramms. Bielefeld: transcript. 

SONA – Netzwerk Soziologie der Nachhaltigkeit (Hg.) (2021): Soziologie der Nachhaltigkeit. Bielefeld: transcript.


Christiane Schürkmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem Umweltsoziologie und Kunstsoziologie. Aktuell leitet sie das DFG-Projekt Untergründe der Entsorgung. 

schuerkm@uni-mainz.de 

Beitrag als PDF/DOI: 10.17879/sun-2023-5184


Transformation (Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit)

Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit

Transformation

Als (sozial-ökologische) Transformation wird in den Sozialwissenschaften die grundlegende, über einen längeren Zeitraum sich erstreckende Veränderung zentraler Elemente und Strukturen gesellschaftlicher Naturverhältnisse verstanden. Da der Transformationsbegriff an der Schnittstelle von wissenschaftlichem und öfffentlich-politischem Diskurs Verwendung findet, wird er von unterschiedlichen Akteur*innen auch mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen. Die Soziologie kann sowohl bestehende Konzepte und ihre Ziele der Transformation hinterfragen, aber ebenso im Sinne einer transformativen Soziologie die Gestaltung von Transformationsprozessen begleiten und erforschen.

Einleitung

Seit den 2010er-Jahren werden die gesellschaftlichen und politischen Debatten zum Thema Nachhaltigkeit verstärkt in Kombination mit den Schlagworten „Transformation“, „sozial-ökologische Transformation“ oder auch „Große Transformation“ geführt. Ein prominentes Beispiel hierfür sind die Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen (VN). Die Agenda 2030, in der die SDGs fesgehalten sind, trägt so den Titel Transforming our World. Jedoch ist nicht genau bestimmt, welche Ziele in dieser anspruchsvollen Transformation priorisiert werden sollen, wie diese Ziele zu erreichen sind und welche Konsequenzen sich für die Gesellschaft im Zuge einer Transformation ergeben. Unterschiedliche Verständnisse von Nachhaltigkeit (Verweis Glossar Nachhaltigkeit) begründen auch unterschiedliche Transformationspfade, die sich zum Teil deutlich unterscheiden oder sogar widersprechen (Adloff & Neckel 2019). Für die soziologische Positionierung ist es von Bedeutung, sozial-ökologische Transformationsprozesse in ihren Gesamtzusammenhängen zu verstehen, um somit nicht-intendierte Nebenfolgen, Ermergenzphänomene und diskursive Leerstellen identifizieren und problematisieren zu können. Hierin besteht die Kernkomptenz der soziologischen Auseinandersetzung mit sich aktuell vollziehenden, (politisch) intendierten Transformationsprozessen wie der Mobilitäts-, Energie-, Agrar- oder Bauwende.

Transformation und Nachhaltigkeit

Im Nachhaltigkeitsdiskurs ist seit eingen Jahren ein Wandel beobachtbar: In früheren Phasen kreiste die gesellschaftliche Debatte darum, was genau unter „Nachhaltigkeit“ zu verstehen ist bzw. wie das Konzept operationalisiert werden kann. Hierfür können die Entwicklung des sogenannten Drei-Säulen-Konzeptes oder die Unterscheidung zwischen „schwacher“ und „starker Nachhaltigkeit“ als exemplarisch gelten (Verweis Glossar Nachhaltigkeit). In den jüngeren Debatten unter dem Schlagwort der „Transformation“ geht es stärker darum, wie ein gesellschaftlicher Wandel in Richtung Nachhaltigkeit tatsächlich gelingen kann. Nach Brand (2018: 483) ist „Transformation“ nicht einfach ein anderes Wort für „sozialer Wandel“, sondern bedeutet „immer mehr als eine eigendynamische Entwicklung; sie meint deren aktive, zielgerichtete Beeinflussung oder Gestaltung.“

Beispiele für die Auseinandersetzung mit Transformationsprozessen aus dem Feld der interdisziplinären Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung sind die Forschungsarbeiten, die im Kontext der Sustainability Transitions Research erfolgen (Geels 2018), das Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen aus dem Jahr 2011 Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation (WBGU 2011) sowie die Ansätze der transformativen Wissenschaft, die ausdrücklich darauf gerichtet ist, einen gesellschaftlichen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit zu leisten (Schneidewind & Singer-Brodowski 2014). Letztere implizieren in der Regel ein transdiszplinäres Vorgehen, also die Einbeziehung nicht-wissenschaftlicher bzw. außerakademischer Akteur*innen in den Forschungsprozess (Kropp & Sonnberger 2021: 209-233). Gleichzeitig entwerfen auch nicht-wissenschaftliche Akteure wie beispielsweise Parteien, Verbände, Organisationen und Unternehmen eigene Visionen der Transformation und wie diese umgesetzt werden kann. Diese variieren teils stark je nach gesellschaftlichem Akteur: Die Gewerkschaft DGB und Justitia et Pax nennen beispielsweise elf konkrete Interventionen innerhalb Deutschlands, um eine nachhaltige Transformation der Gesellschaft zu ermöglichen. Die Unternehmensberatung PwC hingegen versteht als „sustainable Transformation“ Maßnahmen um den freiwilligen, an den SDGs orientierten Wandel von Unternehmen zu unterstützen, damit diese wirtschaftlich zukunftsfähig sind.

