Nachhaltigkeit und Tiere (Glossarbeitrag Soziologie der Nachhaltigkeit)

Nachhaltigkeit und Tiere

Zusammenfassung

Tier-Mensch-Verhältnisse spielen eine zentrale Rolle für Fragen der Nachhaltigkeit, da sie sozial-ökologische Krisen wesentlich mitverursachen und zugleich durch diese Krisen beeinflusst werden. Soziologische Forschung zu diesem Thema untersucht insbesondere, wie Tier-Mensch-Verhältnisse und deren Bedeutung für sozialökologische Krisen gesellschaftlich ausgehandelt werden, analysiert aber auch die Rolle von Tieren als Akteur*innen und Betroffene sozial-ökologischer Krisen. [1]

Einleitung

In den öffentlichen und soziologischen Debatten zu ökologischer Nachhaltigkeit und sozial-ökologischer Transformation nimmt die Bedeutung von Tier-Mensch-Verhältnissen bisher eine vergleichsweise untergeordnete Rolle ein (Sebastian 2024). Trotz ihrer Bedeutung für das Wechselspiel von Umwelt und Gesellschaft werden Tiere in der soziologischen Forschung häufig kollektiv unter „Umwelt“ oder „Natur“ subsummiert und ihre Anteile an sozial-ökologischen Transformationen nur unzureichend analysiert. Auch werden unterschiedliche Tierkategorien (z.B. sog. Nutztiere, Haustiere, Wildtiere) und ihre jeweilige umweltsoziologische Bedeutung selten systematisch differenziert.
Zwar wird Fleischkonsum mittlerweile als wesentlicher Einflussfaktor für den Klimawandel anerkannt (Willet et al. 2019), aber insbesondere die landwirtschaftliche Tierhaltung wird trotz ihrer Relevanz für die ökologische Nachhaltigkeit im öffentlichen und politischen Diskurs wenig problematisiert (z.B. Kristiansen et al. 2021). Entsprechend sind auch gesellschaftliche und politische Transformationsbemühungen in diesem Bereich im Vergleich zu Feldern wie Energieproduktion oder Mobilität weniger entwickelt.
Aus nachhaltigkeitssoziologischer Sicht lassen sich mindestens zwei übergeordnete Forschungsperspektiven auf den Zusammenhang von Tieren und Nachhaltigkeit unterscheiden: Erstens die gesellschaftliche Aushandlung sozial-ökologischer Transformationen der Tier-Mensch-Verhältnisse, und zweitens die Bedeutung von Tieren als Akteur*innen und Betroffene in sozial-ökologischen Krisen. Weitere soziologische Forschungsperspektiven auf die gesellschaftliche Bedeutung von Tier-Mensch-Beziehungen, die Bedeutung von Tier-Mensch-Differenzierungen für die soziologische Theorie sowie auf methodologische Konsequenzen der Integration von Tieren als soziale Akteur*innen in die empirische Forschung werden im Folgenden ausgeklammert.

Der geringen Beachtung von Tier-Mensch-Beziehungen in der Umweltsoziologie und im öffentlichen Nachhaltigkeitsdiskurs steht ein stetig wachsender Korpus wissenschaftlicher Studien über die sozial-ökologische Relevanz von Tier-Mensch-Verhältnissen gegenüber. Dies betrifft insbesondere die (intensive) landwirtschaftliche Nutzung von Tieren. Diese ist für rund 15-20% der globalen Treibhausgasemissionen (Xu et al. 2021) und etwa 80% der globalen Agrarlandnutzung verantwortlich (Ritchie/Roser 2024). Die Umwandlung von Wäldern, Mooren, Auen und anderen Ökosystemen in Agrarflächen für die Gewinnung von Futtermitteln und Weideflächen gehört zu den wichtigsten Faktoren, die den rapiden Verlust globaler Biodiversität verursachen. Landwirtschaftliche Tierhaltung ist ferner (mit-)verantwortlich für die weltweite Stickstoffüberlastung von Ökosystemen, die Übernutzung von Frischwasserressourcen und die Gefahr von Zoonosen (als Überblick etwa Twine 2023 und Sebo 2022). Zwar sind Tiere an all diesen Prozessen aktiv beteiligt, die Ursachen sind jedoch als anthropogen zu bezeichnen, da es sich um Resultate des gesellschaftlich organisierten Umgangs mit domestizierten Tieren handelt.
Gegenwärtige Tier-Mensch-Verhältnisse und ihre mögliche Transformation sind jedoch auch für die Mitigation sozial-ökologischer Krisen ein wichtiger Faktor. Landnutzungsänderungen etwa in Form von Aufforstung, Wiedervernässung von Mooren, Rückverlegung von Deichen oder gezieltem ‚Rewilding‘ zählen zu den aussichtsreichsten Ansatzpunkten. Zudem können diese Gebiete als Habitate für unterschiedliche wildlebende Tiere fungieren, deren Lebensräume durch den Klimawandel und fortschreitenden Biodiversitätsverlust schrumpfen. Eine solche (Wieder-)Ansiedlung von Tieren gilt als potentieller Faktor der Abmilderung der Folgen des menschengemachten Klimawandels (überblicksweise: Gellert 2023). Zugleich werfen entsprechende Prozesse die Frage auf, welche Tiere wo und nicht zuletzt wie nutzbringend für den Menschen leben dürfen (im Kontext von Konvivialität grundlegend: van Dooren/Rose 2012; kritisch: Pütz/Schlottmann 2021).

 

Soziologische Perspektiven auf Tiere und Nachhaltigkeit

Die gesellschaftliche Bedeutung von Tier-Mensch-Beziehungen für eine Transformation hin zu größerer Nachhaltigkeit eröffnet zahlreiche soziologisch relevante Forschungsperspektiven. Zwei besonders relevante Zugänge sollen im Folgenden skizziert werden. Der erste zentriert menschliches soziales Handeln, das durch die dominante Form der landwirtschaftlichen Tiernutzung multiple sozial-ökologische Krisen (mit )auslöst; der zweite fokussiert Tiere selbst.

1. Gesellschaftliche Aushandlungen von Tier-Mensch-Beziehungen im Kontext der sozial-ökologischen Transformation

Die unterschiedlichen sozial-ökologischen Krisen stehen nicht unverbunden nebeneinander, sondern bilden einen Problemkomplex, in dem sich destruktive Auswirkungen auf Menschen, Tiere und Umwelt in immer dramatischerer Weise verschränken. Der Bedeutung von Tier-Mensch-Beziehungen in diesem Kontext wurde (umwelt-)soziologisch bisher kaum Rechnung getragen. Mögliche Hürden, Konflikte und Konsequenzen einer nachhaltigkeitsorientierten Transformation gesellschaftlicher Beziehungen zu Tieren können auf der Makro-, Meso- und Mikroebene beobachtet oder antizipiert werden. Im Folgenden greifen wir einige Aspekte im Kontext der industriellen und landwirtschaftlichen Nutzung von Tieren heraus, da diese für die Entfaltung des Klimawandels und des Biodiversitätsverlusts von herausgehobener Bedeutung sind.
Auf der Makroebene zeigen sich auf globaler Ebene zunächst deutliche Unterschiede hinsichtlich der gesellschaftlichen Ernährungs- und Konsummuster. Wenngleich insbesondere in vielen ökonomisch aufstrebenden Gesellschaften mit dem Aufstieg der Mittelschicht auch der Fleischkonsum steigt, sind ökologischere Ernährungstrends keineswegs nur auf westliche Gesellschaften beschränkt und die internationalen Konsumunterschiede nach wie vor enorm (Nungesser/Winter 2021). Mit Stand 2022 wird in Deutschland pro Kopf beispielsweise zehnmal so viel, in den USA sogar 17-mal so viel Fleisch konsumiert wie in Indien (Our World in Data 2022). Eng hiermit verknüpft lassen sich verschiedene Formen ökologisch-ökonomischer Landnutzungs-
konflikte feststellen. So kann der Zugang zu und die Nutzung von Land und Boden als agrarische Infrastruktur verstanden werden (Sebastian 2025), die heute global wie auch in Deutschland maßgeblich für die Tierproduktion genutzt wird. Insbesondere im Globalen Süden führt die agrarindustrielle Landnutzungsänderung für Futtermittel und Weideland immer wieder zu Konflikten mit lokalen Bevölkerungen (darunter häufig indigene Menschen). Die Kosten der westlichen Agrarökonomie werden zulasten der Betroffenen in den Produktionsländern externalisiert (vgl. Lessenich 2016). Dieser dominante Zugriff auf Land und Boden tritt im Zuge von Nachhaltigkeitspolitiken zunehmend in Konkurrenz mit (stärker) ökologisch motivierten Landnutzungen. So verschränken sich Fragen von Tier-Mensch-Beziehungen mit solchen sozial-ökologischer Transformation, sozialer Gerechtigkeit und (globaler) Landnutzung in hochgradig konfliktueller Weise.
Außerdem stellen sich auf der Makroebene Fragen der regionalen Strukturentwicklung. Speziell in Regionen, in denen der Herstellung und Verarbeitung von Tierprodukten und Futtermitteln besondere Bedeutung zukommen, wird eine mittel- bis langfristige Umstellung auf stärker pflanzenbasierte und/oder ökologischere Agrarproduktion aller Wahrscheinlichkeit nach zu komplexen Transformationsprozessen führen. Diese umfassen etwa lokale Arbeitsmärkte, (agrarische) Infrastrukturen, regionale Kulturen und Lebensformen sowie lokale und überregionale Machtverhältnisse zwischen ökonomischen Akteur*innen, Politik und Zivilgesellschaft. Als Vergleichsprozesse eignen sich hier beispielsweise Strukturtransformationen im Zuge des Kohleausstiegs (Dörre et al. 2022).
Schließlich werden die Transformationen von Tier-Mensch-Beziehungen auf der Makroebene gerahmt von sich wandelnden hegemonialen kulturellen Ideen und Deutungsmustern, in denen etwa traditionelle Perspektiven auf die Legitimität menschlicher Nutzung von Tieren zunehmend von Perspektiven ökologischer Verflechtungen und Co-Abhängigkeiten bis hin zu Theorien der Tierrechte in Frage gestellt werden (Nungesser 2020). Entsprechend sind sowohl gesellschaftliche Normen und Praxen als auch die unterschiedlichen Formen politischer Regulierung von Tier-Mensch-Beziehungen umstritten.
Auf der Mesoebene analysieren soziologische Forschungsperspektiven vor allem die Rolle von Organisationen, sozialen Bewegungen und anderen kollektiven Akteur*innen in der gesellschaftlichen Aushandlung des Tier-Mensch-Verhältnisses vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung von Nachhaltigkeit und den sich entfaltenden sozial-ökologischen Krisen. Dabei zeigt sich, dass der Transformationsprozess eine Aushandlung unterschiedlicher, oft auch konfligierender Einstellungen, Interessen und Werte ist, die von einer Vielzahl von Akteur*innen vorangetrieben wird. Beteiligt sind hierbei insbesondere soziale Bewegungen, die sich für Tierschutz, Tierrechte sowie Umwelt-, Arten- und Klimaschutz einsetzen, sowie Akteur*innen der konventionellen oder ökologischen Landwirtschaft (sog. „Bauernproteste“), Interessensverbände und Unternehmen der Landwirtschaft und der Lebensmittelwirtschaft, aber auch Gewerkschaften, Kirchen, Bildungsinstitutionen, politische Parteien sowie nationale und supranationale Behörden (etwa auf EU-Ebene). Durch die Erforschung und Entwicklung von In-vitro-Fleisch sowie Insekten- oder Pflanzenproteinen sind zudem insbesondere Unternehmen und universitäre Forschungseinrichtungen daran beteiligt, technische Infrastrukturen und Methoden für neue Formen potenziell ökologisch nachhaltigerer Lebensmittelproduktion zu entwickeln (Kumar et al. 2021).
Auf der Mikroebene berühren tierbezogene Nachhaltigkeitsaspekte Fragen der Lebensführung und des Konsums. Entsprechend der oben genannten ökologischen Effekte landwirtschaftlicher Tierprodukte haben diese einen im Vergleich zu pflanzlichen Nahrungsmitteln deutlich höheren „CO2-Fußabdruck“. Zusätzlich zu tierethischen und gesundheitlichen Aspekten werden daher zunehmend ökologische Argumente für eine Problematisierung und Politisierung hegemonialer Konsumpraxen herangezogen (Rückert-John/Kröger 2019). Ernährungspraxen wie Vegetarismus und Veganismus sind Ausdruck der politischen Aufladung dieser Thematik. Auch der Flexitarismus, mit dem sich beispielsweise rund 20-40 % der Befragten in Deutschland identifizieren, zeugt von einer gesteigerten Sensibilität gegenüber Fragen der Tierhaltung und des Fleischkonsums. Empirische Studien zeigen regelmäßig deutliche Geschlechter- sowie Schicht- und Milieuunterschiede hinsichtlich unterschiedlicher Ernährungsweisen (Nungesser/Winter 2021). So erscheint insbesondere der Veganismus in konservativen und rechten Milieus nachgerade als „Triggerpunkt“ (Mau et al. 2023), wohingegen junge, gut gebildete Frauen deutlich häufiger vegan leben. Nachhaltigkeitsbezogene Ernährungsweisen können somit auch als sozial strukturierter „Streit um Lebensführung“ (Neckel 2020) interpretiert werden.

2. Tiere als Akteur*innen und Betroffene in sozial-ökologischen Krisen

Die eben skizzierten Perspektiven betrachten menschliches soziales Handeln, das durch die dominante Form der landwirtschaftlichen Tiernutzung multiple sozial-ökologische Krisen (mit) auslöst. Andere Zugriffsweisen fokussieren die Tiere selbst. Diese basieren erstens auf Konzeptionen mehr-als-menschlicher Sozialwissenschaften (Hoppe 2022), die Tiere als eigen- und wirkmächtige soziale Entitäten soziologisch einbeziehen (Ameli 2021). So verändern beispielsweise Renaturierungsprojekte die regionalen Handlungsrahmen verschiedener Tierarten. Entwicklungen wie die Rückkehr von Wölfen in lokale Ökosysteme führen auch zu neuen, ortsspezifischen Tier-Mensch-Interaktionen, die nicht nur soziale und politische, sondern auch ökologische Aushandlungen erforderlich machen (Schröder 2024).
Zweitens betonen entsprechende Perspektiven die Tatsache, dass Tiere selbst negativ von anthropogenen ökologischen Krisen betroffen sind. So sterben im Kontext des sechsten großen Artensterbens zahlreiche Tierarten in rasanter Geschwindigkeit aus, u.a. weil für den enormen globalen Flächenbedarf der industriellen Tierhaltung Habitate unwiderruflich zerstört werden. Zugespitzt formuliert: Tiere ‚konkurrieren‘ durch die industrielle Tierhaltung und Futtermittelproduktion global um Habitate, was zum Aussterben vieler Tierarten führt, die nicht menschlicher Nutzung ausgesetzt sind. Im Zuge von Klimawandel und Biodiversitätsverlust entfalten also nicht nur Tier-Mensch-Konflikte, sondern auch ‚anthropogene Tier-Tier-Konflikte‘ ihre Wirkung, die ihrerseits die Komplexität gesellschaftlicher Naturverhältnisse darlegen. So entfielen beispielsweise rund zwei Drittel der Entwaldung des brasilianischen Amazonas-Regenwaldes zwischen 2000 und 2013 auf die Weidehaltung zur Fleischproduktion, was zu einem massiven Verlust an Biodiversität in einem der artenreichsten Gebiete der Welt führte (Tyukavina et al. 2017). Tiere sind zudem selbst Betroffene der Folgen des Klimawandels in Form von Extremwetterereignissen oder zunehmendem Hitzestress. Die Sicht auf Tiere als Betroffene sozial-ökologischer Krisen wurde bisher vor allem im Kontext der Katastrophenforschung eruiert (Irvine 2009), bedarf aber einer viel umfassenderen soziologischen Perspektivierung. Auch in der Frage, wie tierliches und menschliches Zusammenleben strukturiert ist und gelingt (Jürgens et al. 2025), eröffnet sich ein zukunftsträchtiges Forschungsfeld.

Fußnoten:

[1] Zwei terminologische Hinweise: 1) Wir verwenden in diesem Text die Formulierungen „Tier-Mensch-Verhältnisse“ und „Tier-Mensch-Beziehungen“ synonym. 2) Wenn wir im Folgenden von „Tieren“ sprechen, sind damit „nicht-menschliche Tiere“ gemeint.

Zum Weiterdenken

Transformationen der Tier-Mensch-Verhältnisse erzeugen zahlreiche gesellschaftliche Konflikte über die Frage, mit welchem Ziel und welchen Mitteln die sozial-ökologische Transformation betrieben werden soll: Was kann und soll als gesellschaftlich tragfähige Alternative etabliert werden? Dies betrifft insbesondere die landwirtschaftliche Tierhaltung. Aber auch Haustierhaltung und ökologische Nachhaltigkeit geraten in Konflikt, etwa, wenn der jagdliche Abschuss von Hauskatzen zugunsten des Schutzes von Wildvögeln erwogen oder die CO2-Bilanz eines Haustierlebens problematisiert wird.
Zukünftige (umwelt-)soziologische Forschung sollte sich vermehrt den hier skizzierten und verwandten Fragen widmen, indem sie diese sozialtheoretisch angemessen rahmt, systematisch empirisch untersucht und geeignete Methoden zur Erforschung von Tier-Mensch-Verhältnissen und des Zusammenlebens von Menschen und Tieren entwickelt. Neben Problemanalysen könnten und sollten hier auch explizit gesellschaftliche Lösungsstrategien entwickelt werden, die die bisher dominanten technischen, ökonomischen und politischen Lösungsstrategien ergänzen. Dabei sollten auch die mannigfaltigen sozialen Transformationskonflikte, etwa zwischen Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit, Biodiversitätserhalt und Ernährungssouveränität, Tierrechten und Tiernutzung, Tierwohl und Lebensmittelkosten, untersucht werden, um die soziale Relevanz und Tragweite der Transformation gesellschaftlicher-ökologischer Beziehungen zu Tieren deutlicher herauszustellen.

Zum Weiterlesen

Dietz, T./York, R. (2015): Animals, capital and sustainability. Human Ecology Review, 22. Jg., Heft 1, S. 35–53.

Sebo, J. (2022): Saving animals, saving ourselves: Why animals matter for pandemics, climate change, and other catastrophes. New York: Oxford University Press.

Twine, R. (2023): The Climate Crisis and Other Animals. Sydney: Sydney University Press.

Ameli, K. (2021): Multispezies-Ethnographie. Zur Methodik einer ganzheitlichen Erforschung von Mensch, Tier, Natur und Kultur. Bielefeld: Transcript.

Dörre, K./Holzschuh, M./ Köster, J./Sittel, J. [Hrsg.] (2022): Abschied von Kohle und Auto? Sozial-ökologische Transformationskonflikte um Energie und Mobilität. Frankfurt am Main: Campus.

Gellert, G. (2023): Klimawandel (und die Rolle der Wildtiere). In: Ders.: Die Wildnis und wir. Berlin, Heidelberg: Springer, S. 123–127.

Hoppe, K. (2022): Mehr-als-menschliche Soziologie: Neue Materialismen und Posthumanismus. In: Delitz, H./Müller, J./Seyfert, R. [Hrsg.] Handbuch Theorien der Soziologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 1-22.

Irvine, L. (2009): Filling the Ark: Animal Welfare in Disasters. Philadelphia: Temple University Press.

Jürgens, K./Mönkeberg, S./Kurth, M. (2025): Leben und Arbeiten mit Tieren. Haustierhaltung und Tierdienstleitung als Lebensformen. Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag.

Kumar, P./Sharma, N./Sharma, S./Mehta, N./Verma, A.K./ Chemmalar, S./ Sazili, A.Q. (2021). In-vitro meat: a promising solution for sustainability of meat sector. Journal of Animal Science and Technology, 63. Jg., Heft 4, S.693-724.

Kristiansen, S./ Painter, J./Shea, M. (2021): Animal Agriculture and Climate Change in the US and UK Elite Media: Volume, Responsibilities, Causes and Solutions. In: Environmental Communication, 15. Jg., Heft 2, S. 153–172.

Lessenich, S. (2016): Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. München: Hanser.

Mau, S./Lux, T./Westheuser, L. (2023): Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp.

Neckel, S. (2020): Der Streit um die Lebensführung. Nachhaltigkeit als sozialer Konflikt. In: Mittelweg, 36. Jg., Heft 6, S. 82-100.

Nungesser, F. (2020): Das Fleischparadox. Zur soziokulturellen Genese eines moralischen Problems. In: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 17. Jg., Heft 2, S. 43-70.

Nungesser, F./Winter, M. (2021): Meat and Social Change. Sociological Perspectives on the Consumption and Production of Animals. Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 46. Jg., Heft 2, S. 109–124.

Our World in Data (2022): Yearly per capita supply of all meat. Online: https://ourworldindata.org/grapher/meat-supply-per-person [Zugriff 18.06.2025].

Pütz, R./Schlottmann, A. (2021). Umkämpfte Nachhaltigkeit – vergessene Leiblichkeit. Der Fall der Wildpferde in Namibia. In: Blättel-Mink, B./Hickler, T./Küster, S./Becker, H. [Hrsg.] Nachhaltige Entwicklung in einer Gesellschaft des Umbruchs. Wiesbaden, Springer VS, S. 65–95.

Ritchie, H./Roser, M. (2019): “Half of the world’s habitable land is used for agriculture”. Online: https://ourworldindata.org/global-land-for-agriculture [Zugriff: 18.03.2025].

Rückert-John, J:/Kröger, M. [Hrsg.] (2019): Fleisch. Vom Wohlstandssymbol zur Gefahr für die Zukunft. Baden-Baden: Nomos.

Schröder, V. (2024): Mensch-Wolf-Beziehungen in den Alpen. Bielefeld: transcript.

Sebastian, M. (2024): Tiere und Gesellschaft: Umweltsoziologische Zugänge zum Mensch-Tier-Verhältnis. In: Bleicher, A./Groß, M./Sonnberger, M. [Hrsg.]: Handbuch Umweltsoziologie. Wiesbaden: Springer VS, S. 267-280.

Sebastian, M. (2025): Social-Ecological Transformation Conflicts over Agriculture – A Theoretical Differentiation of Contested Goods. In: Henkel, A./Kussein, M./ Brandhuber, H./Scheler, L./Hirte, K. [Hrsg.]: Agrar(un)wissen. Bielefeld: transcript Verlag, S. 211-224.

Tyukavina, A./Hansen, M.C./Potapov, P.V./Stehman, S.V./Smith-Rodriguez, K./Okpa, C./Aguilar, R. (2017): Types and rates of forest disturbance in Brazilian Legal Amazon, 2000-2013. Science Advances, 3. Jg., Heft 4.

van Dooren, T./Bird Rose, D. (2012): Storied-places in a multispecies city. In: Humanimalia, 3. Jg., Heft 2, S. 1–27.

Willett, W./Rockström, J./Loken, B./Springmann, M./Lang, T./Vermeulen, S./Garnett, T./Tilman, D./DeClerck, F./Wood, A.; et al (2019): Food in the Anthropocene: the EAT-Lancet Commission on healthy diets from sustainable food systems. Lancet, 393. Jg., Heft 10170, S. 447-492.

Xu, X./Sharma, P./Shu, S./Lin, T./Ciais, P./Tubiello, F.N./Smith, P./Campbell, N./Jain, A.K. (2021): Global greenhouse gas emissions from animal-based foods are twice those of plant-based foods. Nature Food, 2. Jg., Hefte 724–732.