Was die Konzepte der Nachhaltigkeit und Transformation somit eint, ist dass sie als „essentially contested concept“ (Gallie 1955) verstanden werden können. Damit ist gemeint, dass sie als Konzepte weit verbreitet und anschlussfähig sind, abhängig von der Perspektive und der normativen Orientierungen der jeweiligen Akteur*innen, aber etwas sehr unterschiedliches damit verbunden wird. Diese inhaltliche Offenheit des Transformationskonzeptes trägt gerade zu seiner Verbreitung und Popularität in verschiedenen Kontexten bei. Transformation kann somit sowohl als wissenschaftliches als auch als politisches Konzept verstanden werden.

Soziologische Perspektiven auf Transformation und Nachhaltigkeit

Im Feld der Sozialwissenschaften existieren verschiedene Forschungsstränge, die den Begriff der sozial-ökologischen Transformation auf unterschiedliche Weise definieren. Während in der öffentlichen Debatte vor allem normative Begriffsaufladungen überwiegen, unterscheiden sich sozialwissenschaftliche Zugänge insbesondere dahingehend, wie normativ oder analytisch ihr Begriffsverständnis ist (Brand 2021). Eindeutige Zuordenbarkeiten bestehen hier jedoch nicht, sondern eher graduelle Unterscheidungen dahingehend, wie analytisch oder normativ bestimmte Begriffsverständnisse und Zugänge geprägt sind.

Die Soziale Ökologie versteht unter Transformation Übergänge zwischen unterschiedlichen sozialmetabolischen Regimen (Fischer-Kowalski 2011). Dementsprechend wird die Veränderung des Stoffwechselverhältnisses zwischen Natur und Gesellschaft auf unterschiedlichen Ebenen als Transformation beschrieben. Solche Veränderungen lassen sich auf empirische Weise feststellen und analysieren. In der politischen Ökologie und im Kontext herrschaftskritischer Zugänge dominiert dagegen ein normativ geprägtes Begriffsverständnis. Hier beschreibt der Begriff der Transformation die als notwendig erachtete Veränderung kapitalistisch geprägter Gesellschaften, die mit Ausbeutung in sozialer aber auch ökologischer Hinsicht einhergehen (Brand & Wissen 2018: 122). Sozial-ökologische Transformation beschreibt in diesem Verständnis eine Veränderung hin zu einer sozial und ökologisch gerechteren Gesellschaft. Die sozialwissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung, als ein inter- und transdisziplinär ausgerichteter Forschungsstrang, kombiniert ein analytisches Begriffsverständnis mit normativ-gestalterischer Ausrichtung. Transformation wird dabei vornehmlich als Rekonfiguration der Funktionslogiken der Gesellschaft und ihrer Subsysteme in technischer, sozialer und ökologischer Hinsicht verstanden (Wittmayer & Hölscher 2017: 45). Dabei kann die Transformation in den jeweiligen Subsystemen als eher analytischer Untersuchungsgegenstand betrachtet werden oder als normatives Ziel, das es mit Hilfe transdisziplinärer oder auch transformativer Forschung zu erreichen gilt.

Letzteres tangiert auch das Selbstverständnis der Soziologie: Klassische Vertreter*innen des Fachs, wie Auguste Comte oder die frühe Chicago School, verfolgten den Anspruch, durch wissenschaftliches Wissen zum „sozialen Fortschritt“ bzw. zur Lösung sozialer Probleme beizutragen. Solche sozialreformerischen Ambitionen wurden in der Geschichte des Fachs zunehmend problematisiert und marginalisiert. Vor dem Hintergrund der sozial-ökologischen Gegenwartskrisen wird die Rolle der Soziolgie in Transformationsprozessen zuletzt wieder offen diskutiert. In multiperspektivischer Weise nähert sich die Soziologie dem Untersuchungsgegenstand der (sozial-ökologischen) Transformation. Dabei kommen sowohl desktiptiv-analystische, kritisch-normative als auch praktisch-politische Zugänge zum Einsatz (Henkel et. al. 2021: 227).

Zum Weiterdenken

In der öffentlichen Debatte um Transformation lässt sich ein großer Steuerungsoptimismus beobachten. Beispielsweise sieht der WBGU (2011, S. 215) im „gestaltenden Staat“ den zentralen Akteur der „Großen Transformation“. D.h., Transformationen werden zumeist als bewusst initiierbar und/oder steuerbar gerahmt. Dieser Steuerungsoptimismus lässt sich aus soziologischer Perspektive mit Verweis auf systemische Eigenlogiken, unintendierte Nebenfolgen sowie Emergenzphänomene hinterfragen, wie es beispielsweise in der Green Gentrification-Debatte der Fall ist.

Damit ist weniger eine vollständige Absage an die Wirkmacht gesellschaftlicher Akteur*innen im Kontext von Transformationsprozessen verbunden als vielmehr der Hinweis darauf, die Komplexität von Transformationsprozessen sowie die nur bedingte Vorhersehbarkeit und Beeinflussbarkeit ihrer Trajektorien anzuerkennen. Für die Governance von Transformationen bedeutet dies, dass diese eher inkrementell, reflexiv und unter Einbezug vielfältiger Akteur*innen erfolgen sollte als im Stile der technokratischen Umsetzung eines Masterplans. Das Sichtbarmachen von Komplexität geht auch damit einher, auf Abwesenheiten und „Silences“ in öffentlichen und politischen Debatten rund um Transformationen hinzuweisen. Solche Verweise auf blinde Flecke sowie exkludierte Themen und Akteur*innen können dabei helfen, Transformationen letztendlich demokratischer und gerechter zu gestalten.

Zum Weiterlesen

Sommer, B. (2023): Transformationstheorien und Ökologie. In: Sonnberger, M./Bleicher, A./Groß, M. (Hrsg.): Handbuch Umweltsoziologie. Wiesbaden: Springer VS. DOI: 10.1007/978-3-658-37222-4_46-1

Adloff, F./Neckel, S. (2019): Modernisierung, Transformation oder Kontrolle? In: Dörre, K./Rosa, H./Becker, K./Bose, S./Seyd, B. (Hrsg.): Große Transformation? Zur Zukunft moderner Gesellschaften. Sonderband des Berliner Journals für Soziologie, S. 167-180.

Brand, K.-W. (2018): Disruptive Transformationen. Gesellschaftliche Umbrüche und sozial-ökologische Transformationsdynamiken kapitalistischer Industriegesellschaften – ein zyklisch-struktureller Erklärungsansatz. In: Berliner Journal für Soziologie, 28. Jg., Heft 1, S. 479–509. DOI: 10.1007/s11609-019-00383-5.

Brand, K.-W. (2021): »Große Transformation« oder »Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit«? Wider die Beliebigkeit sozialwissenschaftlicher Nachhaltigkeits- und Transformationstheorien. In: Leviathan, 49. Jg., Heft 2, S. 189–214. DOI: 10.5771/0340-0425-2021-2-189.

Brand, U./Wissen, M. (2018): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. München: oekom.

Fischer-Kowalski, M. (2011): Analyzing sustainability transitions as a shift between socio-metabolic regimes. In: Environmental Innovation and Societal Transitions, 1. Jg. Heft 1, S. 152-159. DOI: 10.1016/j.eist.2011.04.004.

Gallie, W. B. (1955): “Essentially Contested Concepts”. In: Proceedings of the Aristotelian Society, 56. Jg., S. 167-198.

Geels, F. (2018): Perspectives on transitions to sustainability. EEA Report No. 25/2017. Copenhagen: European Environment Agency.

Henkel, A./Barth, T./Köhrsen, J./Wendt, B./Besio, C./Block, K./Böschen, S./Dickel, S./Görgen, B./Groß, M./Rödder, S./Pfister, T. (2021): Intransparente Beliebigkeit oder produktive Vielfalt? Konturen einer Soziologie der Nachhaltigkeit. Kommentar zum Aufsatz von Karl-Werner Brand, Leviathan, 49. Jg., 2. Heft, S. 224-230. DOI: 10.5771/0340-0425-2021-2-224.

Kropp, C./Sonnberger, M. (2021): Umweltsoziologie. Baden-Baden: Nomos.

Schneidewind, U./Singer-Brodowski, M. (2014): Transformative Wissenschaft. Klimawandel im deutschen Wissenschafts- und Hochschulsystem. Marburg: Metropolis.

WBGU – Wissenschaftlicher Beirat Globale Umweltveränderungen (2011): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Berlin: WBGU.

Wittmayer, J. M./Hölscher, K. (2017): Transformationsforschung. Definitionen, Ansätze, Methoden. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt.


Jessica Hoffmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Universität Münster

E-Mail: jessica.hoffmann@uni-muenster.de

Marlon Philipp ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sozialforschungsstelle Dortmund

E-Mail: marlon.philipp@tu-dortmund.de

Marco Sonnberger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Stuttgart und der Friedrich-Schiller-Universität Jena

E-Mail: marco.sonnberger@sowi.uni-stuttgart.de und marco.sonnberger@uni-jena.de

Bernd Sommer ist Professor für Umweltsoziologie mit dem Schwerpunkt Transformationsforschung an der Technischen Universität Dortmund

Homepage: https://us.sowi.tu-dortmund.de/

E-Mail: bernd.sommer@tu-dortmund.de