Marc Bubeck ist Doktorand an der Juniorprofessur für Medizinische Ethik mit Schwerpunkt auf Digitalisierung der Universität Potsdam.
E-Mail: marc.bubeck@uni-potsdam.de

Markus Kurth ist Promovend am Fachgebiet Mikrosoziologie der Universität Kassel.
E-Mail: m.kurth@uni-kassel.de

Sarah Mönkeberg ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Mikrosoziologie der Universität Kassel.
E-Mail: moenkeberg@uni-kassel.de

Frithjof Nungesser ist Senior Lecturer am Institut für Soziologie der Universität Graz.
E-Mail: frithjof.nungesser@uni-graz.at

Marcel Sebastian ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Umweltsoziologie mit dem Schwerpunkt Transformationsforschung der TU Dortmund.
E-Mail: marcel.sebastian@tu-dortmund.de

 

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Nachruf Prof. i.R. Dr. Karl-Werner Brand

Nachruf Prof. i.R. Dr. Karl-Werner Brand

Inmitten seiner unermüdlichen Reflexionen über Nachhaltigkeit, Transformation und gesellschaftlichen Wandel, verstarb Karl-Werner Brand überraschend am 7. Februar 2026.

Was so auffällig war in den gemeinsamen Begegnungen: Er war immer bereit, eine Sache weiter zu denken, überraschte mit inspirierenden Ergänzungen zu einem Thema und hinterfragte die Dinge kritisch und präzise. Insofern waren die Begegnungen mit ihm von „dichten“ Gesprächen ausgefüllt, theoretisch unterfüttert und erkenntnisreich und dies auf wertschätzende Art und Weise bei kontrovers geführten Diskursen!

Sein fundiertes Theorienverständnis, das er als Werkzeug zur Interpretation sozialer Bewegungen heranzog und immer wieder neu überdachte und strukturierte, blieb nicht im rein Theoretischen verhaftet. Vielmehr wurde es, angetrieben durch die Diskurse mit den Umweltökolog*innen und Agrarier*innen, lebensweltlich immer wieder neu reformuliert.

Diesen so notwendigen Schulterschluss zwischen der Soziologie und den von Ökolog*innen benannten ökologischen Problemlagen der Lebenswelt, hat er frühzeitig erkannt; er manifestierte sich zunächst in der gemeinsam mit Dieter Rucht betriebenen Forschung zu neuen sozialen Bewegungen. Dieses Thema war dann auch zentral in seiner Habilitationsschrift, die den historischen Vergleich sozialer Bewegungen mit früheren Mobilisierungsphasen der Umwelt-, Frauen-, Friedens- und Alternativbewegung in westlichen Industrieländern thematisierte.

Der „formale“ Brückenschlag zwischen den Disziplinen gelang dann im Jahr 1996 mit der Gründung der Sektion „Soziologie und Ökologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München, wo er einer der Mitinitiatoren und Gründungsmitglieder war, welche später zunächst den Namen „Sektion Umweltsoziologie“ trug und heute „Sektion Umwelt- und Nachhaltigkeitssoziologie“.

Neben diversen Gastprofessuren in Darmstadt, München, Erlangen, Leipzig und Wien baute er an der Münchner Projektgruppe für Sozialforschung (MPS) den Forschungsschwerpunkt „Gesellschaft, Umwelt und nachhaltige Entwicklung“ auf, den er bis Ende 2005 leitete. Seit 2008 war er, neben weiterlaufenden Lehrveranstaltungen, freiberuflich im Rahmen der Umwelt-, Nachhaltigkeits- und Transformationsforschung tätig.

Werner war über viele Jahre an verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen hier in Wien ein häufiger und geschätzter Gast, Mitwirkender in Forschungsprojekten, Vortragender und Mitbetreuer von Doktoraten. Er inspirierte uns mit seiner präzisen Denkweise und theoretischen Fundierung, genauer hinzusehen, unsere Überlegungen zu prüfen und zu schärfen. Was Werner an soziologischen Begrifflichkeiten, ihren Beziehungen untereinander sowie ihrer Anwendung auf Themen des gesellschaftlichen Wandels aufbereitete, stellt ein „Kunstwerk“ für sich dar. Das zeigte sich nicht zuletzt an dem gemeinsamen Ringen um eine „Soziologie der Nachhaltigkeit“. Seine Vorträge waren bereichernd, seinen Ausführungen zu folgen, erforderte höchste Konzentration.

Mit seinen Überlegungen zur Agrarwende war er ein kritischer Vordenker für die so notwendige Transformation der Landnutzung und Ernährungsweisen, und damit auch für die Akteur*innen des explizit ökologischen Landbaus und entsprechender Ernährungsweisen. Er war derjenige, der diesen gesellschaftlichen Wandel mit seinen Überlegungen umfassend begleitete, interpretierte und vorausschauend beschrieb. Inwieweit seine Ausführungen, Beobachtungen und Vorhersagen Bestand haben werden, sei dahingestellt. Was in jedem Fall bleibt, ist seine wertschätzende und inspirierende Art zu denken und komplexe Diskurse zu führen.

Werner hat Nachhaltigkeit in jeder Dimension verkörpert und bleibt uns mit seiner Haltung wie seinem Menschen-zugewandten Auftreten in allerbester Erinnerung!

 


Nachruf von: Univ. Prof. i.R. Bernhard Freyer und Univ. Prof. Dr. Stefan Böschen


Nachhaltigkeit und Konsum (Glossarbeitrag Soziologie der Nachhaltigkeit)

Nachhaltigkeit und Konsum

Zusammenfassung

Konsum ist nicht nur Ausdruck individueller Entscheidungen, sondern tief in soziale Bedeutungen, Statuslogiken und gesellschaftliche Infrastrukturen eingebettet. Symbolische Unterscheidungen, soziale Wettbewerbe, sowie pfadabhängige Infrastrukturen prägen Konsummuster und erschweren nachhaltige Veränderungen. Daher kann – soziologisch betrachtet – nachhaltiger Konsum nur durch umfassende strukturelle Transformationen gelingen, nicht durch Appelle an das individuelle Verhalten allein.

 

Einleitung

Unter Bedingungen globaler sozial-ökologischer Krisen tritt die Frage, wie nachhaltig bzw. nicht-nachhaltig wir konsumieren (sollen) immer stärker in den Fokus gesellschaftlicher Debatten. Die einen problematisieren übermäßigen Fleischkonsum, stetig zunehmende Flugreisen und autofixierte Formen der Lebensführung, die anderen reagieren mit Reaktanz („Jetzt erst recht!“) und der Betonung konsumtiver Freiheit. So werden auch politische Auseinandersetzungen um die Bezeichnung vegetarischer oder veganer Lebensmittel, die Schaffung autofreier Zonen in Städten oder die Einführung von vegetarischen Tagen in Kantinen zum Schauplatz eines Kulturkampfes. Die Soziologie kann in dieser Gemengelage passende Erklärungsangebote dafür liefern, warum Konsumpraktiken einerseits so schwer zu verändern sind und andererseits ihre Veränderung gesellschaftlich so umkämpft ist.

Soziologische Perspektiven auf Konsum und Nachhaltigkeit

Moderne Gesellschaften werden oftmals als Konsumgesellschaften bezeichnet, da in diesen ein Großteil der Bevölkerung eine Menge an Gütern und Dienstleistungen konsumiert, die über die Befriedigung von Grundbedürfnissen hinausgeht (König 2008). Steigende Konsumniveaus bilden die Basis für kontinuierliches Wachstum im Kapitalismus und werden damit zu einer zentralen Institution kapitalistisch verfasster Wirtschaftssysteme (Schnaiberg 1980). Aus ökologischer Perspektive sind Konsumakte immer mit mehr oder minder großen Verbräuchen natürlicher Rohstoffe verbunden, da diese zur Herstellung entsprechender Güter und Bereitstellung entsprechender Dienstleistungen notwendig sind. Auch die Nutzung dieser ist letztendlich mit Verbräuchen und Emissionen verbunden (Fischer et al. 2011). So geht beispielsweise sowohl die Herstellung eines Autos als auch seine Nutzung mit Rohstoffverbräuchen und Emissionen einher.

Konsum bezeichnet in der Soziologie allerdings weit mehr als den Erwerb und Gebrauch materieller Güter bzw. die Inanspruchnahme von Dienstleistungen. Soziologisch ist Konsum nicht als individuelles Verhalten, sondern als gesellschaftlich geformte und symbolisch aufgeladene und eingebettete Aktivität zu betrachten. Konsum dient der Herstellung von Identitäten, der sozialen Grenzziehung, der Reproduktion sozialer Ordnung und ist wechselseitig mit Infrastrukturen verkettet.

Die symbolische Dimension des Konsums

Wie insbesondere Thorstein Veblen (2007 [1899]) und Pierre Bourdieu (1982) gezeigt haben, dient Konsum bewusst oder unbewusst der sozialen Grenzziehung. Mit Konsumgütern machen Menschen Aussagen darüber, was ihre soziale Position in der Gesellschaft ist. Mit dem Konzept des „demonstrativen Konsums“ hat Veblen darauf hingewiesen, dass Menschen nicht nur konsumieren, um Bedürfnisse zu befriedigen, sondern auch, um Anerkennung zu erlangen. Im Wettbewerb um Status werden Güter genutzt, um Überlegenheit, Prestige und soziale Differenzierung sichtbar zu machen. Der Wunsch, „mit den anderen mitzuhalten“, führt dabei zu einem Statuswettbewerb und zu einem stetig steigenden Konsumniveau mit ökologisch und sozial fatalen Konsequenzen (Schor 1998; Jackson 2017).

Während Veblen konsumtiven Statuswettbewerb als Ausdruck einer auf sozialen Wettbewerb ausgerichteten menschlichen Natur betrachtete, arbeitete Pierre Bourdieu dagegen heraus, wie Geschmack als teilweise unbewusstes Mittel der sozialen Distinktion fungiert. Laut Bourdieu spiegeln individuelle Geschmackspräferenzen – d.h., ob jemand beispielsweise Opernmusik oder Schlager bevorzugt – die Position eines Individuums in der Sozialstruktur der Gesellschaft wider. So zeigt beispielsweise die Art und Weise, wie und was jemand ist, wo ihr bzw. sein Platz in der Gesellschaft ist: Du bist, was du isst. Konsumstile werden damit zum Kennzeichen von Milieuzugehörigkeit, wobei die Konsumstile gehobener sozialer Milieus den gesellschaftlich legitimen Geschmack vorgeben, was mit einer sozialen Abwertung der Konsumstile anderer sozialer Milieus einhergeht. So werden etwa auch nachhaltige Konsumformen wie die Präferenz für Biolebensmittel zum Distinktionsmarker (John et al. 2014), der ein Gefühl der sozialen Überlegenheit gegenüber nicht-nachhaltigen Konsumformen transportiert. ­­

In ähnlicher Weise – jedoch ohne Referenz auf Bourdieu – hat die Kulturanthropologin Mary Douglas (1996 [1979]) herausgearbeitet, wie Konsumgüter und konsumtive Praktiken mit Vorstellungen eines „richtigen“ und „guten“ Lebens verbunden sind. Güter strukturieren soziale und moralische Ordnungen, indem sie es Individuen erlauben, sich über den Akt des Konsums denjenigen sozialen Gruppe zuzuordnen, deren Wertehaltungen sie teilen. Im Sinne Douglas‘ bringen Menschen damit mit ihren Konsumstilen kommunikativ zum Ausdruck, in welcher Art von Welt sie leben wollen. Dementsprechend betrachtet Douglas beispielsweise Überkonsum bzw. Konsumismus nicht als irrational oder Ausdruck der Ignoranz gegenüber ökologischen Krisen, sondern als Statement der Konsument*innen für eine liberale Gesellschaft, in der alle Individuen frei nach Gusto konsumieren können sollen.

Während Bourdieu, Douglas und Veblen Konsum als Ausdruck gesellschaftlicher Ordnungen begreifen, versteht Zygmunt Bauman (2009, 2003) unterschiedliche Konsumstile als Versuche, Identitäten zu konstruieren und zu stabilisieren. In der „flüchtigen Moderne“, wie Bauman die gegenwärtige Epoche bezeichnet, sind Identitäten nicht mehr durch Geburt und Herkunft vollständig vorgegeben, sondern sie müssen „erarbeitet“ werden. Die eigene Identität wird zum Projekt. Vor diesem Hintergrund beschreibt Bauman Konsum als zentralen Orientierungsmodus einer flüchtigen Moderne, in der Stabilität und Langfristigkeit zugunsten von schneller Austauschbarkeit, Neuheitsorientierung und Flexibilisierung zurücktreten. Mit Hilfe von Konsumgütern schaffen Menschen ihre eigene Identität und bringen diese vor anderen zum Ausdruck.

Am deutlichsten kommt die symbolische Überformung von Konsum in Jean Baudrillards (2006 [1970]) Überlegungen zur Konsumgesellschaft zum Ausdruck. Laut ihm orientiert sich Konsum zunehmend am Zeichenwert von Gütern, der eine Differenz zu anderen Gütern markiert. So entstehen immer feinere Grenzziehungen zwischen unterschiedlichen Produkten: Sojajoghurt, Haferjoghurt, Mandeljoghurt, Kokosjoghurt, Kuhmilchjoghurt, Schafmilchjoghurt, Ziegenmilchjoghurt, Büffelmilchjoghurt, prebiotischer Joghurt, probiotischer Joghurt, glutenfreier Joghurt, laktosefreier Joghurt, aromatisierter Joghurt, Naturjoghurt, Vollfettjoghurt, fettarmer Joghurt, Magerjoghurt etc. Diese Multiplikation der Zeichen und der damit einhergehenden Grenzziehungen löst Produkte mehr und mehr von ihrem Gebrauchswert ab und dient vor dem Hintergrund einer kapitalistischen Steigerungslogik als stetiger Anreiz zu Mehrkonsum.

Wie dargelegt, wird die symbolische Dimension von Konsumgütern aus soziologischer Perspektive auf vielfältige Weise relevant. Zu betonen ist dabei, dass sich symbolische Bedeutungen wandeln und sich dadurch die Präferenz unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen für bestimmte Güter verändern kann. Konsumformen wandern somit zwischen sozialen Schichten und Milieus (Trigg 2001). Manche Konsumgüter bzw. -formen werden aufgewertet, indem sie von unteren sozialen Schichten in höhere diffundieren (z.B. die Jeanshose), andere dagegen verbreiten sich sozialstrukturell von oben durch die Gesellschaft (z.B. Skifahren). Oftmals entsteht auch ein zirkulierender Prozess, in dem neue Unterscheidungsmerkmale gesucht werden, sobald alte ihre exklusive Bedeutung verlieren. Auch nachhaltige Produkte sind hiervon nicht ausgenommen: Wenn diese massentauglich werden, verlieren sie oft ihren exklusiven Status. Eliten wenden sich neuen, noch „authentischeren“ oder rareren Formen des nachhaltigen Konsums zu. Dies kann zu einer permanenten Suche nach „neuen“ nachhaltigen Distinktionsformen führen. Diese Mechanismen zeigen, dass auch nachhaltiger Konsum nicht nur ökologisch motiviert ist, sondern Teil eines dynamischen sozialen Wettbewerbs bleibt.

Die Infrastrukturierung von Konsum

Aus soziologischer Perspektive sind Konsumformen nicht allein symbolisch bestimmt, sondern als das Ergebnis verschränkter Alltagspraktiken zu verstehen (Shove et al. 2012). So hängen spezifische Praktiken der Fortbewegung mit Praktiken der Erwerbsarbeit, der Freizeitgestaltung oder des Einkaufens zusammen, sodass sich aus diesem Zusammenhang spezifische mobilitätsbedingte Verbrauchsmuster ergeben. Solche Konstellationen von Praktiken stellen die Basis für die routinisierte Bewerkstelligung von Alltag dar, die mit bestimmten Formen des Konsums von Gütern und Ressourcen einhergeht. In die entsprechenden Praktiken sind jeweils implizites Wissen hinsichtlich ihrer Ausführung (z.B., notwendigen Kompetenzen, um ein Auto steuern zu können), soziale Bedeutungen, die der Ausführung von Praktiken Sinn und Orientierung verleihen (z.B., Autofahren als Ausdruck von Freiheit und Flexibilität oder das Auto als Statussymbol), sowie materielle Artefakte eingelagert (z.B., das Auto an sich als materielle Grundlage der Praktik der Automobilität) (Leger 2024; Shove et al. 2012). Praktiken und Konstellationen von Praktiken sind darüber hinaus in vielen Fällen auch das Produkt infrastruktureller Prägung, da Praktiken und Infrastrukturen sich wechselseitig bedingen sind: Infrastrukturen ermöglichen und formen Praktiken, gleichzeitig stabilisieren und verändern Praktiken Infrastrukturen. Beide zusammen bestimmen die sozialen Bedingungen für nachhaltiges oder nicht-nachhaltiges Handeln (Kropp/Sonnberger 2025; Coutard/Shove 2024). Konsum ist dementsprechend nicht nur symbolisch, sondern auch materiell strukturiert. Infrastrukturen, wie beispielsweise Straßennetze und Siedlungsstrukturen, prägen Routinen. Wenn ein dichtes Straßennetz und große Supermärkte am Stadtrand dominieren, wird Autofahren zum Normalfall. Solche Infrastrukturen verteilen dabei auch Ressourcen und Belastungen sozial ungleich: etwa Energiepreise, Erreichbarkeit von Versorgungseinrichtungen oder Exposition gegenüber Umweltbelastungen. Aufgrund ihres rigiden und pfadabhängigen Charakters prägen Infrastrukturen Konsumformen über lange Zeithorizonte hinweg. Einmal gebaute Infrastrukturen (z. B. Fernwärmenetze oder Autobahnen) setzen langfristig Pfade fest, die schwer zu ändern sind (Kropp 2024). Konsumstile sind demnach auch immer eine Frage der gesellschaftlichen Arrangements. Konsumstile stabilisieren Infrastruktursysteme umgekehrt wiederum: Fahren viele Menschen regelmäßig Auto, rechtfertigt dies politische Investitionen in Straßen, anstatt in Bahn oder ÖPNV. Alles in allem formen Infrastrukturen Konsum, indem sie bestimmte Praktiken nahelegen, andere verkomplizieren, und so Normalitäten prägen. Dominante Praktiken legitimieren aber auch die Fortführung und den Ausbau bestimmter Infrastruktursysteme. Nachhaltige Konsumformen können aus dieser infrastruktursoziologischen Perspektive nur entstehen, wenn sich sowohl Praktiken als auch Infrastrukturen verändern. Damit rückt die Soziologie den Fokus weg von individueller Verantwortung für nachhaltigen Konsum hin zu einer Betrachtung gesellschaftlicher Strukturen, Machtverhältnisse und kollektiver Entscheidungsprozesse.

Zum Weiterdenken

Aus soziologischer Perspektive zeigt sich, dass der Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Konsum weit über individuelle Kaufentscheidungen hinausgeht. Konsum ist in modernen Gesellschaften eine zentrale soziale Praxis, die Identitäten formt, Zugehörigkeiten markiert, gesellschaftliche Ordnungen stabilisiert, und damit letztendlich auch Gesellschaft-Natur-Beziehungen strukturiert. Konsummuster und damit verbundene Produktionsweisen bestimmen den Grad der Umweltzerstörung menschlicher Gemeinschaften sowie die sozialen Bedingungen, unter denen diese Umweltzerstörung stattfindet (z.B., prekäre Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie oder beim Abbau von Rohstoffen). Aus soziologischer Perspektive ist es jedoch wenig verwunderlich, dass nachhaltiger Konsum trotz weit verbreiteter ökologischer und sozialer Problemwahrnehmung nur begrenzt gelingt: Konsummuster werden in modernen Gesellschaften nicht nur durch funktionale Bedürfnisse strukturiert, sondern auch durch symbolische Bedeutungen, sowie durch die Einbettung in Infrastruktursysteme. Eine nachhaltigere Gestaltung von Konsum muss dementsprechend multifaktoriell ansetzen, indem Alltagspraktiken, die darin eingelagerten symbolischen Bedeutungen, sowie die Infrastrukturen durch die sie ermöglicht (aber auch begrenzt) werden, transformiert werden können. Aufgrund dieser Komplexität erscheinen auch Vorstellungen naiv, dass man mit Appellen an Konsument*innen, nachhaltiger zu konsumieren, einen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit erreichen könne. Letztendlich bedeuten diese eine ungerechtfertigte Verantwortungszuschreibung an die einzelnen Individuen für ein Problem, das systemischer, und damit auch politischer, Lösungen bedarf. Überlegungen zu Konsumkorridoren erscheinen dabei als eine mögliche Gestaltungsperspektive (Fuchs et al. 2021).

Zum Weiterlesen

Jackson, T. (2017): Prosperity without growth. Foundations for the economy of tomorrow. London. New York: Routledge.

König, W. (2008): Kleine Geschichte der Konsumgesellschaft. Konsum als Lebensform der Moderne. Stuttgart: Franz Steiner.

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Baudrillard, J. (2006 [1970]): The Consumer Society. Myths & Structures. London: Sage.

Bauman, Z. (2003): Flüchtige Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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Bourdieu, P. (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Coutard, O./Shove, E. (2024): Infrastructures, practices and the materiality of daily life: revisiting urban metabolism. In: Coutard, O./Florentin, D. [Hrsg.]: Handbook of infrastructures and cities. Cheltenham, Northampton: Edward Elgar Publishing, S. 212–224.

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Fischer, D./Michelsen, G./Blättel-Mink, B./Di Giulio, A. (2011): Nachhaltiger Konsum: Wie lässt sich Nachhaltigkeit im Konsum beurteilen? In: Defila, R./Di Giulio, A./Kaufmann-Hayoz, R. [Hrsg.]: Wesen und Wege nachhaltigen Konsums. Ergebnisse aus dem Themenschwerpunkt „Vom Wissen zum Handeln – Neue Wege zum nachhaltigen Konsum“. München: oekom, S. 73–88.

Fuchs, D./Sahakian, M./Gumbert, T./Di Giulio, A./Maniates, M./Lorek, S./Graf, A. (2021): Consumption Corridors. New York: Routledge.

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König, W. (2008): Kleine Geschichte der Konsumgesellschaft. Konsum als Lebensform der Moderne. Stuttgart: Franz Steiner.

Kropp, C. (2024): Infrastrukturen – Hebel der sozial-ökologischen Transformation. In: Sonnberger, M./Bleicher A./Groß, M. [Hrsg.]: Handbuch Umweltsoziologie. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 445–460.

Kropp, C./Sonnberger, M. (2025): Verkehrstechnik und Gesellschaft: Verschränkungen von technischen und sozialen Entwicklungen. In: Schwedes, O./Rammert, A./Stark, K. [Hrsg.]: Handbuch Verkehrspolitik. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Leger, M. (2024): Praxistheorie. In: Sonnberger, M./Bleicher, A./Sonnberger, M. [Hrsg.]: Handbuch Umweltsoziologie. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 49–62.

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Trigg, A.B. (2001): Veblen, Bourdieu, and Conspicuous Consumption. In: Journal of Economic Issues, 35. Jg., Heft 1, S. 99–115.

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Marco Sonnberger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Technik- und Umweltsoziologie der Universität Stuttgart sowie Sprecher des Forschungsbereichs Nachhaltigkeit und Transformation am Zentrum für interdisziplinäre Risiko und Innovationsforschung der Universität Stuttgart (ZIRIUS). Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählt die Erforschung sozial-ökologischer Transformationsprozesse in den Feldern Energie und Mobilität, nachhaltiger Konsum, Risikosoziologie, Umweltsoziologie, Science and Technology Studies und Transdisziplinarität.

E-Mail: marco.sonnberger@sowi.uni-stuttgart.de

 

Dirk Schuck ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Erfurt im Sonderforschungsbereich „Strukturwandel des Eigentums“. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Sozialanthropologie des Konsums, der Genealogie freiheitlicher Regierungstechniken, der Geschichte von psychosozialen Entwicklungs- und Internalisierungsmodellen, der Kulturgeschichte des Kapitalismus, sowie in globalen und ökologischen Ansätzen der Wissensgeschichte und politischen Ideengeschichte.

E-Mail: dirk.schuck@uni-erfurt.de

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Körper in Bewegung: Unterwegssein im Kontext einer Ästhetik sozialer Nachhaltigkeit

Körper in Bewegung: Unterwegssein im Kontext einer Ästhetik sozialer Nachhaltigkeit

Abstract

Dieser Text untersucht „Körper in Bewegung“[1]und „Unterwegs sein[2] im Kontext einer Ästhetik sozialer Nachhaltigkeit (vgl. hierzu Ketschau 2019, Breser/Heuer 2024). Bewegung wird dabei nicht nur als physische Ortsveränderung, sondern als komplexer sozialer Akt verstanden, der von individueller Sinnsuche und Abenteuerlust bis hin zu Flucht und Krisenbewältigung reicht. Während moderne Gesellschaften den „flexiblen Menschen“ (Sennet 1998) zwischen Beschleunigung und Entschleunigung fordern, rückt die Notwendigkeit einer ressourcenschonenden Lebensweise in den Vordergrund.

Der Beitrag überträgt Georg Simmels Analyse des „Fremden“ (Simmel 2013) auf aktuelle Phänomene wie Neo- und digitale Nomad*innen und beleuchtet die vielfältigen Facetten von Mobilität. Ein Kernargument ist, dass Handlungen, die der Vision einer global nachhaltigen Gesellschaft entsprechen – also ein Leben frei von Armut, selbstbestimmt, gleichberechtigt und gesund –, eine „Ästhetik sozialer Nachhaltigkeit“ begründen. Dabei wird eine Verbindung zwischen „hässlich“ (von Hass) und „schön“ (von schonend, freundlich) mit ethischem Handeln hergestellt: Wer nachhaltig handelt und Ressourcen schont, ist im übertragenen Sinne „schön“, während ausgrenzendes oder ressourcenintensives Handeln als „hässliches tun“ erscheint.

Ferner beleuchtet der Text verschiedene Sozialfiguren des Unterwegsseins – darunter Flüchtende, Vagabundierende, Nomad*innen, Entdeckende und Erobernde sowie vertrauenswürdig Reisende und das unternehmerische Selbst – und analysiert die damit verbundenen Stereotypen und Wahrnehmungen. Er diskutiert, wie diese Figuren sowohl physische als auch soziale Grenzen überwinden.

Der Beitrag schließt mit offenen Fragen zum Ankommen von Unterwegsseienden und zielt darauf ab, die akademische Debatte in Bereichen wie New Work Forschung (vgl. hierzu Thiel 2021, Schenk 2022: 93 ff.) sowie Urbanistik und Sozialpolitik zu bereichern und Impulse für eine gerechtere Gestaltung des Miteinanders in einer mobilen Welt zu geben.

Unterwegs im Leben: Mobilität, Werte und die moderne Gesellschaft

Bewegung ist ein grundlegender Aspekt des menschlichen Lebens, weit über die bloße Ortsveränderung hinaus. Sie ist tief verwoben mit unserer Suche nach Sinn, Abenteuer und der Bewältigung von Krisen. In einer zunehmend vernetzten Welt prägt Mobilität nicht nur unsere individuellen Wege, sondern formt auch gesellschaftliche Strukturen und Werte (vgl. hierzu Manderscheid 2022). Dieses Kapitel beleuchtet die vielfältigen Facetten des Unterwegsseins und fragt, wie sich unsere Vorstellungen von Freiheit, Schönheit und einem guten Leben in dieser Dynamik widerspiegeln.

In Bewegung bleiben

Unsere alltägliche Vorstellung von Bewegung ist stark von der Physik beeinflusst: Als Bewegung gilt die Ortsveränderung eines Körpers im Zeitverlauf, ausgelöst durch einen Impuls, eine Kraft. Genauer gesagt: Bewegung ist der Prozess der Ortsveränderung“ (Burkhart 2019: 18).

Das, was Günter Burkart als Impuls und Prozess beschreibt, ist zugleich Anlass und Entschluss (vgl. hierzu Eimertenbrink 2025: 4 f.). Ein Anlass steht für einen Beweggrund oder einen Auslöser, etwas Bestimmtes zu tun. Ein Entschluss ist eine durch Überlegen gewonnene Absicht für geplantes Handeln. Ein Entschluss basiert auf eigenem Überlegen aufgrund eines Anlasses.

Nicht immer gibt es ein klares Ziel, zu dem die Bewegung führen soll. Oft geht es nur um die Suche nach Wegen, nach Bewegungsmöglichkeiten (Bewegung: einen Weg finden).“ (Burkhart 2019: 19). Bewegen und unterwegs sein stehen für Veränderung, stehen für Suchprozesse, für Abenteuer und für Sehnsucht. Gleichzeitig stehen bewegen und unterwegs sein aber auch für Flucht(-bewegung) und für Krisen(-bewältigung). Ausschlaggebend ist, wer sich bewegt, wer unterwegs ist und warum, also aufgrund welchen Anlasses der Entschluss zur Bewegung gefasst wurde.

Bewegung steht für eine Beschleunigung im Lebensrhythmus in modernen Gesellschaftsstrukturen (vgl. hierzu Rosa 2005). Bewegung steht für den flexiblen Menschen als reaktionsschnelle und anpassungsfähige Persönlichkeit (vgl. hierzu Sennet 1998). Vom modernen, flexiblen und beschleunigten Menschen wird eine Ambivalenz abverlangt: Beschleunigung und Flexibilität und, parallel dazu, Schrumpfung und Entschleunigung, Befreiung vom Überfluss, hin zu einer nachhaltigen, ressourcenschonenden Lebensweise (vgl. hierzu Paech 2012). Das ist wahrlich nicht immer einfach.

Abbildung 1: Körper in Bewegung.

Fremde in der Fremde

Bei Georg Simmel steht der soziale Typus des sojourner im Vordergrund seiner Überlegungen: Fremde, Besucher*innen, Wandernde und kurzweilig Verweilende, die kommen, verweilen und (üblicherweise) auch wieder gehen (vgl. hierzu Stichweh 2010: 764). In seinen späteren Schriften geht Simmel auf die Unterscheidung von Händler und Bodenbesitzer ein. Der Fremde ist der Händler. Er kommt, verkauft, kauft, zieht und verkauft an anderer Stelle weiter. Der Bodenbesitzer dagegen bleibt, wo er ist, schließlich muss er Kapital aus seinem Grund und Boden schlagen (vgl. hierzu Stichweh 2010: 16, Simmel 1992).

Übertragen auf moderne Zeiten, sind Neo-Nomad*innen, Digitalnomad*innen, manchmal Händler*innen (Online-Handel) und manchmal sind sie auch Bodenbesitzer*innen zugleich. Sie reisen in Länder, in denen es sich günstig leben lässt. Sie arbeiten online für Aufraggeber*innen, die in reichen Ländern sitzen und die entsprechend gut bezahlen können. Teilweise vermieten sie, die Neo-Nomad*innen, ihre Wohnungen, ihre Häuser, ihren Grund und Boden, über Vermietungsportale im Internet und verdienen so doppelt. So ist ein günstiges Leben neben guten Einnahmen möglich – manchmal reichen wenige Stunden Arbeit, um den Lebensunterhalt zu verdienen (vgl. hierzu Ferris 2018).

Frei von Hunger und Armut

Alle Menschen weltweit leben frei von Armut und Hunger, selbstbestimmt, gleichberechtigt und bei guter Gesundheit; sie leben und wirtschaften in sozial und ökologisch sicheren Handlungsräumen, erhalten die natürlichen Lebensgrundlagen und ermöglichen sich und den folgenden Generationen damit ein gutes Leben. So oder ähnlich lässt sich die Vision einer global nachhaltigen Gesellschaft formulieren, in der alle Menschen in Frieden und Freiheit ein menschenwürdiges Leben führen, ihre Bedürfnisse befriedigen und sich aktiv und selbstbestimmt am politischen Gemeinwesen beteiligen können“, so die beschriebene Vision des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit zur Umsetzung der 2030-Agenda der Vereinten Nationen (BMU 2020: 4).

Leben bewegte und unterwegs seiende Körper, frei von Armut und Hunger, selbstbestimmt, gleichberechtigt, bei guter Gesundheit, in sozial und ökologisch sichereren Handlungsräumen, und ermöglichen sie nachfolgenden Generationen ein ebenso freies, selbstbestimmtes Leben, so entspricht dieses Tun einer Ästhetik sozialer Nachhaltigkeit (im Sinne der Definition des BMU).

Hässlich oder schön, frei oder unfrei

Das Wort hässlich ist abgeleitet von Hass. Wer hässlich ist, ist voll Hass, hasserfüllt und feindselig. Das Wort schön ist abgeleitet von sconi. Sconi bedeutet ansehnlich und herrlich. Im Mittelhochdeutschen kamen die Bedeutungen schonend und freundlich hinzu. Wer rein ist und einen schonenden Umgang mit unser aller Ressourcen pflegt, ist in diesem Sinne schön und ansehnlich.

Schönheit und Freiheit bedingen das Unfreie und das Hässliche. Der gleiche Sinnzusammenhang lässt sich auch umgekehrt formulieren: Das Hässliche und Unfreie bedingen Schönheit und Freiheit (vgl. hierzu Pauen 2019, Maderna 2019). Unterwegssein kann Freiheit und Schönheit ebenso bedeuteten wie Unfreiheit und Hässlichkeit. Ein Beispiel: Die oder der Flüchtende überwindet, heimlich, im Dunkeln und durch Schlupflöcher, illegal die Grenze – das Hässliche, die Unfreiheit, hinter sich lassend. Flüchtende hoffen auf eine rettende Hand, auf die Freiheit, auf die Schönheit. Die Rettung ins Freie symbolisiert das Schöne.

Sozialfiguren des Unterwegsseins (und Ankommens)

Eva Horn, Stefan Kaufmann und Ulrich Bröckling beleuchten in ihrer Publikation „Grenzverletzer. Von Schmugglern, Spionen und anderen subversiven Gestalten“ (Horn et al. 2002) diverse Grenzverletzende. Diese Figuren reichen von Flüchtenden bis zu Erobernden und werden als Akteur*innen verstanden, die nicht nur geografische oder politische Grenzen überschreiten, sondern auch gesellschaftliche Normen, Regeln oder Tabus brechen. Es geht dabei um die Überschreitung unsichtbarer, aber wirkmächtiger Grenzen des Akzeptierten. Im Folgenden werden verschiedene Sozialfiguren des Unterwegsseins näher beleuchtet, die jeweils spezifische Stereotypen und Wahrnehmungen prägen.

Flüchtende

Flüchtende sind im Kern Fliehende, Menschen, die aus ihren Heimatregionen vertrieben werden, oft unter extremen Druck und mit wenig Vorbereitung. Ihr Zustand ist geprägt von einer tiefgreifenden Traumatisierung, die aus dem Verlust von Heimat, Sicherheit und oft auch geliebten Menschen resultiert. Physisch sind sie in der Regel erschöpft und krank, ein Ergebnis der Strapazen ihrer Fluchtwege, die häufig über weite Strecken zu Fuß, unter prekären Bedingungen oder in überfüllten Transportmitteln zurückgelegt werden. Flüchtende leben in ständiger Unsicherheit. Momente der Resignation und Mutlosigkeit wechseln sich ab mit beeindruckender Zähigkeit und Mut. Dieser Mut ist nicht selten eine letzte, verzweifelte Anstrengung, um das Überleben zu sichern und eine ungewisse Zukunft zu erreichen.

In der öffentlichen Wahrnehmung bleiben Flüchtende oft namenlos, zu einer anonymen Masse verschwommen, die in Statistiken und Schlagzeilen auftaucht. Diese Entindividualisierung erschwert das Erkennen der einzigartigen Geschichten und Erfahrungen, die jede Person mit sich trägt. Seltene Ausnahmen von dieser Namenslosigkeit finden sich in historischen Kontexten oder im kulturellen Gedächtnis, wenn prominente Persönlichkeiten wie z. B. Bertolt Brecht oder Thomas Mann als Exilanten während politischer Umbrüche zur Flucht gezwungen waren. Ihre individuellen Schicksale, festgehalten in Biografien und Werken, bilden einen Kontrast zur allgemeinen Anonymität.

Der Akt der Flucht beinhaltet fast immer die illegale Überwindung von Grenzen. Diese Grenzübertritte sind oft mit erheblichen Risiken verbunden, sei es durch natürliche Hindernisse (ertrinken), die Brutalität von Schlepp*innen oder die Gefahr, von Grenzschutzbehörden aufgegriffen und zurückgewiesen zu werden. Für die oder den Flüchtenden ist die Grenze ein Symbol für das Zurücklassen von Leid und Unterdrückung, aber auch für das Eintreten in eine ungewisse, potenziell feindselige neue Welt. Diese physische und oft verbotene Passage ist der entscheidende Schritt, der die Hoffnung auf Freiheit und ein menschenwürdiges Leben aufrechterhält, selbst wenn die Bedingungen am Zielort meist alles andere als ideal sind (vgl. hierzu Horn 2002: 58 ff., Rolshoven/Maierhofer 2012).

Abbildung 2: Aufbruch mit Gepäck.

Vagabundierende

Der Begriff Vagabundage hat seine etymologischen Wurzeln im lateinischen Verb vagari, was wörtlich „umherschweifen“ oder allgemeiner „wandern“ bedeutet. Der „Vagant“ ist eine Person, die ohne festen Wohnsitz und ohne ein klar definiertes, als „ehrlich“ anerkanntes Gewerbe, von einem Ort zum anderen zieht. Diese Figur war oft mit einem gewissen Misstrauen belegt, da ihre Lebensweise den etablierten Normen von Sesshaftigkeit und geregelter Arbeit widersprach. Sie repräsentierte eine Form des Ungebundenseins, die sowohl Faszination als auch Ablehnung hervorrief.

Im heutigen Kontext sind Vagabundierende weiterhin Umherschweifende, deren Bewegungsmuster sich vom konventionellen Reisen abheben. Sie zeichnen sich durch eine intrinsische Neugier aus, die sie dazu antreibt, „mal hier und mal da“ zu schauen, sich auf das Unerwartete einzulassen und sich von Routinen zu lösen. Ihre Bewegung ist selten zielgerichtet im Sinne eines festen Ankunftsortes, sondern eher ein Prozess des Erlebens. Das Überschreiten von Grenzen, sei es im physischen oder metaphorischen Sinn, ist für sie kein Hindernis, sondern oft eine inhärente Dimension ihrer Existenz.

Vagabundierende sind typischerweise Individuen, die sich nicht an die strikten Vorgaben von Landkarten oder abgesteckten Grenzgebieten halten. Stattdessen folgen sie oft den natürlichen Gegebenheiten der Landschaft – Flussverläufen, Wald- und Wiesenwegen –, die ihnen eine organischere und freiere Bewegung ermöglichen. Ihre Routen sind nicht durch touristische Attraktionen oder ökonomische Notwendigkeiten bestimmt, sondern durch eine innere Suche oder einfach das Verlangen nach unreglementierter Fortbewegung. Diese Form des Unterwegsseins steht somit für eine Lebenshaltung, die sich bewusst den Konventionen und der Kontrolle entzieht und eine tiefe Verbundenheit mit der Freiheit der Bewegung zelebriert (vgl. hierzu Oberhuber 2002: 23 ff.).

Nomad*innen

Traditionelle Nomad*innen sind Angehörige nicht-sesshafter Hirtenvölker, deren Lebensweise untrennbar mit der Bewegung ihrer Viehherden verbunden ist. Ihre Existenz hängt davon ab, den jahreszeitlichen Rhythmen von Weidegründen und Wasserquellen zu folgen. Das Vieh, als zentrale Lebensgrundlage, kennt dabei keine von Menschen geschaffenen Grenzen. Diese Diskrepanz zwischen den natürlichen Bewegungsbedürfnissen der Herden und den politischen oder territorialen Markierungen führt jedoch oft zu existenziellen Herausforderungen für die nomadisch lebenden Menschen. Sie müssen sich mit Grenzzäunen, bürokratischen Vorschriften oder den Übergriffen von Grenzschützenden auseinandersetzen, die ihre Herden gefährden könnten – sei es durch physische Barrieren oder gar Gewalt. Der Schutz des Viehs, das ihr Überleben sichert, wird somit zu einer zentralen Aufgabe, die sie immer wieder an die oft rigiden Grenzen menschlicher Jurisdiktion führt (vgl. hierzu Toral-Niehoff 2002: 80 ff.).

Ganz anders präsentieren sich die Neo-Nomad*innen, die heutigen Digitalnomad*innen. Diese moderne Sozialfigur ist nicht an die saisonalen Zyklen von Vieh oder Ernte gebunden. Stattdessen sind ihre Beweggründe vielfältiger und oft von einer Suche nach individueller Freiheit und optimierten Lebensbedingungen geprägt. Sie folgt der Sonne, um kalte Winter zu meiden, sucht das Abenteuer in neuen Kulturen und Landschaften, strebt nach schnellem Geld durch ortsunabhängige Arbeit und profitiert nicht selten von günstigen Steuervorteilen in Ländern mit niedrigerer Besteuerung. Ihr „Hinterherziehen“ ist eine bewusste Entscheidung für einen mobilen Lebensstil, der durch digitale Technologien ermöglicht wird und eine gänzlich andere Form der Grenzüberschreitung darstellt – eine, die weniger von Notwendigkeit als von Wahlfreiheit und einem optimierten Lebensentwurf bestimmt wird (vgl. hierzu Eimertenbrink 2025).

Abbildung 3: Nomadisches Leben im Zelt.

Abbildung 4: Digitale Nomad*innen bei der Arbeit.

Entdeckende und Erobernde

Entdeckende und Erobernde sind Sozialfiguren, deren Handeln primär auf die Inbesitznahme neuer Territorien oder Ressourcen abzielt. Ihr Ausgangspunkt ist oft das Vorgehen in Gebiete, die sie als „unerschlossen“ oder „niemandes Land“ betrachten. Finden sie keine offenkundigen Anzeichen einer bereits etablierten Zugehörigkeit, so manifestieren sie ihren Anspruch durch symbolische Akte, wie das Hineinstecken einer Fahne, um das vorgefundene Stück Land für ihr Eigentum zu erklären. Diese Geste beansprucht die Autorität über das Gebiet und signalisiert den Beginn einer neuen Herrschaft.

Die Situation wird jedoch kritisch, sobald bereits andere – seien es indigene Bevölkerungen, konkurrierende Mächte oder frühere Entdecker*innen – ebenfalls Anspruch auf dieses vermeintlich neu entdeckte und eroberte Land erheben. In solchen Fällen kollidieren divergierende Besitzansprüche und führen zu Konflikten. Die einst als „unbelegt“ deklarierten Territorien werden zum Schauplatz intensiver Auseinandersetzungen. Dann werden nicht nur die Eigentumsverhältnisse neu verhandelt, sondern auch Grenzen und Eingrenzungen infrage gestellt oder gewaltsam verschoben. Dies kann zu langwierigen diplomatischen Verhandlungen, aber auch, im schlimmsten Fall, zu kriegerischen Konflikten führen, in denen die Macht der Waffen entscheidet, wer die Kontrolle über das beanspruchte Land ausübt. Solche Prozesse haben die Weltgeschichte maßgeblich geprägt und wirken bis heute nach (vgl. hierzu Münkler 2002, Zöhrer 2022).

Vertrauenswürdig Reisende

Steffen Mau erwähnt den vertrauenswürdig Reisenden in einer Publikation. von 2021 (Mau 2021: 22). Der vertrauenswürdig Reisende ist ein unspektakulärer Akteur im globalen Mobilitätsgeschehen. Er führt keine verborgenen Absichten mit sich. Sein primäres Ziel ist die Erholung oder das Erleben kleinerer Abenteuer. Die Reisen des vertrauenswürdig Reisenden sind stets von einem hohen Maß an Vernunft und Vorsorge geprägt. Dies zeigt sich beispielsweise in der umfassenden Absicherung durch Reiserücktrittsversicherung und Reisekrankenversicherung. Der vertrauenswürdig Reisende verkörpert somit eine Form des Unterwegsseins, die auf Sicherheit, Planbarkeit und die Einhaltung etablierter gesellschaftlicher Normen setzt. Im Gegensatz zu anderen, subversiveren Sozialfiguren, stellt er keine Gefahr dar, sondern fügt sich nahtlos in die Strukturen des organisierten Tourismus und der globalen Mobilität ein.

Das unternehmerische Selbst

Das unternehmerische Selbst findet Eingang in diesen Essay aufgrund der Ausführungen von Stephan Lessenich (vgl. hierzu Lessenich 2017: 160 ff.). Er argumentiert, dass eine geflüchtete Person ein Paradebeispiel für das unternehmerische Selbst nach Bröckling (Bröckling 2007) darstellt. Bröcklings unternehmerisches Selbst scheut kein Risiko und setzt selbstverständlich auf die Zukunft. Ein unternehmerisches Selbst wird man, indem man sich in allen Lebenslagen kreativ, flexibel, eigenverantwortlich und risikobewusst verhält. Diese Eigenschaften, dieses Eigenverantwortliche, Kreative, Flexible und Risikobewusste sieht Lessenich als Voraussetzung für das Aufbrechen und Ankommen allgemein, aber auch und besonders für das Ankommen des Flüchtenden in einem neuen Zuhause, einem neuen Platz in der Gesellschaft (vgl. hierzu de la Chaux 2020).

Ankommende und Angekommene

„Stellen Sie sich ein Land vor, das sich als jungfräulich bezeichnet, keine bekannte Geschichte haben möchte und entsprechend Entdeckungen verheißt. Doch um dorthin zu gelangen, müssen Sie einen Ozean überwinden, der wild und gefährlich scheint. Für die Reise in dieses ‚gelobte‘ Land müssen Sie Ihr Leben aufs Spiel setzen. Endlich angekommen, werden Sie das Leben zu schätzen wissen und Ihren Neustart ernsthaft und konsequent in Angriff nehmen. Utopische Gemeinschaften werden entworfen, Religionen werden evaluiert und neu definiert, und ideologischer Ballast als unzugänglich verworfen oder verboten. Willkommen in der Neuen Welt.“ (Blazan 2015: 97)

Um die Thematik des Ankommens und Angekommenseins zu veranschaulichen, lässt sich eine prägnante Bildbeschreibung heranziehen, wie sie oft in der Berichterstattung von Organisationen, die sich für den Schutz und die Unterstützung von Flüchtenden, Asylsuchenden, Binnenvertriebenen und Staatenlosen einsetzen:

Man stelle sich eine Aufnahme vor, die eine Gruppe von mindestens einhundert Frauen zeigt. Ihre dunkle Hautfarbe ist erkennbar, doch viele Gesichter sind verschleiert. Die hinteren Reihen sind nur schemenhaft zu erahnen. Die vorderen Frauen blicken mit ängstlichen Gesichtern in die Kamera. Die schiere Masse an Menschen scheint sich bis zum Horizont zu erstrecken, was ein Gefühl der Überwältigung und des Erschreckens hervorruft. Eine typische Bildunterschrift würde in diesem Kontext darauf hinweisen, dass es sich um einen Anstieg der Ankünfte aus beispielsweise dem Sudan handelt und dass eine internationale Hilfsorganisation vor einer wachsenden Notlage in einer bestimmten Region in der Welt warnt. Solche Darstellungen vermitteln einen Eindruck von der Dringlichkeit und dem Leid, das mit Flucht und Vertreibung einhergeht.

Im Gegensatz zu diesen oft bitteren Bildern, die angsterfüllte Menschenmassen zeigen und die dramatischen Aspekte der Flucht visualisieren, finden sich in der medialen Repräsentation des Ankommens auch bewusst positive Gegenentwürfe.

Insbesondere auf Websiten, die sich mit der Integration in Deutschland oder ähnlichen Kontexten befassen, stoßen Rezipient*innen auf Fotos, die ganz andere Emotionen hervorrufen. Hier werden positive Einzelschicksale in den Vordergrund gerückt, um den Erfolg von Integration zu illustrieren.

Ein oft bemühtes Beispiel ist der junge, talentierte Fußballspieler mit dunkler Hautfarbe, dessen Integration in einen deutschen Jugendfußballverein (und somit in die deutsche Gesellschaft) in Form eines Mannschaftsfotos inszeniert wird. Das Schulterklopfen seines deutschen Trainers wird dabei zum symbolischen Zeichen höchster Anerkennung und gelungener Integration stilisiert.

Eine ähnliche ikonische Wirkung entfaltet das Selfie eines Geflüchteten mit der damaligen Bundeskanzlerin Merkel, das medial als ultimatives Symbol des Angekommen-Seins (vgl. hierzu Barboza 2016: 123 ff.) in einem sicheren Gebiet verstanden und verbreitet wurde. Diese kontrastierenden Bildwelten prägen maßgeblich die öffentliche Wahrnehmung von Mobilität, Flucht und Integration (vgl. hierzu Lünenborg/Maier 2017, Roth 2017: 161 ff., Lemme 2020).

Konklusion

In einer Welt, die zunehmend von Mobilität und ständiger Veränderung geprägt ist, rücken die Konzepte von „Körper in Bewegung“ und „Unterwegssein“ näher ins Zentrum der sozialwissenschaftlichen Betrachtung. Doch über die bloße Ortsveränderung hinaus gewinnt die Frage an Bedeutung, wie diese Dynamiken im Einklang mit den Prinzipien einer Ästhetik sozialer Nachhaltigkeit stehen können. Es geht nicht mehr nur darum, wie wir uns fortbewegen, sondern warum und mit welchen Auswirkungen auf uns selbst, unsere Gemeinschaften und die Umwelt. Die Ästhetik des Unterwegsseins offenbart sich in der Art und Weise, wie Bewegungsfreiheit und Selbstbestimmung gelebt werden, ohne dabei die Ressourcen anderer oder zukünftiger Generationen zu erschöpfen. Sie fordert uns auf, eine neue Sensibilität für die Schönheit des achtsamen Reisens und des nachhaltigen Ankommens zu entwickeln – eine Schönheit, die sich nicht in statischen Idealen erschöpft, sondern in der dynamischen Balance zwischen individueller Entfaltung und globaler Verantwortung liegt.

Der Abschnitt „Sozialfiguren des Unterwegsseins (und Ankommens)“ taucht tief in die Vielfalt menschlicher Mobilität ein. Es wird deutlich, dass Grenzverletzungen über physische oder politische Überschreitungen hinausgehen und auch das Brechen gesellschaftlicher Normen und Tabus umfassen. Ferner lässt sich erkennen, wie vielfältig und komplex die Erfahrungen des Unterwegsseins und Ankommens sind und wie diese durch gesellschaftliche Zuschreibungen und mediale Inszenierungen geprägt werden.

Wer ist in diesem Kontext – also im Kontext von Bewegung und Unterwegssein einerseits und einer Ästhetik sozialer Nachhaltigkeit andererseits – nun „schön“ und wer „hässlich“? Generell lässt sich festhalten (und dies bedarf im Einzelfall weiterer Prüfung): „Schön“ ist, wer nachhaltig handelt und anderen die Möglichkeit zur eigenen Entfaltung im Rahmen einer nachhaltigen Weltgesellschaft lässt. Dies impliziert einen schonenden Umgang mit Ressourcen und eine inklusive Haltung. „Hässlich“ ist hingegen, wer sich selbst und anderen diese Möglichkeit nimmt, auf kurzfristigen Hedonismus (oder Opportunismus) setzt und sogenannte Fremde ausgrenzt, statt sie in die Gemeinschaft zu integrieren.

Diese moralisch-ästhetische Unterscheidung ist keine starre Klassifizierung, sondern gewinnt durch die Betrachtung spezifischer Sozialfiguren des Unterwegsseins an Tiefe. So zeigt sich die „Schönheit“ etwa im eigenverantwortlichen und zukunftsgerichteten Handeln des „unternehmerischen Selbst“ des Geflüchteten, der trotz widriger Umstände nach einem Platz in der Gesellschaft sucht. Im Gegensatz dazu könnte die „Hässlichkeit“ in den Anspruchshaltungen von Entdeckenden und Erobernden liegen, die Territorien ohne Rücksicht auf bestehende Rechte in Besitz nehmen und dabei Konflikte schüren. Die unterschiedlichen Motive und Auswirkungen des Unterwegsseins – von der erzwungenen Flucht bis zum selbstgewählten, abgesicherten Reisen des „vertrauenswürdig Reisenden“ – prägen somit maßgeblich die ästhetische Bewertung im Sinne einer sozialen Nachhaltigkeit.

Dieser Beitrag zielt darauf ab, die akademische Debatte – insbesondere in der New Work Forschung (vgl. hierzu Thiel 2021, Schenk 2022: 93 ff.), der Urbanistik und der Sozialpolitik, aber auch die Ästhetik- und Nachhaltigkeitsdebatte – zu bereichern. Er möchte Impulse geben für eine gerechtere Gestaltung des Miteinanders in einer zunehmend mobilen Welt, indem er die zugrundeliegende Ästhetik sozialer Nachhaltigkeit im Kontext von Unterwegssein und Körpern in Bewegung herauszuarbeiten versucht.

Fußnoten:

[1] Die Formulierung „Körper in Bewegung“ wird in diesem Text als beschreibender Ausdruck verwendet und steht in keinem inhaltlichen Zusammenhang mit dem gleichnamigen Buch von Erstić et al. (2009). Ich lehne mich mit der Wahl dieser Worte lediglich an die treffende Ausdrucksweise an, die auch meine Betrachtungen ideal beschreiben.

[2] Geschichten vom „Unterwegs sein“ gibt es viele. Vgl. u.a. Lit. Eifel e.V. und das Literaturhaus der Eifelgemeinde Nettersheim (2018).

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Dr. Maik Eimertenbrink war Mitglied beim Nachhaltigen Filmblick, gründete den gemeinnützigen Verein Nachhaltigkeitsguerilla und entwickelte und leitete die Obdachlosen-Uni Berlin. Er konnte zahlreiche Auszeichnungen für sein soziales Engagement gewinnen. An der Universität der Künste Berlin promovierte er über vagabundierend-nomadische Lebensweisen. Seit 2019 ist er an der Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) im Internationalen Brückenkurs soziale Professionen (ApaLe) tätig.

E-Mail: Maik.Eimertenbrink@KHSB-Berlin.de

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Stoffwechselpolitik

Stoffwechselpolitik

Zur Produktionspolitik im sozial-ökologischen Stoffwechsel

Stoffwechselpolitik: Das Politische im sozial-ökologischen Stoffwechsel

Die Idee, dass Produktion kein rein ökonomisches und technisches Unterfangen ist, sondern auch ein politisches Feld, ist in den Sozialwissenschaften etabliert. Michael Burawoy (1990) beschreibt mit seinem Begriff der Produktionspolitik die formellen und informellen Aushandlungen im Machtgefüge zwischen Arbeitgeber*in und Arbeitnehmer*in. Doch welche Rolle spielt hier Ökologie? Diese Leerstelle versucht Simon Schaupp mit seinem Werk Stoffwechselpolitik (2024) zu füllen. Wie der Titel des Buches bereits verrät, ersetzte Schaupp den Begriff der Produktion mit dem des Stoffwechsels und erweiterte somit das politische Feld der Produktion um die Interaktion zwischen Mensch und Natur. Den Begriff des Stoffwechsels verortet Schaupp in der marxistischen Tradition, welche Arbeit als die Verwirklichung des eigenen Selbst in der äußerlichen materiellen Welt versteht (vgl. Marcuse 1973). Eben diese Verwirklichung menschlicher Gedanken in der äußerlichen materiellen Welt soll nach dieser Perspektive unsere natürliche Umgebung formen. Daraus folgend ist alles, was wir alltäglich als Natur bezeichnen, von Arbeit geprägt. Arbeit und Natur sollen daher als zwei separate Einheiten in einer Wechselwirkung stehen, die nicht aufzulösen ist und Schaupp als Stoffwechsel versteht. Stoffwechselpolitik beinhaltet demnach das Machtringen zwischen allen beteiligten Personen im Stoffwechsel um die Bedingungen des Stoffwechsels.

Der Stoffwechsel wird nach Schaupp vor allem durch den Prozess der Nutzbarmachung geprägt. Nutzbarmachung beschreibt, wie Objekte durch Arbeit nutzbar gemacht werden, also Güter produziert werden. Nehmen wir einen Fluss als Beispiel: Zuerst ist dieser Fluss nur ein kilometerweiter Strom an Wasser. Erst durch z.B. eine Begradigungwird er für industrielle Schifffahrt nutzbar gemacht. In diesem zwischen Natur und Mensch komplementären Prozess der Nutzbarmachung haben die jeweiligen Autonomien der beiden Einheiten nach Schaupp eine zentrale Rolle für die politische Dimension des Stoffwechsels. Diese Autonomien beinhalten unvorhersehbare Prozesse und Konsequenzen durch Stoffwechselprozesse aufgrund fehlender Kontrolle. Die Autonomie der Arbeit entsteht durch eine nicht vollständige Kongruenz der Menschen als Arbeiter*innen mit den Regeln und Kontrollinstanzen der kapitalistischen Verwertungslogik. Das wird in der Produktionshalle ersichtlich, wenn Arbeiter*innen die Produktionsprozesse anpassen oder durch einen Streik die Produktion lahmlegen. Die Autonomie der Natur beinhaltet hauptsächlich die Anpassung natürlicher Prozesse als Reaktion auf Interventionen der Menschen. Wird ein Fluss begradigt, erhöht dies z.B. das Hochwasserrisiko flussabwärts. Arbeiter*innen erfahren aber auch dieAutonomie der Natur, indem sie praktisches Wissen in ihrer Arbeit erlangen. Diese Interaktionen zwischen der Autonomie der Natur und der Arbeit fasst Schaupp als ökologischen Eigensinn zusammen.

Wenn also um die Bedingungen des Stoffwechsels gerungen wird, geht es vor allem um die Frage nach der Art und Weise der Nutzbarmachung. Innerhalb der Nutzbarmachung sieht Schaupp vier zentrale Elemente: Exklusion,Rationalisierung, Kontrolle und Expansion. Exklusion bezweckt die Aneignung von (bisher nicht nutzbar gemachten)Objekten als Privateigentum, um sie nutzbar zu machen. Dies macht die Ressource zu einem exklusiven und kompetitiven Gut. Sie ist also begrenzt und für nicht-Besitzer*innen nicht zugänglich (V. Ostrom/E. Ostrom 2019). Rationalisierung bestimmt die Organisation der Nutzbarmachung, also z.B. die (fehlende) Automatisierung von Arbeitsprozessen. Um diese Rationalisierung bedienen zu können, ist Kontrolle unabdingbar. Es wurde bereits erläutert, dass natürliche Objekte nicht für die Nutzbarmachung initial bereitstehen. Das eingeführte Beispiel des Flusses zeigt auf, wie natürliche Objekte oder spezifische natürliche Prozesse kontrolliert werden, um sie für die Nutzbarmachung anzupassen. Kontrolle betrifft auch die Kontrolle von Arbeit. Offensichtliche Beispiele für Kontrollmaßnahmen sind vertragliche Einigungen zwischen Arbeitgeber*in und Arbeitnehmer*in auf Inhalt und Umfang der Arbeit und damit einhergehenden Sanktionen der Nicht-Einhaltung des Vertrags. Expansion bezweckt eine Neuausrichtung der Nutzbarmachungsprozesse als Reaktion auf eine externe Disruption der derzeitigen Weise derNutzbarmachung. Infolgedessen wird das derzeitige Nutzbarmachungssystem durch die Einführung neuer technischeroder organisatorischer Prozesse erhalten oder optimiert. Der expansive Charakter entsteht durch die Erweiterung des Nutzbarmachungsprozesses um organisationale, technische und/oder ressourcenbezogene Elemente.

Schaupp stellt mit dieser Verstrickung der Produktionspolitik mit ökologisch-marxistischen Ansätzen des Stoffwechsels eine theoretische Erweiterung auf, die er mit einem historisch-soziologischen Ansatz mit Fallbeispielen untermauern will. Dabei rekonstruiert er detailliert Fälle der Nutzbarmachung und deren einzelnen Elemente. Zum Beispiel beschreibt er in seinem Kapitel „Fleischfabriken und reaktive Expansion“ denNutzbarmachungskomplex der Viehwirtschaft und der Ausweitung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert in den USA. Die Vernetzung urbaner Räume in den USA ermöglichte die Entwicklung des damals größten Fleischmarktes der USA. Dieses Fleisch konnte aber verderben, was Schaupp als Autonomie der Natur versteht. Daraufhin wurde der eisgekühlte Transportwagen als technische reaktive Expansion entwickelt. Im Zuge der Prekarisierung der Arbeitnutzten die Arbeiter*innen ihr Wissen um die Arbeitsprozesse und die Verderblichkeit, also den ökologischenEigensinn, als Druckmittel in Verhandlungen mit Arbeitgeber*innen, indem sie z.B. Kühlketten zu kritischen Zeitpunkten manipulierten. Die Arbeitgeber*innen reagierten darauf mit einer organisationalen Expansion mittels einer Dezentralisierung, um die Wirksamkeit eines Streiks an einem Schlachthaus zu verringern. In seinem Kapitel „Autoarbeit und fossiler Klassenkompromiss“ zeigt Schaupp auf, wie Praktiken der Exklusion, der Aneignung von fossilen Ressourcen besonders im Nahen Osten, die Umstellung auf Öl als zentralen Energieträger in der Nachkriegszeit ermöglichten. In diesem Komplex der Nutzbarmachung wurde das Organisationsprinzip des Taylorismus zentral, um die durch die neuen Energieträger ermöglichte Massenproduktion zu gewährleisten. Unter anderem war der dadurch ermöglichte Massenkonsum, den Schaupp als fordistischen Konsummodus bezeichnet, eine Form der Kontrolle, um die Zumutungen durch harte Arbeitsbedingungen und repetitive Arbeitsprozesse zu kompensieren.

Anhand der Beispiele kann Schaupp besonders gut die historischen Pfadabhängigkeiten der Nutzbarmachungsprozesse über Zeit darstellen und erlaubt eine Reflexion auf die heutigen Nutzbarmachungsprozesse unserer (fragil) globalisierten Welt. Allerdings ist es anhand der Fallbeispiele als Leser*in häufig schwierig zu begreifen, wie genau sich die Theorie auf die Empirie anwenden lässt. Schaupp benennt zwar immer wieder die Autonomie der Natur und der Arbeit sowie, in manchen Kapiteln mehr als in anderen, die verschiedenen Elemente der Nutzbarmachung. Allerdings bleiben trotzdem Fragen offen: Wie genau wirken sich die verschiedenen Elemente auf Mensch und Natur aus? Wie lassen sich diese verschiedenen Elemente voneinander abgrenzen? Schaupp lässt interpretativen Freiraum zu, der wiederum mehr zu Missverständnissen als Diskussionen um die fruchtbare Theorie führen kann. Um diesen entgegenzuwirken, gibt es in meinen Augen zwei Stellschrauben, die bedient werden können, um eine Übersetzung der Theorie in die Empirie zu erleichtern: Die Definition der Elemente der Nutzbarmachung als Methoden und die Schematisierung der Nutzbarmachung in die Dimensionen der Intensität und Verteilung.

Nutzbarmachung als Methode

Die bisherige ungenaue Bezeichnung der Elemente der Nutzbarmachung in diesem Text als Elemente ist der unklaren Bezeichnung dieser in Schaupps Buch geschuldet. Über die Definition dieser als weitere Schritte (Schaupp 2024: 37)hinaus, definiert Schaupp Kontrolle als Moment in der Nutzbarmachung. Rationalisierung wird als Element derNutzbarmachung definiert. Expansion und Exklusion werden wie folgt definiert: „Die spezifisch kapitalistische Form der Nutzbarmachung ist […] expansiv […] und exklusiv“  (ebd.). Stattdessen schlage ich vor, diese vier Elemente als Methoden der Nutzbarmachung zu verstehen. Zum einen lässt sich dies mit Schaupps Verständnis der Elemente alsweitere nötige Schritte zur Ermöglichung der Nutzbarmachung begründen. Zum anderen entsprechen diese beschriebenen Schritte den Kernelementen einer breiten Definition des Methodenbegriffs. Sie kann als ein „(…) nach Mittel und Zweck planmäßiges [systematisches] Verfahren, das zu technischer Fertigkeit bei der Lösung theoretischer und praktischer Aufgaben führt […]“  (Mittelstraß 1984: 876) definiert werden. All diese von Schaupp beschriebenen Elemente verfolgen einen Zweck, beinhalten eine geplante bzw. absichtliche Vorgehensweise und verfolgen die Lösung der praktischen Aufgabe der Nutzbarmachung. Die Definition als Methode erlaubt die Identifikation eines Problems der Nutzbarmachung, und die jeweilige Methode als Lösungsansatz. Der Erfolg der gewählten Methode kann anhand des definierten Ziels im Sinne des Zwecks evaluiert werden. Die vier Methoden der Exklusion, Rationalisierung, Kontrolle und Expansion hängen in ihrer konkreten Ausgestaltung von dem Kontext des Stoffwechsels ab. Im Sinne der Stoffwechselpolitik kann diese dann als ein Ringen um Ausgestaltung der jeweiligen Methoden verstanden werden.

Intensität und Verteilung im Prozess der Nutzbarmachung

Dieses Ringen um die Ausgestaltung der Methoden dreht sich inhaltlich vor allem um zwei Dimensionen, nämlich die Intensität der Nutzbarmachung (IN) und die Verteilung der Konsequenzen der Nutzbarmachung (VN). IN begründetsich in Schaupps Verständnis des Stoffwechsels. Die Nutzbarmachung eines Objekts wirft direkt die Frage nach der Intensität dieser Nutzbarmachung auf. VN ist in den Autonomien der Natur und Arbeit und im daraus resultierenden Eigensinn begründet. Nutzbarmachung hat Änderungen von Arbeit und Natur zur Folge, deren Verteilung eine politische Frage der Aushandlung ist. In diesen Aushandlungen geht es sowohl um die Frage nach der Verteilung der negativen Konsequenzen der Nutzbarmachung (z.B. Umweltverschmutzung) als auch die positiven Konsequenzen (z.B. ökonomischen Wohlstand).

Diese Einteilung in IN und VN erlaubt auch eine schematische Darstellung der Wirkungen der vier Methoden auf menschliche Arbeit (rot) und Natur (grün), wie in Abbildung 1 dargestellt. Eine Änderung einer der Methoden hat eine schwache oder starke Auswirkung in der jeweiligen Dimension (Intensität und/oder Verteilung). Währendkeine der Methoden sich ausschließlich in einer Dimension verorten lässt, können grundlegende Wirkungsfelder festgestellt werden.

Exklusion kann als eine Lösung für das Problem der Verteilung der Ressourcen der Nutzbarmachung verstanden werden. Der Besitz einer natürlichen Ressource befähigt z.B. zu einer Entscheidung über die Intensität der Nutzbarmachung im Rahmen des gegebenen Gesetzes. Aus der freien Verfügung über die Nutzbarmachung der natürlichen Ressource resultiert ebenso die freie Verfügung über die Herbeiführung stoffwechselbezogenerKonsequenzen. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich die ungleiche Verteilung der Verursachung der Folgen der Klimakrise vor Augen führt. Somit hat die Methode der Exklusion einen starken Einfluss auf die Intensität und die Verteilung der Ergebnisse der Nutzbarmachung. Rationalisierung hat den Zweck der Bestimmung des Zwecks der Nutzbarmachung und erlaubt daher das gegenebene Objekt (Mensch oder Natur) auf ihre Funktion im Nutzbarmachungsprozess (Arbeit bzw. Ressource) zu reduzieren. Dies beeinflusst daher vor allem IN. Der bereits erwähnte Fluss kann z.B. für touristische Zwecke oder für logistische Zwecke genutzt werden, was wiederum die Anforderungen an den Flussund die Umgebung und Intensität der Nutzung (z.B. Frequenz des Schiffverkehrs) ändert. Die Methode der Kontrolle zielt auf die Beherrschung des jeweiligen Objekts, die die Nutzung im Sinne der Nutzbarmachung ermöglicht. Die verschiedenen Formen der Kontrolle rufen unterschiedlich starke stoffwechselbezogene Konsequenzen hervor, die verschiedene Personengruppen unterschiedlich stark affektieren. Kontrolle ist daher in diesem Sinne eine Frage der Verteilung der stoffwechselbezogenen Konsequenzen, indem die damit verbundenen stoffwechselbezogenenKonsequenzen über Personengruppen verschieden verteilt sind. Die Methode der Expansion hat den primären Zweck der Stabilisierung des Nutzbarmachungskomplexes in Momenten der Destabilisierung und ermöglicht so das Fortbestehen oder die Weiterentwicklung der Nutzbarmachung. Technische und organisationale Expansion und damit potenziell einhergehende ressourcenbezogene Expansion affektieren sowohl die Frage der Verteilung als auch die der Intensität, abhängig von der jeweiligen (De-)Stabilisierung.

Die Bedienung von Intensität und Verteilung als zwei Stellschrauben obliegt natürlich wieder einer Interpretation des Buches, die teilweise abstrakter ist, um die jeweiligen identifizierten blinden Flecken zu füllen. Allerdings besteht die Hoffnung, dass diese theoretische Erweiterung die Beantwortung weiterer relevanter Fragen im Sinne der Stoffwechselpolitik ermöglicht: In welchen Dimensionen und um welche Methoden der Nutzbarmachung ring(t)en Gewerkschaften? Welche Narrativen um die Notwendigkeit der Praktiken der jeweiligen Methoden bestehen? Welche Dimensionen und Methoden der Nutzbarmachung sind im Rahmen der sozial-ökologischen Transformation besonders betroffen? Die Beantwortung dieser Fragen könnte sich in den kommenden Kapiteln der Theorie der Stoffwechselpolitik wiederfinden.

 

Burawoy, M. (1990): The politics of production: factory regimes under capitalism and socialism. London: Verso.

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Milan Maushart ist Student der Sozialökonomie an der Universität Hamburg. Er studierte jeweils Nachhaltigkeitswissenschaften und Volkswirtschaftslehre mit Nebenfach Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg und am Trinity College Dublin. Derzeit ist er wissenschaftliche Hilfskraft in einer Nachwuchsforschungsgruppe des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die sich mit der ökologischen Transformation des Arbeitsmarkts beschäftigt. Sein Fokus liegt auf dem Verständnis von Konsequenzen der sozial-ökologischen Transformation und damit einhergehenden gesellschaftlichen Dynamiken.

E-Mail: milan.maushart@posteo.de

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Rezension zum Buch "Ökonomie der Fürsorge. Warum wir Wohlstand, Gesundheit und Arbeit neu denken müssen"

Rezension „Ökonomie der Fürsorge. Warum wir Wohlstand, Gesundheit und Arbeit neu denken müssen"

Jackson, T. (2025): Ökonomie der Fürsorge. Warum wir Wohlstand, Gesundheit und Arbeit neu denken müssen. Degrowth statt Wirtschaftswachstum, Wohlfahrtsstaat vor Profit, Care und soziale Gerechtigkeit statt Patriarchat. München: oekom, 437 S., 28€.

Gesundheit und Ökonomie. Ein Reisebericht.

Seit der Pandemie erfreuen sich (populär)wissenschaftliche Veröffentlichungen zu Care zunehmender Beliebtheit. Care ist in Teilen des öffentlichen Diskurses angekommen, auch wenn die New Economy Szene genau wie die Politik das bisher nur am Rande wahrnehmen. Jetzt hat einer, dem man in Bezug auf Care nicht viel begegnete, seinen Hut in den Ring der Veröffentlichungen geworfen: Tim Jackson, britischer Ökonom, bekannt für seine erfolgreichen Werke in der Postwachstumsdebatte „Wohlstand ohne Wachstum“ (2017) und „Wie wollen wir leben? Wege aus dem Wachstumswahn“ (2021). Mit „Ökonomie der Fürsorge. Warum wir Wohlstand, Gesundheit und Arbeit neu denken müssen“, herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung und erschienen 2025 im Oekom-Verlag, betritt Jackson für sich selbst thematisches Neuland. Beim Berliner Buchlaunch im April 2025 erzählte er, das Buch sei vor allem eine Forschungsreise für ihn selbst gewesen. Einer sehr persönlichen Reise, ist man versucht zu ergänzen, denn die Frage nach dem Neuigkeitswert für die fachlich interessierte und belesene Öffentlichkeit ist nicht ganz leicht zu beantworten.

Eine Reise beginnt inmitten der Pandemie

Veröffentlichungen über Care-Ökonomie gibt es seit Jahrzehnten (Federici 1975; Werlhof et al. 1983; Fisher und Tronto 1990; Folbre 2001 uvm.). Bisher wurde diese Literatur zu einem großen Teil von Frauen geschrieben, also von Personen, die von der mit Care-Arbeit einhergehenden Beeinflussung von Lebens- und Erwerbsbiografien betroffen waren. Laut Jackson inspirierte ihn die Coronapandemie zur ursprünglichen Idee, Fürsorge als ein Organisationsprinzip der postpandemischen Wirtschaft zu positionieren (36). Aufgrund des Ukrainekriegs sei er jedoch davon abgekommen, da er beim Schreiben gemerkt habe, dass es Zeit sei, der Realität ins Auge zu blicken (36). Die bestünde aus Gewalt und Aufrüstung, ein Buch über eine postpandemische Wirtschaft mit Fokus auf Care würde nur auf taube Ohren stoßen. Dass es der Kern von Care ist, unter prekären Umständen auch in diesen Realitäten benötigt zu werden und deswegen Care-Arbeitende in einem Moment von Krieg und Aufrüstung eine starke ökonomische Fürsprache gebraucht hätten, kam ihm anscheinend nicht in den Sinn.

Doch zurück zur Reisemetapher, die Jackson selbst ausführlich gebraucht. Eine Reise ist es wahrlich! Ein anekdotenreicher Ritt auf 437 Seiten, dem ein straffes Lektorat gutgetan hätte. Als Leser*in folgt man Jackson auf seinen mäandernden Erkundungen durch Europa. Was für eine kurz zu haltende Rezension, die eigentlich nur den Roten Faden und die Kernthesen wiedergeben möchte, zu einer Herausforderung wird. Zumal die Rezensentin Politökonomin mit dem Fokus auf Care-Arbeit ist und sich während der Lektüre dachte, dass eine Medizinhistorikerin zeitweise eine bessere Beurteilung hätte bieten können. Was leider schon viel über die Kluft zwischen Buchtitel- und Anspruch und dem eigentlichen Inhalt aussagt. Wie Jackson selbst anfangs zugibt, sei das Buch ein bisschen vom ursprünglichen Kurs abgekommen. Das ist bei Schreibprozessen nichts Ungewöhnliches, aber es wäre schön gewesen, dieser Kurswechsel hätte sich auch im Titel gezeigt. Das Buch hätte passender Ökonomie der Gesundheit geheißen, und nicht maximal beanspruchend Ökonomie der Fürsorge.

Gesundheit und Care als Fundament von Wirtschaft

Zu Beginn macht Jackson seine zwei zentralen Thesen deutlich. Die eine besagt, dass menschlicher Wohlstand in erster Linie mit Gesundheit zu tun habe und nicht mit Reichtum (23). Die zweite, dass sich Wirtschaft deswegen zuallererst um Care in allen ihren Formen kümmern solle, anstatt auf unablässiges Wachstum zu setzen (23). Jackson möchte Wirtschaft als Care betrachten. Auch das ist nicht neu, sondern wurde von Generationen feministischer Ökonom*innen bereits so postuliert, nicht zuletzt in dem Essay „Wirtschaft ist Care“ von Ina Praetorius (2015), ebenfalls von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegeben. Für seine Thesen definiert Jackson zunächst die Begriffe Gesundheit und Care. Für ersteren nutzt er die Definition der WHO, dass Gesundheit „ein Zustand von vollständigem physischem, geistigem und sozialem Wohlbefinden“ sei, der sich „nicht nur durch die Abwesenheit von Krankheit und Behinderung auszeichnet.“ (26). Die Care-Definition übernimmt er vom Klassiker der Care-Literatur, dem Werk von Berenice Fisher und Joan C. Tronto: „Care ist eine Tätigkeit, die alles umfasst, was wir tun, um unsere Welt zu bewahren, fortzuführen und zu reparieren.“ (26) Care ist für Jackson ein Akt der Wiederherstellung, wobei er sich nicht auf die eindeutigen Parallelen dazu in der marxistischen Theorie bezieht, die Care-Arbeit als Reproduktion bezeichnet. Für Leser*innen ist damit der gesamte deutschsprachige Debattenstrang unsichtbar gemacht, der erstens von der Produktion des Lebens spricht (Werlhof et al 1983), zweitens die Nutzung des Begriffes Reproduktion kritisiert, weil dieser geschlechterhierarchische Dualismen produziere (Biesecker und Hofmeister 2013) und drittens dafür plädiert, eine Differenzierung von Reproduktionsarbeit und generativer Arbeit vorzunehmen (Haidinger und Knittler 2016).

Sind die Thesen einmal in der Welt, begibt sich Jackson auf die Reise, u.a. mit der Frage im Gepäck, „wenn Fürsorge eine so offensichtliche Grundlage für unser Wohlergehen ist, wie konnte sie dann vom Wachstum dermaßen an die Seite gedrängt werden?“ (396). Als mitlesende Reisebegleitung kann man das eigene Allgemeinwissen auf faszinierende Weise erweitern, kommt jedoch nicht umhin, sich zu fragen, was ein Großteil der besuchten Stationen mit den Thesen zu tun hat.

Profit und Fürsorge passen nicht zusammen

Man begleitet Jackson zunächst, wie er in einem walisischen Krankenhaus seinen verletzten Fuß behandeln lässt, weil er über eine Katze gestolpert ist. Dann taucht man mit ihm in die Entstehung des Opiumhandels, der modernen Schmerzmittelindustrie und des Drogenmissbrauchs ein, sitzt lange mit ihm an einem walisischen Strand, meditiert über die Balance des Lebens und erfährt eine Menge über die Reaktion des Körpers beim Eisbaden (72). Es folgt ein Abstecher zu Goethe und Heidegger (113) und eine Recherche auf den Spuren des britischen Gesundheitssystems NHS im walisischen Städtchen Tredegar (121). Während man Jackson anschließend bei einem Spaziergang durch Paris begleitet, lernt man eine Menge über die verschiedenen Typen der Diabetes-Erkrankung, über die Insulinkriege als auch über die Hauptrisikofaktoren und Ursachen dieser Zivilisationskrankheit, die im westlichen Lebensstil verankert sind. Man erfährt, wie bei Jackson selbst Diabetes diagnostiziert wurde. Wenn Jackson beschreibt, wie die eigene Erkrankung sein Misstrauen gegenüber der Pharmaindustrie stärkte, nähert man sich langsam dem starken Teil des Buches: „Allmählich begann ich mich zu fragen, wie viel von dem, was wir als Care bezeichnen, wirklich Care ist. Wie viel von dem, was wir tun, darauf abzielt, […] die Signale des Körpers zu ignorieren. [Und] uns nicht vor dem profitgierigen Mechanismus des Marktes zu schützen.“ (202) Jackson zeigt auf, wie der heutige westliche Lebensstil im Kapitalismus mit Zeitknappheit und industrieller Lebensmittelherstellung zu einer Reihe zivilisatorischer Krankheiten führt. Dazu gehören Herz-Kreislauf-Krankheiten, Krebserkrankungen und eine steigende Anzahl an Diabetes-Erkrankungen, weil überall so viel Zucker in unserer Ernährung sei. Doch anstatt an den Wurzeln anzusetzen, den Stress zu reduzieren, die Schnelllebigkeit und die Arbeitsbedingungen zu verbessern, würden von der Pharmaindustrie Medikamente produziert, die wiederum die Probleme kosmetisch heilen sollen. Es würden Milliarden in Medikamentenforschung gesteckt, um Krankheiten zu „heilen“, die sich durch eine Umstellung des wirtschaftlichen Systems möglicherweise viel grundsätzlicher beheben ließen: „Unsere Volkswirtschaften basieren quasi auf diesem dysfunktionalen Arrangement. Wir sollen glauben, dass wir uns die Gesundheitsfürsorge, die uns retten soll, nur leisten können, wenn wir eine Wachstumswirtschaft unterstützen, die uns schadet.“ (205) Das auf Wachstum basierende Wirtschaftssystem sei es, das uns krank mache. Wenn auch diese Erkenntnis nicht neu ist, kommt an dieser Stelle Jacksons wachstumskritischer Scharfsinn für eine fundierte Argumentation zum Einsatz.

Medizinische Meinungskämpfe und die Konsequenzen für Gesundheitspolitik

Und schon geht es weiter mit der Reise. Jackson arbeitet sich kritisch an der Lebensmittelindustrie ab (217) und begleitet dann die Krankenpflegerin Florence Nightingale im Jahre 1854 auf die Krim und zurück (224). Man segelt mit ihm und seinem Bruder vor der britischen Küste bei Chichester Harbour (233) und erlebt, wie dort Fäkalien ins Meer umgeleitet werden. Das führt ihn zu Überlegungen, dass Krankheit selbst ein wiederherstellender Prozess sei (227, 237) und kommt zum zweiten wirklich starken Moment des Buches: der medizingeschichtlichen Auseinandersetzung mit zwei parallel entwickelten Heilungskonzepten, von denen nur eins den systemischen Sieg davontragen sollte: der Terrain- und der Keimtheorie. Die Terrain-Theorie bezieht für Gesundungsprozesse die Umwelteinwirkungen mit ein, setzt auf soziale Reformen und den Ausbau von Infrastruktur, wie beispielsweise die Einführung von Abwasserkanälen in den Städten der Industrialisierung zu einem Rückgang von Infektionskrankheiten führte (259, 271). Die Terrain-Theorie wurde laut Jackson als Komplementär- und Alternativmedizin diffamiert. Die Keimtheorie hingegen heile, indem sie Keime identifiziere und eliminiere und wurde zu dem, was man heute unter Schulmedizin oder wissenschaftlicher Medizin versteht. Jackson identifiziert für den einseitigen Siegeszug der Schulmedizin wirtschaftliche Machtinteressen. Die Keimtheorie habe damals „die ‚Unterstützung der amerikanischen Wirtschaftselite‘ [erhalten], weil sie ‚eine Erklärung für die Ursachen, Prävention und Heilung von Krankheiten bot, die der Weltanschauung des industriellen Kapitalismus bemerkenswert ähnlich war.“ (276) Er macht deutlich, wie gefährlich es ist, angesichts der zunehmenden Resistenzen gegen Antibiotika stur an einem wirtschafts- und machtpolitisch gesetztem medizinischen Rahmen des 19. Jahrhunderts festzuhalten (270). Diese ökonomische Machtanalyse und wachstumskritische Perspektive auf die Entwicklung des Gesundheitssystems ist erhellend. Sie zeigt, dass hilfreiche und massentaugliche Lösungen gegen zunehmende Resistenzen, etwa bei Antibiotika, auch aus wirtschaftspolitischen Gründen verhindert werden (264-278).

Exkursionen und ein patriarchaler Versuch der Patriarchatskritik

Weiter geht’s auf dem Europatrip, nach Stonehenge zu fiktiven Begegnungen mit den griechischen Gottheiten Asklepios und Hygieia und dem Theoretiker der sogenannten baumolschen Kostenkrankheit, William Baumol (312). Danach reist man mit Jackson in eine Hochmoorlandschaft in Cornwall. Es folgt ein langer literarischer Exkurs über die Werke der 1989 verstorbenen britischen Schriftstellerin Daphne du Maurier. Leicht ermüdet von diesem Ausflug, erhellt sich die Miene, wenn Jackson eine Romanfigur von Daphne du Mauriers nutzt, um endlich (!) und leider erst auf Seite 334 erwähnt, dass drei Viertel der unbezahlten Arbeit und zwei Drittel der bezahlten Arbeit weltweit von Frauen geleistet werden. Die Personen, die Sorgearbeit ausführen und deswegen unter existenziellen Diskriminierungen leiden, sind nicht der Fokus dieser spezifischen Ökonomie der Fürsorge. Im darauffolgenden Kapitel 12, das popkulturell anbiedernd mit einem Zitat von Taylor Swift betitelt wurde („Fuck the patriarchy“), wird es unangenehm. Bei dem Versuch, die Ursachen für die Misere von Fürsorge im Patriarchat wiederzugeben, bezieht Jackson sich sporadisch auf einzelne Theoretiker*innen und bedient sich dabei vor allem essentialistischer Argumente zu Verhaltensunterschieden von Männern und Frauen. Es gibt keine Erwähnung von konstruktivistischen Theorien, die besagen, dass Geschlecht gesellschaftlich hervorgebracht wird (bspw. Butler 1990) – und damit die Möglichkeit zu gesellschaftlicher Veränderung besteht.

Letzte Reisestation ist dann ein Exkurs zum Untergang eines Schiffes vor Cornwalls Küste im Oktober 1898 und der Schlussfolgerung von Jackson, dass der Kapitalismus selbst die Krankheit sei, die Teil eines Wiederherstellungsprozesses hin zur Gesundheit ist: „Was ist der Heilungsprozess, bei dem der Kapitalismus eine Rolle spielt?“ (388)

Am Ende der Reise spricht er sich für eine Vision aus, in der „Fürsorge – und nicht die rastlose Expansion – das zentrale Organisationsprinzip [des Wirtschaftssystems] ist.“ (394) Der Frage nach der Transformation hin zu diesem Organisationsprinzip widmet er am Ende nur ein einziges Kapitel, das halb so lang wie die anderen ist. Die Vorschläge sind in knapper Sprache und oft nur in Spiegelstrichen präsentiert, was nach all den großzügigen Seiten für Nebenschauplätze eine merkwürdige inhaltliche Gewichtung darstellt.

Zusammenfassung und Kritik

Was ist das Ergebnis dieser Reise? Dass Wirtschaft Care ist, dass Menschen von Anfang an abhängig sind von anderen, dass es nötig ist, das Care-Prinzip auf jedes wirtschaftliche Handeln anzulegen! Aber Jackson führt diese Punkte kaum aus, sondern widmet sich oft Landschaftsbeschreibungen und thematischen Exkursen. Ob er sich einen Gefallen getan hat, seine Argumentation in Reisestationen zu verpacken? Das Buch liest sich leicht, hat aber sehr viele Redundanzen. Die Kern-Inhalte gehen unter in den mäandernden Anekdoten. Der große Wurf, den der Titel verspricht, ein Buch über dieÖkonomie der Fürsorge, bleibt aus. Zu viele Perspektiven fehlen, zu wenig wird gesagt über die Folgen dieser wirtschaftlichen Arbeitsteilung, die Unterdrückung, die nicht nur Frauen betrifft, sondern alle Personen, die in der westlichen Weltordnung nicht auf der obersten Hierarchiestufe stehen.

Auffällig ist, dass Jackson gegen Ende des Buches viele weibliche Autor*innen aufzählt, deren Vermächtnis er vermeintlich anerkennt (423), seine eigene Argumentation jedoch vorrangig auf männlichen Autoren aufbaut. So geht er intensiv auf die Arbeit des Ökonomen William Baumol ein, erwähnt jedoch mit keinem Wort die explizit care-ökonomische Weiterentwicklung dieser Theorie durch die feministische Ökonomin Susan Donath (2000). Er bezieht sich zudem hauptsächlich auf Veröffentlichungen aus dem angloamerikanischen Raum und blendet damit ein Großteil existierender Literatur aus, bspw. Deutsch- und Spanischsprachige Texte (Precarias a la Deriva 2004; Knobloch 2019). Auch fehlt ein Verweis auf wegweisende Veröffentlichungen zu den Auswirkungen der Klimakrise auf Care-Arbeit (MacGregor et al. 2022). Weiters fehlen Perspektiven aus dem Globalen Süden (bspw. Darkwah/ Nawi Afrifem Collective o.J.) oder zum Zusammenhang von Eigentum, Rassismus und Sorgearbeit (bspw. Fraser 2022)

Jackson spricht immer wieder von einem Wir, mit dem nur der weiße, bürgerliche Mann gemeint sein kann. So auch am Ende, im letzten Satz: Das Prinzip der Fürsorge zu nutzen, um sich mit der dualen Gesellschaftsstruktur auseinander zu setzen und sich letztlich daraus zu befreien, bezeichnet er als „eine Reise, auf der wir die ersten zögerlichen Schritte gerade erst gegangen sind.“ (437) Dieser Satz ist Hohn für die Kämpfe von Frauen und Marginalisierten, die diese Schritte seit Jahrhunderten in aller Entschiedenheit und mit großen persönlichen Opfern gegangen sind und gehen, um eine Befreiung aus der binären Ordnung zu erkämpfen, deren Erfolge es heute gegenüber dem globalen Rechtsruck zu verteidigen gilt.

Eine kritische Diskussion wäre außerdem über Jacksons These zu führen, dass Krankheiten als ein Wiederherstellungsprozess für Gesundheit gesehen werden könnten. Aus der Perspektive der Disability Studies (bspw. Garland Thomson 1997) schließt das die Lebensrealitäten von Menschen aus, für die eine komplette Wiederherstellung der Gesundheit nicht möglich ist, wie beispielsweise chronisch erkrankte Long Covid Patient*innen. Geht es bei Fürsorge nicht vielmehr um Teilhabe und Ausrichtung an den Bedürfnissen der einzelnen Menschen als um die Wiederherstellung einer Gesundheitsnorm, die manche Körper nicht erreichen können?

Wer also das sucht, was draufsteht: eine fundierte und umfassende Auseinandersetzung mit der komplexen Thematik Care-Ökonomie, dem seien die nach wie vor hochaktuellen Klassiker und neuere Publikationen wie Unter Wert von Emma Holten (2025) oder Decolonizing Feminist Economics. Possibilities for Just Futures von Gisela Carrasco-Miró(2025) empfohlen.

Wer Tim Jacksons frühere Arbeiten und seine scharfsinnige Wachstumskritik schätzt, viel Zeit hat für eine Lektüre mit persönlichen Einsichten in sein Leben, in Pariser Straßenszenen, Segeltouren vor der südenglischen Küste, ausufernde Literaturzusammenfassungen und einer umfassenden Erweiterung des anekdotischen Allgemeinwissens, dem*der kann die Lektüre dieses Buches möglicherweise eine Freude bereiten.

Tipps zum Weiterlesen

Carrasco-Miró, G. (2025): Decolonizing Feminist Economics. Possibilities for Just Futures. Bristol: University Press.

Holten, E. (2025): Unter Wert. Warum Care-Arbeit seit Jahrhunderten nicht zählt. München: dtv.

Meier-Gräwe, U./Praetorius, I./Tecklenburg, F. (2023): Wirtschaft neu ausrichten. Care-Initiativen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Opladen: Verlag Barbara Budrich.

 

Bennholdt-Thomsen, V. (1981): Subsistenzproduktion und erweiterte Reproduktion: Ein Beitrag zur Produktionsweisendiskussion. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Biesecker, A./Hofmeister, S. (2013): Zur Produktivität des ‚Reproduktiven‘. Fürsorgliche Praxis als Element einer Ökonomie der Vorsorge. Feministische Studien 2, S. 240-252.

Butler, J. (1990): Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity. London: Routledge.

Darkwah, A. K. (o.J.): Reflections on the Care Economies of Africa. https://www.nawicollective.org/written-resources

Donath, S. (2000): The Other Economy: A Suggestion for a Distinctively Feminist Economics, Feminist Economics, 6:1, S. 115-123, DOI: 10.1080/135457000337723

Federici, S. (1975): Wages Against Housework. Bristol: Power of Women Collective and the Falling Wall Press.

Fisher, B./Tronto, J. C. (1990): Towards a Feminist Theory of Caring. In: Abel, E./Nelson, M. [Hrsg.]: Circles of Care: Work and Identity in Women’s Lives. New York: University Press.

Folbre, N. (2001): The Invisible Heart. Economics and Family Values. New York: The New Press.

Fraser, N. (2022): Cannibal Capitalism. How Our System is Devouring Democracy, Care, and the Planet – and what we can do about it. London: Verso.

Garland Thompson, R. (1997): Extraordinary Bodies. Figuring Physical Disability in American Culture and Literature. Columbia University Press.

Haidinger, B./Knittler, K. (2016): Feministische Ökonomie. Eine Einführung. Wien: mandelbaum.

Knobloch, U. (2019): Ökonomie des Versorgens: Feministisch-kritische Wirtschaftstheorien im deutschsprachigen Raum. Weinheim: Beltz/Juventa.

MacGregor, S./Arora-Jonsson, S./Cohen, M. (2022): Caring in a changing climate: Centering care work in climate action. Oxfam Research Backgrounder series: https://www.oxfamamerica.org/explore/research-publications/caring-in-a-changing-climate/

Praetorius, I. (2015): Wirtschaft ist Care. Oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen. Berlin: Heinrich Böll Stiftung.

Precarias a la Deriva (2004): a la deriva. por los circuitos de la precariedad feminina. Madrid: Traficantes de Sueños.

Von Werlhof, C./Mies, M./Bennholdt-Thomsen, V. (1983): Frauen, die letzte Kolonie. Hamburg: Rowohlt.


Feline Tecklenburg ist Politökonomin mit einem Schwerpunkt auf der Verbindung von Ökonomie und Care(-Arbeit). Sie ist geschäftsführende Co-Vorständin der Denk- und Handlungswerkstatt Wirtschaft ist Care und forscht an der Universität Paderborn zur Rolle von Care in zukunftsfähigen Wirtschaftsmodellen.

www.felinetecklenburg.com
Instagram: @felinetecklenburg, @economyiscare

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Bericht zur Tagung "A Climate of (De-)Civilization? Shifting Dynamics between Nature and Society" vom 12.-15. März 2025 an der TU Dortmund

Tagungsberichte

Bericht zur Tagung „A Climate of (De-)Civilization? Shifting Dynamics between Nature and Society“ vom 12.-15. März 2025 an der TU Dortmund

Von Tom Lennart Ebener, Fynn Gutjahr, Jana Herms, Marcel Sebastian, Sarah von Querfurth und Jule Wilberg

Umweltfragen haben in der soziologischen Forschung und Theorie zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die Prozess- und Figurationssoziologie von Norbert Elias erweist sich als fruchtbarer Boden für die Entwicklung von Denkwerkzeugen, Konzepten und Theorien zur Untersuchung von gesellschaftlich-ökologischen Beziehungen. Dennoch bleiben prozesssoziologische Perspektiven in der Umweltsoziologie und verwandten Disziplinen weitgehend unbekannt. Vor diesem Hintergrund organisierten Marta Bucholc (Universität Warschau), Debbie Kasper (Hiram College), André Saramago (Universität Coimbra) und Bernd Sommer (TU Dortmund) die internationale Tagung „A Climate of (De-)Civilization? Shifting Dynamics between Nature and Society“.

In ihrer Keynote „Colonialism as European De-Civilization: The Implications for Understanding Climate Catastrophe“ analysierte Gurminder Bhambra (Universität Sussex) die durch das Britische Empire ausgelösten Hungersnöte in Indien unter kolonialer Herrschaft. Sie zeigte aus postkolonialer Perspektive, wie die weiterhin bestehenden asymmetrischen globalen Strukturen sowie auf nationalstaatliche Aspekte verengte Problemwahrnehmungen und -lösungsstrategien in Zeiten der Klimakrise enorme Gefahren für Länder des globalen Südens mit sich bringen.

Der zweite Tag begann mit einem Panel zum Thema „Civilising/De-Civilising Processes“. Darin präsentierten zunächst Philip Koch, Martin Fritz, Jana Holz (Friedrich-Schiller-Universität Jena) und Dennis Eversberg (Goethe-Universität Frankfurt) ihre empirische Forschung zu sozial-ökologischen Mentalitäten und hieraus entstehenden neuen Konfliktdynamiken in Deutschland. Sie argumentierten, dass durch das Erstarken eines der sozial-ökologischen Transformation ablehnend gegenüberstehenden Spektrums zunehmend Prozesse der Dezivilisierung sichtbar würden. Danach argumentierte Thore Prien (Europa-Universität Flensburg), dass die Zeit im Zuge der Entfaltung sozial-ökologischer Katastrophen ‚aus den Fugen geraten‘ sei: Die Utopie sei bereits verloren, die Vergangenheit biete keine Inspiration mehr und das Vertrauen in die staatlich organisierte Zukunft fehle. Matthias Schmelzer (Europa-Universität Flensburg) reflektierte in seinem Beitrag das Verhältnis von Klimakrise und Dezivilisierung. Er argumentierte, dass der wachstumsbasierte Zivilisationsprozess aufgrund des ökologischen Kollapses in einen Dezivilisationsprozess übergehe. Die laut Schmelzer notwendige kollektive Selbstbeschränkung durch Degrowth führe nicht in Prozesse der Dezivilisierung, sondern sei vielmehr prädestiniert, Dezivilisierungsprozesse zu unterbrechen.

Im darauffolgenden Panel zu „Violent Conflicts“ plädierte Adele Bianco (Universität Chieti-Pescara „Gabriele d’Annunzio“) dafür, ökologische Nachhaltigkeit als eine Dimension des Zivilisationsprozesses zu betrachten. Am Beispiel der Ukraine und des Gazastreifens zeigte sie, dass die Zerstörung der Natur elementarer Bestandteil von Kriegen sei. Kerrin Langer (TU Dortmund) und Frank Reichherzer (Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) argumentierten, dass Kriegen ambivalente Prozesse der De-/Zivilisation inhärent seien. Während sie die militärische Gewalt als Zeichen der Dezivilisierung betrachteten, zeigten sie, dass die Anerkennung von Ökozid als Verbrechen im internationalen Recht auch Zivilisationsprozesse widerspiegele. Abiodun Paul Afolabi (Adekunle Ajasin University) veranschaulichte in seinem Vortrag das komplexe Zusammenspiel von Gewalt und Umweltzerstörung in Konflikten zwischen Farmer*innen und nomadischen Hirt*innen im Südwesten Nigerias. Diese Konflikte entstünden aufgrund des Wettbewerbs um Land und Ressourcen und hätten die vermehrte Ausbeutung der natürlichen Umwelt zur Folge.

In seiner Keynote „The Pitfalls of Transformation. On Precarious Figurations“ über die Herausforderungen nachhaltiger globaler Transformationsprozesse diagnostizierte Sighard Neckel (Universität Hamburg) ein Ausbleiben weitreichender, aber notwendiger Transformationsprozesse. Er zeichnete die Dynamiken von Zivilisierungs- und De-Zivilisierungsprozessen anhand der parallelen und einander bedingenden Entwicklung von Kapitalismus und Demokratie in der Moderne auf.

Das Panel zu „Contested Futures“ eröffneten Alissa Starodub und Sebastian Garbe (Hochschule Fulda) mit ihren empirischen Beobachtungen vom Leben in von Aktivist*innen besetzten Wäldern. Auf Basis posthumanistischer Theorie schlugen sie ein erweitertes Verständnis des Mensch-Natur-Verhältnisses als Alternative zu zunehmend katastrophischen Zukunftsvorstellungen vor. Daran anschließend plädierte Jessica Croteau (Johns Hopkins University) für eine kulturelle Transformation des Verständnisses von Verfall, den sie als essenziellen Entwicklungsprozess darstellte, da er neben der Dekonstruktion auch Basis der Konstruktion des Neuen sei.

Das Panel „Local (De-)Civilization“ begann mit einem Beitrag von Marta Gospordaczyk (Universität Warschau) über die Reaktionen polnischer Farmer*innen auf die sich verstärkenden Dürren. Mithilfe von Elias‘ Kontinuum von Engagement und Distanzierung zeigte sie auf, dass die von ihr befragten Landwirt*innen trotz starker emotionaler Involviertheit in ihre Betriebe die Wetterextreme häufig als Zwänge außerhalb menschlicher Kontrolle wahrnahmen. Stefan Sjöberg und Elvi Chang (Universität Gävle) stellten ihr Konzept der „ecosocial work“ vor. Phillip Altmann (Central University of Ecuador) thematisierte danach die Lebensrealitäten der indigenen Bevölkerung Ecuadors. Aus postkolonialer Perspektive beschrieb er den Widerstand gegen europäische Kultur als notwendigen Prozess der „De-Zivilisierung“, der einem Prozess der eigenmächtigen Re-Zivilisierung vorausgehe.

Der Konferenztag endete mit der Abendpräsentation „Complex Figurations – Risks, Alternatives and Proposal for Amazon Nature“ von Gláucio Campos Gomes de Matos (Federal University of Amazonas). Er thematisierte die Figurationen der lokalen Bevölkerung im Amazonas und der globalen Produktionsketten. Dabei zeigte er auf, wie das Amazonasgebiet durch den globalen Konsum zerstört wird und wie auf Basis indigener Traditionen dieser Umweltzerstörung entgegengewirkt werden könne.

Der dritte Tagungstag begann mit einem Panel über „Human/Non-Human Figurations”. Marcel Sebastian (TU Dortmund) diskutierte, wie sich die Gleichzeitigkeit von Eindämmung und Ausweitung von Gewalt gegen Tiere erklären lässt. Seit dem Übergang in die Spätmoderne, so seine These, habe die ambivalente Gleichzeitigkeit personalisierender und objektifizierender Beziehungen zu Tieren an gesellschaftlicher Legitimität verloren, sodass heute etwa Fleischkonsum zunehmend begründungswürdig werde. Danach argumentierten Waldek Rapior, Marta Gospodarczyk & Gabriela Jarzębowska (Universität Warschau), dass der zunehmende Einfluss der Tierrechtsbewegung zu einem neuen Legitimationsdruck auf die Jagd in Polen führe. Sie zeigten, wie Jäger*innen versuchten, sich gleichzeitig als Bewahrer*innen traditioneller Kulturpraxen, moderne Naturschützer*innen und Hüter*innen polnischen Nationalgefühls zu präsentieren. Abschließend stellte Jędrzej Kozak (Adam-Mickiewicz-Universität Posen) einen öffentlichen Diskurs in Polen über die angemessene Bezeichnung des Todes von Hunden vor. Während es zunehmend üblich werde, menschenbezogene Beschreibungen auf Hunde zu erweitern, wehrten Kritiker*innen dies als unzulässige Vermenschlichung ab.

Im Panel „Emotions & Knowledge“ diskutierte Marianna Kostecka (Adam-Mickiewicz-Universität Posen) das Phänomen der Flugscham in Polen. Sie beschrieb, dass insbesondere unter jüngeren Menschen eine Scham des Nicht-Fliegens existiere, da Fliegen als Ausdruck von Kosmopolität und persönlicher Reife gelte. Im Anschluss skizzierte Dieter Reicher (Universität Graz) eine Paradoxie des Zivilisationsprozesses: Während das Wissen über Naturzusammenhänge in den Gegenwartsgesellschaften vergleichsweise groß ist, sei es den Menschen mit fortschreitender Komplexität zunehmend unmöglich, die Dynamiken der gesellschaftlichen Entwicklung zu erfassen. Abschließend diskutierten Vincenzo Marasco und Angela Perulli (Universität Florenz) die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln in Bezug auf nachhaltige Ernährung. Sie betonten, dass Ernährung als wichtiger Teil des Habitus mit emotionalen Bindungen und Gefühlen kultureller Zugehörigkeit einhergehe, was als Erklärung für Barrieren der Verhaltensänderung fungieren könnte.

In der abschließenden Keynote „The Ecological Class: A New ‚Pivotal Class’“ stellte Nikolaj Schultz (Universität Kopenhagen) Thesen aus seinem gemeinsam mit Bruno Latour veröffentlichten Buch „Zur Entstehung einer ökologischen Klasse – Ein Memorandum“ vor. Anstelle eines materiellen Klassenkonflikts über Produktionsmittel und Arbeitsverhältnisse seien für die ökologische Klasse vielmehr Überproduktion und ihre Folgen sowie die sich verändernden Umweltbedingungen konstitutiv.

Insgesamt gelang es den Organisator*innen der Tagung „A Climate of (De-)Civilization? Shifting Dynamics between Nature and Society“, die Vielfalt der an Norbert Elias‘ Prozess- und Figurationssoziologie angelehnten Forschung zu sozial-ökologischen Krisen und gesellschaftlichen Naturverhältnissen abzubilden. Durch die Einbindung sowohl etablierter als auch neuer Forschungsperspektiven entstand eine angeregte Debatte während und zwischen den Veranstaltungen.


Organisation (Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit)

Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit und Organisation

Als machtvolle Akteure der Moderne tragen Organisationen wesentlich zur Konkretisierung gesellschaftlicher Nachhaltigkeitsvorstellungen bei. Hierbei kann der organisationale Umgang mit Nachhaltigkeit von bloßen Lippenbekenntnissen bis hin zu tiefgreifenden Projekten und Maßnahmen reichen. Unter Umständen gelingt es Organisationen sogar, Widersprüche zwischen Nachhaltigkeit und anderen modernen Werten zu glätten. Organisationen sind dabei keineswegs passive Rezipienten gesellschaftlicher Erwartungen. Im Gegenteil: Sie engagieren sich im Rahmen organisationaler Felder aktiv und diskursiv bei der fortwährenden Deutung der vagen Idee der Nachhaltigkeit.

Einleitung

An Organisationen, hier verstanden als soziale Gebilde (wie Unternehmen, Behörden, Schulen, Krankenhäuser, Vereine), die eine gewisse formale Koordinationsform aufweisen, werden stets verschiedene Erwartungen hinsichtlich Nachhaltigkeit gestellt (Besio/Meyer 2022). Große Konzerne werden bspw. als Verursacher von Umweltproblemen angeprangert und als Akteure gesehen, die Transformationsprozesse blockieren. Sie sollen neben der Generierung von Profiten auch Nachhaltigkeitsziele formulieren. An Schulen wird herangetragen, Nachhaltigkeitskompetenzen zu vermitteln. Parteien und Verbände sind dazu angehalten, sich zum Thema zu positionieren. Die Soziologie ist sich einig, dass eine sozial-ökologische Transformation ohne das Zutun von Organisationen nicht passiert. Als zentrale Akteure, die alle Bereiche der Gesellschaft durchdringen, prägen Organisationen gesellschaftliche Transformationen zentral mit, und werden von diesen Transformationen zugleich geprägt.

Neuere Forschungen thematisieren dabei, dass Organisationen gesellschaftliche Nachhaltigkeitsvorstellungen keineswegs schlicht übernehmen. Sie übersetzen sie mitunter in konkrete Geschäftsmodelle, Infrastrukturen, Handlungen und Narrative oder halten sie gezielt von den eigenen Kernaktivitäten fern (Ametowobla et al. 2021; Delbridge et al. 2024). Beispielsweise investieren Stadtwerke und Energiegenossenschaften in den Ausbau erneuerbarer Energien, bieten Ökostromtarife an und/oder schaffen Bildungsangebote zur Sensibilisierung von nachhaltigem Energieverbrauch. Automobilhersteller entwickeln Elektrofahrzeuge oder verschiedene Behörden führen Nachhaltigkeitsrichtlinien ein. Mitunter engagieren sich Organisationen aber auch nur im viel thematisierten „Greenwashing“ und ändern darüber hinaus ihre Strukturen und Praktiken nur wenig. Inwiefern Nachhaltigkeit nur als Außendarstellung genutzt oder in folgenreichen Programmen tatsächlich etabliert wird, variiert stark.

Welche Umgangsweisen einzelne Organisationen wählen, hängt von ihren Strukturen, Kulturen und Praktiken ab, sowie von ihrer Einbettung in interorganisationale Netzwerke und Felder. Jenseits normativer Vorstellungen, die etwa in der Verwaltungs- und Managementliteratur formuliert werden, erklärt die Organisationssoziologie, wie Organisationen mit Nachhaltigkeit umgehen, welche Probleme dabei organisationsintern entstehen, welche organisationalen Eigenschaften eine starke Umsetzung von Erwartungen an Nachhaltigkeit fördern, und welche Typen von Organisationen imstande sind, nachhaltig zu handeln bzw. welche eher nicht (Ametowobla et al. 2021; Besio/Meyer 2022; Delbridge et al. 2024). Untersucht werden zudem die aktive Rolle von Organisationen und die Kooperationen bzw. Konflikte zwischen Organisationen in der Definition und Gestaltung von Nachhaltigkeit als politisch-regulativer Idee.

Organisation und Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit wird zwar unterschiedlich definiert, einig ist man sich aber, dass es darum geht, in der Gegenwart so zu handeln, dass zukünftige Existenzgrundlagen nicht zerstört werden. Die Idee der Nachhaltigkeit betont eine Nutzung von Ressourcen, die diese nicht erschöpft, sondern sie so verwendet, dass Ressourcenbestände bestehen bleiben. Der Begriff der Nachhaltigkeit umfasst demnach zugleich eine Verantwortungsübernahme für heute Lebende sowie für zukünftige Generationen. Nachhaltigkeit kann dabei selten konkrete Handlungsanweisungen vorgeben und somit nicht als Entscheidungskriterium dienen. Sie wird eher etwa als „Leitbild“ (Grunwald/Kopfmüller 2022) verstanden. Dieser Sachverhalt verschärft sich durch das allgegenwärtige Dreisäulenmodell der Nachhaltigkeit, laut dem sie eine ökologische, ökonomische und soziale Dimension umfasst. Diese Auffächerung kann zu widersprüchlichen Anforderungen führen [1].

Nachhaltigkeitsvorstellungen werden in verschiedenen Kontexten debattiert, umkämpft ausgestaltet und konkretisiert. Dabei spielen Organisationen stets eine zentrale Rolle. Parteien, Non-Governmental-Organizations (NGOs), Think-Tanks und Forschungsinstitute, aber auch Verwaltungen und Unternehmen prägen mit Wort und Tat Formen und Bedeutungen von Nachhaltigkeit (Ametowobla et al. 2021; Delbridge et al. 2024). Organisationen bearbeiten die Idee der Nachhaltigkeit kontinuierlich in allen gesellschaftlichen Bereichen. Ihre Lösungen wirken sich dann nicht nur organisationsintern, sondern auch über organisationale Grenzen hinweg aus. In der Folge prägen Organisationen nicht nur konkrete technische und managerielle Modelle der Nachhaltigkeit, sondern transportieren verschiedene Zukunftsvorstellungen einer nachhaltigen Gesellschaft (Adloff/Neckel 2019). Im folgenden Abschnitt zeigen wir, wie die Organisationssoziologie diese Prozesse untersucht.

Organisationsoziologische Perspektive

Organisationen mit ihren Ressourcen, Kompetenzen und Machtpotenzialen prägen ganz wesentlich, was als nachhaltig gilt. Die Organisationssoziologie analysiert den organisationalen Umgang mit gesellschaftlichen Nachhaltigkeitserwartungen sowie die aktive Rolle von Organisationen in ihrer Gestaltung. Dabei werden intra- und interorganisationale Aspekte berücksichtigt. Um relevante Forschungsergebnisse gebündelt wiedergeben zu können, zeigen wir in den folgenden Abschnitten zuerst, wie Organisationen intern mit an ihnen herangetragene Erwartungen an Nachhaltigkeit umgehen, dann wie Organisationen darüber hinaus Widersprüche zwischen Nachhaltigkeit und anderen Erwartungen begegnen, und schließlich, inwiefern organisationales Handeln Nachhaltigkeit gestaltet.

Organisationsinterne Respezifikation von Nachhaltigkeit

Organisationen nehmen externe Erwartungen nicht passiv an, sondern revidieren diese im Einklang mit internen Logiken. D.h. Organisationen nehmen Erwartungen wahr, selektieren, filtern, übersetzen, kombinieren und konkretisieren sie unterschiedlich, je nach ihren Strukturen und Bedürfnissen. An die Organisationen herangetragene Nachhaltigkeitserwartungen werden so etwa gestärkt und/oder in ihrer Umsetzung behindert (Ametowobla et al. 2021).

Organisationen können etwa der einen oder der anderen Säule mehr Relevanz beimessen und intern definieren, welche Handlungen als nachhaltig gelten. Sie können den Wert als bloßes Lippenbekenntnis in ihre Selbstdarstellung aufnehmen. Bspw. können Nachhaltigkeitsberichte, Verhaltenskodizes und andere Systeme des Managements von Nachhaltigkeit hierzu dienen. Organisationen initiieren aber auch konkrete Projekte und gezielte Maßnahmen im Namen der Nachhaltigkeit (Ametowobla et al. 2021; Besio/Meyer 2022), oder schaffen konkrete Stellen für das Nachhaltigkeitsmanagement. Teilweise sind ihre Respezifikationen aber auch umstritten. So definieren z.B. Energiekonzerne CCS-Technologien (Carbon Capture and Storage) als nachhaltig, während NGOs solche Technologien als problematisch einstufen (Markusson et al. 2012).

Je nach Strukturen, Kulturen und Praktiken tendieren Organisationen dazu, unterschiedliche Formen von Nachhaltigkeit umzusetzen. Beispielweise sind Unterschiede zwischen kleinen und großen Organisationen relevant, wie etwa die verschiedenen Projekte von großen Energiekonzernen und kleineren Akteuren wie Energiegenossenschaften im Bereich Windenergie zeigen (z.B. Kungl/Geels 2018). Weiterhin ist ein starker Zusammenhang zwischen verfügbarer Technik, materiellen Risiken und Nachhaltigkeitsstrategien zu beobachten (z.B. für den Fall Rechenzentren Heyny et al. 2024). Zudem ist zu berücksichtigen, dass Organisationen häufig in Netzwerken und anderen interorganisationalen Kooperationsformen operieren. Diese erleichtern den Austausch von Wissen über nachhaltige Technologien oder über die Entwicklung von innovativen Geschäftsmodellen. Kooperationen sichern reziproke Unterstützung und bieten die Gelegenheit, einander zu ergänzen (Bauwens/Pantazis 2018).

Widersprüchliche Erwartungen an Organisationen

Dilemmata der Nachhaltigkeit (Henkel et al. 2023) werden in Organisationen verhandelt. Organisationen müssen neben der Nachhaltigkeit auch anderen Erwartungen gerecht werden. In Unternehmen muss Nachhaltigkeit etwa mit Gewinnmaximierung vereinbar sein. Organisationen verfügen aber über zahlreiche Lösungen, um mit heterogenen Erwartungen umzugehen (Besio/Meyer 2022). Eine Strategie ist es, einige Erwartungen nur in der externen Darstellung anzusprechen, während die konkrete Arbeit andere Erwartungen erfüllt. Zudem nutzen Organisationen die Bildung von Abteilungen (wie Produktion, F&E, Vertrieb, Accounting, Human Resources etc.), um disparate Ziele gleichzeitig zu verfolgen.

Mitunter gelingt es, sogenannte Win-Win-Lösungen zu entwickeln, die gleichzeitig mehrere Anforderungen erfüllen (Van der Byl/Slawinski 2015). So kann beispielsweise Nachhaltigkeit in Ökoeffizienz oder Green Economy dort übersetzt werden, wo ökonomisch vorteilhafte Kosteneinsparungen im Vordergrund stehen (wie z.B. in der Hotelbranche). Zu beachten ist, dass diese Herangehensweise tiefgreifendere Optionen zurückdrängen kann. Organisationen leiden also nicht immer unter der Widersprüchlichkeit von Erwartungen, sondern können sie mitunter zum eigenen Vorteil nutzen (Besio/Meyer 2022). Mitunter werden so die verschiedenen Dimensionen der Nachhaltigkeit so miteinander kombiniert, dass die ökonomische Dimension priorisiert wird und etwa grüne Technologien als profitable Innovationen gelten.

Eine tiefgreifende Umsetzung von Nachhaltigkeit gelingt häufig in unkonventionellen, partizipativen und hybriden Organisationen, wie z.B. Genossenschaften (Ametowobla et al. 2021; Delbridge et al. 2024). Hier sind Prozesse so strukturiert, dass Anliegen jenseits der Profitorientierung von Organisationsmitgliedern leichter eingebracht werden können. Auch, dass sie mitunter durch unentgeltliche Freiwilligenarbeit getragen werden, ermöglicht die Umsetzung nachhaltiger Ziele. Die Freiwilligenarbeit wird dann häufig mit Bezug auf Werte wie Nachhaltigkeit motiviert.

Organisationale (Mit-)Gestaltung von Nachhaltigkeit

Gesellschaftliche Erwartungen werden nicht nur durch konkrete organisationsinterne Praktiken mitdefiniert, sondern Organisationen nehmen zudem aktiv und diskursiv an der Definition gesellschaftlicher Werte teil. Durch strategische Interventionen können gerade mächtige Organisationen (etwa über Lobbyarbeit, PR-Kampagnen, Diskussionen mit den Stakeholdern, Beratung der Politik oder auch Korruptionsversuche) viel bewirken (Besio/Meyer 2022; Windeler/Jungmann 2023). Unternehmen aber auch Verbände, NGOs, Gewerkschaften und andere Organisationen versuchen durch den Einsatz von Ressourcen, auf Normen und Werte Einfluss zu nehmen. Dabei ist ein beträchtliches Engagement notwendig, um bestimmte Vorstellungen von Nachhaltigkeit aufrechtzuerhalten oder zu ändern (Levy et al. 2016).

Die Gestaltung von Nachhaltigkeitsvorstellungen findet dabei selten isoliert, sondern zumeist im Zusammenspiel verschiedener Organisationen in sozialen Feldern statt. Felder sind dadurch gekennzeichnet, dass sich verschiedenartige Organisationen um ein Thema herum koordinieren, für das sie sich als relevant betrachten. So handeln sie etwa die Bedeutsamkeit bestimmter Innovationen für sozial-ökologische Transformationen aus (Windeler/Jungmann 2023). Dabei sind Netzwerke und andere interorganisationale Kooperationsformen wie Verbände oder Konsortien von zentraler Bedeutung. Auch internationale NGOs können häufig Einfluss nehmen, weil sie als interessenlose Akteure gelten, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, genauso auch Medienorganisationen, Gerichte oder wissenschaftliche Institute. Organisationalen Feldern entspringen auch Standards, wie nachhaltige Prozesse zu gestalten sind – wie z.B. technische Standards, Nachhaltigkeitszertifikate oder Qualitäts­managementstandards – die dann wiederum das Handeln weiterer Organisationen beeinflussen (Arnold 2019). Dabei kann es sowohl zur Angleichung als auch zu einem Ringen zwischen Organisationen (z.B. um Positionen oder Ausdeutungen) kommen. Häufig dreht es sich etwa um ein Ausbalancieren verschiedener Ziele, Interessen und Vorstellungen in Bezug auf Ökologie und Ökonomie oder Zentralität und Dezentralität, so z.B. in der Ausgestaltung von Smart-Grids im Rahmen der Energiewende (Skripchenko et al. 2023).

Zum Weiterdenken

Diese Überlegungen zeigen, dass die organisationale Ebene einbezogen werden muss, wenn man verstehen will, wie Nachhaltigkeitserwartungen in unserer Gesellschaft Fuß fassen und welche Aspekte dabei ausgeblendet werden. Eine (organisations-)soziologische Perspektive im interdisziplinären Nachhaltigkeitsdiskurs betont dabei die Bedeutung der organisationalen Gestaltung nachhaltiger Transformationen. Das bedeutet, sie nimmt Prozesse des Organisierens in, von, zwischen und jenseits von Organisationen dezidiert in den Blick und thematisiert die Akteure der Transformation als Organisationen mit bestimmten Strukturen, Kulturen und Praktiken. Damit bringt sie eine spezifische Sicht ein, die andernfalls oft vernachlässigt wird. Unternehmen, Parteien, Behörden, Verbände, NGOs und andere Organisationen sind heute wichtige Akteure, die über materielle Ressourcen und Handlungs- sowie Deutungsmacht verfügen. So erlangen ihre Respezifikationen von Nachhaltigkeit nicht selten umfassende gesellschaftliche Relevanz. Eine solche Relevanz erlangen Organisationen nie isoliert, sondern im Zusammenspiel mit anderen Organisationen, etwa durch aktive Strategien der Beeinflussung interorganisationaler Felder oder gesellschaftlicher Teilbereiche. Auch Strategien einzelner Organisationen und selbst interne Maßnahmen können sich jedoch extern auswirken. Mittels Respezifikation von Nachhaltigkeit entwickeln Organisationen beispielsweise Technologien, Standards und Dienstleistungen, die dann andere Instanzen verwenden. Diese können kopiert, perfektioniert, weiterentwickelt und verbreitet oder auch abgelehnt werden. Untersuchungen solcher Wirkungen sind noch selten, aber notwendig um Transformationsprozesse adäquat zu verstehen.

Der Blick auf Organisationen verdeutlicht eindrücklich, dass Nachhaltigkeitsvorstellungen unterschiedlich operationalisiert werden, je nach Branche, Verfügbarkeit von Infrastrukturen, organisationaler Kultur, Opportunitäten, usw. Also sind es kontextgebundene, lokale und changierende Faktoren, die die Formung der Nachhaltigkeit kontinuierlich beeinflussen. Systematische Untersuchungen dieser Faktoren sind noch ein Forschungsdesiderat. Nötig sind Mehrebenenanalysen, in deren Rahmen die Organisationssoziologie intraorganisationale Dynamiken sowie Dynamiken von Netzwerken und Feldern erfasst.

[1] Vgl. Beitrag „Nachhaltigkeit“ in Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit

Zum Weiterlesen

Ametowobla, D./Besio, C./Arnold, N. (2021): Nachhaltigkeit organisieren. In: SONA – Netzwerk Soziologie der Nachhaltigkeit (Hrsg.): Soziologie der Nachhaltigkeit. Bielefeld: Transcript, S. 355-375.

Delbridge, R./Helfen, M./Pekarek, A./Schuessler, E./Zietsma, C. (2024). Organizing Sustainably: Introduction to the Special Issue. In: Organization Studies, 45. Jg., Heft 1, S. 7-29.

 

Adloff, F./Neckel, S. (2019): Futures of sustainability as modernization, transformation, and control: a conceptual framework. In: Sustainability Science, 14. Jg., Heft 4, S. 1015–1025.

Arnold, N. (2019): Organisation(en) von der Stange? Der Trend zu Standardisierung und Formalisierung. In: M. Apelt/I. Bode/V. von Groddeck/R. Hasse/U. Meyer/M. Wilkesmann/A. Windeler (Hrsg.): Handbuch Organisationssoziologie. Wiesbaden: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-15953-5_30-1

Bauwens, M./Pantazis, A. (2018). The ecosystem of commons-based peer production and its transformative dynamics. In: The Sociological Review, 66. Jg., Heft 2, S. 302-19.

Besio, C./Meyer U. (2022): Gesellschaftliche Wirkung organisationaler Re-Kombinationen: Die Neuausrichtung von Gewerkschaften und Genossenschaften jenseits der Mitgliedervertretung. In: Soziale Welt, 73. Jg., Heft 3, S. 546-577.

Grunwald, A./Kopfmüller, J. (2022): Nachhaltigkeit. Frankfurt/New York: Campus.

Henkel, A./Berg, S./Bergmann, M./Gruber, H./Karafyllis, N./Mader, I./Müller, A.-K./Siebenhüner, B./Speck, K./Zorn, D.-P. (2023): Dilemmata der Nachhaltigkeit. Baden-Baden: Nomos.

Heyny, S./Simoni, M./Busch, K./King, V./Lindenstruth, V. (2024): Wo die Cloud die Erde berührt. Rechenzentren zwischen Nachhaltigkeitsanforderungen und Innovationsblockaden. In: Organisationsberatung, Supervision, Coaching (OSC), 31. Jg., S. 63–78.

Kungl, G. / Geels, F. W. (2018). Sequence and alignment of external pressures in industry destabilisation: Understanding the downfall of incumbent utilities in the German energy transition (1998-2015). In: Environmental Innovation and Societal Transitions, 26. Jg., S. 78-100.

Levy, D./Reinecke, J./Manning, S. (2016). The political dynamics of sustainable coffee: Contested value regimes and the transformation of sustainability. In: Journal of Management Studies, 53. Jg., S. 364–401.

Markusson, N., Shackley, S., & Evar, B. (2012). The social dynamics of carbon capture and storage. New York: Routledge.

Skripchenko, A./Albrecht, J.-M./Besio, C./Hoffmann, T. (2023). Welche Digitalisierung braucht Nachhaltigkeit? Streit um die Normen und die Umsetzung bei der Digitalisierung der Netze. In: Soziologie und Nachhaltigkeit, 9. Jg., Heft 1, S. 1-26.

Van der Byl, C. A., & Slawinski, N. (2015). Embracing Tensions in Corporate Sustainability: A Review of Research From Win-Wins and Trade-Offs to Paradoxes and Beyond. In: Organization & Environment, 28. Jg., Heft 1, 54-79.

Windeler, A./Jungmann, R. (2023). Complex innovation, organizations, and fields: Toward the organized transformation of today’s innovation societies. In: Current Sociology, 71. Jg., Heft 7, S. 1293-1311.


Jana Albrecht ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der TU Berlin.

E-Mail: j.albrecht@tu-berlin.de

Christina Besio ist Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Organisationssoziologie an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.

E-Mail: cristina.besio@hsu-hh.de

Robert Jungmann ist Juniorprofessur für Soziologie mit dem Schwerpunkt Arbeits- und Organisationssoziologie an der Universität Trier.

E-Mail: jungmann@uni-trier.de

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Verantwortung (Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit)

Glossar Soziologie der Nachhaltigkeit

Verantwortung 

Wenn von Nachhaltigkeit die Rede ist, so geht es dabei oft um bestehende oder drohende Schäden, für die jemand Verantwortung übernehmen soll. Aber wer? Anders konsumierende Konsumenten? Besser regulierende Politik? Umsichtiger wirtschaftende Unternehmen? Angesichts komplexer Zusammenhänge ist diese Frage nicht einfach zu beantworten – umso mehr, als mit Verantwortung auch Verteilungs- und Gerechtigkeits- sowie Machtfragen einhergehen.

Einleitung

Verantwortung und deren Zurechnung auf bestimmte Akteure sind im Nachhaltigkeitsdiskurs allgegenwärtig. Sehr präsent ist die Zurechnung von Verantwortung auf Konsumenten, die durch eine Änderung ihres Konsumverhaltens Verantwortung übernehmen sollen, indem sie bestimmte Produkte oder insgesamt weniger konsumieren. Als komplementäre Perspektive sehen viele auch die Politik in der Verantwortung, die insbesondere durch Regulierung und Bereitstellung von Infrastruktur Rahmenbedingungen für Nachhaltigkeit übernehmen soll. Auch eine über erfolgreiche Produktion hinausgehende soziale und ökologische Verantwortung von Unternehmen wird thematisiert sowie eine mögliche Verantwortung kollektiver Akteure von Dorfgemeinschaften oder Bürgerinitiativen, die beispielsweise fehlende Mobilitätsangebote im ländlichen Raum ausgleichen.

Ein Grundproblem bei der Diskussion von Verantwortung für Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung liegt darin, dass sowohl die Problemlagen als auch die Akteurskonstellationen komplex und miteinander verbunden sind. Ein einzelner Kaufakt, eine einzelne Regulierung oder ein einzelnes Unternehmen ist nie allein und direkt für eine Problemlage wie Klimawandel oder Biodiversitätsverlust verantwortlich, zu arbeitsteilig sind die Verhältnisse. Zudem machen Pfadabhängigkeiten (etwa bestimmter Energiequellen), Rebound-Effekte (wenn etwas billiger ist, wird mehr davon verbraucht) und kulturelle Bewertungen (Automobilität als Freiheit, neuer Kleidung als Luxus etc.) die Sache nicht einfacher. Hinzu kommt, dass Ziele, für deren Erreichen Verantwortung übernommen werden soll, sich teilweise widersprechen, beispielsweise Ausbau von Windenergie und Naturschutz, oder Elektromobilität und Abbau von seltenen Erden.

Angesichts dessen ist wenig überraschend, dass sich je nach Vorstellung von Nachhaltigkeit die Zurechnung von Verantwortung unterscheidet. Ob es bei Nachhaltigkeit vor allem um die Reduktion von Treibhausgasemissionen geht oder vor allem um eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs, bringt unterschiedliche Zurechnungen von Verantwortung mit sich. Dabei hat Verantwortung auch etwas mit Gerechtigkeit zu tun – etwa indem diejenigen Staaten oder Akteursgruppen, die zur Entstehung nicht-nachhaltiger Problemlagen mehr beitragen, auch eine größere Verantwortung für diese tragen oder tragen sollen. Zudem spielt die zeitliche Dimension eine wichtige Rolle, gilt es doch, sowohl historische Verursachung zu berücksichtigen als auch gerade mit Blick auf künftige Generationen für das Erreichen von Nachhaltigkeit globalgesellschaftlich gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.

Verantwortung und Nachhaltigkeit

Der Begriff Verantwortung bezeichnet üblicherweise eine zugerechnete (Selbst-) Verpflichtung, für durch eigenes Handeln verursachte Schäden einzustehen. Anders als Begriffe wie „Schuld“ oder „Pflicht“ entsteht der Begriff der Verantwortung relativ spät. Er wird im Mittelalter zunächst in einem juristischen Kontext verwendet und erst im 20. Jahrhundert alltagsgebräuchlich (Bayertz 1995). Im Nachhaltigkeitsdiskurs ist es das Buch „Das Prinzip Verantwortung“ von Hans Jonas, das Verantwortung und Nachhaltigkeit erstmals prominent aufeinander bezieht. Jonas unternimmt darin angesichts offensichtlicher ökologischer Gefährdung den Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation – danach kommt jedem direkte persönliche Verantwortung für den Erhalt der Umwelt zu, auch gerade mit Blick auf künftige Generationen (Jonas 1984).

Soziologisch fällt auf, dass der Begriff Verantwortung in einer gesellschaftlichen Konstellation relevant wird, in der die Relation zwischen „eigenem Handeln“ und „verursachten Schäden“ problematisch wird. Im Zuge wirtschaftlicher Industrialisierung und funktionaler Differenzierung der Gesellschaft wandeln sich soziale Praxisbereiche von einer Orientierung an durch Personen ausgeübten handwerklichen oder professionellen Rollen mit ihrer auf solche Rollen ausgerichteten Ethik hin zu formaler Organisation (vgl. etwa Abbott 1991). Die Auflösung von sozialen Schichten als gesellschaftlicher Primärstruktur im Zuge funktionaler Differenzierung ermöglicht zwar Individualisierung und damit zunehmend die Zurechnung von Verantwortung auf einen größer werdenden Kreis nunmehr eigenständiger Individuen. Aber diese Individuen sind verstärkt in formal organisierten Kontexten tätig, die wiederum durch zunehmend komplexe Regulierung, zunehmend globalisierte Märkte und internationale Lieferketten sowie zunehmend differenziertes wissenschaftliches Wissen geprägt sind.

Bis auf vergleichsweise wenige Entscheidungen im absoluten Nahbereich sind die Verhältnisse so komplex geworden, dass die Zurechnung von Verantwortung auf einzelne individuelle oder auch korporative Akteure immer offensichtlicher nicht eindeutig zurechenbar ist, weil eben nicht eine Handlung kausal einen Schaden verursacht, sondern eine Vielzahl von Handlungen und Handlungsbedingungen zusammenwirken (Bayertz 1995, Henkel 2013/2014). So ist beispielsweise Konsumverhalten eingebettet in einen global industrialisierten Agrar- und Ernährungskomplex, selbst für die im Hofladen erworbenen Lebensmitteln aus biodynamischer Landwirtschaft gilt, dass für deren Herstellung mindestens ein mit Traktor verwendet wurden und Direktvertrieb ein funktionierendes Internet sowie eine gepflegte Website erfordern.

Soziologische Perspektiven auf Verantwortung und Nachhaltigkeit

In der Soziologie ist Verantwortung anders als „Handlung“ oder „Struktur“ kein selbst eigenständiger sozialtheoretischer Begriff. Soziologische Auseinandersetzung mit Verantwortung ist stattdessen empirisch und gesellschaftstheoretisch orientiert, etwa entwickelt Karl-Otto Apel Überlegungen zu „Diskurs und Verantwortung“ oder Anthony Giddens zu Eigenverantwortung im Sozialstaat, was wiederum kritisch reflektiert wird (Heidbrink/Hirsch 2006). Vor diesem Hintergrund ist die Soziologie bereits gut gerüstet, um sich mit dem Aspekt der Verantwortung im Nachhaltigkeitsdiskurs zu befassen. Dabei lassen sich drei thematische Schwerpunkte unterscheiden, nämlich einmal eine Reflektion der Grenzen individueller Verantwortung, zweitens die Zurechnung von Verantwortung als Responsibilisierung sowie drittens die Auseinandersetzung damit, wie eine plausible Zurechnung von Verantwortung auch unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit aussehen könnte.

Reflektion der Grenzen individueller Verantwortung

Eine Verantwortung des Einzelnen insbesondere als Konsument ist im Nachhaltigkeitsdiskurs prominent. Dies gilt nicht nur für den öffentlichen Diskurs, wenn sich beispielsweise Werbung an Verbraucher richtet, indem sie die Möglichkeit eines individuellen Beitrags zum Umwelt- und Klimaschutz mit den Eigenschaften eines Produktes verbindet. Darüber hinaus ist die individuelle Konsumentenverantwortung auch in prominenten Nachhaltigkeitsansätzen zentral. So lässt sich insbesondere in der Postwachstumsperspektive die Prämisse verorten, dass eine Transformation bottom-up von geändertem Konsumverhalten ausgehen soll (Paech 2012). Projekte, die sich als Teil sozialer Bewegungen sehen, wie repair-cafés, urban-gardening oder Unverpackt-Läden, stehen in diesem Umfeld, das auf individuell verantwortliches Konsumverhalten, Regionalität, Befreiung vom Überfluss und Langlebigkeit setzt.

Aus soziologischer Perspektive werden Ansätze wie diese vor dem Hintergrund praktischer Bedingungen individuellen Handelns reflektiert. Die soziologische Praxistheorie geht davon aus, dass menschliches Handeln und soziale Strukturen als soziale Handlungsbedingungen in konkreten Praktiken verbunden sind. So spielen materielle Infrastruktur, kulturelle Werte und auch konkrete Anforderungen von Organisationen als Arbeitsgebern oder gesetzlicher Art eine wichtige Rolle dafür, ob mit dem Fahrrad gefahren wird, wie Ernährungsgewohnheiten aussehen oder wie oft und lange geduscht wird. Für eine Verhaltensänderung in Richtung größerer Nachhaltigkeit ist daher nicht nur der Einzelne verantwortlich – auch Politik, Unternehmen und Medien sind gefordert, um ein solches Verhalten nahezulegen oder jedenfalls zu ermöglichen (etwa Shove 2014).

Aus einer im weitesten Sinne praxistheoretischen Perspektive werden soziologisch sowohl empirische, konkrete Felder nachhaltiger Transformation näher untersucht (beispielsweise Görgen 2021). Damit bestehen Berührungspunkte zu einer ethischen Perspektive im Nachhaltigkeitsdiskurs, die eine funktionale und normative Überforderung des Konsumenten reflektiert (Grunwald 2012). Unter dem Stichwort der „Multiakteursverantwortung“ ist dies in die Stellungnahme des Deutschen Ethikrats zum Thema Klimagerechtigkeit eingegangen (Ethikrat 2024). Bezüge bestehen auch zu einer interdisziplinären Anthropozän-Forschung, die anregt, den Akteursbegriff grundsätzlich neu zu fassen und eine Wechselwirkung in Mensch-Naturverhältnissen systematisch zu berücksichtigen (etwa Latour 2018).

Zurechnung von Verantwortung als Responsibilisierung

Folgt man der gesellschaftstheoretischen Feststellung, dass unter Bedingung von Arbeitsteilung, Organisationsbildung und funktionaler Differenzierung die Bezüge zwischen Handeln und durch dieses Handeln verursachtem und daher zu verantwortendem Schaden uneindeutig geworden sind, so liegt die Frage nahe, wie eine Zurechnung von Verantwortung auf einzelne Akteure gleichwohl erfolgt. Der Begriff der Responsibilisierung wird in diesem Zusammenhang teilweise verwendet, um den kontingenten Charakter solcher Verantwortungszurechnung auf Einzelne zu verdeutlichen: Wenn Zurechnung auch anders möglich wäre, dann liegt in diesem Akt auch ein Ausdruck von Macht.

Wie eine solche Zurechnung erfolgt und was sie mit den so Responsibilisierten macht, sind soziologisch relevante Fragestellungen. Aus dieser Perspektive lässt sich beispielsweise fragen, wie in Partizipation Verantwortung hergestellt wird, inwieweit Eigenverantwortung als neoliberale Regierungstechnologie gesehen werden könnte oder wie Verantwortungszuschreibungen in der Inszenierung von Fairtrade funktionieren (vgl. die Beiträge von Burger, Sulmowski und Jonas im Band Henkel/Luedtke et al. 2018). Soziologisch kann reflektiert werden, dass jede Responsibilisierung zugleich die Mitverantwortung anderer beteiligter Akteure und Strukturen potentiell unsichtbar macht und auf diese Weise grundsätzlich dazu beitragen kann, nicht-nachhaltige Strukturen aufrechtzuerhalten. Gerade wenn die Zurechnung von Verantwortung insofern asymmetrisch ist, als die zugerechnete Verantwortung über die individuelle Handlungsmacht hinausgeht, ist dies problematisch: Responsibilisierung wirkt auf die Subjektivität derjenigen, die verantwortlich sind, gemacht werden oder sich zu sein bemühen, in diesem Zusammenhang wird auch von einem „Bann der Verantwortung“ gesprochen (Vogelmann 2014).

Vor diesem Hintergrund ist die Einsicht in die Heterogenität des Nachhaltigkeitsbegriffs besonders relevant: Je nach Verständnis von Nachhaltigkeit ergibt sich auch eine unterschiedliche Zurechnung von Verantwortung. Versteht man unter Nachhaltigkeit eine ökologische Modernisierung, so sind Unternehmen in der Verantwortung, Produkte mit ökologischem Mehrwert herzustellen und Konsumenten, diese zu kaufen. Versteht man Nachhaltigkeit eher im Sinne der Postwachstums, so sind Konsumenten in der Verantwortung, weniger, regionaler und bewusster zu Konsumieren sowie Unternehmen, langlebigere Produkte ressourcenschonend herzustellen. Die Frage nach einer Verantwortung für Nachhaltigkeit ist damit nicht nur eine Frage nach impliziten oder expliziten normativen Prämissen. Sie verweist außerdem auf grundlegende Spannungsverhältnisse der modernen Gesellschaft und inhärente Dilemmata der Nachhaltigkeit (SONA 2021).

Verantwortung als Gerechtigkeitsfrage

Bereits der Hinweis auf den Bezug zwischen zugerechneter Verantwortung und individueller Handlungsmacht deutet darauf hin, dass mit Verantwortung für Nachhaltigkeit nicht nur Macht-, sondern auch Gerechtigkeitsfragen tangiert sind. Wenn Verantwortung angesichts komplexer Verhältnisse nicht eindeutig gegeben ist, deren Zurechnung den Responsibilisierten in ihrer Persönlichkeit und Selbstwahrnehmung betrifft und eine über die Handlungsmacht hinausgehende Verantwortungszurechnung die Aufrechterhaltung nicht-nachhaltiger Strukturen begünstigt, so ist eine gerechte Verteilung von Verantwortung im Kontext von Nachhaltigkeit offensichtlich erforderlich. Dies gilt umso mehr, je höher die Kosten durch Klimaschäden und für einen nachhaltigen Umbau der Gesellschaft werden.

Eine zentrale Herausforderung bei der Frage nach einer gerechten Verteilung der Verantwortung im Kontext von Nachhaltigkeit ist, welche Maßstäbe dafür angelegt und wie die Akteursgruppen gebildet werden. Damit ist der soziologisch zentrale Aspekt sozialer Ungleichheit tangiert. So wird bei der Frage, wer welche Verantwortung und damit auch Kosten für die Bewältigung des Klimawandels zu übernehmen hat, auf internationaler Ebene nicht nur die aktuelle, sondern auch die historische Verursachung von Treibhausgasen einbezogen und dies auf die Ebene von Nationen bezogen. Die Art der Zurechnung verändert sich erheblich, wenn statt Nationen Einkommensgruppen angesetzt werden und damit Verursachung abgestuft wird nach dem Ausmaß des einkommensgruppenspezifischen Beitrags zur Verursachung von Treibhausgasen. Es wird dann deutlich, dass die einkommens- und vermögensstärkste Gruppe von Individuen überproportional stark zur Verursachung beiträgt und dies relativ unabhängig von den durchschnittlichen Emissionen ihres Herkunftslandes. Maßnahmen zur Beförderung von Nachhaltigkeit und zur Verminderung sozialer Ungleichheit zusammen zu denken, wäre daraus eine Forderung – progressiver Besteuerung von Energie, Ausbau von öffentlichen Gütern, die für alle zugänglich sind und sehr hohe Besteuerung klimaschädlicher Luxusgüter wären daraus zu ziehende Konsequenzen (Chancel 2020).

Macht und soziale Ungleichheit stärker im Nachhaltigkeitsdiskurs zu berücksichtigen (wie Wendt und Görgen vorschlagen in Henkel/Luedtke et al. 2018), wird vor diesem Hintergrund zunehmend relevant.

Zum Weiterdenken

Soziologische Perspektiven auf das Verhältnis von Nachhaltigkeit und Verantwortung sind geeignet, normative Prämissen zu entwickeln sowie Bedingungen, Implikationen und Herausforderungen der Zurechnung von Verantwortung offen zu legen und zu reflektieren. Für die Gestaltung einer nachhaltigen Gesellschaft ist dies bedeutsam: Bei Verantwortung geht es wie beim Vertrauen um den Umgang mit Unsicherheit. Vertrauen funktioniert dabei mit Referenz auf Zukunft. Weil die gegenwärtige Zukunft notwendig in der gegenwärtigen Gegenwart unsicher ist, ist ein gewisses Maß an Vertrauen unabdingbar – etwa in Politik, Institutionen oder das Funktionieren von Techniken. Verantwortung dagegen funktioniert mit Referenz auf (künftige) Vergangenheit zum Umgang mit eingetretenen bzw. künftig möglicherweise eintretenden Schäden. Dies involviert nicht nur die vergleichsweise einfache Frage, wer etwaige materielle Kosten zu tragen hat. Schwerwiegender ist vielmehr die Frage, ob ein zuvor gegenwärtig zukunftsgerichtetes Vertrauen retrospektiv als gerechtfertigt oder aber als verantwortungsloses „blindes Vertrauen“ angesehen wird (Henkel 2013/2014). Zudem hat eine gegenwärtige Klärung von Verantwortungsverhältnissen Auswirkung auf die Handlungsprämissen derjenigen, denen Verantwortung im Schadenfall zugerechnet oder eben nicht zugerechnet wird. Vertrauen und Verantwortung sind also eng verbunden. Es hat jedenfalls Auswirkungen auf Art und Umfang gegenwärtigen Vertrauens, welche Mechanismen der Verantwortungszurechnung hinsichtlich des Umgangs mit einem möglichen künftigen Schaden bestehen. Gilt dies ganz grundsätzlich, so ist es gerade mit Bezug auf die ökologische Frage von im wahrsten Sinne des Wortes existentieller Bedeutung.

Zum Weiterlesen

Bayertz, K (1995): Eine kurze Geschichte der Herkunft der Verantwortung. In: Bayertz. K. (Hrsg.): Verantwortung. Prinzip oder Problem? Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 3-71.

Grunwald, A (2012): Ende einer Illusion. Warum ökologisch korrekter Konsum die Umwelt nicht retten kann. München: Oecom.

Henkel, A/Lüdtke, N/Buschmann, N/Hochmann, L (2018): Reflexive Responsibilisierung. Verantwortung für nachhaltige Entwicklung. Bielefeld: transcript.

 

Abbott, A. (1991): The Future of Professions: Occupation and Expertise in the Age of Organisation S.  In: Bacharach, S. (Hrsg.): Research in the Sociology of Organizations. London: JAI Press.

Bayertz, K. (1995): Eine kurze Geschichte der Herkunft der Verantwortung. In: Bayertz. K. (Hrsg.): Verantwortung. Prinzip oder Problem? Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 3-71.

Chancel, L (2020): Unsustainable Inequalities. Social Justice and the Environment. Cambridge: Massachusetts.

Deutscher Ethikrat (2024): Klimagerechtigkeit. Stellungnahme. Berlin: Deutscher Ethikrat.

Görgen, B. (2021): Nachhaltige Lebensführung. Praktiken und Transformationspotenziale gemeinschaftlicher Wohnprojekte. Bielefeld: transcript.

Grunwald, A (2012): Ende einer Illusion. Warum ökologisch korrekter Konsum die Umwelt nicht retten kann. München: Oecom.

Heidbrink, L./Hirsch, A. (2006): Verantwortung in der Zivilgesellschaft. Zur Konjunktur eines widersprüchlichen Prinzips. Frankfurt am Main: Campus.

Henkel, A. (2013/2014): Gesellschaftstheorie der Verantwortung. Funktion und Folgen eines Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. In: Soziale Systeme, Sonderhaft „Precarious Responsibility“, 19. Jg., Heft 2, S. 471-501.

Henkel, A./Luedtke, N./Buschmann, N./Hochmann, L. (2018): Reflexive Responsibilisierung. Verantwortung für nachhaltige Entwicklung. Bielefeld: transcript.

Jonas, H. (1984): Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Latour, B. (2018): Das terrestrische Manifest. Berlin: Suhrkamp.

Paech, N. (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: Oekom.

Shove, E. (2014): Putting Practice into Policy: Reconfiguring Questions of Consumption and Climate Change. In: Contemporary Social Science, 9. Jg, Heft 4, S. 415-429.

Netzwerk Soziologie der Nachhaltigkeit (2021): Soziologie der Nachhaltigkeit. Bielefeld: transcript.

Vogelmann, F. (2014): Im Bann der Verantwortung. Frankfurt am Main: Campus.


Anna Henkel ist Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Techniksoziologie und nachhaltige Entwicklung an der Sozial- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Passau.

Email: anna.henkel@uni-passau.de

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Rezension zum Buch "Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt"

Rezension „Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt"

Eversberg, D., Fritz, M., von Faber, L., Schmelzer, M. (2024): Der neue sozial-ökologische Klassenkonflikt. Mentalitäts- und Interessengegensätze im Streit um Transformation. Frankfurt und New York: Campus, 221 S.

Auch in Deutschland greift der Trend zu offensiveren Spielarten eines klimapolitischen Obstruktionismus (Ekberg et al. 2022) seit der Pandemie um sich. In Wahlkämpfen wird die Ansprache von Umwelt- und Klimathemen gerade von jenen gemieden, die dazu progressive Positionen vertreten, während die in der Bevölkerung um 2018 herum bestehenden Mehrheiten für eine übergeordnete Berücksichtigung von Umwelt- und Klimaschutz in der Landwirtschafts-, Städtebau- und Verkehrspolitik rapide schwinden (Grothmann et al. 2023: 23; in den mir als UBS-Beiratsmitglied einsichtigen Daten der neusten Studie aus 2024 beschleunigen sich diese Trends weiter). Im OECD-Vergleich unterstützen die Deutschen einige ökologische Maßnahmen wie grüne Infrastrukturprogramme oder Verbrennerverbote sogar unterdurchschnittlich (Dechezlepretre et al. 2022: 22). Gleichzeitig sind eine Trendumkehr bei den in den Nuller- und Zehnerjahren deutschlandweit abgesunkenen demokratieskeptischen bis -feindlichen Einstellungen sowie eine neue Öffentlichkeitsfähigkeit persistierender chauvinistischer und gruppenbezogen menschenfeindlicher Ressentiments zu beobachten (Decker et al. 2022: 44-50). Homogene soziale Netzwerke segregieren sich entlang des Grüne-AfD-Gegensatzes und tragen zu einer affektiven Polarisierung im Politischen bei (Teichler et al. 2023: 33f., 93f.). Letztere wird lediglich durch die Übertreibungen gewiefter Polarisierungsunternehmer*innen erzeugt, die sich eine bei unteren sozialen Schichten ausgeprägte(re) „Veränderungserschöpfung“ zunutze machen und denen es gelingt, durch das geschickte rhetorische Bündeln und Bewirtschaften ansonsten diffus bleibender Entgrenzungs- und Traditionsverlustbefürchtungen tatsächlich vorhandene Grundkonsense zu übertönen (Mau et al. 2023): Diese Zeitdiagnose büßt, kaum ist sie gestellt, angesichts der enormen Dynamik aktueller Entwicklungen an Plausibilität bereits drastisch ein.

Hier setzen Dennis Eversberg und seine Kolleg*innen von der Universität Jena mit ihrer theoretisch anspruchs- und empirisch gehaltvollen sowie eloquent und flüssig geschriebenen Studie an, die – diese Bemerkung sei gleich zu Anfang gestattet – auf den Schreibtisch jedes sozialökologisch interessierten Sozialwissenschaftlers und jeder reflektierten Umweltpolitikerin gehört. In Bourdieuscher Manier fragt die Studie nach Zusammenhängen von Sein und Bewusstsein, die weder deterministisch allein von der Seite der Sozialstruktur her zu erklären noch befriedigend aufzulösen sind in das Spiel von „diskursiven Konjunkturen oder Krisen“ (S. 70). Sie macht damit all jenen ein Orientierungsangebot, die sich fragen, welche Motive eines sachangemessenen Umgangs mit den ökologischen Herausforderungen in unserem Land (und wohl auch in anderen westlichen Gesellschaften) bei welchen Teilen der Bevölkerung überhaupt noch auf ein Entgegenkommen hoffen dürfen. Gerade weil die Wissenschaftler*innen sich auf relativ ‚alte‘ Umfragedaten aus der Zeit unmittelbar vor dem Ukrainekrieg stützen, auf geringfügig ältere Daten also als Mau und Kollegen in ihrer vielrezipierten Triggerpunkte-Studie, können sie glaubhaft dem bei retrospektiver Befassung mit dieser Studie sich aufdrängenden Eindruck entgegenwirken, vor wenigen Jahren noch habe es einen in der Bevölkerung stabil verankerten Klimakonsens gegeben. Die „ökologische Klassenfrage im Werden“ (Mau et al. 2023: 220) wird, das können Eversberg und Kolleg*innen mithilfe ihrer Datenexplorationen (Hauptkomponenten- und Clusteranalysen; S. 88ff.) zeigen, nicht bloß durch Distinktionsgebärden gut situierter ‚Ökos‘ affektiv angeheizt und betrifft auch nicht nur die innergesellschaftliche Verteilung von Transformationskosten.

Der um solche Kosten sich drehende „Veränderungskonflikt“, wie ihn die Autor*innen nennen, ist einer zwischen der „abtrakte[n] Orientierung am langfristigen Überlebensinteresse“ und „einem Festhalten am bisher Gewohnten“, das sich „aus der konkreten Angewiesenheit auf einen bestimmten Arbeitsplatz oder auf konstante Benzinpreise … ergibt“ (S. 168). Diese Angewiesenheit spüren etwa ältere, geringverdienende Arbeitnehmer*innen in bestimmten Dienstleistungsbranchen, die sich durch die allgemeine Qualifikationsentwicklung abgehängt sehen und im von Politik und Gesellschaft stark abgewandten Mentalitätstyp der sog. „Zurückgezogenen Notwendigkeit“ konzentrieren (S. 109) – aber auch Menschen mit moderatem Einkommen in Büroberufen oder vom Typus „Hausfrau/-mann“, deren sog. „Harmonistischer Konformismus“ zum Zeitpunkt der Studie eher klassischen FDP-Positionen zuneigt (S. 101f.). Ähnlich wie Mau und Kollegen halten die Jenaer Autor*innen den Veränderungskonflikt um Kosten und Geschwindigkeit des Strukturwandels für zwar in realen lebensweltlichen Erfahrungen begründet, aber auch für medial und politisch aufgeputscht. Diese Vermutung ist plausibel, auch wenn sie dem eigenständigen Effekt entlang des medial induzierten Grüne-AfD-Gegensatzes sich scheidender Bekanntenkreise, von dem eingangs die Rede war und der in der Studie nur einmal kurz erwähnt wird (S. 35), womöglich nicht genug Beachtung zollt. Dies kann sie auch deshalb nicht, weil durch die Umfrage keine sozialen Netzwerke untersucht wurden (von Faber/Fritz 2023: 60-75); wie meist in der Einstellungs- und auch Lebensstilforschung handelt es sich bei den „Mentalitäten“, die im Zentrum dieser Studie stehen, um entlang ihrer Ähnlichkeiten in Lebenslage und Einstellungen aggregierte, abstrakte Gruppen von Individuen.

Das durch das Aufputschen des Veränderungskonfliktes um die ökologische Transformation  veranlasste Zusammenrücken eines eminent bürgerlichen, „konservativ-steigerungsorientierten“ Spektrums, zu dem der eben erwähnte konformistische Mentalitätstyp gehört, mit einem im sozialen Status zurückgesetzten „defensiv-reaktiven“ Spektrum birgt in den Augen von Eversberg und Kolleg*innen erhebliche „demokratiepolitische Risiken“; es droht ein Bündnis zwischen „Besitzinteressen … und … radikale[m] anti-gesellschaftlichen Affekt“ (S. 169, 171). Diese Formulierung wirft auf die Diskussionen um Rechtspopulismus, bröckelnde ‚Brandmauern‘ usw. insofern ein scharfes Licht, als sich in jenem steigerungsorientierten Spektrum nicht nur kleinbürgerliche Mentalitätsträger*innen wiederfinden, sondern zuvörderst auch Menschen in sehr hochqualifizierten, oftmals leitenden Dienstleistungsberufen, Selbstständige mit sehr hohem Einkommen usf. Ihr „Liberaler Wachstumsoptimismus“ (S. 97 ff.), der die Gewissheit beinhaltet, die Gesellschaft begreifen und gestalten zu können, steht zu den Ohnmachtsgefühlen im defensiv-reaktiven Spektrum eigentlich in schärfstem Gegensatz. Wenn sie gleichwohl mit diesem Spektrum in einer Ablehnung weitreichender Transformationen zu konvergieren drohen, so lässt sich das durch einen weiteren Gegensatz erklären – den zum dritten, dem sog. „ökosozialen“ Spektrum. In der klaren Herausarbeitung der beiden entsprechenden Konfliktlinien besteht das eigentliche Verdienst des Buches.

Zum einen handelt es sich dabei um einen in der Studie so bezeichneten „Abstraktionskonflikt“, der gerade schon kurz angeklungen ist. Er schwelt vor allem zwischen Gruppen mit hohem und niedrigem wirtschaftlich-kulturellen Kapital; Selbstwirksamkeits- und Überforderungserfahrungen stehen sich in ihm gegenüber. Dies hat eine eminent kognitive Dimension: Menschen mit niedrigerer Bildung und niedrigerem soziökonomischem Status bejahen nicht nur häufiger und stärker die Aussage „Es ist zwecklos, meinen eigenen Beitrag für die Umwelt zu leisten, solange andere sich nicht genauso verhalten“ oder machen sich stärkere „Sorgen, dass sich unser Leben in Deutschland zu sehr verändert“ (S. 133) – wozu sie in beiden Fällen angesichts ihrer geringeren beruflichen Flexibilität und ihres geringeren CO2-Fußabdrucks auch gute Gründe haben –, sondern sie engagieren und äußern sich auch weniger häufig politisch (S. 104, 106) und misstrauen öfter den Medien sowie der Wissenschaft (S. 133). Man muss bei dieser Analyse unwillkürlich an den in etlichen westlichen Ländern zu findenden, statistisch schwachen Zusammenhang zwischen selbstzugeschriebener „rechter“ politischer Orientierung und einem niedrigeren Vertrauen in Wissenschaftler*innen denken (Cologna et al. 2025). Der weniger direkte Zugang zu abstrakt-wissenschaftlichem Wissen wirkt der Jenaer Studie zufolge mit geringeren kulturellen und wirtschaftlichen Ressourcen zur Bewältigung aktualer und kommender Umbrüche insofern ungünstig zusammen (S. 149), als etwa die Klimaforschung sich ja „auf ein geradezu idealtypisches abstraktes Wissen [stützt], das nur mittels komplexer Einrichtungen und Verfahren zu gewinnen ist und dem nur das Vertrauen in diese Einrichtungen und Verfahren einen Wert zuschreiben kann“ (S. 134f., Herv. M. R.). Die Entfremdung von gesellschaftlichen Institutionen und das Abblenden von Komplexität fallen im Abstraktionskonflikt in eins; die ökologische Thematik erscheint lediglich als sein prominentestes, exemplarisches Opfer.

Dass zum anderen aber die Hochstatusgruppen des konservativ-steigerungsorientierten und des ökosozialen Spektrums in der ökologischen Krise nicht zueinanderfinden, hat dem klassenanalytischen Ansatz der Studie zufolge v. a. damit zu tun, dass die einen ihren Status auf Besitz, die anderen auf Bildung gründen. Die sozialstrukturellen Differenzen zwischen beiden Spektren sind weniger an (ähnlich hohen) Äquivalenzeinkommen und Bildungsabschlüssen festzumachen, als vielmehr an Faktoren wie Aktienbesitz und Wohneigentum auf der Seite des steigerungsorientierten sowie der Herkunft aus Akademikerfamilien und der Arbeit in entsprechenden Berufen, auch im öffentlichen Dienst bzw. generell „interpersonale[n] Tätigkeiten in vorwiegend öffentlich finanzierten Bereichen“, auf der Seite des ökosozialen Spektrums (S. 117, 138). Zwei der drei in diesem letztgenannten Spektrum verorteten Mentalitätstypen, die jungen und expansiv eingestellten „Progressiven Selbstverwirklicher“ und die etwas bescheidener lebenden, politisch besonders engagierten „Ökosozialen Aktivbürger*innen“, leben zudem besonders häufig in Großstadtzentren (S. 91-95). Zwischen ökosozialem und steigerungsorientiertem Spektrum prägt sich ein Konflikt besonders stark aus, den die Autor*innen als „Lebensweisekonflikt“ bezeichnen, weil Veränderungs- und Bewahrungsaffinität sowie egalitäre und hierarchische Gesellschaftsvorstellungen hier in einen Gegensatz geraten. Dieser Gegensatz wird aus einzelnen Items etwas spekulativ geschlossen (vgl. von Faber/Fritz 2023: 62); eine systematische Erhebung von Werteinstellungen fehlte im Fragebogen. Präziser wäre der Konflikt, den die Autoren als Gegensatz zwischen der Orientierung an öffentlich-allgemeinen und privat-partikularen Interessen beschreiben und für den in sozialökologischer Hinsicht etwa die Zustimmung oder Ablehnung des Autos als Freiheitssymbol und das Verhältnis zur umweltpolitischen Regulierung der Wirtschaft stehen (S. 140-142), wohl als „Gemeinwohlkonflikt“ adressiert.

Besonders gewinnbringend und ‚zielgruppengenau‘ wird die Lektüre des Buches auf der Ebene unterhalb der drei in dieser Rezension einigermaßen bündig zu reproduzierenden Spektren, also auf jener der zehn (in etwa gleich großen) Mentalitätstypen. So ist etwa die „Ökosoziale Reduktion“, obgleich dem ökosozialen Spektrum zugeordnet, als Mentalität relativ unabhängig von Bildungsabschlüssen und eher bei alten, am Rande von Städten lebenden Menschen ausgeprägt (S. 97); im Gemeinwohlkonflikt stellt diese im Status eher niedriger gestellte und gleichzeitig von Vermögen abhängigere Gruppe sich z. B. eher gegen die Regulierung der Wirtschaft, lebt aber von allen Gruppen am überzeugtesten „suffizient“, ja „antihedonistisch“ (S. 151). Der ihnen sozialstrukturell ähnliche, nur geringfügig schlechter gestellte sowie geringer qualifizierte Typus der „Öko-Konservativen“ wiederum teilt diesen Antihedonismus gar nicht und ist außerdem deutlich regulierungsfreudiger und wachstumsskeptischer als die anderen Mentalitäten im konservativen Spektrum (S. 99f.). Einen weiteren interessanten, problematischen Typus bilden die sog. „instrumentellen Wachstumsindividualist*innen“, jung, non-konformistisch und überdurchschnittlich häufig AfD-affin, die sich zwar im Abstraktionskonflikt klar gegen die gesellschaftlichen Institutionen abschotten, andererseits aber den Konformismus und die Veränderungsaversion anderer Gruppen im defensiv-reaktivem Spektrum nicht teilen (S. 103ff.) Die Autor*innen diskutieren jede dieser zehn Mentalitäten genauso ausführlich wie ihre Beweglichkeit in den von ihnen skizzierten Grundkonflikten.

Während die Lektüre der Kernbefunde und auch „politischen Schlussfolgerungen“ der Studie jedem gesellschaftspolitisch interessierten Zeitgenossen ans Herz zu legen sind – das Buch ist, wie gesagt, nicht nur sehr gut und eingängig geschrieben, sondern zudem über die Website des Verlages kostenfrei zugänglich – darf diese an Sozialwissenschaftler*innen gerichtete Rezension nicht ohne einen Hinweis auf den eingangs erwähnten theoretischen Anspruch schließen. Wie in der Bourdieuschen Tradition hier Einstellungsmuster mit verschiedenen sozialstrukturellen Merkmalen (von Alter über Einkommen bis Stadt vs. Land) kombiniert und innerhalb eines zweidimensionalen Raumes (Kapitalhöhe und Kapitalsorte) verortet werden, erinnert natürlich an das Vorgehen der sog. Milieuforschung etwa von SINUS oder sociodimensions, wobei in dieser Jenaer Studie eine Zentralstellung der Kapitalsorte (Bildung vs. Besitz als Grundlage von Status) erfolgt. Als Explanandum vor allem für den nur zaghaft sich manifestierenden „Lebensweise-“ (Gemeinwohl-) sowie für den politisch-medial eskalierenden Veränderungskonflikt wird diese Dimension analytisch produktiv. Aber warum eigentlich „Klassenkonflikt“?

Indem die Autor*innen von Klassen sprechen, versuchen sie, ihren sozialtheoretischen Erklärungsansatz tiefer zu legen: Es geht ihnen nicht nur um eine plausible Beschreibung der Datenlage, sondern auch darum, unser soziologisches Weiterdenken darüber anzuregen, wie sich Interessengegensätze in einem an seine ökologischen Grenzen stoßenden „flexibel-kapitalistischen Wachstumsregime“ weiterentwickeln und wie sie die individuell-mentale Positionierung beeinflussen bzw. mit dieser interagieren könnten (S. 60). Sie behaupten gerade nicht, bei den gefundenen Mentalitätsformationen handele es sich bereits um „Klassenmentalitäten“, sondern wollen es erlauben, „Klassenbildungsprozesse(n)“ nachzuspüren, für welche jene Formationen als „mentale Textur“ eines sozialen Raums im Umbruch Anhaltspunkte liefern können (S. 70). Dieser Ansatz ist erfreulich vor allem deshalb, weil er die Frage nach der möglichen „Entstehung einer ökologischen Klasse“ (Latour/Schultz 2022) dem Bereich bloßer Rhetorik entreißt (S. 48f.), indem er versucht, sie in ein analytisches Paradigma umzusetzen. Er wird über die Beschreibung der Mentalitäten hinaus interessant z. B. dort, wo die Forscher*innen über das objektive ökologische Interesse jener nachdenken, die „ihr Auskommen noch immer dem direkten Umgang mit menschlicher wie außermenschlicher Natur verdanken – Landwirt*innen, Förster*innen, Pflegekräfte, Erzieher*innen“ (S. 64) – und über das Fehlen entsprechender subjektiver „prekär-ökosozialer“ Mentalitäten (S. 158). Die Spekulationen dazu, unter welchen Voraussetzungen eine vierte wichtige Dimension im sozial-ökologischen „Klassenkonflikt“, welche die fortwährende Externalisierung bzw. denkbare Re-Internalisierung sozialer Kosten der Umweltzerstörung betrifft, thematisch werden könnte, gehören zu den interessantesten, angesichts der Datenlage allerdings auch am wenigsten konklusiven Passagen des Buches.

Solche weiterführenden, künftige empirische Studien hoffentlich weiter inspirierenden Spekulationen wurden und werden durch das Aufrufen des auratischen, traditionsreichen Begriffes der „Klasse“ sicher befördert. Ein Überblick über diese Tradition legt zwar nahe, dass dieses Konzept ohne das Hineinnehmen einer weltanschauliche Selbstzuordnung zum Kollektiv („Klassenbewusstsein“) nicht ausdefiniert ist (Gurvitch 1954), was Eversberg und Kolleg*innen um ihres empirisch offenen, Mentalitäten explorierenden statt determinierenden Ansatzes natürlich nicht leisten wollen (vgl. S. 162). Aber indem die Autor*innen ihren Sozialraum anhand der Kategorien Kapital und Bildung aufspannen und diese, in den Worten des im Zusammenhang mit dem Mentalitätsbegriff auch von ihnen herangezogenen Theodor Geiger, als interessenbestimmende „Produktionsmittel“ auffassen (Geiger 1932: 5), gehen sie in der Tat einen Schritt über Begriffe wie „Schicht“ oder „Lage“ hinaus. Häufig erweist sich indes die konkrete Berufsgruppe als unentbehrliche Zusatzinformation, um Befunde genauer und anschaulicher zu interpretieren – das Erwerbsklassenschema von Daniel Oesch, das von den Jenaer Autor*innen relativ schnell abgetan wird („weniger eine Klassen- als eine Berufsgruppentypologie“; S. 37), hätte hier vielleicht gute Dienste leisten können.

Cologna, V./Mede, N.G./Berger, S. (2025): Trust in scientists and their role in society across 68 countries, in Nature Human Behavior. https://doi.org/10.1038/s41562-024-02090-5

Decker, O./Kiess, J./Heller, A./Brähler, E. (2022) (Hrsg.): Autoritäre Dynamiken in unsicheren Zeiten. Leipziger Autoritarismus Studie 2022. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Ekberg, K./Forchtner, B./Hultman, M./Jylhä, K.M. (2022): Climate Obstruction. How Denial, Delay and Inaction are Heating the Planet. London: Routledge.

Geiger, T. (1972): Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Gurvitch, Georges (1954): Le concept de classes sociales. Paris: Centre de Documentation Universitaire.

Latour, B./Schultz, N. (2022): Zur Entstehung einer ökologischen Klasse. Ein Memorandum. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Mau, S./Lux, Th./Westheuer, L. (2023): Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Grothmann, T./Frick, V./Harnisch, R./Münsch, M./Kettner, S.E./Thorun, C. (2023): Umweltbewusstsein in Deutschland 2022. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. Dessau-Roßlau: BMUV/UBA.

Teichler, N./Gerlitz, J-Y./Cornesse, C.,/Dilger, C./Groh-Samberg, O./Lengfeld, H./Nissen, E./Reinecke, J./Skolarski, S./Traunmüller, R./Verneuer-Emre, L. (2023): Entkoppelte Lebenswelten? Soziale Beziehungen und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland. Bremen: SOCIUM, Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt.

Von Faber, L./Fritz, M.: BioMentalitäten in Deutschland. Bericht über die Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage zu Bioökonomie und sozial-ökologischem Wandel. Working Paper Nr. 8, Mentalitäten im Fluss (flumen), Jena. https://doi.org/10.22032/dbt.57671


Manuel Rivera leitet die Forschungsgruppe „Kunst und Wissenschaft für Nachhaltige Entwicklung“ am Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS) in Potsdam.

Email: manuel.rivera@rifs-potsdam.de

Beitrag als PDF/DOI: 10.17879/sun-2025-63573